Steuerentlastung

Sie war eine Lüge, oder um es freundlicher zu formulieren, ein nicht einlösbares Versprechen. Nun gibt es sie nicht mehr, die Bundeskanzlerin hat sie beerdigt. Doch darum soll es gar nicht gehen. Denn die S. ist noch mehr. Sie ist a) Unsinn, denn nicht die Steuer wird von irgendetwas entlastet, sondern vorgeblich der Steuerzahler; es müsste also eigentlich Steuerzahlerentlastung heißen. Doch ist sie b) auch noch der Versuch, Wähler für dumm zu verkaufen. Steuern sind die Basis unseres Gemeinwesens, sie sind die von allen akzeptierte Übereinkunft, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten beiträgt (beisteuert), damit es allen besser geht. Steuer kommt vom althochdeutschen stiura und meint ‚Hilfe‘. Steigt sie, ist es eine Erhöhung, sinkt sie, eine Senkung. Aber eine Entlastung? Der Einzelne mag die Steuern als Last empfinden, kein Problem. Eine Regierung aber sollte sie nicht als solche definieren und in diesem Zusammenhang besser nicht von Abkassieren reden. Denn was sagt sie damit? Doch wohl, dass sie selbst nicht einsieht, wozu sie das ganze Geld noch braucht: Kommt, Ihr armen Beladenen, wir haben keine Ahnung, warum Euch all diese Steuern aufgebürdet wurden, war wahrscheinlich so eine Schnapsidee der SPD. Wir nehmen Sie Euch nun von den gebeugten Schultern. Freuet Euch und keine Sorge, wir kriegen das trotzdem hin. Äh, wir bräuchten dazu nur hier noch eine kleine Maut und da noch einen unbedeutenden kassenindividuellen Zusatzbeitrag und vielleicht dort noch ein paar Studiengebühren, dann wird das schon. Bei der bösen Wirtschaft nennt man so eine intransparente Umschichtung Gebührendschungel oder eine Sauerei und mahnt sie ab.

Abgelegt in: Finanzen

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

13 Reaktionen zu "Steuerentlastung"

  1. Wieso *muss* es “Steuerzahlerentlastung” heißen?
    Bei der “Schwermetallbelatung” ist auch die Umwelt/derBoden/die Luft/der Salat/wasweißichwasnochalles belastet, aber nicht das Schwermetall. Es ist eben die Belastung *mit* irgendetwas, nicht die Belastung irgendwessen. Beide Bildungsweisen sind möglich, sich die “falsche” Deutung herauszusuchen riecht nach einem absichtlichen Missverständnis á la Sick und Konsorten.

  2. Martin Haase sagt:

    Mit der Schwermetallbelastung habe ich kein Problem: die Beziehung ist instrumental-komitativ, solche Beziehungen sind ja üblich, aber bei “Steuerentlastung” haben wir es mit dem außergewöhnlichen Fall einer Privativinterpretation, die schon auffällig ist. Als Linguist möchte ich im Gegensatz zu Sick natürlich nicht normativ sein. Ich beobachte das nur, und da erscheint mir Steuerentlastung abweichend. Irgendwie fehlt da eine Leerstelle: Entlastung von Steuern. Ich hätte es Bürgerentlastung genannt. :-) Wenn dir dazu mehr einfällt, wäre ich für Hinweise dankbar. Eventuell würden auch ähnliche Bildungen helfen.

  3. Biologin sagt:

    dem Verb “steuern” wohnt auch die Bedeutung “Richtung geben” inne, wie jeder Autofahrer weiß. Und diese Richtung heißt seit Jahrzehnten: Umverteilung der Steuern/Belastungen von unten zugunsten derer da oben.
    Wen wundert da die sog. “Wahlmüdigkeit”, die sich ausreichend dadurch erklärt, daß dieser Trend ungebrochen bleibt, unabhängig davon, wer gewählt wird? Denn wer gewählt wird, zählt eben zu denen da oben und entscheidet entsprechend.

  4. Aber nur weil diese Beziehung “außergewöhnlich” ist, ist sie doch weder falsch noch wirklich irreführend. Ich glaube nicht, dass der linguistisch unverbildete Muttersprachler durch dieses Kompositum (absichtlich oder nicht) in die Irre geführt wird.

