Klingt übel und soll es auch, ist es doch eine bewusste Schmähung, die auf dem Niveau der Bild mit Vorurteilen spielt. Glauben Sie nicht? Nun, woran denken Sie beim Begriff Fundamentalisten? Richtig, an al-Qaida. Bei Linken? Genau, an brennende Autos und fliegende Steine. Bei Liberalen, noch dazu Linksliberalen? An die FDP? Sie scherzen. Denken Sie nicht viel eher an Unterstützer der Schwulenehe oder an Kriegsdienstverweigerer und ähnliche „Feiglinge“? Das zumindest hat sich Innenminister Friedrich wohl erhofft, als er „Kritiker der Anti-Terror-Gesetze“ in Bild (sic!) linksliberale F. nannte (übrigens ein Oxymoron, F. sind ja gerade nicht liberal). Sollen Sie doch all jene für gefährlich halten, die sich auf das Grundgesetz berufen und argumentieren, zu viel Überwachung, für welchen gut gemeinten Zweck auch immer, könne nicht gut sein.
Dabei ist das Grundgesetz eine Sammlung von Abwehrrechten. Es soll den Einzelnen vor dem Staat schützen. Denn das Grundgesetz misstraut nicht „dem eigenen Rechtsstaat“, wie Friedrich es seinen Kritikern vorwirft, es misstraut jedem Staat. Aus langer und leidvoller Erfahrung. Somit ist es eine erstaunliche Verdrehung dieser Idee, wenn der Innenminister behauptet, wer den Staat in seiner Macht beschränken wolle, gefährde „Leib und Leben Unschuldiger“. Dient die Beschränkung des Staates doch dazu, die Freiheiten aller zu erhalten und damit letztlich auch ihren Leib und ihr Leben. Denn niemand hat in der Geschichte so bedenkenlos und so erfolgreich unterdrückt, gefoltert und getötet, wie allmächtige Staatsapparate und ihre sich unangreifbar fühlenden Beamten.
Friedrich bedient sich damit also einer negativen Konnotation, in der Sprachwissenschaft auch als Pejoration bezeichnet. Man könnte auch sagen, er betreibt Propaganda.
Dank an janwo für das Oxymoron.
Schlagworte: Friedrich, Fundamentalismus, Innenminister, Konnotation, Pejoration
Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

Liege ich völlig verkehrt, wenn für mich “liberale Fundamentalisten” ein Oxymoron ist?
[...] Fundamentalisten, linksliberale » neusprech.org – [Bundesinnenminister] Friedrich bedient sich damit also einer negativen Konnotation, in der Sprachwissenschaft auch als Pejoration bezeichnet. Man könnte auch sagen, er betreibt Propaganda. [...]
@janwo
Nö, im Gegenteil. Und danke, wir klauen das mal und bauen das ein :)
lg
k
vielen dank fürs auseinander nehmen des Begriffes.
Hätte, glaube ich, auf eine ähnliche Bedeutung getippt, wo bei das Oxymoron woll an mir vorbei gegangen wäre.
Also in diesem Sinne ‘doppel plus gut’ und noch einen schönen Tag.
cmk
Die Kritik an der Äußerung des Innenministers ist berechtigt. Er bezeichnet Verteidiger des Rechtsstaats und der Grundrechte als Fundamentalisten und dagegen muss man natürlich protestieren.
Zum Oxymoron: So einfach ist es nicht. Es gibt liberale Fundamentalisten, aber nicht dort, wo der Innenminister sie sieht. Als Fundamentalisten würde ich z.B. einen Teil der Libertären bezeichnen. Fundamentalismus muss ja nicht bedeuten, dass jemand immer mit Waffengewalt für ein Ziel oder eine Ideologie eintritt.
Dieses Missverständnis über die Natur des Grundgesetzes scheint mir bei vielen konservativen Politikern allerdings mehr als Propaganda zu sein. Es gibt wohl einfach ein Bedürfnis, einmal in einem “guten” Staat angekommen zu sein, und ein solcher Staat macht dann per definitionem nichts “Böses” mehr. Seine Grundrechtseinschränkungen sind Grundrechtseinschränkungen der Liebe…
Woher diese einfache Gut/Böse-Dichotomie wohl kommen mag?
[...] hat sich des von IM Friedrich gerade in bezug auf die Terrorgesetze herausposaunten Begriffs "linksliberale Fundamentalisten" angenommen. Tja, und da wir uns hier hin und wieder ähnlichen Schmähungen ausgesetzt sehen, [...]
