Abschiebe-Saboteur

Bösartige und verunglimpfende Worterfindung des CSU-Politikers Alexander Dobrindt. Nach dessen Logik ist derjenige, der den Abschiebebescheid einer Ausländerbehörde von einem Gericht auf Korrektheit prüfen lässt ein A., da er damit eine Abschiebung verzögert oder verhindert. Unterstellt, dass Menschen, die Grundrechte in Anspruch nehmen und staatliches Handeln von einer unabhängigen Stelle kontrollieren lassen, die öffentliche Ordnung gefährden. Behauptet, dass sie das nur täten, um gefährliche Menschen im Land zu halten und um deutsche Gerichte gezielt zu überlasten. Ignoriert, dass jeder Mensch in Deutschland laut Paragraf 19 Grundgesetz das Recht hat, Bescheide einer Behörde anzuzweifeln. Diffamiert den Berufsstand des Rechtsanwaltes, da er nahelegt, Anwälte würden solche Mandate mit dem Ziel annehmen, die öffentliche Ordnung sabotieren und also zerstören zu wollen. Blendet die Tatsache aus, dass dann auch jeder andere Bescheid einer Behörde klaglos hingenommen werden müsste. Klagen gegen Bußgeldbescheide wegen Falschparkens wären nach dieser verdrehten Rechtsauffassung Verkehrs-Sabotage und Klagen gegen falsche Renten- oder Hartz-IV-Bescheide Sozialkassen-Sabotage. Verschweigt bewusst, dass jährlich viele Hunderttausende solcher Klagen gegen alle möglichen Bescheide vor Gerichten landen und Klagen gegen Asylbescheide nur einen winzigen Bruchteil davon ausmachen. Fordert indirekt, dass Asylsuchenden und Flüchtlingen die Grundrechte aberkannt werden sollen, die jedem Menschen zustehen. Siehe zu dieser Idee auch das → Feindstrafrecht. In dem ohnmächtigen Bemühen, Rassisten als Wähler zu gewinnen, untergräbt Dobrindt mit diesem Neusprech das Vertrauen in Grundrechte, Grundgesetz und Rechtsstaat. Nach seiner Logik ist er damit nicht etwa nur jemand mit einer absurden Meinung, sondern ein Demokratie-Saboteur.

Abgelegt in: Politik, allgemein

Ankerzentrum

Erneute Worterfindung der Großen Koalition, um Abschiebelager besser klingen zu lassen. Sie lässt an Verankerung und somit an Integration denken, obwohl das Gegenteil gemeint ist. Laut Koalitionsvertrag ist das A. ein Akronym aus den Begriffen „Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung (AnKER)“. Bislang wurde diese Idee der Union bereits unter folgenden Namen diskutiert: → Entscheidungszentrum, → Rückführungszentrum, → spezielles Aufenthaltszentrum, → Willkommenszentrum, → Bundesausreisezentrum. Der Plan blieb dabei immer gleich. Flüchtlinge werden direkt nach dem Übertreten der Grenze in geschlossene und bewachte Lager gebracht und bleiben dort 18 Monate lang, bis sie entweder Asyl bekommen, oder in ein anderes Land abgeschoben werden. Allein die hohe Zahl an versteckenden und beschönigenden Namen dafür zeigt, wie problematisch das Konzept der Abschiebegefängnisse ist. Selbst Polizisten haben Bedenken, dass die Idee gegen die Verfassung verstößt. Jörg Radek, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), sagte dem stern: „Wir lehnen diese Ankerzentren ab.“ Die Bundespolizei sei dafür nicht zuständig. Die Unterbringung, Verpflegung und mögliche Bewachung von Asylsuchenden seien keine Aufgaben des Bundes und damit auch nicht der Bundespolizei. „Wir haben grundsätzliche Bedenken, wir haben verfassungsrechtliche Bedenken.“ Der SWR zitiert Radek mit der Befürchtung, in solchen Lagern würden Schutzsuchende kaserniert und von der Bevölkerung isoliert. Das sei schon gesellschaftspolitisch falsch. Außerdem steige das Aggressionspotential in solchen Zentren.

