Qualitätsklassen

Eigentlich ein neutraler Begriff. Nur die Tatsache, dass er verwendet wird, um eine Verschlechterung zu verbergen und Kunden zu täuschen, qualifiziert die Q., gern auch Quality of Service genannt, als Neusprech. Es geht um Netzneutralität, darum also, dass bislang im Internet alle Inhalte gleich sind, keiner darf schneller (oder langsamer) befördert werden. Firmen wie die Telekom, denen die Leitungen gehören, finden das doof, könnten sie doch mit Wegelagerei Zollschranken noch viel mehr Geld verdienen. Daher wollen sie bestimmte Inhalte schneller befördern als andere – gegen Geld, versteht sich. Als plakatives Beispiel werden dann gern Daten aus einem Operationssaal genannt. Doch so funktioniert das Netz nicht. Kunden, die sich eine DSL-6000-Leitung mieten, erhalten (wenn sie Glück haben), alle Daten mit einer Rate von sechs Megabit pro Sekunde. Schneller geht es nicht, langsamer schon. Q. also meint, dass einige Inhalte, für die Anbieter viel Geld bezahlt haben, weiter mit der bislang für alle verfügbaren Geschwindigkeit zum Kunden gelangen. Der Rest wird gebremst und so langsamer. Qualität im klassischen Verständnis von Güte sieht anders aus.

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Kommentare

10 Reaktionen zu "Qualitätsklassen"

  1. Das ist beim “Qualitätspakt” nicht anders.

  2. Hans sagt:

    Man vergisst aber auch in der ganzen Debatte schnell das QoS auch für zeitkritische/nicht verbindungsorientierte Datenströme technisch notwendig ist.

  3. dernick sagt:

    Schön polemischer Eintrag, aber fachlich unzureichend.

    “Kunden, die sich eine DSL-6000-Leitung mieten, erhalten (wenn sie Glück haben), alle Daten mit einer Rate von sechs Megabit pro Sekunde.”

    Der DSL Anschluss ist lediglich die letzte Meile zum Kunden hin. Hier kann auch jeder Kunde mit entsprechender Hardware schon seinen (ausgehenden) Traffic priorisieren. Die Möglichkeiten (sowohl positive als auch negative) von QoS innerhalb der Providernetze sind die eigentlich interessanten.

    “Schneller geht es nicht, langsamer schon.”

    Hier wird von “schneller” im Sinne von einer höheren Bitrate gesprochen. Dabei wird völlig vernachlässigt, dass ein wichtiger Vorteil von QoS die Priorisierung von Echtzeitdaten ist. Und diese Priorisierung ist (bei einem ausgelasteten Netz, wie es innerhalb des Providernetzwerks anzunehmen ist) unabhängig von der Bitrate.

    “Qualität im klassischen Verständnis von Güte sieht anders aus.”

    Falsch, man bekommt durch QoS eine höhere (Dienst) Güte für Echtzeitanwendungen. Sprich niedrigeres Delay und weniger Jitter.

    QoS/Netzneutralität ist ein heikles Thema, aber ich halte nichts davon einfach die positiven Punkte unter den Tisch fallen zu lassen.

  4. Kai Biermann sagt:

    Sehr geehrter dernick,

    Sie haben völlig Recht, QoS hat positive Seiten, beispielsweise das Filtern von Spam.

    So aber, wie der Begriff von den Telcos in der Debatte verwendet wird, bezieht er sich auf die Durchleitungsgeschwindigkeit. Wer viel zahlt, bekommt eine hohe Qualitätsklasse, sein Inhalt wird mit Priorität weitergeleitet. Das heißt aber nur, er wird mit der technisch maximal möglichen Geschwindigkeit transportiert. Es wird keine “Sonderqualität” im Sinne besserer Leitungen geben. Der Kunde bekommt dann, was das Netzwerk sowieso zu leisten vermag.

