Archiv für die Kategorie ‘Energie’

innehalten

Montag, 15. August 2011

Angesichts dramatischer Ereignisse äußern Politiker gerne den Wunsch, sie irgendwer die Welt möge i. Sie möge also ‚pausieren‘, denn nichts anderes bedeutet das Wort. Immerhin, so die Begründung, könne man nach einer Katastrophe nicht einfach „zur Tagesordnung übergehen“. Könnte man schon, es schickt sich aber nicht. Wirkte es doch, als nähme man der betreffende Politiker das Ereignis nicht ernst genug. Da Handeln meist mühsam und teuer ist, wird alternativ kurz innegehalten. Das wirkt wohlerzogen, ein wenig Besinnung schließlich hat jeder gern, vor allem zu Weihnachten. Dabei drückt beispielsweise eine Bundeskanzlerin vor allem eines aus, wenn sie versucht, der Zeit der Strahlung der Debatte Einhalt zu gebieten: dass sie alles lieber täte, als zu handeln, beziehungsweise etwas zu ändern. Viel einfacher ist es, sich kurz zu besinnen, der Opfer zu gedenken und dann weiter zu machen wie bisher.

Ausstieg

Samstag, 09. Juli 2011

Nett ausgedrückt, ist Politik wie Leben in Zeitlupe; eine Entscheidung, für die wir Sekunden brauchen, kann da problemlos Jahrzehnte dauern. Ein A. zum Beispiel. Eigentlich ist aussteigen ein terminatives Verb, das heißt, es bezeichnet einen eindeutigen Zeitpunkt. Wenn also jemand um 15.31 Uhr den Bus verlässt, dann ist er draußen, und wenn er sagt, er wolle nun aussteigen, dann meint er eben jenen kurzen Moment der Tat. Zum Glück für Politiker verliert sich in der deutschen Sprache diese terminative Lesart (Aspektualität), wenn ein Verb nominalisiert und damit zum A. wird. Von dem kann man viel reden, ohne sagen zu müssen, wann das Ganze denn nun vonstattengehen soll. Aussteigen geht schnell, aber so ein A. der kann sich hinziehen. Daher ist der sogenannte Nominalstil in politischen Reden auch so beliebt und Verben eher nicht so. Denn in der Politik wird lieber lange über Taten debattiert, als kurz gehandelt. Das bringt mehr Stimmen Schlagzeilen Aufmerksamkeit.

Atomruine

Montag, 27. Juni 2011

A. klingt pittoresk, malerisch also und interessant. Und in der Tat ist der ebenfalls gern in diesem Zusammenhang erwähnte „Sarkophag“ (der ein reich verziertes Grabmal vermuten lässt, obwohl eine eher hässliche und vor allem mürbe Betonabdeckung gemeint ist), inzwischen eine touristische Sehenswürdigkeit. Doch mit Ruine werden „Reste von Baulichkeiten“ bezeichnet, die nicht mehr funktionieren; ein zerstörtes Atomkraftwerk ist keine Ruine, denn seine „Funktion“ büßt es nicht ein, nur weil es kaputt ist, es strahlt munter weiter. Zu unseren Lebzeiten wird es daher keine malerischen A.-n geben, die ein neugieriger Tourist betreten und erkunden kann. Wohl aber noch viele solcher Euphemismen für diese gefährliche Technik.

Noch ein wortspalterischer (haha) Nachtrag: Das Atom ist übersetzt das Unteilbare, lässt sich also gar nicht ruinieren. Zumindest sprachlich. In der Physik geht das schon und das setzt dann ziemlich viel Energie frei, die ziemlich ruinös sein kann, wenn sie als Waffe genutzt wird – dann gern auch Atomschlag genannt. Wahrscheinlich weil es so schön markig klingt und nicht nach grausamem Tod.

Mit herzlichem Dank an Mibipo für die Unteilbarkeit.