Siehe auch → Schutz, subsidiärer.

Abgelegt in: Politik, allgemein

Klartext

Der K. wird immer dann versprochen, wenn ein Politiker oder eine Politikerin den Eindruck erwecken will, besonders ehrlich zu sein. Damit ist die Ankündigung, nun komme aber K. jedoch ein Armutszeugnis, beziehungsweise eine Floskel. Bedeutet es doch, dass offene und ehrliche Aussagen in der politischen Sprache nicht die Norm sind. Auch in seinem eigentlichen Wortsinn zeigt sich dieser Widerspruch. In der Kryptographie bezeichnet der K. den entschlüsselten, also den für jeden lesbaren Teil einer Botschaft und meint den Gegensatz zum verschlüsselten, eben nicht verständlichen Teil. In der Umgangssprache ist das ähnlich, dort ist mit K. eine leicht verständliche Botschaft gemeint. Das aber würde bedeuten, dass Politik eben nicht verständlich ist, dass sie sich dem normalen Zuhörer nicht erschließt. Denn wenn politische Botschaften eindeutig und allgemein verständlich wären, bräuchte es die Ankündigung nicht, das Kommende sei nun wirklich mal K.

Siehe auch: → sich bekennen.

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Abgelegt in: Politik, allgemein

Gedankenaustausch mit Hoffnungsträgern: Der Neusprechfunk 12

Ihr werdet wahrscheinlich aus den Schuhen kippen, wenn wir jetzt schon wieder einen Neusprechfunk raushauen, kaum dass der letzte erschienen ist. Aber es sind sprachlich und politisch bewegte Zeiten, da bekennen wir uns zum Podcasten!

Regelmäßige Hörer leiden sicher darunter: Wir haben zu wenig Modethemen! Das ändern wir mit Mahas Hilfe erstmals und widmen uns im Sinne der Popularität unseres Podcasts dem neuesten Kleidungstrend Flanking:

flanking

Wir müssen aber vorwarnen: Wenn man den Podcast gehört hat, fallen einem die modischen Opfer unweigerlich überall auf, auch bei Temperaturen unter Null.

Nie aus der Mode kommt ja bekanntlich das Militär. Wir werfen daher einen längeren Blick auf die jährlich erscheinende Unterrichtung durch den Wehrbeauftragten an den Bundestag (pdf). Hans-Peter Bartels beschreibt darin den Zustand unserer Parlamentsarmee mit all ihren Lücken, vor allem → Fähigkeitslücken, erkannte und unerkannte. Allzu unerkannt dürfte die Malaise allerdings gar nicht sein, schließlich hatten die letzten drei Verteidigungsminister allesamt schon damit zu kämpfen. Bartels berichtet gar von einem anhaltenden Rationalisierungsdruck seit 1979.

Im Neusprechfunk 12 (mp3) sprechen wir nebenbei auch über den Terrorsoldaten Franco A. und das Haltungsproblem der Bundeswehr, denn schließlich waren die neuerlichen Lücken nicht das einzige Problem der zuständigen Ministerin Ursula von der Leyen. Auf die Lücken bei den soldatischen Notrationen und den fahruntauglichen U-Booten wollen wir aber explizit hinweisen.

Die konservative Ministerin ist nicht der einzige Regierungsvertreter, der sich Gedanken um die militärische Kampfkraft macht. Der zum Zeitpunkt des Podcastens noch amtierende sozialdemokratische Außenminister Sigmar Gabriel schlug in einem FAZ-Gastbeitrag als eine europäische Strategie vor, es den „Flexitariern“ nachzumachen.

flexitarier

An dem Vergleich hatten wir gedanklich etwas zu kauen und konnten ihn auch nur schwer verdauen.

Kaum zu verdauen ist auch die enorme Komplexität der kirchlichen Finanzen, die Reinhard Marx beschreibt. Wir erforschen sie an aktuellen Betrugsbeispielen der katholischen Kirche:

kirche und finanzen

Nur falls wir es im Podcast nicht oft genug erwähnen: Es geht bei dem Betrug um 160 Millionen Euro.