Und nebenbei führt er in Deutschland das Wort liberal als Schimpfwort ein. So heimlich und leise, daß wir uns in zehn Jahren wundern werden warum liberal mal positiv besetzt war.
[...] http://neusprech.org/fundamentalisten-linksliberale/ « Verfassungsklage: Atomkonzerne wollen abkassieren [...]
@stefanolix
Vielleicht ließe sich das Problem mit dem Oxymoron damit lösen, eine klare Unterscheidung zwischen “liberaler Fundamentalist” und “fundamentalistischer Liberaler” zu behaupten. Ersteres wäre unsinnig und die zweite Variante würde dann den genannten Fall abdecken. Bspw. eine Person, die das Freiheitskonzept eines bestimmten libertären Theoretikers als die einzige gültige und wahre Freiheitsdefinition ansieht und sein ganzes Weltbild darauf fundiert.
@Schwarzmaler: Das wird doch schon seit einiger Zeit so betrieben. Dank FDP ist “liberal” doch für den Menschen auf der Strasse gleichbedeutend mit Klientelpolitik, sozialer Spaltung und Steuerhinterziehung. Dazu kommt die von anderer Seite betriebene Umdeutung von Neoliberalismus zu Raubtierkapitalismus. So wird Liberalismus als die Freiheit von der Verantwortung für den anderen verdreht.
OT: Da ich kein Kontaktformular gefunden habe.
Es wundert mich, dass ihr noch nichts zu “Ethik Kommission” habt. Das hört man nun allerortens (sogar in Amerika gabs aktuell vergleichbare Worte). Ist ja wohl klar, dass die unabhängige Ethik Kommission zu einer korrekten und volksnahen Entscheidung kommt, sonst würde sie ja nicht Ethik Kommission heissen…
[...] wurde es in dieser Nacht still um Anonymous. Mehrere tausend Sympathisanten der Gruppe gedenken heute gemeinsam [...]
@bodo banane
Twitter und Facebook sind unsere Kontaktformulare :) Irgendwo hier auf der Seite steht auch eine Mailadresse, bei der sachdienliche Hinweise ebenfalls ankommen. Natürlich geht das aber auch in den Kommentaren: Daher danke, Ethikkommission merken wir uns.
lg
k
@dasguteSchaf
Stimmt: »ein fundamentalistischer Libertärer« oder »ein fundamentalistischer Liberaler« sind bessere Fomulierungen.
Hätte der Innenminister von »fundamentalistischen Vertretern der Grundrechte« gesprochen, wären seine Absichten allerdings viel zu deutlich geworden. Denn es geht ihm ja im Grunde um nichts anderes als um den Abbau von Grundrechten.
Die Ethikkommission kennt man doch schon seit Jahren aus der Medizin und aus der Medizinforschung. In solchen Kommissionen wird z.B. über Organtransplantationen, den Einsatz neuer Therapien und Tierversuche entschieden.
Als »Neusprech« oder »Unwort« zu hinterfragen wäre IMHO nur der Einsatz von Ethikkommissionen in der Politik.
Was mich persönlich stört ist, dass der Kalte Krieg immer noch nicht aus den Köpfen vieler Politiker verschwunden ist. Das ist nicht nur bedauerlich sondern gefährlich. Jetzt wo kein Gegner mehr da ist, basteln sie sich Feindbilder.
Das wäre in Ordnung, wenn sie Klinikpersonal damit behelligen würden, statt der Öffentlichkeit.
Ferner bemühen Politiker gern immer wieder eine abstrakte Angst vor einem drohenden Kommunismus und beschwören den Zorn auf alles was politisch “links” ist.
Die Fratze des Russen vor der Tür muss anscheinend immer wieder in schrecklichen Farben nachgezeichnet werden, damit sie nicht verblasst. Nur ist es jetzt schlimmer: damals war der Russe ganz real und vor der Tür. Heute ist er abstrakt mitten unter uns. Deswegen brauchen wir ganz dringend die Bundeswehr im Innern. Damit sie uns vor den Russen beschützen.
Unter einem Fundamentalisten verstehe ich jemanden, der nicht nur einfach eine Meinung vertritt, sondern ein bestimmtes Credo einer größeren Gruppe verinnerlicht hat und dafür notfalls auch mit Gewalt eintritt. Im Gegensatz zu jemanden, der ein individuelles Credo entwickelt hat, das ist zumindest kein Fundamentalist, auch wenn er persönlich bereit ist, seinen Glauben notfalls mit Waffengewalt verteidigen und anderen aufzuzwingen.
Das bezieht sich keineswegs nur auf religiöse Glaubensbekenntnisse, sondern ebenso auf ideologische.
