zeitnah

23. Mai 2011 von Kai Biermann

Beliebte „Blähvokabel“ (Pleonasmus), klingt so schön eilig. Bedeutet jedoch eigentlich: irgendwann, vielleicht aber auch nie (und ist somit eine Antiphrase). Umgangssprachliche Entsprechung ist der Satz: „Jaja, gleich (und jetzt hau ab).“ Das sollte man dann auch schleunigst tun, wird man doch von solchen Zeitgenossen nie eine konkrete Antwort bekommen.

Mit Dank an Wolfgang B.

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Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

34 Antworten zu “zeitnah”

  1. mersenne sagt:

    Vielen Dank! Darüber ärgere ich mich ja schon seit langem.

    Ich verstehe nicht, wieso jemand dieses Kunstwort „zeitnah“ verwenden muss, wenn er genauso gut „möglichst bald,“ „schnell,“ oder ähnliches sagen könnte.

  2. j sagt:

    Danke für Euer beglückend klarsichtiges und unterhaltsames Blog.
    Zu “zeitnah” würde ich jedoch gerne Einwände geltend machen.

    Nach meiner Auffassung beschreibt das Adjektiv doch etwas flexibler die Spanne zwischen “sofort, falls möglich” und “sehr bald”. Mir scheint “zeitnah” auch verbindlicher als “möglichst bald”. Eben das “jaja, lass mich in Ruh’” steckt hier eben _nicht_ drin. Bin ich der einzige, der das so sieht?

  3. Kevin sagt:

    Diese Wort assoziiere ich immer mit dem schönen:”und gleich bei RTL …”
    Das ist genauso aussage kräftig wie zeitnah

  4. Epplix sagt:

    Erinnert mich irgendwie an die Bundeswehrzeit!

  5. Michael W. sagt:

    “Zeitnah” hat eine andere Bedeutung. Im Unternehmensumfeld ist das eine Höflichkeitsfloskel für ASAP! Das wird genutzt, wenn man weiß, dass das Gegenüber eigentlich einen Berg von Arbeit hat und man höflich darauf hinweisen möchte, dass es trotzdem eilt.

  6. Ludwig Trepl sagt:

    Genau, das ist’s: “irgendwann, vielleicht aber auch nie.” Als ich das
    http://deutsche-sprak.blogspot.com/2011/02/uncool.html
    vor ein paar Monaten schrieb, ahnte ich nicht, daß unser Karl Theodor seine Ankündigung vielleicht nie in die Tat umsetzen würde und daß das die Verwendung von “zeitnah” völlig hinreichend erklärt.

  7. Ludwig Trepl sagt:

    @Michael W.:

    ““Zeitnah” hat eine andere Bedeutung. Im Unternehmensumfeld ist das eine Höflichkeitsfloskel für ASAP!”
    Könnte man jemandem, dem das Unternehmensumfeld und der dort übliche Jargon eher fremd ist, bitte erklären, was ASAP heißt?

    “… wird genutzt, wenn man weiß, dass das Gegenüber eigentlich einen Berg von Arbeit hat und man höflich darauf hinweisen möchte, dass es trotzdem eilt.” Aber was hindert den Menschen im Unternehmensumfeld denn daran, statt “sofort!” oder “aber dalli!” nicht “zeitnah”, sondern einfach “bald” zu sagen? Mir käme das höflich genug vor.

  8. HAL9002 sagt:

    ASAP
    As soon as possible

  9. chris sagt:

    ASAP = as soon as possible

  10. peer sagt:

    “ASAP” heißt “As soon as possible” – also bitte so schnell wies geht.

    Zeitnah heißt zumindest in meiner Erfahrung eben nicht “Gleich” , “Morgen” oder “Nach dem Meeting”, denn dann sagt man “Gleich” , “Morgen” oder “Nach dem Meeting”. Eher wird es mit dem Wort “versuchen” zusammen gesetzt:
    “Wir versuchen das zeitnah umzusetzen” – sprich: Man weiß noch gar nicht wann das “Zeitnahe” geschieht und es hat auch nicht Priorität (wie bei ASAP, dass symbolsieriert: “Steht bei mir ganz oben”!” – Es ist also tatsächlich so, wie oben definiert.

  11. Ludwig Trepl sagt:

    @peer

    Spricht man ASAP “asap” oder A-S-A-P.? Ich will mich ja nicht blamieren, sollte ich mal ins Unternehmensumfeld geraten.

