Aufstocker

Mit A. werden Menschen bezeichnet, die so wenig verdienen, dass sie offiziell als arm gelten und zusätzlich zu ihrem Lohn Anspruch auf Geld vom Staat in Form des sogenannten Arbeitslosengeldes II haben. Es sind also Arbeitende, die Arbeitslosengeld bekommen. Und das meint beileibe nicht nur Teilzeitbeschäftigte. Mehrere hunderttausend Menschen, die eine volle Stelle haben, werden so schlecht dafür bezahlt, dass sie nicht einmal das sogenannte Existenzminimum erreichen – die Menge an Geld also, die sie vom Staat bekämen, wenn sie gar nichts täten. Politisch ist das eine Subventionierung von Hungerlöhnen, vor allem von sogenannter → Leiharbeit. Sprachlich ist dieser Irrwitz eine, sagen wir, Ungenauigkeit. Denn der A. klingt aktiv, so als würde derjenige selbst etwas ausbauen oder erhöhen. Tut er aber nicht. Er, beziehungsweise sein Einkommen, muss aufgestockt werden, um das Minimum dessen zu erreichen, was hierzulande als eines Menschen würdig gilt. Natürlich könnten Politiker auch die Unternehmen zwingen, menschenwürdige Löhne zu zahlen. Damit aber tun diese sich irgendwie schwer und denken sich lieber Begriffe wie A. und → Lohnuntergrenze aus, um dem Thema aus dem Weg zu gehen.

Abgelegt in: Soziales, Wirtschaft

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

11 Reaktionen zu "Aufstocker"

  1. Laevus Dexter sagt:

    Korrekt müsste es heißen: Absacker!

  2. Veit sagt:

    Zwänge die Politik die Unternehmen, höhere Löhne zu zahlen, müssten wir höhere Preise bezahlen. Ich bin dafür, von den Einkommen derer, die es verkraften können, mehr an niedrig Entlohnte zu geben. Ein Anrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum sollte sowieso jeder haben, ohne Gegenleistung. Die Leistungsideologie hattet ihr hier ja auch schon mal zum Thema. Aufstocker in Vollzeit zeigen, dass nicht immer nach Leistung bezahlt wird. Einkommen stellen oft nicht viel mehr als einen Marktwert dar.

    Ich persönlich hab nicht groß Lust, auf Geld einnehmen. Versuche also das Jobcenter zu bewegen, dass es mich machen lässt, zumal es mir keine wirkliche Alternative zu bieten hat: http://mensch-im-internet.de/hab-ich-schwein-gegen-hartz-iv-behoerde

    Dass Leute, die Vollzeit erwerbsarbeiten, zum Amt gehen müssen, ist umständlich. Eine Umverteilung von oben nach unten könnte man angenehmer gestalten.

  3. Kai Biermann sagt:

    Ich finde ja vor allem, dass hier Sprüche wie “Leistung muss sich lohnen” etc. karikiert werden.

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  5. Christian sagt:

    Die Leistung, die sich lohnen soll ist aber natürlich Selbstständigkeit und gehobener Dienst. Dort anzukommen ist natürlich ->Eigenverantwortung.

    Immerhin genießen ALG-II-Empfänger bei all ihren Mühen ->Wohlstand, anstrengungslosen. Dieser ist nicht zu verwechseln mit den deutlich steuerbegünstigten Kapitaleinkünften, die lediglich eine ->angemessene Belastung darstellt.

  6. Jürgen sagt:

    “Aufstocken” hat die Kernbedeutung, etwas zahlen- oder mengenmäßig auszuweiten: Personal, den Etat, ein Gebäude aufstocken. Auf Einkommen bezogen: die Rente, das Bafög aufstocken. “Aufstocken” – das meint expandieren, von einer bescheidenen, aber an sich ausreichenden Grundbasis aus. Und es meint: aus eigenen Kräften – mit eigener Hände Arbeit oder aus eigenen materiellen Ressourcen.

    All dies ist für den sog. “Aufstocker” nicht gegeben:

    a.) Er muss aufstocken lassen, eigentlich ist der Staat der Aufstocker.
    b.) Es findet keine Expansion eines ausreichenden materiellen Grundstocks statt, sondern dieser muss überhaupt erst hergestellt werden.

    “Aufstocker” hat den positiven Klang des aktiven Hinzuverdieners. So wie etwa Peer Steinbrück, der sein bescheidenes Abgeordneteneinkommen “aufgestockt” hat.

    Da wir aber alle wissen, dass “Aufstocker” ihr Geld vom Staat bekommen, erscheinen diese nicht als Bedürftige, sondern als Abholer eines leistungslosen Zusatzeinkommens!

    Mir fällt kein neutrales Wort anstelle von A. ein.

    Wie wäre es deshalb, konsequent statt von “Aufstockern” von arbeitenden Sozialhilfeempfängern zu sprechen?

    Grüße,
    Jürgen

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  9. Uwe sagt:

    Die Definition “Aufstocker” und die meisten Kommentierungen zeigen – wie in vielen solcher Blogs – die Unkenntnis der Leser. Nicht etwa die Beleuchtung bzw. Erläuterung rechtlicher, wirtschaftlicher, sozialer, finanzieller und persönlicher Gegebenheiten, Hintergründe und Ziele werden beschrieben, sondern es wird “draufgehauen” – aus persönlichem Frust oder aus welchen Gründen auch immer. Anerkennung von Leistung? – denkste. Legt Euch doch weiter auf die Couch und seht Privatfernsehen mit ‘ner guten Tüte Chips und ‘nem Bier – bezahlt von Steuergeldern motivierter Menschen – und träumt von Altersversorgung und Lebenslust…

  10. Kai Biermann sagt:

    Lieber Uwe,

    ich verstehe nicht so ganz, worauf Sie mit ihrem Kommentar hinauswollen. Sagen Sie damit, Aufstocker seien faul? Falls das so ist, möchte ich Ihnen vehement widersprechen. Das sind schwer arbeitende Menschen, deren Leistung gerade nicht anerkannt wird.

    Beste Grüße
    Kai Biermann