Intelligent

Donnerstag, 23. Juni 2011

Die Intelligenz hat ihren Ursprung im lateinischen intellegere ‚verstehen‘, eigentlich: ‚zwischen [den Zeilen] lesen‘ und ist eine Eigenschaft, die (bislang) allein dem Menschen zugeschrieben wurde, dem homo sapiens (‚wissender Mensch‘). Dann kamen Ingenieure und Informatiker und setzten sich das Ziel, menschengleiche Maschinen zu bauen und menschliches Denken nachzuahmen und nannten es metaphorisch Künstliche Intelligenz (KI). Kann man machen. Zum Unfug wurde es, als PR-Abteilungen über den Begriff stolperten und die Idee hatten, mit ihm allen möglichen Kram zu vermarkten, der nicht einmal annähernd ‚zwischen den Zeilen lesen‘ kann: Stromnetze, Speicherkarten, Telefone, Grenzkontrollen, Sozialkürzungen und sogar Bomben. Eine Meta-Metaphorik sozusagen oder eine Metaphorik zweiter Ordnung.

Schon klar, Ihr wollt das Zeug irgendwie schicker aussehen lassen, damit genug arme Irre es kaufen. Aber schlaue Bomben? Die Dinger merken sich eine Geokoordinate, mehr nicht. Könnten die ‚verstehen‘, würden sie beidrehen und ihren Bombardier zu treffen versuchen.

Mit Dank an @presseschauer für die Anregung und Eike H. fürs „sparen“.

Meiler

Donnerstag, 02. Juni 2011

Ein M. ist eigentlich ein Holzhaufen, der langsam zu Holzkohle verschwelt und der so heißt, weil viele Scheite aufeinander gestapelt werden (lat. milarium ‚Tausendschaft, Haufen‘). Doch werden so auch Atomkraftwerke bezeichnet. Das ist etymologisch zumindest nicht ganz falsch, „verbrennen“ dort doch viele Urandioxidpellets. Mit dem Unterschied, dass die verkohlten Holzscheite nützlich sind, während die Uran- oder Plutoniumstäbe lebensgefährlichen Müll darstellen, der dringend in ein Endlager gehört. Weswegen der M. wohl als rhetorische Strategie gelten darf, Unbekanntes und Gefährliches mit Bekanntem und Nützlichem zu benennen (vgl. Vorratsdatenspeicherung).

Stromveredelung

Freitag, 29. April 2011

Strom ist nicht gleich Strom. Wie das im Kapitalismus so ist, kann der gleiche Strom teurer und billiger sein. Wollen viele ihn haben, müssen sie mehr bezahlen, obwohl derjenige, der ihn produziert, weder mehr Mühe noch mehr Kosten dadurch hat. Die, die daran verdienen, nennen das die „Gesetze des Marktes“; Klaus Vorwerk nannte es treffender „die Religion der Diebe“. Wie Recht er damit hat, zeigt sich an Begriffen wie der S., einer Schöpfung der damit befassten Industrie. In der Linguistik wird so etwas Hyperbel genannt: Übertreibung. Denn mit diesem Wort wird ein technisch banaler Vorgang blumig umschrieben: die Speicherung überschüssigen Stroms in Pumpspeicher- oder Druckluftkraftwerken. Der Wirkungsgrad ist gering und auch edler wird er dadurch nicht. Er kann nur zu einem anderen Zeitpunkt verkauft werden – dann nämlich, wenn viele ihn brauchen und gezwungen sind, zu bezahlen, was der Anbieter verlangt. Mehr, in erster Linie. Das Verfahren taugt auch dazu, aus Atomstrom, der billig aber seltsamerweise mies angesehen ist, Ökostrom zu zaubern. Der ist cool und das kostet natürlich. Warum? Siehe oben.

Sicherheitszone

Dienstag, 12. April 2011

Typisch antiphrastische Bildung, eigentlich Gefahrenzone. Vgl. Orwells klassisches Neusprech-Beispiel: „Krieg ist Frieden …“. Gemeint ist nicht der Bereich relativer Sicherheit, sondern der absoluter Gefahr. Der natürlich nicht so freundlich-beruhigend klingt. Damit ist die Verwendung nicht nur eine Lüge, sondern ein in Kauf nehmen von Opfern. Wer sich wirklich in Sicherheit bringen will, sollte die S. tunlichst verlassen.

Vielen Dank an @ozaed für den Vorschlag.