Doch linksliberal ist an sich schon viel zu ungenau, um damit überhaupt irgend ein Credo erfassen zu können. Linksliberale gibt es sogar innerhalb der CSU, zumindest was einige Positionen des Meinungsspektrums anbelangt. In anderen Bereichen können dieselben Leute dann wieder extrem rechts sein.
Ein wesentliches Element eines jeden Credo ist, dass Nichtwissen mit Glauben ersetzt wird. Eigentlich etwas sehr dummes, das Glauben an sich. Denn anstatt sich einzugestehen, dass wir etwas nicht wissen, das eine oder andere (gibt es ein Leben nach dem Tod, falls ja, was oder wie ist das dann?) auch niemals wissen können, zumindest nicht, solange wir noch lebend in diesem Körper sind.
Religionen und Ideologen nutzen die menschliche Bequemlichkeit und Dummheit, um das Nichtwissen mit irgendwelchen Glaubenssätzen zu füllen. Die Problematik ist nicht nur, dass jemand, der ein solches Credo verinnerlicht, nicht mehr selbst auf die Suche nach der Wahrheit geht, sondern sein ganzes Weltbild auf Glaubenssätze aufbaut und notfalls auch mit Gewalt verteidigt, weil sonst sein Weltbild zusammenbrechen könnte.
Zum Weltbild der rechten gehört offensichtlich eine fundamentale Aussage, die eine Freundin von mir beispielsweise im persönlichen Gespräch mit einem Passauer Juraprofessor gehört hat, der sowohl die bayerische Staatsregierung als auch die Bundeskanzlerin persönlich berät: “Sicherheit geht vor Freiheit!”
Es ist schwer zu sagen, ob es Allmacht Fantasien sind, die zu einem solchen Credo führen, naives Vertrauen in die Rechtmäßigkeit staatlichen Handelns oder was sonst.
Das Grundgesetz wurde in seinem ersten Teil, in dem die Grundrechte jedes Menschen innerhalb Deutschlands postuliert werden, aufgrund der Erfahrungen des gerade erst zu Ende gegangenen Dritten Reichs formuliert. So etwas sollte nie wieder möglich sein und das Grundgesetz als vorläufige Verfassung sollte es verhindern.
Seitdem versucht jene Rechte, die als Steigbügelhalter Hitlers (Zentrum und Stahlhelm ermöglichten nicht nur die Minderheitsregierung Hitlers sondern stimmten sogar ein Jahr später dem Ermächtigungsgesetz zu, womit das Dritte Reich seinen eigentlichen Anfang nahm) immer und immer wieder, ihr Credo von Sicherheit geht vor Freiheit auch im Grundgesetz durchzusetzen. Entweder man ist sich einfach nicht bewusst, dass dieses Credo jede Diktatur und jeden Polizeistaat rechtfertigt oder man möchte genau das erreichen.
Es möge jeder selbst darüber urteilen, ob Spitzenpolitiker sowohl in den Unionsparteien als auch teilweise in der SPD tatsächlich so naiv sind, grenzenloses Vertrauen in die Rechtmäßigkeit staatlichen Handelns zu haben oder ganz andere Ziele verfolgen.
Eigentlich hätte ich anstatt “staatliches Handeln” zu sagen, staatliche Gewalt als Begriff nehmen sollen. Gerade von den “christlichen” Parteien wird immer wieder das Gewaltmonopol des Staates betont.
Angesichts dessen habe ich mich schon oft gefragt, ob einer dieser “christlichen” Politiker jemals einen Blick in die Evangelien geworfen hat oder es nicht vielmehr einfach Populismus ist, die eigenen Positionen, die mit den Aussagen Christi unvereinbar sind, als angeblich “christlich” zu verkaufen, um möglichst viele Christen über die eigenen Absichten täuschen zu können und von ihnen als moralische und politische Instanzen anerkannt und gewählt zu werden. Denn gerade bei der Frage um die Gewalt zeigt sich die Diskrepanz überaus deutlich.
Christus war schließlich auch kein Politiker, kein Machtmensch und ganz gewiss kein Anhänger irgendeiner Gewalt.