Wir nehmen außerdem ehemalige Hoffnungsträger in den Blick, die im Jahr 1989 ein Titelblatt der Berliner Zeitung dominierten:

berliner zeitung oktober 1989

Der eine ist Egon Krenz, der das Wort Wende gebraucht. Er muss in seiner übrigens vollständig auf mehreren Seiten abgedruckten Rede einräumen: „Mehr als Hunderttausend“ Menschen seien aus der DDR weggegangen. Wir sprechen über diese Rede, seine Aufforderung zum Gedankenaustausch und seinen gescheiterten Versuch, die Macht der SED zu retten.

berliner zeitung krenz

Krenz hält die Rede anlässlich des Sturzes von Erich Honecker im Oktober 1989. In der Berliner Zeitung wird diese Entmachtung so dargestellt, als hätte sich der Staatschef Honecker selbst von seinen Ämtern entbinden lassen:

honecker entbunden

Auf derselben Titelseite finden sich auch die Glückwünsche eines anderen Hoffnungsträgers, nämlich des sowjetischen Regierungschefs Michail Sergejewitsch Gorbatschow, in den wegen der Perestroika und besonders seit seinem Besuch als Ehrengast des 40. Jahrestags der DDR am 7. Oktober 1989 große Hoffnungen gesetzt worden waren.

gorbatschow berliner zeitung

Wir sprechen länger als erwartet über die Zeit vor der berühmten Schabowski-Pressekonferenz, in der Krenz und seine Leute noch vergeblich versuchten, ihre Macht zu retten.

Neben der nun wieder online erreichbaren Wortwarte und einem kleinen, aber spannenden Quiz sprachen wir über:

Hier ist der Neusprechfunk 12 als mp3. Alternativ gibt es wie immer auch eine ogg-Version des Neusprechfunk 12.

Und natürlich legen wir unsere Weinwahl offen:

chardonnay gebruar

Play
Schlagworte: , ,

Entnahme, letale

Normalerweise ist das Substantiv der semantische (und formale) Kern einer Substantivgruppe (sie heißt deshalb auch so). Im Neusprech ist das manchmal anders. Wie bei der E. Das Substantiv enthält hier keinen Hinweis auf den Inhalt. Die eigentliche Bedeutung steckt im Adjektiv. Es geht um eine offensichtlich finale E., nämlich um das Töten von Zuwanderern, genauer von Wölfen. Die waren in Deutschland ausgestorben, sind jetzt jedoch wieder in Brandenburg und inzwischen sogar in Niedersachsen heimisch geworden. Ihre Zahl ist so gering, dass die Art immer noch als bedroht gelten muss. Doch spätestens seit Rotkäppchen gilt der Wolf hierzulande als → Gefährder, den es zu bekämpfen gilt, auch wenn er höchstens für einige Schafe eine Bedrohung darstellt. Und so wird die E. als eine „Gefahrenabwehrmaßnahme in Einklang mit dem Artenschutz“ verbrämt, wie die Süddeutsche Zeitung den Niedersächsischen Umweltminister zitiert. Der nach Beamtendeutsch klingende Ausdruck E. soll das Ansinnen rechtfertigen und es so klingen lassen, als gebe es gute Gründe dafür und nicht nur irrationale Ängste. Dem Ganzen wurde dann auch noch eine spachliche Beruhigungspille beigegeben: Geschossen werde natürlich nur, insofern es sich um einen „Problemwolf“ handele.

Siehe auch → Problembesucher.

