Archiv für Juni 2010

Killerspiele

Dienstag, 29. Juni 2010

Sprachlich sind K. eine Pejoration, der Versuch also, eine möglichst abwertende Bezeichnung zu finden. Das englische First Person Shooter ist neutraler, auch das im Deutschen gebräuchliche und daran angelehnte Ego Shooter vermeidet eine Wertung. Die K. jedoch sollen wertend sein, denn politisch sind sie ein Beispiel für gezielt negative PR, um eine Gruppe von Menschen zu kriminalisieren und gesellschaftliche Probleme zu kaschieren. Abscheu und Verachtung soll der Begriff ausdrücken über jene Computerspiele, die Gewalt thematisieren. Dabei aber zeigt sich in ihm nur Unverständnis und Ignoranz. Denn konsequenterweise müsste auch von Killerfilmen und Killerbüchern gesprochen werden. Doch taugen Thriller und Krimis nicht, um von den Ursachen sogenannter Schulmassaker abzulenken, um nicht über fehlende Perspektiven, nicht vorhandene Bildungschancen oder zusammengekürzte Jugendarbeit reden zu müssen – um nur ein paar der wahren Ursachen jugendlicher Gewalt zu nennen.

Jobcenter

Mittwoch, 23. Juni 2010

Können als missglückter Versuch gelten, die wohl trübsinnigste und ungeliebteste Institution der sozialen Marktwirtschaft aufzupeppen und gleich noch ein wenig effizienter kostengünstiger billiger zu machen: das Arbeitsamt. Das Center-Unwesen verhunzt ja schon länger Sprache und Leben, ob es sich nun um Markthallen oder um Toiletten handelt – eigentlich alles keine Zentren. Und wie so oft, wenn Sprache verschleiern soll, kommt dabei nur Unsinn heraus. Nimmt man J. wörtlich, eröffnen sie viel mehr Wahrheit, als sie wohl eigentlich sollen – unfreiwillig ehrlich, sozusagen. Denn Jobs haben mit der guten alten Arbeit nicht viel zu tun, sie sind etwas Kurzes, sie sind etwas, das man für Geld erledigt, ohne Spaß daran und Sinn darin. Maßnahmen eben. Übersetzt man das englische Kompositum aber (das man auf Englisch übrigens nicht zusammenschriebe), werden es Arbeitszentren, was fleißig klingen könnte, aber eine glatte Lüge ist. Arbeit gibt es dort keine, es wird Arbeitslosigkeit verwaltet.

Störerhaftung

Freitag, 18. Juni 2010

Wer hat da jetzt Schuld? Das ist eine beliebte Frage, nicht nur in Beziehungen. Da der Gesetzgeber in seiner allseits fürsorglichen Art nicht mit den Schultern zucken mag, wenn sich diese wieder einmal nicht beantworten lässt, hat er sich einen Trick ausgedacht. Der Trick heißt S. und bedeutet: Wenn wir den wahren Sünder nicht kriegen, nehmen wir eben den Nächstbesten. In diesem Fall also den, der dämlich genug war, seinen Kram herzuborgen oder nicht gescheit wegzusperren (womit die Bedeutung von Störer erheblich erweitert wurde, aber das nur am Rande). Denn, so die nur für Juristen logische Logik, man ist auch für Folgen eines Dingsbums verantwortlich, wenn man zwar nicht dabei, aber “verfügungsbefugt” war (da steckt zweimal fug drin, das kann also gar kein Unfug sein). Da schau her, kann man da mit Gerhard Polt, mit Eckhard Henscheid, von dem wir den weisen Satz geklaut zitiert haben und mit dem brummendem Kopf nur nicken. Bei Sturmgewehren (auch ein schönes Wort), ist das ja noch zu verstehen. Aber warum ein drahtloses Netzwerk aka WLAN so riskant sein soll, dass unbedingt immer irgendwer dafür verantwortlich sein muss, ist uns nicht so ganz klar. Und wie sieht das dann mit Kindern aus? Kann man bei denen auch lebenslang in S. genommen werden? Immerhin hat man “durch eine eigenständige Handlung die Beeinträchtigung bewirkt“. Also durch die Zeugung die Geburt jetzt, das Kaputtmachen erledigen die Gören schon selbst. Aber gerade das spielt bei dem Trick ja keine Rolle. Weswegen uns gleich noch ein geklauter weiser Satz einfällt: There’s always a catch. Leider wahr.