Da die Rechten Fundamentalisten immer und immer wieder das Gewaltmonopol des Staates betonen und gleichzeitig, obwohl ihnen das Bundesverfassungsgericht immer wieder den Spiegel der Verfassungsfeindlichkeit vor die Nase hält, von der Rechtmäßigkeit staatlicher Gewalt überzeugt sind, kann man bestenfalls annehmen, dass sich diese Politiker eigentlich eher in einer vorchristlichen, jüdischen Tradition bewegen, nämlich einigen Aussagen des Alten Testaments (Auge um Auge, Zahn um Zahn), die von Christus vielfach ins Gegenteil verkehrt wurden. Denn Christus, wenngleich in der Tradition des Judentums erzogen und aufgewachsen, hat nicht das Judentum erneuert sondern eine ganz neue Lehre geschaffen, in der nicht Gewalt sondern Liebe und Vergebung die wichtigsten Plätze haben. Doch unsere konservativen Politiker scheinen so extrem konservativ zu sein, dass sie gedanklich noch in einer Zeit vor Christi Geburt leben.
das kommt davon wenn ma den unterschied von radikalen und fundamentalisten nicht kennt. zwei sehr schön bildlich interprätierbare begriffe, übrigens.
(auch wenn ma natürlich nicht wirklich radikal sein müss um Friedrich’s wuschelkopfkino nicht zu teilen…)
[...] Klingt übel und soll es auch, ist es doch eine bewusste Schmähung, die auf dem Niveau der Bild mit Vorurteilen spielt. Glauben Sie nicht? Nun, woran denken Sie beim Begriff Fundamentalisten? Richtig, an al-Qaida. Bei Linken? Genau, an brennende Autos und fliegende Steine. Bei Liberalen, noch dazu Linksliberalen? An die FDP? Sie scherzen. Denken Sie nicht viel eher an Unterstützer der Schwulenehe oder an Kriegsdienstverweigerer und ähnliche „Feiglinge“? Das zumindest hat sich Innenminister Friedrich wohl erhofft, als er „Kritiker der Anti-Terror-Gesetze“ in Bild (sic!) linksliberale F. (übrigens ein Oxymoron, F. sind ja gerade nicht liberal), nannte. Weiter auf: neusprech.org [...]
Ich habe zwar den Begriff “radikal” nicht benutzt, doch bereits im ersten Absatz den Unterschied deutlich herausgearbeitet.
Fundamentalismus beruht auf von einer größeren Gruppe anerkannten Glaubenssätzen. Seien es religiöse oder ideologische.
Radikal hat in diesem Zusammenhang eigentlich gar nichts zu suchen. Radikal bezeichnet eigentlich die Gewaltbereitschaft.
Das kann für einzelne Personen und ihre individuellen Glaubenssätze ebenso zutreffen wie auch für eine gesamte Gruppe, die sich aufgrund irgendwelcher Glaubenslehren zusammengefunden hat. Seien es religiöse, ethische, politische und ideologische, ethnische (rassistische) und so weiter und so fort.
Praktisch jede Lehre beruht auf Annahmen, die so lange als richtig gelten, bis sie widerlegt wurden. Zumindest in der Physik ist man sich der Vorläufigkeit dieser Annahmen überwiegend bewusst. Werden aus Annahmen Glaubenssätze und wird daraus ein verinnerlichtes Credo ist es eigentlich nur noch ein Schritt zum Fundamentalisten. Und nur noch ein ganz kleiner Schritt zu radikaler Gewaltbereitschaft.
Doch gerade im Zusammenhang mit liberal beziehungsweise linksliberal passt Fundamentalismus einfach nicht. Ein wesentliches Element des Liberalismus ist, möglichst offen zu sein, möglichst wenig zu regulieren um Erkenntnis und Fortschritt nicht zu behindern. Offenheit und Fundamentalismus sind diametrale Gegensätze. Offen und radikal sind ebenfalls diametrale Gegensätze. Wer radikal ist, hat kein offenes sondern ein ziemlich geschlossenes Weltbild.
Was dieser CDU Politiker den politischen Gegnern vorwirft, ist eigentlich sein eigenes Problem, er ist vollkommen gefangen in seinem eigenen, etwas naiven Weltbild und somit mehr oder minder ein Fundamentalist.
Es ist zweifellos ein wesentliches Element des Liberalismus, möglichst offen zu sein und möglichst wenig zu regulieren, um Erkenntnis und Fortschritt nicht zu behindern.
Wenn man sich dies als Ziel (Soll-Zustand) setzt, dann *muss* es radikalen Liberalismus geben. Denn im Ist-Zustand wird ein Liberaler überall auf Regulierung und Abschottung stoßen.
Eine ganz andere Frage ist: Welche Balance findet die Gesellschaft zwischen Regulierung und Deregulierung? Diese Frage kann man aus einer radikalen Position heraus nicht beantworten. Radikale halten nichts von Balance ;-)
In diesem Zusammenhang könnte man Friedrichs Vorwurf so interpretieren: Die FDP-Justizministerin bezieht radikale Positionen und deshalb finden wir keinen Kompromiss. Was ihn immer noch nicht zu dieser Wortwahl berechtigt, aber aus seiner Sicht wohl nachvollziehbar ist.
