Liberalismus, mitfühlender

16. Oktober 2011 von Martin Haase

Der L. ist eine Ideologie, die dem Individuum mehr Rechte geben will und dem Staat weniger. Was ja erst einmal gar nicht schlecht sein muss. Das Attribut mitfühlend gibt nun aber Aufschluss darüber, was diese Ideologie eigentlich bedeutet und dass ihre Anhänger sich dessen durchaus bewusst sind. Warum sonst sollten sie versuchen, ihn durch dieses Adjektiv sympathischer erscheinen zu lassen? Da es nun einen mitfühlenden L. gibt, war der normale L. wohl nicht sehr mitfühlend. Ähnlich dem Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Ebenfalls eine Attribuierung, die vor allem darauf hinwies, dass der Sozialismus eben nicht menschlich war und mit einem solchen Antlitz maskiert werden sollte. Es ist die Zuschreibung einer Eigenschaft, die das System eben nicht besitzt: Meint der L. doch, dass Staat eben nicht helfen soll, auch nicht den Strauchelnden. Helfen will der mitfühlende L. ihnen übrigens auch nicht. Er will ja nur mit seinen Opfern mitfühlen, also Mitleid haben. Was gut klingt, aber nichts kostet und niemandem etwas bringt.

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14 Antworten zu “Liberalismus, mitfühlender”

  1. oscar sagt:

    Der Kapitalismus m. m. A. sollte in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen werden.

  2. grit sagt:

    Ich finde es hilfreich, noch zwischen Mitgefühl und Mitleid zu unterscheiden. Da ist nämlich einer, wenn er auch oft nicht wahrgenommen wird. Aber hier auf einer Seite, wo viel über einzelne Worte nachgedacht wird…

  3. Volker Birk sagt:

    Hallo,

    man lese die Freiburger Thesen:

    http://www.freiheit.org/files/288/1971_Freiburger_Thesen.pdf

    und urteile dann über “den Liberalismus”. Nur weil der Graf die FDP umgedreht hat, und der Thatcherismus unter “Neoliberalismus” verkauft (und zu recht verachtet) wird, ist es noch lange nicht so, dass Liberalismus etwa grundsätzlich menschenfeindlich sein müsse. Die Ideologie, die derzeit vorherrscht, ist es.

    Viele Grüsse,
    VB.

  4. earl sagt:

    Naja, wenn die FDP von Liberalismus spricht. Klientelpolitik hat doch nichts mit Liberalismus zu tun.

    Wenn die Märkte unreguliert wären, regierten die Konzerne? Halt, was sind eigentlich Konzerne? Von Natur aus gibt es keine. Konzerne sind gesetzlich definierte Möglichkeiten, sich der Verantwortung seiner Handlungen zu erziehen. Macht der Firmen über Arbeitgeber machen Gewerkschaften notwendig. In einer liberalen Welt gäbe es so etwas gar nicht, denn diese Macht ist eine künstliche (von der Politik eingesetzte) Verzerrung der Marktwirtschaft to begin with. Wenn die Marktteilnehmer nur individuelle Menschen wären, die volle Verantwortung für ihr Handeln übernehmen müssen – insbesondere, wenn sie sich zur Kooperationen zusammenschließen – wären auch die heute herrschenden Kräfteungleichgewichte nicht in der Form vorhanden.

    Man muss daran denken, dass unsere Wirtschaftsformen mitnichten frei entstanden sind, sondern von der feudalen Gesellschaft in die heutige Form gebracht. Die Gründer der Industrialisierung waren vor allem die Adeligen. Dies hat sich insoweit geändert, dass adelige Geburt immer weiter hinter Erfolg in der Wirtschaftsordnung zurückgetreten ist, das allgemeine Ungleichgewicht wurde jedoch konserviert.

    Wenn man sich das einmal klar gemacht hat, klingt der Liberalismus gar nicht mehr so blöd, wie er durch die FDP gemacht wurde.

  5. r3v sagt:

    Mitfühlender Liberalismus.. Wie wärs wenn wir dem Traum vom “Freien Markkt” mal Wirklichkeit werden lassen? Das würde natürlich auch implizieren das keine Bank gerettet wird. Der “Freie Markt” wird das ja schließlich schon regeln.