Schlagworte: ,
Abgelegt in: Umwelt

Fähigkeitslücke (III)

Bislang nutzte die Bundeswehr die F. vor allem um auszudrücken, dass sie gern ein paar neue Waffen hätte. Im Sinne von: Ach, wenn wir doch die Fähigkeit besäßen, unbemannte Luftfahrzeuge mit Raketen zu bewaffnen. Oder: Wenn wir doch nur mehr gepanzerte Fahrzeuge bekämen, dann könnten wir den Krieg hier schnell gewinnen. Zusätzliche Fähigkeiten also. Doch werden die Lücken offenbar größer. Denn inzwischen scheint die F. ein genereller Ausdruck für Mangel zu sein und auch Dinge zu betreffen, die die Bundeswehr schon einmal gekonnt hat. Im Sinne von: Ham wa nich mehr, is alle. Notrationen? Verzeihung, die sind uns ausgegangen. Winterjacken? Gerade knapp. Panzer? Veraltet. U-Boote? Kaputt. Für das Verteidigungsministerium sind das alles nur F.-en. Dabei sind es keine Lücken, das ist Mangelwirtschaft und der verzweifelte Versuch, sie sprachlich zu tarnen. Selbst das Bemühen, die offensichtliche Not zu lindern, wird im Bundeswehrsprech vernebelnd formuliert. Etwa weil allen klar ist, dass es sowieso nicht gelingen wird? Hier ein Beispiel aus dem Bericht des Wehrbeauftragten 2016: „Die erkannten F.-en beim Gehörschutz müssen nun zügig aufgegriffen werden, um die Beschaffung einleiten zu können.“

Siehe auch: → Fähigkeitslücke I, → Fähigkeitslücke II und → dynamisches Verfügbarkeitsmanagement.

Abgelegt in: Militär

Von den Digital-Gutmenschen: Der Neusprechfunk 11

Bevor wir die guten Vorsätze für das neue Jahr wieder vergessen, hat sich die gesamte Crew des Neusprechfunk schon im Januar zum Podcasten zusammengefunden. Zwar hat uns ein Speicherproblem bei der SD-Karte einige Zeit zurückgeworfen, wir konnten die Aufnahme aber retten und präsentieren nun den Neusprechfunk 11 als mp3 und alternativ auch wieder in der ogg-Version.

Als politisch interessierte Sprachbewusste blicken wir diesmal auf die Ergebnisse der Sondierungsgespräche zwischen CDU, SPD und CSU, die am 12. Januar veröffentlicht wurden. Darin entdecken wir mal wieder politische Bekenntnisse, die im Neusprechfunk schon mehrfach Thema waren. Wir lernen beispielsweise, dass es keine „Zonen unterschiedlicher Sicherheit“ (Seite 17) in Deutschland geben dürfe und daher ein Musterpolizeigesetz erarbeitet werden soll. Und wir finden die Expertenkommissionen, auf die man sich festlegt, wenn man sich nicht festlegen möchte. Eine solche könnte man aber tatsächlich brauchen, wenn die im Papier angekündigten Pläne zur Änderung der Rentenformel umgesetzt werden.

csu, cdu, spd, sondierung

Kai hat sprachliche und inhaltliche Auffälligkeiten im Sondierungspapier (pdf) in Kategorien aufgeteilt, die wir jeweils besprechen. Extra für Maha, aber natürlich auch für alle interessierten Hörer gibt es dabei die Kategorie besonders schöner Adjektive. Am Ende kommen wir sogar zu den ganz großen Fragen, denen sich die drei Parteien in dieser Legislaturperiode entschlossen (!) zuwenden wollen. Aufgenommen haben wir den Podcast übrigens vor der Veröffentlichung des Koalitionsvertrags und des Votums der SPD-Mitglieder.

Wir sprechen außerdem über sprachliche Auffälligkeiten bei der Diskussion über den Islam und die offenbar damit zwangsweise verbundenen Hinterhofmoscheen sowie über den kämpferischen Atheismus. Anlass ist die traditionelle Lektüre einer älteren Ausgabe des SPIEGEL. Darin fand sich ein Essay von Christoph Markschies: „Schule braucht Religion“, DER SPIEGEL, 20. April 2009, S. 154f. sowie ein Artikel über Religionsunterricht:

raus aus dem hinterhof

Beide verpflanzen die mit dem Islam verbundenen Unterrichts- und Gebetsstätten wie selbstverständlich in den Hinterhof. Wir sprechen wegen des erwähnten Essays auch über den Ethikunterricht, einen Berliner Volksentscheid und die damals aktive Initiative „Pro Reli“: Die Berliner sollten die Frage entscheiden, ob das Fach Religion zum Wahlpflichtfach an den Schulen wird. (Spoiler: Sie waren nicht dafür.)