Ähhm, klitzkleiner Hinweis zu Absatz 2 erste Zeile: Müsste das nicht “eine Sammlung von Abwehrrechten” heißen? ;-)
Bei der derzeitigen Machtverteilung in der Bundesrepublik gibt es eigentlich nur noch zwei Personen beziehungsweise Institutionen, für die die Grundrechte des Grundgesetzes unantastbar sind.
Nämlich die Justizministerin und das Bundesverfassungsgericht. Noch nicht einmal den Bundesgerichtshof sind die Grundrechte heilig. Das hat er in etlichen strafrechtlichen Urteilen immer wieder deutlich gemacht und bekam deshalb auch schon den einen oder anderen Rüffel vom Europäischen Gerichtshof. Ist allerdings auch kein Wunder, werden doch die Richter nach Parteienproporz ausgewählt. Das trifft zwar leider auch für das Bundesverfassungsgericht zu, doch anscheinend nehmen die Hüter der Verfassung das Grundgesetz ernster als ihre parteipolitische Herkunft. Glücklicherweise!
Gerade deshalb sehe ich es mit Bedauern, dass die FDP, obwohl sie in wirtschaftlichen Fragen häufig Positionen vertritt, die ich noch nicht einmal als Selbstständiger nachvollziehen kann, obwohl sie doch angeblich meine Interessen vertritt, dass die FDP mehr und mehr ins Hintertreffen gerät. Andererseits, es waren immer nur einige herausragende Persönlichkeiten innerhalb der FDP, beispielsweise Gerhart Baum oder eben Frau Leutheusser Schnarrenberger, die Garanten für eine auch in Fragen der inneren Sicherheit ausgewogene Politik zwischen Sicherheitsbedürfnissen einerseits und dem Schutz des Bürgers vor staatlichen Übergriffen andererseits sind. Wohl aus der Erkenntnis heraus, dass ein übermächtiger Staat schlimmer ist als jedes Verbrechersyndikat. Wobei übrigens Verbrechersyndikate wie beispielsweise die amerikanische Mafia erst entstehen konnten, als der Staat regulierend beziehungsweise sogar verbietend in menschliche Grundbedürfnisse eingriff. Die scheinbare Sicherheit durch staatliches Gewaltmonopol führt nämlich oft genug zum genauen Gegenteil. Es geht schließlich auch keine Aktion ohne Gegenreaktion. Je mehr der Staat Gewalt für sich beansprucht, umso stärker wird die Gegengewalt. Schließlich entstand die radikale deutsche Linke (RAF) zu einer Zeit, als das parlamentarische System aus Regierung und Opposition versagte, während einer Großen Koalition, in der die kleine FDP die einzige, ohnmächtige Opposition im Parlament darstellte. Als Antwort entstand die außerparlamentarische Opposition (APO) und in der Radikalisierung einzelner schließlich die RAF.
Wobei die RAF das genaue Gegenteil bis heute erreichte, nämlich durch ihre Terrorakte eine Stärkung konservativer Sicherheitspolitik.
Muss man tatsächlich radikal sein, um liberale Positionen verteidigen oder erreichen zu können?
Das ist doch ein Vorwurf, den man offenen, intelligenten Menschen immer wieder macht, dass sie eben nicht radikal für ihre Ziele kämpfen. Nun, das ist das Problem des Liberalismus, sein Ziel ist es, die Gesellschaft offener zu machen und nicht das Gegenteil. Doch für Offenheit kann man eigentlich nur verbal eintreten und nicht radikal oder gar mit Waffengewalt. Offenheit und damit einhergehende Vernunft sind nämlich Geisteshaltungen, für die man zwar Überzeugungsarbeit leisten kann, für die man jedoch nicht kämpfen kann. Durch eine Waffe kam noch nie jemand zu einer Einsicht, ebenso wenig durch die staatliche Gewalt einer Strafe. Meist ganz das Gegenteil, wenn auch, solange man sich der Übermacht beugen muss, hinter einer Fassade gut versteckt.
@Jannis: danke, aktualisiert!