Stresstest

Samstag, 26. März 2011

Das Wort Stress hat schon viel erlebt: Auf der Basis des lateinischen stringere ‚drücken, umklammern‘ und seiner volkssprachlichen Substantivableitung strictia entstand im Altprovenzalischen das poetische Wort destressa. Es bezeichnete das Gefühl des Leidens und des Kummers, insbesondere in Angelegenheiten unerfüllter Liebe. Über das altfranzösische destresse, das es in der Form détresse (‚Notlage‘, ‚Kummer‘) im Französischen immer noch gibt, gelangte es in der kürzeren Version stress ins Englische. Dort fanden es Anfang des 20. Jahrhunderts Psychologen und nutzten es, um den Zustand zu beschreiben, der heute auch in der Umgangssprache als Stress bezeichnet wird (im Englischen auch als Verb to stress verwendbar) – übrigens vor allem im germanischen Sprachraum: Ein Italiener würde nicht von sich sagen, er sei gestresst (als Lehnwort stressato), sondern sich als müde oder erschöpft bezeichnen (stancato). Briten und Deutsche hingegen scheuen die Müdigkeit und sind stattdessen im Stress und damit weiter aktiv, so schlecht es ihnen dabei auch gehen mag. In der Wirtschaft nun werden gern Personifizierungen verwendet, es macht die so schwer durchschaubaren Zusammenhänge weniger Angst einflößend. Und so stehen plötzlich Finanzsysteme unter Stress, oder es wird vorgeschlagen, Banken einem S. zu unterziehen. Schon bei Menschen ist es keine gute Idee, sie absichtlich unter Druck zu setzen, ist doch nie klar, wie sie wirklich reagieren. Bei Banken und erst Recht bei Atomkraftwerken kann das Ganze zur Katastrophe führen, wie der 1986 in Tschernobyl durchgeführte Test gezeigt hat. Daher ist der schon für Finanzen unangemessene Begriff für Atomkraftwerke völlig unzutreffend. Wer ihn nutzt, will lediglich Handlungsfähigkeit demonstrieren und suggerieren, die Technik sei beherrschbar und sicher. Ist sie aber nicht.

Endlager

Mittwoch, 03. November 2010

Ach wär’ das schön, nicht wahr? Verzeihen Sie den Sarkasmus, aber ein E. ist ein ähnlich verheißungsvolles (und unerfüllbares) Versprechen, wie jenes, das die Bibel mit dem Himmelreich macht: ein Ort, an dem man aller Probleme ledig sei. Endgültig steckt darin und Ende. Hier wird Hoffnung verkauft, hier werden Lösungen vorgegaukelt und das nicht zu knapp. Dabei geht es um eine atomare Müllkippe. Die nicht einmal endgültig sein soll. Denn das strahlende Zeug – soweit ist die Einsicht bereits –, lässt sich nirgends so verklappen, dass es tatsächlich auf ewig 300 Jahre 40 Jahre keinen Schaden anrichtet. Also will man es auch wieder ausbuddeln können, vorsichtshalber. (Und in der berechtigten Annahme, dass der Kram irgendwann knapp und damit teuer wird, und man ihn ja auch in eine Wiederaufbereitungsanlage schaffen könnte). Insofern ist das E. nicht nur ein Heilsversprechen, also eine Zwecklüge, sondern auch eine contradictio in adiecto, beziehungsweise ein Oxymoron.

Forschungsbergwerk

Freitag, 23. April 2010

Offizielle Bezeichnung des ehemaligen Salzbergwerks Asse II, das zu diesem Zeitpunkt weder als Bergwerk fungierte, noch dem Forschen diente. Zumindest wenn man Forschen definiert als das methodengeleitete Überprüfen von Hypothesen in kontrollierter Umgebung zum Zweck des Erkenntnisgewinns. Asse II jedoch war eine Abladestelle für radioaktiven Müll, daher eine atomare Müllkippe. Erkenntnisse kamen dabei durchaus zustande, unter anderem die, dass sich Salzstöcke nicht als Endlager eignen – dass sie also die Hoffnung, die strahlenden Abfälle nie wieder sehen zu müssen, grandios enttäuschen. Jedoch wurde diese Erkenntnis weder methodengeleitet, noch kontrolliert gewonnen sondern durch grob fahrlässiges Ignorieren wissenschaftlicher Bedenken mit katastrophalen Folgen. Siehe Beratung, ergebnisoffene.