Pfefferspray

24. November 2011 von Kai Biermann

Eine mindestens irreführende Bezeichnung. Angesichts der Konzentration, in der die Polizei diesen Stoff einsetzt und der daraus resultierenden brutalen Wirkung, darf die Verwendung des Begriffes jedoch als grob fahrlässig gelten. Bei dem mit P. bezeichneten Agens handelt es sich um das Alkaloid Capsaicin, den Wirkstoff der Paprika- oder Chilipflanze. Die Benennung Pfeffer kommt wohl vom englischen Chilipepper, was Chilischote heißt. Eine miese Übersetzung also. Doch das macht es nicht besser. Die schärfsten als Gewürz eingesetzten Chilipflanzen des Typs Habanero haben beispielsweise einen Wert von maximal 580.000 Einheiten auf der sogenannten Scoville-Skala. Das von der Polizei verwendete P. hingegen erreicht auf dieser bis zu zwei Millionen Einheiten. Die Scoville-Skala ist subjektiv und gilt als ungenau und veraltet. Trotzdem dürfte deutlich werden, dass P. mit friedlichen Gewürzen, so scharf sie sein mögen, nicht das Geringste zu tun hat. Menschen können sterben, wenn sie mit dem Zeug in Kontakt kommen – einige Studien beobachteten, dass es bei einem von 600 Einsätzen einen Toten gibt. Mehr dazu findet sich auch hier. Die Umschreibung als P., die an gutes Essen und heimelige Küchen erinnert, lässt hingegen vergessen, dass es sich um eine lebensgefährliche Substanz handelt, die Polizisten als Waffe dient.

Eine Waffe übrigens, deren Wirkung die Betroffenen spüren sollen: Wer versucht, sich bei öffentlichen Auftritten gegen dieses Teufelszeug zu schützen, kriegt Ärger. Kann doch eine Schutzbrille schnell eine Schutzwaffe werden.

Mit herzlichem Dank an Markus H. für das Wortgeschenk.

Was ist Flattr?

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Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

27 Antworten zu “Pfefferspray”

  1. Johannes sagt:

    Es ändert an der Aussage des Artikels nichts – aber die derzeit schärfte Habanero-Sorte Bhut-Jolokia- oder Naga-Jolokia-Chili soll über eine Millionen Scoville haben ;)

  2. Tobias sagt:

    Die schärfsten, natürlich wachsenden Chilis, sind meines Wissens nach die Bhut Jolokia mit ca. 1M. Scoville.
    Der englische Wikipedia Eintrag hat ein interessantes Detail zur Benutzung als Waffe:

    In 2009, scientists at India’s Defence Research and Development Organisation announced plans to use the peppers in hand grenades, as a non lethal way to flush out terrorists from their hideouts and to control rioters. It will also be developed into pepper spray as a self defense product.

    Da fällt der Transfer auf Polizei und Demonstranten ja nicht schwer. Ich für meinen Teil bleib dann doch lieber beim genießen der scharfen Köstlichkeit.

  3. Ookami sagt:

    Reines Chilipulver wird in Deutschland “offiziell” Cayenepfeffer genannt, also muss man da keine Übername aus dem englischen konstuieren.
    Weiterhin ist die Scoville-Scala zwar aus einem subjektiven Test hervorgegangen, wird aber heute durchaus als tatsächliche Konzentration (mit geeichten Messinstrumenten erstellt) des Wirkstoffes von Chilischoten genommen.
    Das mit der schärfsten Chilisorte ist ja schon in den Kommentarne angesprochen worden.
    Ich denke der Begriff “Pfefferspray” verharmlost zwar, aber wird auch nur so aufgenommen weil die wenigsten Leute mal versehendlich Habanero oder schärfer in die Augen bekommen haben und sich das ganze in noch vielfach schlimmer schwer vorstellen können. Am Begriff selbst würde ich wenig aussetzen da er auf eine bestehende Ungenauigkeit unserer Sprache zurückgeht – genauer gesagt wäre es in Analogie zu Gewürzen sogar irreführender zu sagen “Chilispray” da Chilipulver paradoxerweise Chayenepfeffer bezeichnet der mit anderen Gewürzen gemischt ist.

  4. [...] Im Neusprech Blog findet man einen Artikel zu Pfefferspray, den man man durchlesen [...]

  5. Kai Biermann sagt:

    Hier der Link eines Lesers zu einem Lebensmittel mit 3 Millionen Scoville:

    https://pepperheads-hotsauces.com/index.php?main_page=product_info&cPath=12&products_id=887

    Auf der Seite wird ausdrücklich und eindringlich davor gewarnt, das Zeug auch nur in kleinsten Mengen direkt zu sich zu nehmen oder mit dem Körper in Kontakt zu bringen.

