überwiegend

Wenn eine Demonstration, um ein beliebtes Beispiel zu zitieren, „ü. friedlich“ war, was war sie dann? Friedlich? Oder war es nicht doch eher eine Demonstration, bei der es zu Ausschreitungen kam, mithin zu Gewalt und Festnahmen? Der Richter und Autor Franz-Benno Delonge fand in seinem Buch „Rückhaltlose Aufklärung“, ü. sei ein praktischer Ausdruck, wenn das Gegenteil von dem zutreffe, was gemeint sei. Recht hatte er. Denn das kleine Wort lässt ein geschicktes Ausweichmanöver zu: Es ist keine Lüge, allerdings verschleiert es gehörig, betont es doch einen Fakt, der für das Ereignis vielleicht gar nicht prägend war und lenkt damit vom Kern ab. Wenn politische Gespräche, um noch ein Beispiel anzuführen, das von Politikern gern verwendet wird, ü. konstruktiv verlaufen sind, kann man also getrost davon ausgehen, dass dabei auch gebrüllt wurde.

Abgelegt in: Politik, allgemein

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Reaktionen

20 Reaktionen zu "überwiegend"

  1. Kunar sagt:

    Das ist das erste Wort, bei dem ich bewusst widersprechen würde. Wenn bei einer Demonstration 10.000 Leute sind und sich davon 5 danebenbenehmen, wie beschreibt man die Demo dann? “Friedlich” stimmt ja nicht. “Demonstration, bei der es zu Ausschreitungen kam” ist aber ebenfalls problematisch, weil es dann leicht so klingt, als wäre nur Randale gewesen und die Taten der 5 Idioten das gute Benehmen der anderen überdecken. “Überwiegend friedlich” kenne ich tatsächlich als “wenn man einzelne Blödmänner abzieht, was es friedlich”.

  2. BruceMangee sagt:

    @Kunar
    Ich hab mir bis heute keine Gedanken darüber gemacht, aber “ü. friedlich” würde ich als eine Abwertung verstehen. Gerade bei deinem Beispiel könnte man doch einfach sagen, dass die Demonstration friedlich verlaufen wäre.

    Steckt hinter dem “ü. friedlich” in den Medien eine Absicht? Weniger Mitleid für die nicht “eigentlich nicht” friedlichen Demostationen? Die Polizei konnte nicht anders handeln?
    Ich schätze, ich muss mal stärker darauf achten in welchen Kontext das “ü. friedlich” benutzt wird. Ich habe dem bis jetzt wenig Beachtung geschenkt …

  3. Jürgen sagt:

    Das Etikett “ü. friedlich” ist eine versteckte politische Gemeinheit. Aus mehreren Gründen:

    a.) “Ü. friedlich” bedeutet natürlich, wie der Verf. richtig betont, “es ist zu Gewalttätigkeiten” gekommen. In einer zivilen Umgebung gehört Gewalt nicht zum Alltag, sondern stellt eine untolerierbare Grenzüberschreitung dar. Ein “ü. heiteres” Wetter ist sehr erfreulich, eine “ü. friedliche Geburtstagsparty” eine Katastrophe.

    b.) Leider gibt es kaum eine größere Demo ohne Prügeleien und Pflastersteine, dank einer gewaltbereiten Szene in allen größeren Städten. Kein Organisator kann verhindern, dass diese Leute die Demo für ihre Zwecke missbrauchen. Es ist ein journalistischer Missgriff, gewöhnliche Demos, die gewöhnlich friedlich sind, mit Gewaltakten in Verbindung zu bringen, die weder die Organisatoren organisiert haben und die auch nicht aus der Reihe der Demonstranten begonnen werden. Autonome Steinewerfer sind nicht zum Demonstrieren gekommen, sie sind Trittbrettfahrer.

    c.) Der übliche Frame, mit dem hierzulande über Demonstrationen berichtet wird, ist nicht demokratischer, sondern obrigkeitsstaatlicher Herkunft. Die erste Frage, die meist bereits im Titel beantwortet wird, ist die nach der “Friedlichkeit”. Die unausgesproche Prämisse lautet: “Demonstrationen sind mit Gewalt verbunden.” Erst vor dieser Folie bekommt eine sog. “friedliche Demonstration” überhaupt erst einen Nachrichtenwert.

    In summa: Die Charakterisierung einer Demo als “ü. friedlich” ist zynisch (a), schreibt die Gewalttätigkeiten fälschlicherweise den Demonstranten zu (b) und kommuniziert die versteckte, aber deshalb umso wirksamere Botschaft, dass Demonstrationen oft mit Gewalt verbunden sind.

  4. Heinz sagt:

    @Jürgen
    full Ack das sehe ich auch so.
    Bei der “D., bei der es zu Ausschreitungen kam” ist es ähnlich.

