Gesundheitsprämie

Nicht nur Sekten versprechen ihren Anhängern Erlösung von den Widrigkeiten des Lebens, Parteien können das auch ganz gut. In der G. finden wir gleich zwei solcher Heilsversprechen in einem Wort. Erstens die Prämie: Sie entstand aus dem lateinischen ,praemium‘ und ist im üblichen Sprachverständnis eine Belohnung, die einem gewährt wird. Da bekommt also jemand etwas. Zweitens die Gesundheit: Von der kann man ja nie genug haben und in Verbindung mit dem Versprechen, etwas zu erhalten, klingt das gleich noch viel besser. Das soll es auch, denn für die meisten Betroffenen ist das Ganze wohl von Nachteil. Worum es wirklich geht? Darum, dass jeder Bürger einen festen Betrag für seine Krankenversicherung bezahlen soll, unabhängig davon, was er monatlich verdient: zahlen also statt erhalten und krank statt gesund – eine Antiphrase somit und nach den Neusprech-Regeln, die versuchen, Krieg als Frieden zu deuten, eine Meisterleistung. Vgl. auch → Gesundheitskarte.

Die Union hat sich das Konzept vor ein paar Jahren ausgedacht, um die marode Krankenversicherung zu sanieren – Verzeihung, wir sind ungenau: Um die immer weiter steigenden Kosten für die Krankenversicherung stärker den Versicherten aufzubürden und Unternehmen im Vergleich dazu künftig billiger davon kommen zu lassen. Von den Erfindern bei der CDU/CSU wurde das Ding ursprünglich sogar solidarische G. genannt. Solidarisch jedoch, also der Idee einer Gemeinschaft von Gleichen verpflichtet, ist daran natürlich nichts. Denn Unternehmen zahlen damit immer weniger ein, Bürger immer mehr. Steigt der Beitrag in der Zukunft, wird sich dieses Missverhältnis noch verschlimmern, ist die Beteiligung der Firmen doch festgeschrieben, die der Versicherten hingegen nicht. Für die Asozial-Romantiker von der Union mag das wie ein sozial ausgewogenes Konzept aussehen, dem normalen Gerechtigkeitsempfinden entspricht es dagegen eher nicht so. Der politische Gegner bezeichnet die G. daher gern als Kopfpauschale. Das klingt etwas treffender, soll aber wohl an Kopfgeldjäger erinnern und das Konzept vor allem schmähen.

Mit Dank an Mario S. für das Überlassen der „Asozial-Romantiker“.

Abgelegt in: Gesundheit, Soziales

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

6 Reaktionen zu "Gesundheitsprämie"

  1. Veit sagt:

    Hätten die CDU-Gegner so viel Geld wie die CDU, könnten sie ihr eine Selbstreduktionsprämie zahlen.

  2. Heinz sagt:

    “Nicht nur Sekten versprechen ihren Anhängern Erlösung”

    Das machen auch die Sekten, die “Religion” genannt werden.

  3. Hoimrdengr sagt:

    Apropos “Unternehmer zahlen immer weniger fuer die Krankenversicherung”.
    Das stimmt so nicht. Unternehmer zahlen nicht weniger. Sie zahlen immer schon – nichts!

    “Arbeitgeberanteil” ist sehr altes und extrem erfolgreiches Neusprech.
    Denn natuerlich kommt dieser sog. Anteil von der Lohnsumme fuer den Arbeitnehmer.
    Aber es hilft den Prozentsatz fuer Kranken- und Rentenversicherung optisch niediger zu halten.
    Gleichzeitig laesst sich dieser Buchhaltertrick als spezielles Bonbon verkaufen.
    Oder als hohe Lohnnebenkosten beklagen, die man dem gefraessigen Staat wegnehmen muss.
    Klingt doch besser als Lohnsenkungen zu verlangen…

  4. Pingback von:

    Lieblingsblog: Die Tricks mit unserer Sprache « weckenblog
  5. peter zwey sagt:

    sehr löblich, sehr nötig und nützlich auch, diese Sprachreinigung, die hier stattfindet. Ich komme öfter jetzt hierher.
    Danke p.zwey

  6. Stefan sagt:

    @Hoimrdengr

    Auf den Punkt gebracht, danke!