Für Christian H.

(Rundfunk-) Empfangsgerät, neuartiges

Dienstag, 15. Juni 2010

Vulgo Computer (mit Internetanschluss) oder Mobiltelefon – Verzeihung: “internetfähiges” Telefon. Neuartig ist an beiden gar nichts. Es sei denn, man befindet sich geistig auf dem Stand der fünfziger Jahre und hält alles, was keine Röhren braucht, für Teufelszeug; beziehungsweise versucht, mit den Instrumenten dieser Zeit, wie der GEZ, neue Pfründe zu erschließen moderne Kommunikationskanäle zu erfassen. Wie gut oder eher schlecht das funktioniert, zeigt der verkrampfte Definitionsversuch: Rundfunk empfangen solche Geräte in der Regel nicht, sie tauschen vielmehr Daten in Datennetzen aus, in denen jeder Empfänger auch ein Sender ist. Nur weil inzwischen auch öffentlich-rechtliche Medien Teil dieses Netzes sind, werden zwar noch lange nicht jeder Computer und jedes Telefon zu einem E., aber das ist egal, denn theoretisch wären sie dazu in der Lage. Kann man machen, wirkt aber wie Abzocke. Vielleicht um diesen Eindruck zu vermeiden, wird das ganze System nun endlich geändert. Weg vom Endgerät, hin zum Endkunden. Denn merke, jeder ist ein potenzieller Gefährder Empfänger.

Rundfunkservicezentrale

Montag, 14. Juni 2010

Neuer Name für die bislang durchaus treffend Gebühreneinzugszentrale (GEZ) genannte und darob wenig beliebte Geldeintreibungstruppe der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Die Änderung dieser Gebühr zu einer Haushaltsabgabe, also einer Art Fernseh- und Internetsteuer bot offensichtlich eine gute Gelegenheit, ein wenig am üblen Image zu basteln. Nun wird aus der GEZ also eine Servicezentrale. Dabei besteht ihr Service wohl auch weiterhin einzig darin, säumige Zahler zu mahnen. Und konsequent war die Aufhübschung auch nicht, hängt hinten doch noch immer die Zentrale dran. Bei der aber denkt man gleich an Finsteres, ans Datenhorten beispielsweise oder an die Bahn, die aus Toiletten WC-Center machte.

Mit Dank an aprica, fasel, fefe, maltis und Lars W.

Sparpaket

Samstag, 12. Juni 2010

Sparen gilt als Tugend, und wer freut sich nicht über ein Paket? Noch dazu, wenn es suggeriert, dass es eine Fülle von Kürzungen gibt, die zusammengehören und ein großes und vielleicht sinnvolles Ganzes ergeben? Anhand der geplanten Maßnahmen aber müsste das Vorhaben eigentlich Armenhilfekürzungsplan heißen, siehe sozial ausgewogen.

Sozial ausgewogen

Samstag, 12. Juni 2010

Völlig korrekter Begriff, zumindest wenn die Maßeinheit berücksichtigt wird, die gemeint ist: Macht und Einfluss. Jene, die davon wenig haben, wiegen (politisch) nichts, sie sind unwichtig. Im Gegensatz zu den Leistungsträgern Gutverdienern Reichen. Logisch also, dass man viel bei den sozial Schwachen – schon diese Titulierung ist ein Euphemismus, da sie ja nicht unsozial, also sozial schwach sind sondern nur finanziell, daher arm – spart und wenig bei den finanziell Starken. Schließlich wiegt in dieser Rechnung ein Reicher mindestens so viel wie zehn Arme. Überhaupt, alle tragen doch das Gleiche bei, ausgewogener geht es kaum: Banken zahlen zwei Milliarden mehr Steuern, die Atomindustrie gibt (vielleicht) zwei Milliarden von ihren zusätzlichen Gewinnen ab, da kommen die ALG-II-Empfänger doch billig weg, wenn sie durch den Verlust ihrer Rentenbeiträge nur 1,8 Milliarden beitragen. Auch eine höhere Mehrwertsteuer wäre a., immerhin trifft sie doch alle. Reiche stört das im Verhältnis alles weniger, sagen Sie? Ach, nun seien Sie mal nicht so kleinkariert.