  6. webrebell sagt:

    Wie siehst du eigentlich das Selbstverständnis der PIRATEN “sozial-liberal” zu sein? Welche Meinung hast du zu diesem Standpunkt?

  7. Ludwig Trepl sagt:

    Da stimmt etwas nicht. Zwischen dem “mitfühlenden Liberalismus” und dem “Sozialismus mit menschlichem Antlitz” besteht ein grundsätzlicher Unterschied. Der Sozialismus hatte der Idee nach ein “menschliches Antlitz” , das war der Sinn dieser politischen Richtung; die historische Realität hatte aber mit dieser Idee zum erheblichen Teil nichts mehr zu tun (was vielleicht an der Idee lag).

    Der Liberalismus aber war der Idee nach nicht “mitfühlend”, er sollte es nie sein. Weder Mitgefühl noch Ideen wie Gerechtigkeit sollten eine Rolle spielen – wenn, dann als erlaubte private Marotte. Der kluge Eigennutz allein sei ausreichend, um eine gut funktionierende Gesellschaft zu schaffen; also eine Gesellschaft, in der es um den Nutzen all derer zum besten bestellt ist, die tüchtig genug sind, um in eben dieser Gesellschaft, in der alle um ihren eigenen Vorteil kämpfen, mithalten zu können.

  8. googlehupf sagt:

    Wie Blinde von Farben vom L. reden hat auch was von “Neusprech”.

  9. Johannes W. sagt:

    Die Verkünder des (mitfühlenden) Liberalismus machen schon den Fehler, dass sie die Vokabel “Liberalismus überhauptbenutzen. Wie bei allen “-ismussen” wird dort ein ich sag mal übersteigertes Ideal in Reinform verkündet ohne den menschlichen Fehlerfaktor mitzuberechnen. Auch ein Demokratismus würde total in die Hose gehen, weil dann jeder zu jeder Zeit und zu jedem Ding befragt werden müsste, damit die Mitbestimmung des Volkes in jeglichem Punkt so auch im Privaten gewährleistet würde.

    Sagen wir so:
    Liberalismus ist Liberalität auf Teufel komm raus.
    Demokratismus ist Demokratie auf Teufel komm raus.
    Sozialismus ist Sozialität auf T. k. r.
    Nationalismus ist Nationalität auf T. k. r.
    Kommunismus ist Kommunität und so weiter und so fort

    Die Liste der übersteigerten Gesellschaftsideale kann so weitergehen und geht immer in die Hose wenn sie auf reale Menschen trifft.

    Um Auto zu fahren kann ich nicht permanent Gas geben oder permanent die Bremse treten oder sogar beides permanent betätigen, so geht Autofahren halt nicht. Eine solche Mischformen aus “Gas geben und Bremse” treten gleichzeitig war beispielsweise das Gesellschaftskonstrukt des Nationalsozialismus der sich bekanntlich recht schnell für geschichtliche Verhältnisse als Katastrophe entpuppte.

    Wenn soziales, gemeinschaftliches Handeln mit der Freiheit verbindet und dies in seiner Nation kultiviert und dies zu verteidigen und zu schützen weis, dann klappt es eben auch mit einem funktionierenden Staat. Wir hier in der Bundesrepublik Deutschland haben seit das Glück diese Mischform aus nichtübersteigerten Idealen, recht vernünftig unter einen Hut zu bekommen. Wir sind eine recht stolze und gefestigte Nation die sich ziemlich einig ist sodass der einzelne Bürger sehr Frei handeln und tun und lassen kann solange er dadurch nicht gegen soziale Kriterien verstößt die wir Gemeinschaftlich ausgehandelt haben. Wir passen und gut in die Weltgemeinschaft an, würden uns aber auch wehren wenn andere uns in unserer Nation nicht so Leben lassen wollten wie wir es für gut befinden. So in etwa könnte man den “deutschen Geist”, also diese Art der Kultur unseres Volkes definieren auf dem hier alles beruht. Schlimm wirds nur wenn Parolenblätter wie BILD versuchen in einem übersteigerten Nationalverständnis derzeit gegen Griechenland und Co. unsere Kultur pervers zu mißhandeln damit auf arrogante Art diese als Überlegen und gegen jeden Zweifel erhaben dahergeschwommen kommt. Da mangelt es an Selbstreflexion und Demut. Das macht keinen guten Eindruck und schafft nur wieder Feinde. Man hält allerdings auch nichts davon wenn überholte Moralvorstellungen per Kulturaustausch importiert wie Jungfrauenehe etc. durch Einwanderer welche unseren Werten widersprechen. Es muss also sowohl gegen interne wie auch gegen externe Kulturzerstörer stetig dieser halbwegs sinnvolle Weg verteidigt und aktiv angestrebt werden. Eine humanistische Grundlage die man tagtäglich erarbeiten, leben und verteidigen muss wäre also schon sehr sehr wichtig jedem hier zu vermitteln.