Einen Volksentscheid gab es bekanntermaßen auch beim Brexit, dessen Bedingungen die Politik nach wie vor beschäftigen. Die Süddeutsche titelt zu den Verhandlungen: „Die Briten verschenken wertvolle Zeit beim Brexit“. Ein Rätsel bleibt aber, inwiefern beim Zeitsparen innovative Ansätze helfen könnten und was damit eigentlich gemeint ist:

innovative ansaetze, brexit

Auch etwas rätselhaft bleiben die Umstände der mit dem Brexit verbundenen neuen EU-Außengrenzen:

harte grenze, brexit

Ein anderes Rätsel bekommen wir aber während der Sendung gelöst, nämlich die Auflösung eines uns bis dahin noch nicht bekannten Akronyms:

vuca-welt

Wir verheddern uns zwar ein wenig in der VUCA-Welt, aber die Wikipedia hilft mal wieder.

Nicht mehr zu helfen ist wohl Donald Trump, über dessen Selbstverständnis als stabiles Genie wir anhand eines Beispiels reden:

stabiles Genie

Der US-Präsident hatte sich per Tweet zu Wort gemeldet und versucht, die im Rahmen der Berichterstattung über ein Buch von Michael Wolff aufkommende Diskussion um seine geistige Gesundheit zu beenden und zugleich seine Genialität zu unterstreichen. Es gelang ihm zwar nicht hinreichend, aber die Wendung bot eine wunderbare Gelegenheit für Menschen, die sprachlich etwas mehr zu bieten haben als Trump.

Nicht beendet ist auch die Diskussion um Stuttgart 21, ein überaus teures Bauprojekt der Deutschen Bahn. In der Berichterstattung darüber entdeckte Maha ein kreatives Beispiel für Neusprech:

stuttgart 21

Und wo wir schon beim Süden Deutschlands sind, ist Bayern nicht weit: Mit einem kurzen Rückgriff auf den Neusprechfunk 6 beschäftigt uns mal wieder die Überwachungspolitik und speziell die Ewigkeitshaft (auch: Präventivhaft) der CSU:

gefaehrder bayern

Es geht dabei um ein bayrisches Gesetz zur Gefahrenabwehr, das in Sachen Freiheitseinschränkungen einen neuen Tiefpunkt darstellt.

Ein anderer Tiefpunkt, über den wir sprechen, ist einen Namensartikel des konservativen Europa-Parlamentariers Axel Voss in der FAZ mit dem Titel „Digitalisierung? Nicht mit uns…“ (2 MB), in dem er sich für die Werbewirtschaft starkmacht und dabei das Wort „Digital-Gutmenschen“ kreiert. Leider bietet die FAZ den Artikel nicht online an, was vielleicht daran liegt, dass er besser mit anderen Methoden übertragen werden sollte:

voss, faz

Denn wer beim großen Datenrausch nicht mitmachen will, dem droht nach Voss offenbar ein Rückfall in die Steinzeit.

…und wer sich übrigens wundert, warum im Laufe des Gesprächs die Wortschlagzahl merklich steigt, den verweisen wir auf unsere Getränkewahl:

wein muskateller

Wir sprachen auch noch über:

Am Schluss kredenzen wir Euch noch ein paar Quizfragen über Neologismen, also haltet durch! Hier ist der Podcast als mp3.

