Mit ‘Oxymoron’ getaggte Artikel

Konservativismus, aufgeklärter

Mittwoch, 07. Dezember 2011

Der K. entstand einst als Gegenbewegung zur Aufklärung. Er basiert auf dem Gedanken, dass die menschliche Vernunft, das zentrale Konzept der Aufklärung, unzulänglich ist im Verhältnis zu Gott.

Ein konservatives Volkslied über die “thörichte Aufklärung” fordert zum Beispiel:

O laßt mich doch bei meiner Bibel,
laßt mich in meiner Dunkelheit,
denn ohne Hoffnung wird mir übel
bei dieser aufgeklärten Zeit,
und ohne Hoffnung bin ich hier
ein elend aufgeklärtes Thier.

Wir halten fest: Die Aufklärung war ursprünglich das Feindbild des K., wünschte diese doch die „Befreiung vom Aberglauben“ und „die Maxime, jederzeit selbst zu denken“ (Kant). Der K. hingegen legt Wert auf ein wenig Dunkelheit, auch wenn das heute lieber als Bewahrung althergebrachter Werte verbrämt wird. Eine durchaus geschickte Umdeutung. Nicht mehr um die Ablehnung alles Neuen geht es nun, sondern um die Bewahrung von ein wenig Altem.

Doch scheint inzwischen auch das nicht mehr zu genügen. Der gemeine Konservative sieht sich und seine Haltung offenbar noch immer nicht genug gewürdigt. Das Magazin „Der Spiegel“ versucht sich daher an der Definition eines aufgeklärten K. Der Feind wird nun umarmt. Zumindest unterstellt das Magazin, der Verteidigungsminister wünsche sich einen solchen für seine christliche Partei. Es darf als unwahrscheinlich gelten, dass sich das Feindbild der Konservativen gewandelt hat. Denn Konservativismus ist eben nicht aufgeklärt und wird es auch nicht dadurch, dass ihm ein entsprechendes Adjektiv als Attribut zur Seite gestellt wird. Technisch ist das ein Oxymoron. Politisch ist es eine Tarnung, um Menschen zu täuschen. Das hat Methode, wird der Minister bei „Spiegel Online“ doch zugleich als moderner Konservativer bezeichnet. Beileibe keine neue Idee. Und mindestens ebenso verräterisch wie der mitfühlende Liberalismus, den die FDP ausgerufen hat.

Quellen-Telekommunikationsüberwachung

Dienstag, 18. Oktober 2011

Kommunikation heißt, dass ein Sender (Quelle) Informationen an einen Empfänger (Ziel) übermittelt. Wir haben uns leider längst daran gewöhnt, dass es zum Arsenal kriminalistischer Methoden gehört, Kommunikation zu überwachen, obwohl dabei oft auch Privates belauscht wird. Durch Computer vermittelte Kommunikation abzuhören, ist dabei sogar noch leichter. Es müssen gar keine Wanzen mehr eingebaut werden, die Computer selbst werden zur Wanze, siehe die Quellen-T., gern als Quellen-TKÜ abgekürzt. Sie nutzt die einzigartige Möglichkeit der Computertechnik, an der Quelle mitzulesen. Genau dann also, wenn die Telekommunikation noch gar nicht begonnen hat. Die Quellen-T. ist somit ein Oxymoron, denn wenn gelauscht wird, bevor die Daten den Empfänger erreichen, liegt noch gar keine Kommunikation vor. Gleichzeitig ist der Begriff ein Euphemismus für Überwachung, noch dazu für eine heimtückische Form. Bei zwischenmenschlicher Kommunikation ist die Quelle ein Mensch. Dieser Mensch wird hier von seinem Computer bespitzelt, von einem System, von dem das Bundesverfassungsgericht sagt, dass wir ihm vertrauen können müssen. Der terminus technicus täuscht somit darüber hinweg, dass der Staat die Technik in unseren Händen gegen uns wendet.

Gleichzeitig sind Computer nicht nur Übermittler von Daten. Sie sind auch der Ort, an dem unsere Gedanken zu Information gerinnen, der Ort, an dem aus unseren Visionen Pläne werden. Da Computer inzwischen als Erweiterungen unseres Gehirns gelten können, gehört die Q. dann wohl in die Waffenkammer einer Gedankenpolizei.

Aufklärung, brutalstmögliche

Dienstag, 27. September 2011

A. ist vor allem durch Vernunft zu erreichen – zumindest war das die Idee des gleichnamigen Zeitalters. Vernunft ist eine menschliche Begabung; brutal hingegen bedeutet ‚tierisch‘ und ‚unvernünftig‘, also das genaue Gegenteil von aufklärerisch. Brutale A. ist somit bereits ein Oxymoron, ein Widerspruch. Die übertreibende (hyperbolische) Steigerung zu brutalst und das überflüssige (pleonastische) -möglich machen den Ausdruck gänzlich unmöglich. Wer eine brutalstmögliche A. verspricht, könnte ebensogut eine hellstmögliche Verdunklung versuchen.