  10. ***Kulturzerstörer*** sagt:

    @ Johannes W.

    Ich seh ja in letzter Zeit immer mehr Trolle von PI im Internet auf den wichtigsten (kommentierbaren) Blogs und Zeitungen herumschwirren die dort versuchen den Beweis zu erbringen, dass alle Gesellschafts- und Wirtschaftsformen zum scheitern verurteilt sind mit der einfachen Begründung, dass das ja nicht zu echten Menschen passen könne.

    Leider muss man ihnen da zum Teil Recht geben, die Selbstkritik der Linken Szene lässt da ja zu wünschen übrig – ein System muss sich den Menschen anpassen, es muss auf einem breiten Konsens beruhen. In einem so antikommunistisch geprägten Land wie Deutschland ist dies nur schwer möglich, aber es fuktioniert seit fast 20 Jahren bei den Zapatisten in Mexiko. Ein weiteres Beispiel wäre der Anarchosyndikalismus in Spanien in den 20er Jahren…

    Aber wieder zu PI:
    Mit der gleichzeitigen ( zumindest öffentlichen ) Distanzierung von dem Nationalsozialismus stellt man sicher, dass sich die neue Rechte nicht gleich enttarnt.
    Der zweite Schritt ist es dann das System Deutschland zu glorifizieren, denn wir wissen ja alle, dass wir hier frei Denken und Handeln dürfen und so. Außerdem bestrafe wir ja nur Menschen, die gegen “soziale Kriterien” verstoßen…. und so…

    Und zum Schluss bringt unser Troll wieder das auf den Tisch was dank Rechter Demagogen und besonders einem der seine Propaganda nicht so subliminal in seinen Texten versteckt: Onkel Thilo
    Blablabla dann noch ein bisschen Selbstkritik, damit auch der Widerstand bei dem letzten verwirrten Leser fällt und die folgende Rückführung auf “wenn überholte Moralvorstellungen per Kulturaustausch importiert wie blabla” .
    Dann noch ein paar Wörter, die die breite Masse nicht versteht wie: humanistisch
    und naja “komplizierte” Satzbauten und schon wechselt der nicht allzu selbstreflektierte Leser die Seiten.

    Sorry für OT :p

  11. Pantau sagt:

    Also mal davon abgesehen, dass die FDP mit dem Liberalismus so viel zu tun hat, wie die CDU mit dem Christentum: Hier scheint kaum jemand auch nur einen blassen Schimmer zu haben, was der klassische Liberalismus überhaupt ist. Der klassische Liberalismus ruht auf zwei Begründungssäulen:

    1. Die ethische Säule

    Der Mensch gehört sich selber und nicht dem Nachbar. Daraus leitet sich zwingend ab, dass auch seine Arbeitsfrüchte IHM gehören. Ein gerechter Staat sorgt daher dafür, dass A erntet, was A säte und das B erntet, was B säte. Er sorgt eben gerade dafür, dass B NICHT A von seinen Arbeitsfrüchten gegen dessen Willen etwas nehmen kann. Wenn A freiwillig hingegen B etwas abgibt, dann ist das sozial und OK, aber der Staat kann nicht “sozial” sein, da er kein eigenes Geld hat, sondern nur das, was er den Bürgern vorher nahm und die EINZIGE Legitimation hieraus ist die, dass er eben jene Gerechtigkeit – ganz allg. das “Selbstbestimmungsrecht” über den eigenen Körper und das Eigentum durchsetzt oder eben Allmendegüter wie Straßen usw. betreibt.