[...] >fundamentalisten, linksliberale (neusprech) [...]
wie kommt denn eigentlich ein betreiber/freund eines dieser usenet teile dazu so sympathisch daherzureden? :D
@Usenet Guide
nein, das tut es nicht. wo hast du das her?
radikal (von radix=wurzel) bezeichnet das angehen von als grundliegend betrachteten problemen.
wikipedia beschreibt das ganz gut.
im besten sinne sind radikale an der hinterfragung (‘untergrabung’) ihrer denkmodelle interessiert, währen fundamentalisten diese fürchten.
in dem sinne stehen sie sich diametral gegenüber, und alles andere befindet sich im prinzip dazwischen.
ma kann in diesem sinne auch verfassungs-fundamentalist sein, wenn ma nicht bereit ist deren nutzen im einzelnen oder ganzen zu diskutieren und zu rechtfertigen.
“militanz” bezeichnet gewaltbereichtschaft, wozu ich konsequenterweise auch jeden etatismus zählen würde, also staatsgewalt zu fordern oder zu unterstützen.
@:? Mag sein, dass Du das Usenet nur als Downloadparadies für häufig urheberrechtlich geschützte Dateien beziehungsweise Pornos kennst.
Doch das Usenet ist das vermutlich älteste, noch existierende Netzwerk zum freien Austausch von Informationen und Meinungen.
Im Gegensatz zum Web lässt es sich nicht überwachen, sind Downloads garantiert anonym, kann es auch nicht einfach gesperrt werden, da eine Vielzahl von Newsservern weltweit den Inhalt des Usenet spiegeln und es erlebt unter anderem um dieser Vorteile willen seit Jahren eine Renaissance, nachdem es zwischen 1997 und 2003 allmählich einzuschlafen schien.
Wenn freie Meinungsäußerung irgendwo garantiert anonym möglich ist, dann im Usenet. Unter anderem deshalb liebe ich es.
völlig offtopic: das usenet ist ein interssantes, rubustes netzwerk. aber weder unzensierbar noch “garantiert anonym”. freenet, gnunet und i2p sind in dieser hinsicht schon ein ganzes stück weiter…
@soflas:
Danke für die klare begriffliche Aufklärung.
Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe jedoch ziemlich durcheinander geschmissen, so wie auch ich es gemacht habe.
Ich kenne kein einziges funktionierendes gesellschaftliches Modell. Ich kenne nur Auslaufposten gesellschaftlicher Modelle, die krampfhaft am Leben erhalten werden.
Alles der Privatwirtschaft zu überlassen scheint ebenso wenig zum Wohle des einzelnen Bürgers zu sein wie das Gegenteil, praktisch alles zu verstaatlichen.
Regulierung beziehungsweise staatliche Fürsorge also dort, wo es mit der freien Privatwirtschaft nicht überzeugend funktioniert, in allen anderen Bereichen nicht. Das bedeutet jedoch auch, dass es keine Hilfen für marode Banken geben darf. Sondern, unter anderem darum geht es bei Offenheit, wenn ein Modell untauglich ist und nur mit staatlichen Garantien noch am Leben erhalten werden kann, dann sollte man es, auch wenn es vorübergehend wehtut, sang und klanglos sterben lassen.
Das bedeutet jedoch weiterhin, dass der Staat weder unmittelbar noch mit Unternehmensbeteiligungen in Konkurrenz zur Privatwirtschaft tritt. Womit wir schon wieder beim Thema Banken wären. Oder Post oder Telekom oder Bahn und was es sonst noch alles an Staatsunternehmen gibt, die keine Monopole mehr haben sondern in unmittelbarer Konkurrenz zur Privatwirtschaft stehen.
Andererseits, das ist das Grundproblem des Kapitalismus, Kapitalismus neigt in hohem Maße zur Konzentration und damit natürlich auch zur Machtkonzentration, die in vielen Branchen inzwischen die Macht selbst großer Staaten übersteigt und damit mindestens ebenso gefährlich ist wie ein allmächtiger Staat. Ganz besonders deutlich wird das anhand einer Hand voll Ölkonzerne, die den Weltmarkt praktisch in der Tasche haben. Angesichts der Abhängigkeit vom Öl ist damit auch eine ungeheure Machtkonzentration in der Hand Weniger gegeben.
In einem anderen Bereich, der mittelbar auch etwas mit dem Usenet zu tun hat, ist ebenfalls die starke Machtkonzentration deutlich zu beobachten, nämlich im Bereich der Musik-und Filmindustrie. Auch da ist es nicht mehr als eine Hand voll Konzerne, die den Weltmarkt beherrschen und massiven Einfluss auf die Gesetzgebung der Staaten nehmen.
Bei einer strikten Trennung von Staat und Wirtschaft dürfte es auch diese Einflussnahme nicht geben. Der Staat hätte sich stattdessen nachhaltig am Wohl seiner eigenen Bürger zu orientieren und nicht an den Interessen einiger, weniger Konzerne, die überwiegend ihren Sitz im Ausland haben und in Deutschland außer Mehrwertsteuer noch nicht einmal Steuern bezahlen.