    Es zeigt, und allein darum geht es, der obere Bereich der Scovillescala ist schlicht gefährlich. Die einzelnen Werte und die Genauigkeit der Scala sind dabei eher Nebensachen

    lg
    k

  6. Michael sagt:

    Interessanterweise ruft das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (www.lebensmittelwarnung.de) derzeit Produkte eines Herstellers von extrascharfen Würzmitteln zurück (Scoville-Wert von ca. 660.000 und ca. 1.000.000).

    In Anbetracht der Tatsache, dass die Haut des Menschen als größtes Organ überaus aufnahmefähig ist: Sind da auf den Spraydosen irgendwelche Warnhinweise? Vermutlich nicht auf den Dienst-Dosen…

  7. Nun ich habe mitbekommen, wie ein Bekannter aus versehen beim Essen reinen Pfeffer eingeatmet hat. Schon das war beeindruckend. Es resultierte eine Art Asthmaanfall daraus. WIrklich ziemlich beendruckend.

  8. qodwjhi sagt:

    In Deutschland gelten derartige Lebensmittel mit entsprechender Schärfe auch offiziell als gesundheitsschädigend.

    Zitat: “Eine übermäßige Aufnahme von Capsaicin kann Schleimhautläsionen im Verdauungstrakt sowie Nieren- und Leberschäden bewirken.”

    Hier der Link zur Quelle, dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Dort wird ein Gewürz mit 660.000 Scoville beantsanded und derzeit vom Hersteller zurückgerufen.

    http://www.lebensmittelwarnung.de/bvl-lmw-de/app/process/warnung/detail17/9162

    Dort steht auch: “Die schärfsten Chilisorten können einen Schärfegrad bis zu 225.000 Scoville erreichen.” und bedeutet für mich, dass es wohl aks Gewürz durchaus schärfer geht, es dabei jedoch kein natürliches Produkt mehr zu sein scheint.

    Das schärfste Gewürz hat damit einen Wert von 10% der hier im Pfefferspray-Artikel erwähnten Gas.

  9. Aponaut sagt:

    ACAB…

    Einige klare Fälle von Notwehr >>> via fefe (für eine Ansicht größerer Bilder und deren Hintergrund, click the pic)US-Polizisten suspendiert: Brutaler Pfefferspray-Einsatz löst Empörung aus Video – FOCUS OnlineInterview mit OpfernACAB Teil 01:…

  10. Schneidi sagt:

    Wasn das fürn Artikel?

    So what?

    Nennen wirs um in Chillispray oder einfach “Capsaicin basiertes Reizspray” is doch komplett wurscht, man wird es weiterhin einfach Pfefferspray nennen weil es sich nunmal eingebürgert hat.

    Und lieber Pfefferspray als Knüppel, Taser oder Schusswaffe.
    Be careful what you wish for!

    Nebenbei empfehle ich jedem Demonstranten einfach das Gegenmittel mitzuführen.
    http://www.asmc.de/de/Ausruestung/Security/Abwehr/Pfeffersprays/Cool-It-p.html

    Dieses Aufhängen an einzelnen Begriffen ist wirklich albern. Die Polizei hats nicht erfunden und den Namen nicht vergeben.

  11. SunTsu sagt:

    Ergänzend muss man noch dazu sagen daß Schärfe kein Geschmack ist sondern ein Schmerzempfinden, Capsaicin reizt die Nerven, und man spürt Schärfe als Hitzeschmerz, weshalb das Ganze im Englischen ja auch “hot” heisst.

    Eine Habanero ist für einen Normalsterblichen, also nicht besonders daran gewöhnten Menschen, ein unvorstellbarer Schmerz, was 2 Millionen Scoville anrichten möchte man nicht am eigenen Leib erfahren.

    Es gibt durchaus auch käufliche Capsaicin-Extrakte die im Bereich => 2 Millionen Scoville liegen, ich habe das auch schon ausprobiert, mit ein paar wenigen Tropfen in einem großen Topf Soße, das Ergebnis war auch für mich als (essensmäßig) “trainierten” Menschen die Hölle und kaum auszuhalten.

  12. Markus H. sagt:

    Fein, fein. Jetzt warte ich noch auf den angesichts des momentan rollenden (oder mitunter stehenden) CASTOR-Transportes noch auf die Behandlung des sogenannten “Wasserwerfers” (=Hochdruck-Wasserkanone)

  13. nachgetragen sagt:

    Nicht inhaltlich, sondern sprachlich (geht hier ja schließlich um die Verwendung von Sprache):
    “Die Benennung Pfeffer kommt wohl vom englischen Chilipepper, was Chilischote meint. Eine miese Übersetzung also.”

    Miese Übersetzung ist es auch, “to mean” mit “meinen” zu übersetzen. Ein Begriff “bedeutet” noch immer etwas, anstatt eine Meinung zu vertreten.

  14. DrNI sagt:

    “Das von der Polizei verwendete P. hingegen erreicht auf dieser bis zu zwei Millionen Einheiten.”