    2. Die ökonomische Säule

    Der Liberalismus ist vom Ziel her mit dem Sozialismus identisch – er verwirft jedoch dessen Mittel als nicht nur unethisch, sondern untauglich (vergl. hierzu Ludwig von Mises “Die Gemeinwirtschaft”). Für den Sozialismus als jene form der Herrschaft, in welcher der Staat die Gewalt über die Produktionsgüter hat, existiert kein Mittel für eine vernünftige Preisfindung. Jene ist für die Effizienz einer Volkswirtschaft jedoch fundamental, da Preise die relativen Knappheiten von Gütern untereinander anzeigen müssen. NUR der Kapitalismus kann diesem Ideal nahe kommen, nur in einer Marktwirtschaft die Preise ihre Signalfunktion wahr nehmen können gegenüber Anbieter und Verbraucher. Daher konvergieren zumindest die Preise in einer Marktwirtschaft gegen jene wahre Knappheit. UNSER System hingegen ist weder “Sozialismus” noch “Kapitalismus” sondern “Interventionismus”, die typische Form eines durch Keynes geprägten Staates. Jener Interventionismus leidet im Grunde an der Selben Krankheit wie der Sozialismus, jedoch sind die Symptome nicht so ausgeprägt bzw. der Krankheitsverlauf ist langsamer. Die staatlichen (gutgemeinten) Interventionen verursachen in den komplexen natürlichen Regelkreisen eines freien Marktes eine Kaskade von Neben- und Rückwirkungen, welche unterm Strich den intendierten positiven Effekt weit übertreffen (“Ölflecktheorem”). Preisvorschriften gegenüber Ärzten erzeugt z.B. Ärztemangel und lange Wartezeiten, maximale Mietpreise erzeugen Wohnraummangel und ein Mindestlohn, welcher oberhalb des aktuellen Marktlohnes liegt, erzeugt Arbeitslosigkeit. Daher erfordern Interventionen immer eine weitere Zahl Interventionen gegen die Nebenwirkungen, welche wiederum weitere Interventionen erforderlich machen bis die Wirtschaft ertickt bzw. so ineffizient wird wie im Sozialismus.

    Der Klassisch-Liberale ist nicht gegen den Mindestlohn, weil er diesen dem Arbeiter nicht gönnt, sondern weil er der begründeten Überzeugung ist, dass dieser dafür sorgt, dass er in zehn Jahren weniger verdienen wird, als OHNE den Mindestlohn, da die ökonomischen Voraussetzungen der Kapitalakkumulation in der Niedriglohnphase geschaffen werden welche in der Zukunft nicht nur weit höhere Löhne ermöglicht, sondern verbürgt (Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jhd. ist hierfür ein schönes Beispiel, wo die Kaufkraft des einfachen Arbeiters sich in wenigen Jahrzehnten verdreifachte!).

    Mehr dazu in “Liberalismus” von Ludwig von Mises oder auch ein “Die Gemeinwirtschaft” vom selben Autor als einzige geschlossene Widerlegung des Sozialismus.

  12. Pekka sagt:

    Mein erster Eindruck von diesem Blog war toll (kam über den Sascha-Lobo-Artikel hierher), aber dieser Eintrag hat mich enttäuscht – geht es, anstatt wie versprochen “Neusprech” und die dadurch entstehende Manipulation aufzudecken, also auch hier nur um das Reinwursten eigener politischer Meinung? Schade.

  13. [...] Konservativer bezeichnet. Beileibe keine neue Idee. Und mindestens ebenso verräterisch wie der mitfühlende Liberalismus, den die FDP ausgerufen [...]

  14. Tom Schöne sagt:

    @Pekka:
    So ähnlich ging es mir auch. Anfangs glaubte ich, das Thema sei der Mißbrauch der Sprache durch manipulierende Wortneuschöpfungen, aber die Auswahl der Worte und die Artikel zeigen deutlich, worum es hier oft geht: Propaganda.

    Ich sehe mich nicht als konservativ oder rechts, meine aber: ständig pseudo-intellektuell gegen “Dampfplauderer”, CDU, FDP, Polizei etc. zu wettern, zeigt erstens den Standpunkt der Autoren und vergeudet zweitens Energie, die an mancher Stelle der tieferen Recherche und Reflexion genützt hätte.

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