Friedensprozess

Donnerstag, 10. Juni 2010

Der F. drückt zuerst einmal eine Hoffnung aus, eine Utopie am Ende eines langen Weges. Und damit letztlich das positiv verbrämte Eingeständnis, dass derzeit eigentlich noch Krieg herrscht, diesen aber niemand wirklich will. Oder so. Warum sonst sollte man einen offensichtlichen Kriegszustand zwischen zwei Völkern als F. bezeichnen? Um die Menschen zu belügen und über die wahren Interessen zu täuschen? Nein, nie. So etwas macht doch keiner. Oder doch? Alle bislang im Rahmen des Nahost-F -es. getroffenen Vereinbarungen waren hoffnungs- und nutzlose Absichtserklärungen, an die sich noch dazu niemand hielt. Entweder also haben beide Seiten ein Interesse an den Kämpfen und dem Töten, was erschreckend aber nicht unvorstellbar ist. Oder aber sie sind unfähig. Was durchaus auch im Rahmen des Möglichen liegt. Immerhin wird dauernd von Roadmaps geredet, Straßenkarten also. Ein deutliches Indiz, dass es niemanden gibt, der genau solche klaren Pläne besitzt.

Mit Dank an Robert F.

kapitalmarktfähig

Sonntag, 06. Juni 2010

Ein Unternehmen ist k. (auch “fit für die Börse” genannt, was noch viel schmissiger und gesünder klingt), wenn es große Gewinne zu erzielen verspricht. Die sind ja heutzutage das A und O, auch wenn dem einen oder anderen Politiker inzwischen aufzugehen scheint, dass Gier nicht immer der beste Motor des Fortschritts ist. Bislang haben so ein paar Bedenken aber nicht wirklich viel geändert. Maximale Gewinne also. Die kann man, wenn man Glück hat und gut ist, durch nachhaltiges vernünftiges Wirtschaften erzielen. Oder sehr viel leichter und schneller durch Sparen an jedem Ort (Ausnahme Vorstandsbezüge). Bei letzter Methode jedoch kann es geschehen, dass die Optimierung Kostendämpfung Kürzung auch an falscher Stelle verordnet wird, bei der systemrelevanten Instandhaltung des einzigen Produktes etwa. Dass dies letztlich dazu führt, dass das Unternehmen alles andere als k. wird, mag man als Unfall betrachten. Eigentlich aber ist es ein Fehler im System. Oder, in Anlehnung an das, was der Berufszyniker Ambrose Bierce schon vor einhundert Jahren schrieb: Preis ist der Wert eines Gegenstandes, zuzüglich einer angemessenen Entschädigung für die Abnutzung des Gewissens, die dadurch entsteht, ihn zu erwirtschaften. Viel Gewinn, so also das daraus resultierende Ergebnis, gleich wenig Gewissen.

Mit Dank an mezcal für die Anmerkungen.

systemrelevant, systemgefährdend

Dienstag, 01. Juni 2010

Banken werden derzeit gern als systemrelevant (positiv) beschrieben, Kreditausfälle hingegen als schwer systemgefährdend (negativ). Das klingt heikel: das gesamte System könnte zum Teufel gehen, wenn dieses eine Rädchen bricht, immerhin ist es ja systemrelevant, auweia! Dann sollten wir wohl besser auf unsere Bundeskanzlerin hören und mit ganz viel Geld dafür sorgen, dass nicht wieder so eine systemgefährdende Störung der Atomkraftwerke Finanzmärkte auftritt. Wobei … für ein System gilt doch eigentlich, dass alles, was zu ihm gehört, auch relevant ist, oder? Immerhin hängt in einem System alles mit allem zusammen. Wem auf der Autobahn schon mal eine Radmutter abhanden kam, weiß wohl, was gemeint ist. Somit ist alles im System relevant und jede Störung gefährdend, nicht nur so eine Finanzkrise. Das Begriffspaar systemrelevant/systemgefährdend umfasst also entweder alles oder – was wahrscheinlicher ist – gar nichts.