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Schutz, subsidiärer

Subsidien nannten die Römer ihre militärische Reserve. Es waren die Truppenteile, die zu Hilfe eilen sollten, wenn die übrigen Einheiten in Bedrängnis gerieten. Später wurde daraus eine generelle Bezeichnung für Hilfsmittel. Da heute nur noch wenige Menschen Latein sprechen, kann davon ausgegangen werden, dass der Begriff missverständlich ist und die meisten darunter einfach ‚Schutz‘ verstehen. Doch das Adjektiv subsidiär schränkt das Substantiv in seiner Bedeutung ein: Der S., den der deutsche Staat Flüchtlingen aus Kriegsgebieten gewährt, ist nur sehr begrenzt. Es ist ein Hilfsschutz, der angewendet wird, weil der eigentliche Schutz versagt. Denn internationale Verträge haben nie Kriegsflüchtlinge anerkannt. Da es dauernd irgendwo Krieg gibt, und alle ständig neue anzetteln, hatte offenbar niemand Interesse daran, Kriegsflüchtlingen Schutz zu gewähren. Auf den dürfen nur jene hoffen, die aufgrund ihrer politischen Haltung, ihrer Rasse, Religion, Nationalität oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt werden. Beschossen und bombardiert zu werden, genügt nicht. Statt echter Hilfe erleben die Betroffenen daher in Deutschland auch nur eine Menschlichkeit auf Zeit. Ist der Krieg in ihrer Heimat nicht mehr ganz so schlimm, müssen sie zurück. Egal, wie zerstört, zerrissen und gefährlich ihr Land auch ist.

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Abgelegt in: Außenpolitik, Soziales

Einwegflugkörper

Früher war alles ganz einfach: Erst flogen Pfeile, dann Kanonenkugeln, später Raketen. Sie waren alle ganz selbstverständlich E., wurden aber nicht so genannt, weil eine Mehrwegvariante noch nicht erfunden war und es daher nicht darauf ankam. Die Waffen sollten irgendwohin fliegen und dort zerstören und Menschen umbringen. Inzwischen hat sich die Technik gewandelt. Flugkörper sind nun vor allem Bomber und Drohnen. Die fliegen normalerweise zurück, nachdem sie ihre tödliche Fracht abgeschossen haben. Indem der Ausdruck E. aber allein auf das Fliegen abhebt, verheimlicht er die eigentliche Funktion. Da außerdem die Einwegfunktion betont wird, stellt sich sofort die Frage, warum diese Geräte dann nur einmal benutzt werden. Die Antwort darauf verrät den eigentlichen Zweck: weil sie am Ziel explodieren und damit töten.

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Abgelegt in: Militär

Videobeweis

Ein Gastbeitrag von Oliver F.

Seit der Saison 2017/18 in der Fußball-Bundesliga im Einsatz, um Schiedsrichtern bei der Entscheidung zu helfen. Doch der Begriff V., zunächst bloß im Volksmund gebräuchlich, inzwischen auch vom DFB verwendet, führt in die Irre. Die wenigsten Szenen im Fußball sind so eindeutig, wie sich das die Befürworter der neuen Technik wünschen. Eindeutige Fehler sind selten. Die Videos beweisen daher oft nicht viel und bedürfen vielmehr selbst der Auslegung. Denn es braucht ein Subjekt, das den Geist der Regel versteht und ihr anschließend Geltung verschafft. Der V. soll den Fußball transparenter machen. Das kann gelingen. Er soll ihn auch objektivierbarer machen. An diesem Ziel wird er scheitern. Dass der Ausdruck eine Objektivität vorgaukelt, die die Technik nicht leisten kann, schwächt die Idee eher, als sie zu stärken.

Abgelegt in: Sport

Neusprechfunk

Von den Digital-Gutmenschen: Der Neusprechfunk 11

Bevor wir die guten Vorsätze für das neue Jahr wieder vergessen, hat sich die gesamte Crew des Neusprechfunk schon im Januar zum Podcasten zusammengefunden. Zwar hat uns ein Speicherproblem bei der SD-Karte einige Zeit zurückgeworfen, wir konnten die Aufnahme aber retten und präsentieren nun den Neusprechfunk 11 als mp3 und alternativ auch wieder in der ogg-Version.

