Kompetenzzentrum

Das K. ist ein regelrechtes Bündel an sprachlicher Renommiersucht. Wer kompetent ist, der kann was. Wie gut muss dann erst das K. sein, wo sich offenbar haufenweise Kompetenz konzentriert? Doch halt, in dieser Wortkonstruktion heißt Kompetenz etwas anderes. Sie ist nämlich polysem, kann also mehrere Bedeutungen haben: einerseits ‚Fähigkeit‘, andererseits aber auch ,Befugnis‘ und ,Zuständigkeit‘. Letztere ist übrigens die ursprüngliche Bedeutung. Denn das lateinische competentia bezeichnete die Einkünfte der Bürger, aus denen sich die Höhe der zu zahlenden Steuern errechnete. Da mehr Steuern zahlen hieß, auch mehr Verantwortung für das Gemeinwesen zu tragen, im Krieg beispielsweise ein Pferd zur Verfügung zu stellen, entwickelte sich die Bedeutung ,Zuständigkeit‘. Daraus wurden im Verwaltungssprech irgendwann die Kompetenzen (meistens im Plural) einer Behörde, also deren Zuständigkeiten. Erst später kam die Bedeutung ‚Fähigkeit‘ hinzu. In dieser wird das Wort vor allem in der Wissenschaft verwendet, in der Linguistik, der Psychologie oder der Pädagogik. Von dort war es dann nur noch ein kleiner Schritt in die Umgangssprache, wobei sich der Begriff dabei noch weiter verschob. Aus der einfachen ,Fähigkeit‘ wurde dabei eine besonders gute Leistung. Das K. nun ist eine Einrichtung, in der die einzelnen Zuständigkeiten verschiedener Verwaltungen gebündelt werden. Wer das K. als besonders schlaue Einrichtung missversteht, hat das entweder nicht verstanden oder möchte gern ein wenig mit seiner Kompetenz angeben.

Dieser Text erschien zuerst in unserem Buch: „Sprachlügen – Unworte und Neusprech von ‚Atomruine‘ bis ‚zeitnah‘.“

Abgelegt in: Politik, allgemein

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Reaktionen

4 Reaktionen zu "Kompetenzzentrum"

  1. Wolfgang R. sagt:

    K. ist auch einen Bündelung von Forschungseinrichtungen.

  2. Max Zawintos sagt:

    „Kompetenz“ hat in der Geologie auch die Bedeutung „Festigkeit“ (siehe z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Falte_%28Geologie%29). Vielleicht ist ein Kompetenzzentrum ja auch nur ein Zentrum besonders kompetenten (Menschen?-)Materials, also von Leuten, die sich nicht so leicht verbiegen lassen. Na, schön wär’s.
    Max

  3. Achim sagt:

    Eigentlich wäre es ja schön, wenn eine Person oder Stelle über Kompetenz im stets dreifachen Sinn verfügte: Ich bin nicht nur zuständig, sondern auch befugt, und obendrein noch fähig, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen.

    Im Bereich von Politik und Verwaltung vermissen wir leider meist die Befähigung – ob’s nun das Asylpaket II ist oder „bloß“ die Organisation der Berliner Bürgerämter.

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