    Im Übrigen: “Zeitnah” ist keineswegs nur dort üblich. Äußerst beliebt ist es in Behörden und vor allem unter Gremienprofis. – Natürlich heißt es nicht “gleich” oder “nach dem Meeting”, sondern eben “bald”, ganz genau “bald”. Aber das ist den Sprechern wohl zu popelig, es taugt nicht, um sich aufzublähen. Daran sieht man auch, daß “Blähvokabel” noch etwas anderes bedeuten kann und sollte als “Pleonasmus”, wie unsere Autoren schreiben: Da bläht sich nicht das Wort ins Doppelte, sondern mittels der Blähvokabel bläht sich der Sprecher ins Übergroße. Auch in diesem Sinne ist “zeitnah” eine Blähvokabel.

  12. Ludwig Trepl sagt:

    Noch etwas zum “Unternehmensumfeld”. Das ist auch Neusprech. Hätte es das Wort früher schon gegeben, man hätte sicher gedacht: Da gehören all die dazu, die in Unternehmen arbeiten. Die Mehrheit von denen würde aber nie “zeitnah” sagen und auch nicht “Unternehmensumfeld”.

    Heute scheinen zum Unternehmensumfeld nur die zu gehören, denen so etwas zuzutrauen ist, also die, die im Unternehmen weniger arbeiten als an der Arbeit derer, die da arbeiten, verdienen. Dafür zu sorgen, nennen sie “arbeiten”. Und natürlich gehören auch solche dazu, die wenig oder nichts davon abbekommen, z. B. Praktikanten, die aber in der Hoffnung in das Unternehmen gegangen sind, einst zu denen zu gehören, die viel verdienen, ohne es zu verdienen.

  13. Old Dad sagt:

    Es hängt bei der Verwendung auch davon ab, aus welcher Perspektive “zeitnah” verwendet wird.

    Wenn ich eine Anforderung habe und ein Zeitziel, dann nenne ich das. “Zeitnah” gäbe zuviel Raum für Interpretation.

    Demgenüber ist die Antwort, “Wir werden das zeitnah erledigen” unscharf und ungenau. Ein konkreter Termin wird so vermieden.

  14. peer sagt:

    ASAP spricht man A-S-A-P, wenn man es denn spricht (wird zumindest in meinem Umfeld eher bei Emails etc. verwendet)

  15. Liaf sagt:

    Das ist ja mal ein blöder Beitrag, verkennt er doch gänzlich, dass der Begriff ganz klar auf einen nahestehenden Zeitpunkt verweist. Er ist zwar unbestimmt, aber dennoch entgegen der Auslegung hier nahestehend.

    Und der unterschwellige, enge Bezugsrahmen, der den Begriff in seiner politischen Verwendung analysiert, mindert die Beitragsqualität auch, wo es sich bei diesem Begriff doch ganz klar um einen allgemeinen Begriff handelt, und nicht etwa um einen einschlägigen Begriff aus dem Politiker-Jargon, der vorwiegend auch nur dort Verwendung hat.

  16. Martin Haase sagt:

    Ich glaube nicht, dass zeitnah in der normalen Umgangssprache verwendet wird. Dort sagt man doch eher: bald oder gleich: Ich möchte bald schlafen gehen. – Junge, komm bald wieder. – Ich bin gleich wieder da. Es ist ein Neusprech-Wort. Außerdem enthält nah schon die Bedeutung zeitlicher Nähe, vgl. Das Ende ist nah..

  17. Ludwig Trepl sagt:

    Zu “Liaf”
    Natürlich verweis das Wort auf einen “nahestehenden Zeitpunkt”, aber dafür gibt’s andere Wörter, vor allem “bald”. Die Frage ist, warum gerade dieses Wort erfunden wurde und in bestimmten Kreisen benutzt wird.

    Es stimmt, was Martin Haase antwortet: Es wird nicht in der normalen Umgangssprache verwendet. Versuchen Sie sich eine Marktfrau vorzustellen, die dem Kunden antwortet: Jetzt gibt’s keine Gurken, aber zeitnah haben wir wieder welche; diese Vorstellung ist ganz unmöglich. Es ist Politiker- und Bürokratenjargon. Natürlich, Gott sei’s geklagt, haben diesem Jargon entstammende Wörter eine starke Tendenz, sich in der Umgangssprache einzunisten; die Gründe sind nicht schwer zu finden.

    Aber ob es, wie Martin Haase meint, Neusprech ist? Wohl kaum im gleichen Sinn wie “doppeltplusgut”. Mit “zeitnah” wird nicht Herrschaft ausgeübt, sondern damit versuchen sich nur Würstchen etwas größer zu machen. Denn man ist schon wer, wenn man statt “machen wir bald” “machen wir zeitnah” zu sagen in der Lage ist. Also: eher Deppendeutsch als Neusprech.

  18. nachgetragen sagt:

    Zwei Anmerkungen: Eine Vokabel hat keine Meinung, deshalb meint sie nichts, sondern bedeutet etwas. Ein Anglizismus, der auf diesem Blog nicht verwendet, sondern angeprangert werden sollte.