    @Kai
    eine Demonstration ist auch dann friedlich, wenn sich einige Leute von Team grün/schwarz nicht benehmen konnten.
    Schließlich haben sie (meist) nichts mit der D. an sich zu tun, sondern kommen nur um Ärger zu machen und nicht um für die Sache zu demonstrieren.

  5. Pingback von:

    Rundschau » txt&c.
  6. stefanolix sagt:

    Für mich ist die Anwendung des Wortes »überwiegend« ein Zeichen von Unsicherheit: Dem Journalisten liegen widersprüchliche Angaben vor und er will möglichst beiden Seiten gerecht werden. Von der Nachrichtenagentur hat er erfahren: »In X wurde friedlich gegen Y protestiert.« Er ruft einen Freund in X an und erfährt von einigen umgekippten Autos.

    Er weiß, dass viele andere Zeitungen die Meldung der Nachrichtenagentur ungeprüft abdrucken werden. Sein Bericht soll nicht allzu stark von der mehrheitlich wiedergegebenen Information abweichen. In dieser Situation hilft ihm das Zauberwort »überwiegend«.

  7. Kai Biermann sagt:

    @Heinz,

    naja, siehe der verlinkte Fall, der ist, glaube ich, klassisch. Das war eine große Demo mit 10.000 Teilnehmern. Davon wurden 400 vorübergehend festgenommen. Das ist ein geringer Prozentsatz, ja, aber 400 Festnahmen sind, glaube ich, ein Ausdruck dafür, dass der Charakter der Veranstaltung vielleicht nicht ganz so ruhig war, wie das Wort Ü. nahe legen soll – egal in welchem Zusammenhang die 400 mit dem Rest standen. Beziehungsweise: rein rechnerisch stimmt es natürlich, aber die Bewertung sollte doch eher andere Fakten berücksichtigen, denke ich.

    lg
    k

  8. Jürgen sagt:

    @stefanolix
    “Für mich ist die Anwendung des Wortes »überwiegend« ein Zeichen von Unsicherheit: Dem Journalisten liegen widersprüchliche Angaben vor und er will möglichst beiden Seiten gerecht werden.”

    Wenn der Journalist feststellen würde, dass es am Rande der Demonstration zu Ausschreitungen kam, wäre der Wahrheit auch Genüge getan. Welche Denkgewohnheit zwingt ihn dazu, die Friedlichkeit der “Demonstration” als solche zu bewerten, und das an erster und prominenter Stelle? Weiß er nicht, dass er allein durch diesen Deutungsrahmen Demonstranten bereits in ein negatives Licht setzt, als potentielle Gewalttäter?

    Welchen Nachrichtenwert hat überhaupt die Aussage , eine Demo sei “friedlich”/”ü. friedlich”/”unfriedlich” verlaufen? Könnte man nicht diese Globalbewertung in jedem Zeitungsartikel ohne Informationsverlust wegredigieren?

  9. Jürgen sagt:

    @kai
    “Das ist ein geringer Prozentsatz, ja, aber 400 Festnahmen sind, glaube ich, ein Ausdruck dafür, dass der Charakter der Veranstaltung vielleicht nicht ganz so ruhig war, wie das Wort Ü. nahe legen soll – egal in welchem Zusammenhang die 400 mit dem Rest standen.”

    Wenn die 400 mit dem Rest in keiner engen Verbindung stehen, dann bestimmt ihr Verhalten auch nicht den “Charakter der Veranstaltung”. Dann haben diese Leute die Veranstaltung durch ihr unfriedliches Verhalten gestört und ihr massiv geschadet!

    Du übersiehst weiterhin den Gewaltframe, der die journalistische Berichterstattung bestimmt, und kommst deshalb auch zu der falschen Analyse, “ü. freundlich” sei als groteske Beschönigung nach dem Muster von “ü. konstruktiv” gedacht.

    Ich bin gerade deinem Link zu den Blockupy-Protesten gefolgt. Es war die Polizei, die von “ü. friedlichen” Protesten sprach. Eine Polizei-Perspektive, über die es wenig zu sagen gäbe, wenn sie nicht kritiklos von Journalisten übernommen würde.

  10. stefanolix sagt:

    @Jürgen: Im Gegensatz zur Bewertung als »überwiegend friedlich« ist die Bewertung als vollständig »friedliche Demonstration« doch ein großes Lob an die Teilnehmer und Organisatoren ;-)

    Aber es gibt natürlich noch eine zweite Ursache für die Anwendung des Terminus »überwiegend friedlich«: Wenn die Demonstration nämlich keineswegs friedlich verlief und wenn der Journalist diese Tatsache aus ideologischen Gründen bemänteln will — sei es in einem Kommentar oder auch in einem Bericht, der mit Elementen eines Kommentars vermischt ist.

    Könntest Du diese Theorie vom »Gewaltframe« etwas genauer erläutern? Ein Link wäre auch ausreichend.