depublizieren

Klingt, als würde etwas, das versehentlich veröffentlicht wurde, schnell wieder zurückgenommen, um den Fehler ungeschehen zu machen. Immerhin bedeutet die Wortschöpfung d. so viel wie ‚entöffentlichen‘, also der Öffentlichkeit wieder entziehen. Was eine Frechheit ist. Denn gebraucht wird dieses Wort, um verschämt zu umschreiben, dass öffentlich-rechtliche Sender dank des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrages gezwungen sind, Texte und Videos, die sie für ziemlich viel Geld haben herstellen lassen, dauerhaft zu verstecken. Damit private Sender ihre möglicherweise sogar qualitativ schlechteren Texte und Filme besser verkaufen können. Nach dieser Lesart war die mit den Gebühren der Bürger finanzierte Erfüllung des Bildungsauftrages also ein vorübergehend geduldetes Übel. Man könnte es aber auch als Diebstahl an der Gesellschaft begreifen. Immerhin hat die Gesellschaft für die Inhalte bezahlt, ihr gehören sie.

Mit Dank an Ralf K.

Abgelegt in: Kultur

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Kommentare

12 Reaktionen zu "depublizieren"

  1. Maschinist sagt:

    Wäre es nicht sogar “richtiger” Ent-Publizieren zu sagen?
    Aber “De-” klingt so viel weniger drastisch als “Ent-”…

  2. AndreasP sagt:

    Wie heißt es so schön im Grundgesetz: Eine Depublikation findet nicht statt. Oder so ähnlich.

  3. Typo sagt:

    http://i.imgur.com/rHp2E.png

    Wikipedia im freien Fall? Wie wird das Internet reagieren?

  4. Als Fan der ÖR – zumindest was den Rundfunkteil anbelangt – kann ich die geäußerte Kritik nur teilen. Allerdings verschleiert der Begriff m. E. nicht sondern beschreibt schon das was geschieht. Da es diejenigen betrifft, die Zugriff auf die Mediatheken haben, also hauptsächlich Internetnutzer, sind die ÖR wahrscheinlich nicht ganz so unglücklich darüber. Auch da fehlt noch völlig das Konzept für die Weiterentwicklung der Medien.

    Was mich jedoch nachdenklich stimmt ist mein Eindruck, daß jetzt plötzlich der Wert der ÖR erkannt wird? Das hörte sich in der jüngeren Vergangenheit ein wenig anders an. (nur zur Klarstellung, ich bin Befürworter der geplanten Rundfunksteuer).

    LG und schöne Woche
    Theo F.

  5. !!! Fehler Fehler !!!
    Ich bin natürlich KEIN Befürworter der Rundfunksteuer

    hätt ich doch vorher nochmal lesen sollen

  6. Und natürlich kostet das Depublizieren auch wieder Geld. Das riecht für mich nach einer Schildbürger-Aktion.

  7. hape sagt:

    Wäre vielleicht interessant gewesen, darzustellen, woher der Begriff “Depublizieren” stammt. Ich finde da nur als früheste Erwähnung eine Kombination Niggemeier(FAZ) und tagesschau-blog am 19./20. Juli. Der Begriff scheint also aus dem Umkreis der Sender selbst zu kommen. Ich kann da auch keinen Euphemismus sehen. Etwas Publizieren ist die allervornehmste Form für etwas online stellen, hochladen oder veröffentlichen. Entsprechend würde man Inhalte löschen, aus dem Netz nehmen oder, wenn man hohe Ansprüche hat, sie depublizieren. Wenn man dann nicht näher sagt, was eigentlich gelöscht wird, klingt depublizieren nach hochwertigen Stoffen. Wenn jemand sagte, er depubliziert Kochrezepte, klänge das eher lächerlich. Dass die Anstalten tausende von Kochrezepten löschen mussten, ist natürlich etwas, das Depublizierer gerne unter den Tisch fallen lassen.

  8. Ich frage mich, ob das nicht für eine Verfassungsklage reicht. Möglicherweise gibt es noch integre Richter, die einsehen, daß Depublikation gegen das Grundgesetz verstößt:

    http://danielreitzig.de/depublikation-verstoss-gegen-artikel-5-des-grundgesetzes/

  9. Pingback von:

    Depubliziertes Cable - German Privacy Foundation e.V. - Blog
  10. Lemming sagt:

    In der Geschichte gab es immer wieder Bücherverbrennungen. Das wird nun digital fortgesetzt.