    In eine ähnliche Bläh- und Bla-Kategorie wie “zeitnah” gehört m. E. übrigens auch “in Echtzeit”; ich hoffe, das wird auch mal aufgegriffen.

  19. Kai Biermann sagt:

    Na, das haben wir doch fast in Echtzeit umgesetzt, oder? Die Vokabel”meint” nun nichts mehr. Danke dafür.

    lg
    k

  20. effka sagt:

    Dank für diese feinen Sprachbetrachtungen, die ich erst kürzlich entdeckte.

    Um die Echtzeit vertieft zeitnah zu betrachten, bedarf es eines Zeitfensters !

    Oh, da fällt mir noch ein: geißelt doch mal das kuhdumme raundebaut für ungefähr !

  21. philgeland sagt:

    “Irgendwann” ist so gut wie “nie”.

  22. FG sagt:

    @j 23.05. 18:41

    nein, Du bist nicht der einzige, der das so sieht. im gegenteil, Du bist (fast) der einzige, der es korrekt ausgedrückt hat.

    “Nach meiner Auffassung beschreibt das Adjektiv doch etwas flexibler die Spanne zwischen “sofort, falls möglich” und “sehr bald”.”

    das entspricht exakt meiner auffassung und der verwendung im sprachgebrauch, wie mir bekannt.

    bzw auch Michael W 23.05. 19:56

    “Im Unternehmensumfeld ist das eine Höflichkeitsfloskel für ASAP!”

    treffer.

    @peer 28.05. 7:31

    das kenne ich anders. amis (herkunft “ASAP”) sagen idR “äjsäp”. alles, was man aussprechen kann, wird normalerweise ausgeprochen (ausnahmen b.d.R.). zT werden abkürzungen/akronyme ja sogar so gestrickt, dass man sie besser aussprechen kann als bei ausschließlicher verwendung der anfangsbuchstaben. bsp. ELENA (D), NASCAR statt NAFSCAR, RADAR statt RDAR, LASER statt LABSEOR etc

  23. siegfried sagt:

    Wieso ist denn “zeitnah” ein Pleonasmus? Die Wörter zeit und nah sind aus meiner Sicht nicht bedeutungsnah oder inhaltlich redundant (wie z.b. bei einer runde Kugel).
    @Michael W: ich sehe dies auch als höfliche Form des “so schnell wie möglich”.

    Und ja, dieses Wort wird im normalen Sprachgebrauch nicht oder höchstens ironisch genutzt, sondern ist eine klassische “Bürovokabel”. Ich sehe aber nichts Verwerfliches daran, dass einige Wörter nur in einem bestimmten Umfeld genutzt werden. Man unterhält sich schließlich auch mit der Oma am Kaffeetisch anders als mit Freunden beim Bier trinken im Park.

  24. Florian sagt:

    @siegfried:

    Das habe ich mich auch gerade gefragt! Das Compendium Rhetoricum von Hans Baumgarten definiert Pleonasmus so: “Mehrfachausdruck: Das Gemeinte wird zwei- oder mehrmals bezeichnet (Synonymenhäufung). Oft besagt das Attribut dasselbe wie sein Beziehungswort.

    Beispiele: Alte und Greise, schwarzer Rabe

    Aber “zeitnah”? Nö. Gehört doch eher in die Kategorie Periphrase (wenn es eine beschönigende Funktion hätte, würde ich Euphemismus sagen), oder? “Ein Ausdruck wird mehr oder weniger weitläufig umschrieben.”

  25. Martin Haase sagt:

    Es ist ein Pleonasmus, weil nah die Dimension Zeit schon enthält. Es heißt: Das Ende ist nah. und nicht: Das Ende ist zeitnah.

  26. siegfried sagt:

    @Matrin Haase: Das sehe ich anders. Denn dann müsste es ja auch reichen, wenn mein Chef zu mir sagt: “Ich brauche den Bericht nah.” Das reicht aber nicht, da “zeit” und “nah” keine ähnliche Bedeutung haben. Dies ist aber nach meinem Verständnis die Definition für einen Pleonasmus, oder? “Nah” ohne das “zeit” macht in dieser Situation gar keinen Sinn mehr.
    Und der Satz mit dem Ende würde aus meiner Sicht richtigerweise heißen: Das Ende wird zeitnah kommen. Etwas kann nicht “zeitnah” sein, genauso wie etwas nicht “sofort” sein kann.