    Es kommt aber wie bei der Chilischote eben auch auf die Dosierung an. Wenn ich das wikipedianische Weltwissen verstehe, kann man die Scoville-Skala als Verhältnismaß von Wasser zu Capsaicin verstehen. Allerdings macht die Dosis ja das Gift, das weiß jeder, der gerne scharf kocht. ;) Im Weltwissen ist P. übrigens mit 5,3 Millionen Scoville verzeichnet.

  15. Manuela sagt:

    Pfefferspray soll sogar gegen Kopfschmerzen helfen: http://www.pfefferspray-versand.de/news/ratgeber/pfefferspray-gegen-kopfschmerzen-381.html : Wer meldet sich freiwillig? :)

  16. Kai Biermann sagt:

    @nachgetragen

    danke, erledigt

  17. [...] Pfefferspray » Euphemismus, Polizei, Schutzwaffe, Übersetzung, Waffe » neusprech.or… | Angesichts der Konzentration, in der die Polizei diesen Stoff einsetzt und der daraus resultierenden brutalen Wirkung, darf die Verwendung des Begriffes jedoch als grob fahrlässig gelten. [...]

  18. Torsten sagt:

    Tränengas.

    Senfgas.

  19. [...] Pfefferspray, das latürnich kein Pfefferspray [...]

  20. ma_il sagt:

    @Torsten
    Tränengas fiel mir auch gerad ein. Da denkt man auch eher an Kinder, die wegen einer Lapalie weinen als an einen Kampfstoff.
    Und Senfgas ist auch grossartig, Senf ist ja schliesslich lecker ^^

  21. Brundlefly sagt:

    Ich begrüße ja den Ansatz dieses Blogs, Herrschaftssprache auch als solche zu enttarnen aber hier geht die Kritik übers Ziel hinaus.

    Genauso wie die Begriffe “Senfgas” oder “Salzsäure” sagt der Begriff “Pfefferspray” eben Nix über die Gefährlichkeit der Substanz aus, sondern über Grundstoffe/Sytheseprozesse/etc.
    Man könnte das Zeug natürlich korrekt übersetzt “Chilispray” nennen aber das wäre bzgl. der Gefahr genauso wenig aussagekräftig. Und im Gegensatz zu Begriffen wie “alternativlos” etc. wird hier m.E. auch nicht versucht, durch die Bezeichnung “Pfefferspray” einen Kunstbegriff zu etablieren um Harmlosigkeit zu suggerieren. Sonst würde diese Substanz sicherlich nicht auch unter diesem Namen kommerziell vermarktet, denn bei Werbung für Selbstverteidingungswaffen geht es ja nicht darum den Eindruck einer harmlosen Substanz zu erwecken, sondern im Gegenteil. Trotzdem heißt das Zeug auch im Handel seit Jahrzehnten Pfefferspray.

  22. siegfried sagt:

    @bundlefly: das meine ich auch. Als wichtige Analyse im Text fehlt aus meiner Sicht, wo denn der Begriff herkommt, wer ihn also erschaffen hat. Wenn man dabei herausfindet, dass z.B. die Polizei anfing, diesen zu verwenden, dann hätte man damals von Neusprech sprechen können.
    Heute ist dies ein fester Begriff und somit aus meiner Sicht kein Neusprech.
    Des Weiteren kann ich für mich sagen, dass ich beim Wort Pfefferspray nicht an “gutes Essen und heimelige Küchen” denke. Nach meinem Empfinden ist das Wort Pfeffer in der deutschen Sprache tendenziell eher negativ besetzt. So wünscht mein einen Pfeffersack, der gepfefferte Preise für seine Waren nimmt, gern dorthin, wo der Pfeffer wächst oder man möchte ihm einfach ordentlich Pfeffer geben.

    Mir scheint der Artikel eher eine durch aktuelle Einsätze motivierte (und auch berechtigte) Meinungsäußerung gegen die Nutzung von Pfefferspray als eine “Neusprech-Analyse” zu sein.

  23. Michaela sagt:

    Wer wie ich mal auf einer Demo eine gute Salve abbekommen hat kann davon ein Lied singen… Und wenn man Kontaktlinsen trägt (wie mein Freund) wirds noch schlimmer: http://www.pfefferspray-test.de/allgemein/was-hilft-gegen-pfefferspray-46.html

  24. [...] Suizid treibt? Wie schafft es ein Polizist, per Amtshandlung einem Mann mit einem Wasser/Pfeffer(?)spray-Gemisch die Augen [...]

  25. Anonymous sagt:

    über’n Weg ……

    ungeordnet ,unkommentiert, für les- , hör- und sehbar befunden … Darf man prügelnde Polizisten festnehmen? Christchurch Earthquake 2011 Light Stencils by Fabrice Wittner – “Enlightened Souls” Deutschland am finanziellen Wendepunkt? Internetsperr…

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