Stabilitätsmechanismus, Europäischer (ESM)

Offensichtlich gibt es verschiedene Stabilitätsmechanismen, warum sonst wird hier betont, dass es um den europäischen geht? Wie wohl ein asiatischer oder ein amerikanischer S. aussehen mag? Aber beschränken wir uns auf den europäischen: Meyers Großes Konversationslexikon definiert Mechanismus als „die Einrichtung einer Maschine, mittels der eine Kraft ihre Wirkung hervorbringt, also Bewegung erzeugt und fortpflanzt.“ Das passt so gar nicht zur Stabilität, die ja das Gegenteil von Bewegung ist, nämlich die Fähigkeit, still zu stehen (stabilitas von stare ‚stehen‘). Der S. ist also ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich (wie alter Knabe oder Eile mit Weile). Durch Bewegung zum Stillstand? Und was bitte hat das alles mit dem Verleihen von Geld zu tun? Schließlich ist der ESM nichts weiter, als eine Gruppe von Leuten Finanzministern, die festlegt, welchem europäischen Land wie viel Geld geliehen werden soll. Zwar steht hinter diesem Tun die Hoffnung, dass dieses Geld vielleicht die Wirtschaft des betreffenden Landes etwas stabilisiert. Doch weiß niemand, ob das auch funktioniert. Der verzweifelte Wunsch ist hier also der Ursprung der Bezeichnung. Dabei birgt der Begriff Mechanismus einen verräterischen Aspekt: mechanisch bedeutet, wie eine Maschine zu funktionieren, also ohne menschliche Intervention: Damit überrascht es kaum, dass sich der Prozess des Geldverleihens demokratischer Kontrolle entzieht: Beim S. dürfen die Bürger nichts mehr kontrollieren, alles läuft mechanisch ab.

Abgelegt in: Finanzen

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Kommentare

15 Reaktionen zu "Stabilitätsmechanismus, Europäischer (ESM)"

  1. André sagt:

    Ausnahmsweise muss ich Euch bzw. Meyers Lexikon widersprechen: Die Wirkung einer Kraft ist nicht ausschließlich die Erzeugung einer Bewegung. Eine von außen wirkende Kraft kann auch ein System im Kräftegleichgewicht, also stabil, halten.
    Damit befassen sich im Grunde alle Statiker und so ziemlich jeder Maschinenbaustudent muss sich damit in den ersten Semestern auseinandersetzen.
    Prinzipiell dürfte man am Wort Stabilitätsmechanismus an sich nichts auszusetzen haben, auch wenn die Autokorrektur mir dieses Wort rot unterstreicht. ;)
    Ab Zeile 12 gehe ich aber voll mit, das Ganze ist eine Farce ohnegleichen.

  2. lostgen sagt:

    @Andre
    Ein Kräftegleichgewicht würde man aber nicht als Mechanismus bezeichnen. Ich bin da eher beim OP.

  3. Hans Hütt sagt:

    Im S. kommt zudem ein metaphysisches Hoffen ans Licht, das Politik nur noch als Vollzug eines Mechanismus begreift, und der Politik, die dem Einsatz des ESM vorausging oder die sich künftig dagegen wehren könnte, als Verbrechen charakterisiert. Schuld und Sühne als doktrinäres Erziehungsdrama. Das Oxymoron klingt nach einer posthumen Auftragskomposition Franz Kafkas. Sie verwandelt unter dem Signum des ESM die Menschen in Hampelmänner, die zum Loblied eines ökonomischen Dogmas am Galgen baumeln.

  4. Veit sagt:

    Mechanismus aus Lexikon und Literatur der Vergangenheit? Dabei ließe er sich heute menschlicher gestalten denn je. Eine isländische Staatspleite, die zu einer neuen Staatsverfassung führen könnte, beruhigt mich in dieser Hinsicht.

  5. Sebastian sagt:

    Ganz einverstanden bin ich mit Ihrer These nicht, bei dem handle es sich um ein Oxymoron. Nimmt die in diesem Zusammenhang am besten passende Definition für Mechanismus aus dem Duden – in sich selbsttätig, zwangsläufig funktionierendes System – dann versteht man, worauf die Erfinder des Begriffs hinaus wollten. Ob die Begriffswahl damit aber inhaltlich korrekt ist, kann man sicher diskutieren.

