Cyber-Außenpolitik

Fremdwörter sind immer gut, wenn es um Sachen geht, die sowieso niemand versteht. Wer sie benutzt, demonstriert Kompetenz und Weltgewandheit. Das englische Cyber- bietet sich daher geradezu an, um über dieses vertrackte Internet zu fabulieren. Und so gibt es im Neusprech schon mehrere Bildungen, die mit diesem Ausdruck beginnen, wir kennen ihn aus dem → Cyberwar oder aus dem → Cyber-Abwehrzentrum. Noch handelt es sich nicht um ein Präfix des Deutschen, aber es ist auf dem besten Weg dorthin, linguistisch kann es als Präfixoid bezeichnet werden. Doch zurück zum Internet, denn um dieses geht es. Der Außenminister hat gerade einen Sonderbeauftragten für C. berufen. Was für ein Titel! Der ist so albern, dass das Auswärtige Amt ihm vorsichtshalber den Zusatz Sonder- vorangestellt hat, damit es wichtiger klingt und niemand lacht. Der Mann soll „deutsche Cyber-Interessen ,in ihrer gesamten Bandbreite‘ vertreten“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Da stellt sich zuerst einmal die Frage, wo er die vertreten soll, denn wo ist im Cyberspace außen? Das Internet ist global, soll der Sonderbeauftragte mit Außerirdischen reden? Kurz darauf drängt sich dann der Gedanke auf, dass der Sonderbeauftragte für C. möglicherweise wirklich ein böser Witz ist, um das bald wählende Volk zu beruhigen, das sich um amerikanische Überwachungsprogramme Sorgen macht. Denn Cyber- wird heutzutage in der Bedeutung von virtuell verstanden: virtuelle Außenpolitik also, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Man hätte denjenigen auch simpler als Beauftragten für Netzpolitik benamsen können. Wobei dann aber möglicherweise aufgefallen wäre, dass eine solche hierzulande auch nicht existiert.

Abgelegt in: Außenpolitik, Internet

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Reaktionen

12 Reaktionen zu "Cyber-Außenpolitik"

  1. suchenwi sagt:

    “um das bald wählende Volk zu beruhigen, dass sich um amerikanische Überwachungsprogramme Sorgen macht.”

    maha, alter Linguist, besser ist “das” ;^)

  2. Kai Biermann sagt:

    Verzeihung, das zweite “s” war nicht maha, das war ich. Ist weg jetzt. Danke
    lg
    k

  3. Kay sagt:

    Noch besser als der Titel des Sonderbeauftragten ist die Qualifikation des Mannes. Der Typ war zuletzt Generalsekretär für Sicherheitspolitik bei der NATO, vorher Diplomat und davor Banker. Noch Fragen?

  4. Martin Haase sagt:

    @Kai Biermann: hätte mir auch passieren können im Eifer des Gefechts (wenn die zu Cyber- passende Kriegsmetapher erlaubt ist). :-)

  5. suchenwi sagt:

    ok, könnt meinen Nörgelkommentar usw. löschen ;^)

  6. SC sagt:

    »Der Mann soll „deutsche Cyber-Interessen ,in ihrer gesamten Bandbreite‘ vertreten“«

    Drosselkom, ick hör dir trapsen!

  7. Pingback von:

    mal kucken | blubberfisch
  8. Alex sagt:

    Ist das wirklich Neusprech oder archaisches Denken?

  9. NoUseForAName sagt:

    Ich wäre für archaische Denke. “Cyber” ist doch eigentlich seit den 90er Jahre tot. Vor ein paar Jahren haben das wohl so ein paar CxUler wieder ausgegraben, die meinten das wäre wohl irgendwie hip und up to date.

    So, ich alter Cyberpunk gehe jetzt in den Cyberspace.

    „deutsche Cyber-Interessen ,in ihrer gesamten Bandbreite‘ vertreten“, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

    Schönes Wortspiel. *gg*

  10. David sagt:

    Geht schon in die richtige Richtung, wenn auch vorbewusst:
    Die Verbindung mit Krieg (Cyberwar) und Quasi-Krieg mit Hindukusch-Rhetorik („deutsche Cyber-Interessen, in ihrer gesamten Bandbreite‘ vertreten“) bietet die Lesart von Clausewitz, nach der Krieg nichts anderes sei, als Politik mit anderen Mitteln. Clausewitz meint (wahrscheinlich) Aussenpolitik vielleicht auch Wirtschaftspolitik, Kolonialismus, Imperialismus etc., jedenfalls gewiss nicht Bildungs- oder Sozialpolitik.

    So gesehen hätte man auch verkünden können: Der Sonderbeauftragte verteidigt deutsche Cyber-Interessen brutalstmöglich und in ihrer gesamten Bandbreite mit der uns eigenen marktkonform-demokratischen Kompetenz und unserer freiheitlichen Alternativlosigkeit.

    Den Zynismus bitte ich mir nachzusehen, die fiktive Erklärung ist näselnd zu verlesen.