schonungslos

Sich nicht zu schonen, ist ein gefährliches Konzept. Jeder braucht schließlich ab und zu Ruhe und Erholung, sonst geht er kaputt. Weshalb der Begriff auch im Sinne von kalt und unmenschlich verstanden wird. Trotzdem ist s. in der Politik beliebt. Denn es signalisiert, dass sich dort jemand mit all seiner Kraft für eine Sache einsetzt, oder das zumindest behauptet. Es sollte allerdings skeptisch machen, dass es in der politischen Alltagssprache ein ganzes Rudel Synonyme dafür gibt: bedingungslos, lückenlos, rückhaltlos, vorbehaltlos – immer geht es darum, jeden Zweifel am Gesagten zu zerstreuen. Als besonders lückenlose Form der schonungslosen politischen Handlung hat Roland Koch gar einst die brutalstmögliche Aufklärung erfunden. Und damit vor allem bewiesen, dass das sprachliche Bild längst abgenutzt ist. Denn es genügt offensichtlich nicht mehr, etwas aufzuklären, aufzudecken, offenzulegen oder zu enthüllen. Immer muss es gleich der Superlativ sein. Trauen wir Politikern nicht mehr, wenn sie etwas sagen? Trauen sie sich selbst nicht? Oder wollen sie gar etwas anderes sagen, wenn sie den Ausdruck s. benutzen? Die Befürchtung zumindest verwundert nicht. Denn wer so unterstreicht, dass er sich und andere bei der Aufdeckung von Fehlern nicht schonen will, hat unter Umständen genau das vor und möchte lediglich davon ablenken.

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Abgelegt in: Politik, allgemein

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Reaktionen

7 Reaktionen zu "schonungslos"

  1. Hans Hütt sagt:

    “Schonungslos” ist ein schlüpfriges Wort auf dem Weg in die Barbarei, Ausdruck einer Verwilderung des Politischen. In der Tat verbirgt das “schonungslose” Reden den Versuch vorsätzlicher Täuschung.

    Forstwirte, die Erfinder des nachhaltigen Wirtschaftens, wackeln mit den Ohren, wenn sie Politiker schonungslos reden hören. Was wären sie, was würde aus der Forstwirtschaft ohne Schonungen?

    Was wächst in vielen Schonungen? Der Eigensinn der Bilder bringts an den Tag. Einen hinter die Fichten zu führen heißt, ihn hintergehen zu wollen. Schonungslos.

  2. Wurstauge sagt:

    Ich setz mich für das Verbot jeglicher Namensnennung ein!

  3. okasch sagt:

    “schonungslos” sollte / darf man vor allem mit dem eigenen “Ego” verfahren – insofern eigentlich ein vorzügliches Wort für Politikerkreise…

  4. Autolykos sagt:

    …nur dass die bevorzugt dann schonungslos vorgehen, wenn es andere trifft. Bei ihnen und ihresgleichen ist hingegen ein behutsameres Vorgehen deutlich öfter zu finden (wenn nicht überhaupt nur “Handlungsfähigkeit demonstriert” wird).

  5. okasch sagt:

    gewiss, gewiss, dieses Schauspiel kann man sehr oft beobachten (nicht nur in Politikerkreisen).

  6. dieta sagt:

    Im American Football gibt es eine sogenannte Two-Minute-Warning: Der Schiedsrichter weist zwei Minuten vor dem Abpfiff darauf hin, dass das Ende des Spiels gleich erreicht ist. In politischen Reden gibt es eine solche Warnung leider nicht, dabei wäre sie bei dem I. durchaus angebracht. Denn die Wortkonstruktionen mit ,Täter‘ haben damit nahezu das Ende ihrer möglichen Steigerungen erreicht. Aus dem stinknormalen Täter wurde dabei zunächst ein Rückfalltäter. Der Ausdruck lässt noch offen, wie oft der Betreffende rückfällig geworden ist, ein Rückfalltäter ist er wohl ab dem ersten Rückfall. Die nächste Stufe, der Wiederholungstäter, geht da schon weiter und weist auf eine gewisse Regelmäßigkeit hin. Doch scheint auch dieser Begriff noch nicht genug Bedrohungspotenzial zu besitzen, daher haben sich Polizisten und Politiker den I. ausgedacht . Der ist demnach also ein Krimineller, der etwas nicht nur regelmäßig, sondern auch noch sehr häufig wiederholt. Oder sehr gründlich? Oder besonders eindringlich? Auch das kann intensiv schließlich heißen. Wir wissen es nicht, denn das Erstglied intensiv steigert hier quantitativ und qualitativ. Was wir wissen ist, dass sich der Täter auf diese Art nur noch ein Mal steigern lässt, zum Intensivsttäter. Danach ist Schluss und diejenigen, die dramatische Ausdrücke für Kriminalität suchen , müssen sich nach einer neuen Hyperbel umsehen.