  6. Michael sagt:

    Europäisch muss das ganze genannt werden weil sonst die Abkürzung die Wahrheit verrät. SM tut nämlich Weh. Aber nur den Untergebenen und nicht den hohen Herren.

  7. Hans Hütt sagt:

    Sebastian

    Das Dilemma der Begriffswahl liegt darin, dass sich die Politik an der Technik als Metaphernquelle bedient, um sich einen schlanken Fuß zu machen, um Spuren zu verwischen, um durch Abstraktion, die nur scheinbar plausibel erklingt,Erklärungsnot zu übertünchen.

    Die Logik einer solchen Zuflucht zu Neusprechwörtern entfaltet allerdings eine eigene Tücke: Das Aushandeln und der demokratisch legitimierte Ausgleich von Interessen werden durch den Mechanismus vor die Tür gestellt, ja, sie werden ausdrücklich ausgeschlossen, insofern die parlamentarischen Beratungen zum ESM den Automatismus von Sanktionen usw. beschworen, der greifen werde, wenn auch nur gegen einen Teil der unter dem Dach des ESM eingegangenen Verpflichtungen verstoßen würde.

    So verengen sich Neusprech-Begriffe zu einem Gefangenen-Dilemma der Politik, in dem Demokratie, ihre Normen und ihre Verfahren auf der Strecke bleiben.

  8. SC sagt:

    Dieses Oxymoron erinnert mich an »Mobil-Station«.

  9. Jürgen sagt:

    Als passende Etikettierung für den Stabilitätsmechanismus schlage ich “mechanischer Optativ” vor – der Wunsch, ein politisches Ziel lasse sich per Gesetz auf quasiphysikalischem Wege erreichen. Semantische Geschwister des S. sind u.a. das “Wachstumsbeschleunigungsgesetz” und die “Schuldenbremse”. Wer diese Begriffe akzeptiert und nicht hinterfragt, überlässt selbst- und fremdernannten, aber immer sogenannten “Experten” kampflos die diskursive Arena.

    Diese Polit-PR-Wörter geben den Wunsch für die Wirklichkeit aus, nämlich dass das Wachstumsbeschleunigungsgesetz das Wachstum auch beschleunige und nicht bremst; dass die Schuldenbremse hingegen die Verschuldung bremse und nicht beschleunigt; und schließlich dass der Stabilitätsmechanismus das Kartenhaus Eurozone auch tatsächlich stabilisiere und nicht noch labiler macht.

    Wie nennt man eigentlich einen Mechanismus, der das Gegenteil des Intendierten zu erreichen scheint? Einen “Antimephistopheles” vielleicht? (Eine Kraft, die das Gute will und das Schlechte schafft …)

    Ein Begriff wie Stabilitätsmechanismus ist politisch und linguistisch erst von Relevanz, wenn er nicht alleine daherkommt, sondern eine sprachpolitische Strategie dahinter erkennen lässt, die dann auch andere konzeptuell ähnlich gebaute Neologismen erzeugt. Deshalb meine Frage an alle: Welche mechanischen Optative außer dem S. und der beiden von mir genannten kennt ihr noch?

  10. datenwolf sagt:

    Ich möchte hier mal einige Beispiele aktiv mittels eines Mechanismus stabilisierter Systeme nennen.

    Das B2-Flugzeug kann nicht stabil fliegen ohne dass ein aktiver Mechanismus kontinuierlich minimale Abweichungen von der vorgegebenen Fluglage ausregeln würde.

    Schmalbandinge Laser erfordern zur Stabilisierung des von ihnen erzeugten Lichtspektrums eine aktive Regelung der Resonatorlänge.

    Um die Spurlage von Fahrzeugen in schwierigen Fahrsituationen zu stabilisieren kommt ein Mechanismus zum Einsatz der aktiv in die Steuerung eingreift (ESP).

    Stabilität kann eben auch bedeuten, dynamische Systeme gezielt und längerwährend in einem Zustand ausserhalb ihres natürlichen Gleichgewichts zu stabilisieren, aus einem labilen, oder einem metastabilen Zustand heraus durch aktive Regelung ein stabiles Verhalten zu erzeugen.