  27. Martin Haase sagt:

    Das mit der ähnlichen Bedeutung ist eine Nebelkerze: schwarz und Rabe haben auch keine ähnliche Bedeutung. Der Satz: Das Ende wird zeitnah kommen. zeigt übrigens sehr schön, dass zeitnah keine besondere Form von nah ist, denn er ist nicht gleichbedeutend mit: Das Ende wird nah kommen. Es ist vielmehr ein Ersatzwort für bald; es lässt sich nun darüber streiten, ob es sich (mit Bezug auf die Konnotation) um ein aufgeblähtes bald oder ein abgeschwächtes handelt. Auf jeden Fall ist aber klar, dass es sich bei der Nähe in nah um eine zeitliche Nähe handelt, weshalb das modifizierende Erstglied zeit- keine wirkliche Information enthält und somit (mit Bezug auf die Denotation/Bedeutung) pleonastisch ist.

  28. Michael K sagt:

    Bei “das Ende ist nah” ist die Dimension Zeit in “das Ende” enthalten (wobei: das Ende der Steigung ist ganz nah — räumliche interpretation möglich). Bei “Leute feierten nah und fern” ergibt sich die Dimension Raum aus dem Zusammenhang.

    Aber aus “erledigen Sie das bitte nah” geht für mich nicht hervor, ob man es bald tun, oder aber sich dabei nicht zu weit vom Standort entfernen soll. Deswegen sagt man das m.E. auch nicht (habe ich zumindest nie gehört). Zeitnah ist zwar gekünstelt und auch nicht präzise, aber in Bezug auf die Dimension eindeutig.

  29. Freddy sagt:

    Falsch. “Zeitnah” heißt “auf die Zeitumstände bezogen”. Die meisten Menschen verstehen das Wort besser, wenn man Ihnen das gleichbedeutende Fremdwort sagt: “aktuell”. Diejenigen, die in E-Mails etwas “zeitnah” einfordern, blamieren sich, denn sie trauen sich nicht, etwas Banales hinzuschreiben: Sie wollen eine Aufgabe schnell erledigt haben.

  30. Peter sagt:

    … zeitnah ist wenigstens ein deutsches Wort. ASAP hingegen vereint alle Merkmale der akademischen Angeberei: es klingt protzig, ist eine BlöAb (Blöde Abkürzung), kommt aus dem “GeschäftsDenglisch” und würde von Briten sicher nicht verwendet werden.
    Da ist mir mein “ZEITNAH” lieber. Möglichst bald oder so ……

  31. rollinger sagt:

    “Zeitnah” wir hier in der “Fabrik” benutzt als so schnell wie möglich um nicht zu sagen “sofort”. Nur mal so gesagt.

  32. awmrkl sagt:

    @effka: “Um die Echtzeit vertieft zeitnah zu betrachten, bedarf es eines Zeitfensters!”

    Steigerung:

    Um in Echtzeit an dieser Stelle vertieft zeitnah zu betrachten, bedarf es eines engen Zeitfensters!

    Wer kanns toppen? ;-)

    Mein Vorschlag fürs nächste Blähwort:
    “an dieser Stelle”

    Was hab ich deswegen schon in mein Schreikissen gebissen …

    Adi

  33. peterutz sagt:

    … wir verfügen über zeitnahe Berichte von den Ereignissen im März 1848 …

    Das Adjektiv “zeitnah” beschreibt also Berichte, die kurz nach den Ereignissen entstanden sind, von denen sie berichten. Kürzer und treffender kann man es wohl kaum ausdrücken. In diesem Fall würde ich es verwenden, obwohl es mir sonst stilistisch nicht gefällt und ich es vermeide!

  34. Matthias sagt:

    “Es ist ein Pleonasmus, weil nah die Dimension Zeit schon enthält.” ist natürlich Unsinn, kann sich “nah” doch auch ausschliesslich auf den Raum beziehen (Wie in “So nah an der Autobahn möchte ich aber nicht wohnen.”). Daneben kann es zumindest in Worterbindungen auch z.B. emotionale Verbundenheit ausdrücken (z.B. “Der Tod eines nahestehenden Freundes kann eine Depression auslösen.” Oder “Der Verlust seines Hundes ging ihm sehr nah(e)”.), hier fehlt ebenfalls jeglicher Bezug zur Zeit. Zeitlich wird das Wort ist also nur eine mögliche Bedeutung, je nach Kontext.

    Viel häufiger als “nah” wird dessen Superlativ “am nächsten” in zeitlicher Dimension benutzt, jedoch nicht in der Bedeutung “bald” sondern “es gibt kein näheres, also auf den jetztigen Zeitpunkt bezogen früher stattfindendes Ereignis”. “Das nächste Jahrtausend” oder “die nächste Lohnerhöhung” müssen durchaus nicht “bald” stattfinden.

    Siehe auch Duden “nahe”. Interessanterweise trotz

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