    Die Bitrate ist dabei nur ein Beispiel für “was das Netzwerk sowieso leisten kann”.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

  5. Volker sagt:

    Fachlich geht hier einiges durcheinander.
    QoS ist ein alter Begriff der Nachrichtentechnik, der die technischen Parameter und deren Sollwerte einer bestimmten Dienstleistung beschreibt. Je nach Dienstleistung handelt es sich um die unterschiedlichsten Parameter (bei VoIP z.B. Sprachqualität, Verbindungsaufbauzeit, Rate der Verbindungsabbruchs etc.). Wichtig ist, dass es sich immer um eine Ende-zu-Ende-Aussage handelt. (Bei VoIP Mund-zu-Ohr).
    Die Telcos verwenden den Begriff bezogen auf ihre Dienstleistung, nämlich einen Zugang zum Internet bereitzustellen (ISP). Dabei bezieht sich die Aussage nur auf den Teil der Leistung, die sie selbst erbringen. Auf das Internet bezogen also nur auf einen Verbindungsabschnitt. Netzabschlusspunkt beim Kunden bis hin zum Übergang zu andere Teilnetze des Internet. Also Peerings, z.B. DE-CIX. Meist ist aber nur die letzte Meile, der DSL-Zugang des Kunden gemeint. Streng genommen ist es gar keine QoS, da nicht Ende-zu-Ende, sondern vielmehr eine Beschreibung der übertragungstechnischen Eigenschaften eines Verbindungsabschnitts. Gemeint ist eher eine Network Performance oder auch Verkehrsklasse. Auf keinen Fall ist ein Internetzugang gemeint so wie ihn ein Endkunde versteht (also z.B. welche Downloadraten habe ich vom Server xy).
    Es handelt sich um eine Darstellung der Qualität der Dienstleistung, auf die der Anbieter einen direkten Einfluss (sein eigens Netz) hat. Die vollständige Verbindung über das Internet erfasst diese Beschreibung nicht. Der Endkunde nimmt dies aber vermeintlich an.
    Mit Netzneutralität hat das gar nichts zu tun. Da geht es darum, dass diskriminierend auf die Inhalte der Kommunikation eingeriffen wird. Z.B. Unterbindung bestimmter Dienste (Port Blocking), Priorisierung bestimmter Dienste wie VoIP usw. Das hat aber erstmal nichts mit QoS zu tun, sondern mit der Ausgestaltung der Dienstleistung (Internetzugang). Es ist dann eine Policy und nicht QoS. Die Gemeinsamkeit mit QoS ist, dass bestimmte Mechanismen des Netzmanagement mit denen der Verkehrsfluss gesteuert wird (und damit auch QoS) für Zwecke der Filterung, Drosselung und Blockierung verwendet werden und damit einen Bruch der Netzneutralität herbeiführen.
    Wenn man also irgend etwas als Neusprech identifizieren will, dann den Begriff “Internetzugang”. Die Telcos bieten nämlich nicht einen Internetzugang im eigentlichen Sinne an (alle Protokolle der TCP/IP-Suite werden unterstützt, das Netz ist diskriminierungsfrei und Dienstneutral usw.) sondern einen speziellen IP-basierten Netzzugang, der eine Konnektivität mit dem Internet erlaubt. Diese Konnektivität ist aber bei den Anbietern unterschiedlich und richtet sich nach deren Verständnis/Leistungsbeschreibung.
    Dies geschieht technisch gesehen durch die Verwendung von Qualitätsklassen. Das ist nichts Neues und war auch schon immer so. Um bestimmte Qualitäten zuzusichern (z.B. Priorisierung von Echtzeitanwendungen), müssen die Netzressourcen für diese Anwendungen pririsert werden und andere Anwendungen gedrosselt/blockiert werden. Der Netzzugang wird auf eine bestimmte Qualitätsklasse optimiert. Verglichen mit dem Internetzugang als Zugang zu einer Multidiensteplattform auf Best effort-Basis stellt das natürlich eine Qualitätsverschlechterung dar. Das ist aber nichts Neues. Wenn ein Netz eine bestimmte Dienstleistung mit einer zugesicherten Qualität unterstützen soll, müssen die Netzressourcen nur auf diese Leistung verwendet werden und andere Dienstelistung fallen logischerweise wegen fehlender Ressourcen hinten runter.
    Der eigentliche Neusprech-Begriff ist aus meiner Sicht der Internetzugang, nicht Qualitätsklasse.

    Was die Bezahlung von Inhalteanbietern für einen besseren Transport ihrer Inhalte angeht (Google-Verizon), so geht es hier eher um besondere Peering-Abkommen, aber nicht um Qualitätsklassen des Endkunden, sondern um die Konnektivität des Internetzugangs.

  6. Kai Biermann sagt:

    Danke für den ausführlichen Kommentar. Interessanter Gedanke, dass Internetzugang das eigentlich relevante Wort ist!

    Lg
    K

  7. Robert sagt:

    “Q. also meint, dass…” — ist das nicht auch lieblos aus dem Englischen herübergezogener Neusprech? “Q. bedeutet…” Ein Begriff hat eine Bedeutung, keine Meinung.