Säuberung

Auch Säuberungsaktion oder Säuberungswelle. Politischer Zynismus; Euphemismus. Es geht nicht darum, irgendetwas zu reinigen. Beziehungsweise bezieht sich die Reinigung hier auf das Entfernen missliebiger Menschen aus Ämtern oder aus dem Leben. Die S. umschreibt das Entlassen, Verhaften, Foltern, ja im Zweifel Töten von Menschen, die den jeweiligen Machthabern unbequem sind oder gefährlich erscheinen. Der Ausdruck legt nahe, dass die Sache der Herrscher sauber, die Forderungen ihrer etwaigen Kritiker jedoch schmutzig ist und diese deshalb beseitigt werden müssen. Die positiv besetzte Reinigung wird missbraucht, um die Verletzung von Menschenrechten wie der Meinungsfreiheit zu kaschieren. Gleichzeitig wird suggeriert, es gäbe so etwas wie eine reine, eine bessere Gesellschaft, wenn man nur all jene entferne, die nicht dem gerade geltenden Reinheitsideal entsprechen. Das Ideal ist dabei beliebig. Ziel der S. kann es sein, Menschen mit der falschen Hautfarbe, der falsche Religion oder dem falschen Bildungsgrad auszugrenzen. Aber es könnte genauso alle Rothaarigen treffen. Oder alle Brillenträger. Die Absurdität des Begriffes S. demonstrierte der Regisseur Luc Besson in seinem Film „Nikita“. Dort stellt sich Jean Reno vor mit den Worten: „Victor. Reinigungsmann.“ Er hält dabei in jeder Hand den Fuß eines Toten. Deren Leichen schleift er anschließend ins Bad und löst sie in der Wanne in Säure auf. Steigerungsform  Säuberung, ethnische. Unwort des Jahres 1992.

Abgelegt in: Politik, allgemein

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

6 Reaktionen zu "Säuberung"

  1. Frank sagt:

    „Vielleicht sollte man sich Putzmetaphern in Bezug auf Menschen besser ganz verkneifen.“

    Quelle: Die blutige Wahrheit hinter dem Wort „Säuberung“
    http://www.welt.de/kultur/article141098425/Die-blutige-Wahrheit-hinter-dem-Wort-Saeuberung.html

  2. Pingback von:

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  3. Jen sagt:

    Lieber Kai Biermann,
    danke für den Beitrag. Ein Bezug zur deutschen faschistischen Geschichte wäre m.E. hier noch wichtig. Und, die Aussage: „Aber es könnte genauso alle Rothaarigen treffen. Oder alle Brillenträger“ erscheint angesichts der historischen Faktenlage als überaus surreal. Dem ist eben nicht so. Rassismus und politische Verfolgung sind eben in Machtgefüge eingebunden.
    Mit freundlichen Grüßen

  4. Hannes Naumann sagt:

    Na da können wir ja froh sein, dass Bitten sich weiterer öffentlicher Äußerungen zu enthalten oder Rücktrittsforderungen, die an Personen gerichtet sind, welche eine abweichende Meinung (nicht Hautfarbe, Religion oder Bildungsstand!) haben, _nicht_ als Versuche einer politischen Säuberung bezeichnet werden.

  5. Martin Däniken sagt:

    „Cleaningwoman“-„Reinemachefrau“ „Wenn die Gondeln ..-achnee- Tote tragen keine Karos“
    Wenn der
    Held ausrastet bei den vorgenannten Bezeichnungen und mit den Nazis aufräumt!,dabei schier unmenschliche Stärke entwickelt.
    Mal darauf geachtet wie sauber manche US-TVFilm-Produktion moralisch wie optisch daher kommt und realitischere Produktion werden gerne als schmutzig Links/Sozialistisch/Liberal bezeichnet und andererseits der
    9/11 1973 passierte?!

  6. Simone sagt:

    Leider heute wieder so aktuell wie nie zuvor in der Türkei… :-(
    Vielleicht erlebt es zum 25. Jubiläum im nächsten Jahr eine Renaissance als Unwort des Jahres. Wäre definitiv kein Grund zum feiern…