THUMBS UP! Vielen Dank für Deine weisen Worte.
@ Ein Mensch sagt:
“Dazu kommt die von anderer Seite betriebene Umdeutung von Neoliberalismus zu Raubtierkapitalismus. So wird Liberalismus als die Freiheit von der Verantwortung für den anderen verdreht.”
Das ist keine Umdeutung; das ist die Bedeutung, die “Neoliberalismus” hat, seit es dieses Wort gibt.
Auch Liberalismus als “die Freiheit von der Verantwortung für den anderen” zu bezeichnen ist keine Verdrehung. Das gehört vielmehr zum Wesen des Liberalismus von seinen allerersten Anfängen in England an. Man glaubt, daß dann, wenn alle ausschließlich dem Interesse am eigenen Wohlergehen folgen und dabei gegen alle anderen kämpfen, am Ende das Beste herausspringt zwar nicht für alle, denn es gibt Opfer, aber doch für diejenigen, die in diesem Kampf siegen. Von Verantwortung für andere ist da nie die Rede gewesen.
In der praktischen Politik haben denn auch die frühen Liberalen die patriarchalische Fürsorge-Politik der Konservativen bekämpft: es hält die Armen vom Arbeiten ab, wenn sie wissen, daß sie in der Not von der kirchlichen Suppenküche gefüttert werden. Sie kommen dann nicht um, aber bleiben arm, doch wenn sie vom Hunger getrieben arbeiten, können sie reich werden. Die es nicht schaffen, gehen halt vor die Hunde, und sie sind selber schuld. So ging die liberale Verantwortungs-Argumentation damals, und so argumentieren sie heute noch.
@Ludwig Trepl: Neoliberalismus bezeichnete ursprünglich eine Variante des wirtschaftlichen Liberalismus, die Beschränkung von Marktmacht und Monopolstellung durch staatliche Eingriffe durchaus wollte, soweit dadurch der Wettbewerb erhalten wird. Insofern bezeichnete der Begriff ursprünglich eben keinen Raubtierkapitalismus, sondern zumindest eine gezähmte Variante. Wikipedia beschreibt das so: “Die Ordoliberalen hatten sich ursprünglich bis in die 50er Jahre selbst als „neoliberal“ bezeichnet, dann aber eine neue Selbstbezeichnung gewählt, als der Begriff des Neoliberalismus zunehmend von den Marktradikalen okkupiert wurde.”
Ihre Definition von Liberalismus hat wohl wenig mit der von mir gemeinten philosophisch aufklärerischen Bedeutung des Begriffes zu tun, sondern scheint mir eher wörtlich von Adam Smith abgeschrieben bzw. die Spielart Manchesterliberalismus zu umschreiben.
“Libertärer” im deutschen Sprachgebrauch war eigentlich linksibertärer,
also marktfreundlich-anarchoid.
In USA ist Libertär wohl ungefähr das, was hier als Neoliberalistisch bezeichnet wird: Den Staat da zurückdrängen, wo er dem kapitalistischen Abzocken entgegensteht; ihn aber dort befürworten, wo er das Kapital schützt.
Daher ist der Begriff “Libertärer” heutzutage, wo man ungefragt Bedueutngen aus den USA einfach übernimmt und die bisherige Bedeutung im eigenen Lande wohl garnicht mehr kennt, ebenso schon ein Wischiwaschi-Begriff.
Linkslibertäre kritisieren an dem Liberalismus, daß er eben genau da den Staat dringend braucht, wo er ihn für die Abzopcke funktionalisieren kann, und nur ansonsten verteufelt.
Genau das aber, was heutzutage zunehmend als “Libertär” bezeichnet wird, müsste aber eigentlich Libertarianismus/Libertarianisch heissen, weil die Verteter dieser Ideen dort in USA Libertarians heissen.
Hier hat also bereits ein Bedeutungswandel stattgefunden,
und Libertarianistisch / Liberal und Libertär werden zunehmend
verschieden gedeutet.
Und die Argumente der ehemaligen (Links-)Libertären gegen den Liberalismus sind die selben, die heute als Liberal daher kommen und sich gegen den Libertären richten, der doch eigentlich ein Libertarian ist.
Das dreht sich wie im Karussel.
Mein Eindruck ist, solche Art Begriffsverwirrungen sind epidemisch.
Es kommt letztlich garnicht mehr drauf an, WAS gesagt wird,
sondern nur darauf, daß IRGENDWAS gesagt wird, womit man die (jegliche)
Politik durchsetzen kann, die man gerade durchsetzen will.