  5. Nikolaus G. Bauers sagt:

    Bei mir als Mensch löst die Aussicht auf eine Entlastung von Steuer(pflichte)n echte Freude aus; üblicherweise wird diese aber sogleich mit schlechtem Gewissen überzogen durch die Behauptung, die SE müsse “finanziert” werden.
    Geschickt gemacht, denn in Wirklichkeit muss nicht die Entlastung finanziert, sondern es müssten die Ausgaben des Staatswesens vermindert werden. Das würde ja fast schon Hoffnung auf die in Wahlkämpfen (und allerdings nur dort) gern propagierte Entbürokratisierung wecken.

  6. Stephan sagt:

    Ich kann Jan nur zustimmen, und ich wundere mich sehr, dass Martin den Eintrag nicht überarbeitet. Mich nervt auch, wie Martin versucht, Jans Kritik mithilfe von Imponiersprache abzuwimmeln.

    Bei Zusammensetzungen gibt es nun wirklich sehr verschiedene Möglichkeiten, wie die einzelnen Komponenten logisch miteinander in Beziehung stehen. Da ist eigentlich alles möglich. Und “Steuerentlastung” ist nicht wirklich irreführend. Sprache funktioniert nicht wie Mathmatik, sie hat ihre eigene Logik, und man kann durchaus darauf vertrauen, dass die Sprecher “mitdenken”. “Bürgerentlastung” übrigens wäre viel zu unspezifisch. So eine Zusammensetzung könnte man spontan bilden, wenn man eben ganz allgemein von einer Entlastung der Bürger reden möchte. Aber als “Schlagwort” für Erniedrigung von Steuern völlig untauglich. “Steuererniedrigung” wäre ziemlich unschön. Was gäbe es überhaupt für Alternativen zu “Steuerentlastung”?

    Hier betreibt neusprech.org eine Art verkrampfte Sprachpädagogik, die man aus eher unwissenschaftlichen Kolumnen kennt. Das gilt leider auch für andere Einträge.

  7. Stephan sagt:

    Ich will noch etwas ergänzen: Diese Seite betreibt ja nicht reine Sprachkritik, sondern hat durchaus eine politische Agenda. Sie macht auf Manipulation aufmerksam, aber betreibt wohl auch eigene.

    Sehr interessant der Aufbau des Eintrags:
    “Sie war eine Lüge [...] S. ist noch mehr. Sie ist a) Unsinn [...] b) auch noch der Versuch, Wähler für dumm zu verkaufen.”

    Das ist wirklich ein erstaunlicher Beginn, denn wie soll man die Lüge noch steigern? Angeboten wird: Unsinn (a) und Verdummung (b) – beides würde nach meinem Empfinden nicht über die Lüge hinausgehen. Aber beides ist auch schlecht begründet. Natürlich legt das Grundwort “Entlastung” den Fokus auf den Einzelnen und blendet die Allgemeinheit aus. Aber auch das ist ein ganz normales und auch erwünschtes Phänomen von Sprache. Dass der Leser/Hörer durch einen einzigen Begriff “für dumm verkauft” wird, ist doch sehr fragwürdig. Der Begriff “Steuerentlastung” ist keinesfalls dumm, sondern sehr geschickt gewählt.

  8. Stephan sagt:

    Martin schrieb:
    “Irgendwie fehlt da eine Leerstelle: Entlastung von Steuern.”

    Man kann es auch so deuten: Entlastung durch (verminderte) Steuern.

  9. Martin Haase sagt:

    @Stephan: Meine Antwort an Jan ist keineswegs „imponiersprachlich“. Jan ist genau wie ich Linguist, daher habe ich in der Antwort mal Fachtermini verwendet, sonst ist das Blog nicht wissenschaftlich orientiert, sondern (sprach-) politisch. Und natürlich sind politische Texte nicht frei von Rhetorik. „Entlastung durch Steuern“ ähnelt übrigens frappant dem Orwellschen „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Ignoranz (eigentl. Unwissenheit) ist Stärke“. Ich stimme übrigens zu: „‚Steuerentlastung‘ ist keinesfalls dumm, sondern sehr geschickt gewählt.“ Genau das ist ja das Wesen von Neusprech: geschickt gewählte PR-Sprache.

  10. Stephan sagt:

    Okay, das ist hier kein Wissenschaftsblog, aber der Kommentar “nicht die Steuer wird von irgendetwas entlastet” ist doch arg an der Schmerzgrenze.

    Ähnlich eine andere Bemerkung unter dem Stichwort “Nacktscanner”:

    “Oder gar Sicherheitsscanner, wogegen man ja nun gar nichts haben kann, denn Sicherheit will doch schließlich jeder (auch wenn nicht klar ist, wie man die scannen kann).”

    Sorry, aber damit disqualifiziert ihr euch. Das ist schlimmer als Sick.