Das alles ist zwar schon eine Weile her, die Wortwahl aber verdient bis heute Beachtung. Wer sich solchen Nonsens einfallen lässt, drückt vor allem aus, dass er weder das eine noch das andere will. Dass die unvernünftige A. zum geflügelten Wort wurde, beweist, dass jeder die Botschaft verstanden hat. Nun ja, fast jeder.

Versachlichung

Donnerstag, 21. Juli 2011

Ver|sach|lich|ung, die; Politik-Variante des im Sandkasten heulend gebrüllten: „ich will das nicht mehr hören, Ihr seid gemein.“ Wenn alle Argumente gegen einen Diskutanten sind, bildet die Forderung nach V. das letzte Mittel, denn sie enthält den indirekten Vorwurf, alle anderen hätten nicht etwa Recht, sondern seien lediglich unsachlich.

Was lustig ist, handelt es sich doch bei der V. um eine Ableitung von versachlichen, das auf das Adjektiv sachlich zurückgeht, das wiederum das Lehnwort objektiv verdeutscht. Eine versachlichte Diskussion oder gar Debatte ist also ein Widerspruch in sich, eine contradictio in adiecto, vielleicht sogar ein Oxymoron. Denn eine Diskussion zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass die vertretenen Standpunkte eben nicht objektiv sind.

Daher lautet die Biermann-Haase-Erweiterung von Godwins Gesetz: Je länger eine politische Diskussion dauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die V. derselben fordert. Beziehungsweise, in Anlehnung an Richard Sexton: Wenn jemand die V. einer politischen Debatte fordert, ist die Debatte beendet und der Forderer der argumentative Verlierer.

Prominente Beispiele: Vatikansprecher, die fordern, die Debatte um sexuellen Missbrauch in der Kirche solle doch bitte versachlicht werden, mit anderen Worten nicht immer nur von den bösen Priestern handeln; Atomkraftwerksbetreiber, die finden, das ständige Debattieren über eine zusätzliche Besteuerung ihres riskanten Tuns helfe nicht (vor allem nicht ihnen); Innenpolitiker, die verlangen, das Gerede über Nacktscanner müsse ein Ende haben, das schade der Sicherheit, oder die Vorratsdatenspeicherung solle nicht mehr so genannt werden, da werde man „komisch angesehen“.

Vgl. auch ähnliche Strategien der Argumentation: alternativlos und absurd.

Endlager

Mittwoch, 03. November 2010

Ach wär’ das schön, nicht wahr? Verzeihen Sie den Sarkasmus, aber ein E. ist ein ähnlich verheißungsvolles (und unerfüllbares) Versprechen, wie jenes, das die Bibel mit dem Himmelreich macht: ein Ort, an dem man aller Probleme ledig sei. Endgültig steckt darin und Ende. Hier wird Hoffnung verkauft, hier werden Lösungen vorgegaukelt und das nicht zu knapp. Dabei geht es um eine atomare Müllkippe. Die nicht einmal endgültig sein soll. Denn das strahlende Zeug – soweit ist die Einsicht bereits –, lässt sich nirgends so verklappen, dass es tatsächlich auf ewig 300 Jahre 40 Jahre keinen Schaden anrichtet. Also will man es auch wieder ausbuddeln können, vorsichtshalber. (Und in der berechtigten Annahme, dass der Kram irgendwann knapp und damit teuer wird, und man ihn ja auch in eine Wiederaufbereitungsanlage schaffen könnte). Insofern ist das E. nicht nur ein Heilsversprechen, also eine Zwecklüge, sondern auch eine contradictio in adiecto, beziehungsweise ein Oxymoron.

alternativlos

Donnerstag, 06. Mai 2010

Glaubt man der Bundeskanzlerin, dann ist derzeit eine Menge a.: das Finanzmarktstabilisierungsgesetz, das Sparprogramm des griechischen Staates, der Einsatz Krieg in Afghanistan, die NATO. Das Wort ist schwer in Mode. Schaut her, soll es ausdrücken, wir müssen das tun, wir können nicht anders, also hört auf zu jammern. Das kommt daher als eine, wie es hier so treffend heißt, “Politik des übergesetzlichen Notstandes”, oder auch als “Eingeständnis der Hilflosigkeit”. Aber stimmt das? Eher nicht, wie die dabei gern verwendete alternativlose Entscheidung zeigt: Die nämlich ist ein Oxymoron, eine Verknüpfung von Dingen, die sich widersprechen. Wäre die Situation ohne Alternative, also Wahlmöglichkeit, gäbe es nichts zu entscheiden. Gibt es aber eine Alternative und sei es nur die, das Gesetz/die Maßnahme/den Krieg eben sein zu lassen, steht auch eine bewusst getroffene Entscheidung dahinter. Wäre Politik also tatsächlich a., bräuchte es keine Politiker. Was zeigt, dass der Begriff auf keinen Fall hilflos ist. Er ist vielmehr eine glatte Lüge.

Nachtrag: Im Januar 2011 wurde alternativlos zum Unwort des Jahres 2010 gewählt.

Noch ein Nachtrag: Im März 2011 verwendete die Bundeskanzlerin statt alternativlos das Synonym unumgänglich, natürlich mit Bezug auf eine Reform – offenbar wirkt die Beschäftigung mit Neusprech.