Immerhin, wenn IRGENDWAS gesagt wurde, muß man annehmen, steckt was sinnvolles dahinter, und der ganze Politzirkus präsentiere eine tolle Vorstellung.
Und solange die Pferdchen immer schön im Kreise laufen und die Clowns uns bei Laune halten, sind wir glücklich und zufrieden.
Ob es auch Zuschauer gibt, die ihren Kopf ins Maul der Tiger halten?…
Bin ich eigentlich der einzige, der den Absatz:
“Nicht „unbescholtene Bürger“, sondern ausschließlich Terrorverdächtige sind betroffen!”
Viel schlimmer findet? In diesem kleinen Satz hat unser Innenminister sich von der Unschuldsvermutung verabschiedet, denn wer verdächtig ist, ist nicht mehr unbescholten. Bei diesem Verständnis von Rechtsstaat finde ich misstrauen nur berechtigt!
Offenbar bezieht sich der Artikel ja auf eine Äußerung von Friedrich. Wird hier bewußt auf eine Quellenangabe verzichtet? Da ich weder die Äußerungen, noch das anschließende Medienecho mitbekommen habe, hier der Link zum “Kommentärchen” in Bild:
http://www.bild.de/news/standards/bild-kommentar/linksliberale-fundamentalisten-18130486.bild.html
Der Link auf Friedrichs Äußerung ist auch im Artikel. Selbstverständlich geben wir unsere Quellen an.
Wieso eine Schähung? Fundamentalist ist man bezogen auf seine Überzeugung. Beispiel: Linke, rechte, und kirchliche Fundamentalisten. Und linksliberal wäre wie Rechtsliberal oder Islamisch-Liberal, man ist liberal, im Rahmen seiner Überzeugung.
Damit bezeichnet “linksliberaler Fundamentalist” einen Linken, der sich Liberal und tolerant wähnt, aber in Wirklichkeit ein intoleranter Fundamentalist ist.
Bzw. klar kann es eine Schmähung sein, aber wenn es auf jemanden zutrifft trifft es eben zu. Manche Leute sind so, der Rest brauch es sich nicht anziehen.
[...] die bösen. Nach den Titeln Kinderschänder, Terroristen und Gefährder folgt nun dieses hier: linksliberale Fundamentalisten. Ich glaub, ich nagel mir all meine hart erstrittenen Titel die [...]
[...] / 142 4. Tim Pritlove, tim.geekheim.de, NSFW029 Nullpeter / 112 5. Kai Biermann, neusprech.org, Fundamentalisten, linksliberale / 110 6. Tim Pritlove, tim.geekheim.de, NSFW028 In Übereinstimmung mit der Prophezeiung / 109 7. [...]
[...] muss; schließlich hat er ein tolles Schmähwort für Überwachungsgegner parat: Linksliberale Fundamentalisten. Diese Bekämpfungsrhetorik klingt nach RAF- und Al Quaida-Anhänger in einer Person und [...]
Ach was. Die Erfahrung legt eher den Schluß nahe, daß die schwarzen law and order-freaks die nützlichen Idioten der Linksliberalen (oder was heute eben so heißt) sind…
http://www.kokhavivpublications.com/2007/newcatch/avram_kokhaviv/20070415_292.html
Aufgelesen und kommentiert 2011-07-20…
DIW: Einkommen seit Hartz IV massiv gesunken Gesamtmetall lehnt Senkung von Steuern oder Sozialabgaben ab Statistisches Bundesamt: Prekäres deutsches “Wirtschaftswunder” Zehn Jahre Euro: Was besonders teuer wurde Deutschland umwirbt Fachkräfte in EU-…
[...] teilweise an die der TeaParty. Damit dürfte uns zumindest die Boulevard-Hetze gegen den Islam und linksliberale Fundamentalisten erspart [...]
Sehr interessanter Artikel der das Ganze auf den Punkt bringt. Kleine Nebenbemerkung: Ich musste erst mal wieder nachschlagen was ein Oxymoron ist da mir der Begriff das letzte mal während der Schulzeit begegnet ist…
[...] Neusprechblog, letztens erst erwähnt, heute wieder sehr zu empfehlen. Begriff: „linksliberale Fundamentalisten“, von unserem Minister für Liebe, öhm, Innenminister. neusprech.org/fundamentalisten-linksliberale/ [...]
[...] Armee Fraktion“, sei es im Begriff „Rechtsextremisten“; auch wenn es schon „linksliberale Fundamentalisten“ gibt, von „Marktextremisten“ sprechen wenige; Extremismustheorie („Erlaubt ist [...]