Als politisch interessierte Sprachbewusste blicken wir diesmal auf die Ergebnisse der Sondierungsgespräche zwischen CDU, SPD und CSU, die am 12. Januar veröffentlicht wurden. Darin entdecken wir mal wieder politische Bekenntnisse, die im Neusprechfunk schon mehrfach Thema waren. Wir lernen beispielsweise, dass es keine „Zonen unterschiedlicher Sicherheit“ (Seite 17) in Deutschland geben dürfe und daher ein Musterpolizeigesetz erarbeitet werden soll. Und wir finden die Expertenkommissionen, auf die man sich festlegt, wenn man sich nicht festlegen möchte. Eine solche könnte man aber tatsächlich brauchen, wenn die im Papier angekündigten Pläne zur Änderung der Rentenformel umgesetzt werden.

csu, cdu, spd, sondierung

Kai hat sprachliche und inhaltliche Auffälligkeiten im Sondierungspapier (pdf) in Kategorien aufgeteilt, die wir jeweils besprechen. Extra für Maha, aber natürlich auch für alle interessierten Hörer gibt es dabei die Kategorie besonders schöner Adjektive. Am Ende kommen wir sogar zu den ganz großen Fragen, denen sich die drei Parteien in dieser Legislaturperiode entschlossen (!) zuwenden wollen. Aufgenommen haben wir den Podcast übrigens vor der Veröffentlichung des Koalitionsvertrags und des Votums der SPD-Mitglieder.

Wir sprechen außerdem über sprachliche Auffälligkeiten bei der Diskussion über den Islam und die offenbar damit zwangsweise verbundenen Hinterhofmoscheen sowie über den kämpferischen Atheismus. Anlass ist die traditionelle Lektüre einer älteren Ausgabe des SPIEGEL. Darin fand sich ein Essay von Christoph Markschies: „Schule braucht Religion“, DER SPIEGEL, 20. April 2009, S. 154f. sowie ein Artikel über Religionsunterricht:

raus aus dem hinterhof

Beide verpflanzen die mit dem Islam verbundenen Unterrichts- und Gebetsstätten wie selbstverständlich in den Hinterhof. Wir sprechen wegen des erwähnten Essays auch über den Ethikunterricht, einen Berliner Volksentscheid und die damals aktive Initiative „Pro Reli“: Die Berliner sollten die Frage entscheiden, ob das Fach Religion zum Wahlpflichtfach an den Schulen wird. (Spoiler: Sie waren nicht dafür.)

Einen Volksentscheid gab es bekanntermaßen auch beim Brexit, dessen Bedingungen die Politik nach wie vor beschäftigen. Die Süddeutsche titelt zu den Verhandlungen: „Die Briten verschenken wertvolle Zeit beim Brexit“. Ein Rätsel bleibt aber, inwiefern beim Zeitsparen innovative Ansätze helfen könnten und was damit eigentlich gemeint ist:

innovative ansaetze, brexit

Auch etwas rätselhaft bleiben die Umstände der mit dem Brexit verbundenen neuen EU-Außengrenzen:

harte grenze, brexit

Ein anderes Rätsel bekommen wir aber während der Sendung gelöst, nämlich die Auflösung eines uns bis dahin noch nicht bekannten Akronyms:

vuca-welt

Wir verheddern uns zwar ein wenig in der VUCA-Welt, aber die Wikipedia hilft mal wieder.

Nicht mehr zu helfen ist wohl Donald Trump, über dessen Selbstverständnis als stabiles Genie wir anhand eines Beispiels reden:

stabiles Genie

Der US-Präsident hatte sich per Tweet zu Wort gemeldet und versucht, die im Rahmen der Berichterstattung über ein Buch von Michael Wolff aufkommende Diskussion um seine geistige Gesundheit zu beenden und zugleich seine Genialität zu unterstreichen. Es gelang ihm zwar nicht hinreichend, aber die Wendung bot eine wunderbare Gelegenheit für Menschen, die sprachlich etwas mehr zu bieten haben als Trump.

Nicht beendet ist auch die Diskussion um Stuttgart 21, ein überaus teures Bauprojekt der Deutschen Bahn. In der Berichterstattung darüber entdeckte Maha ein kreatives Beispiel für Neusprech:

stuttgart 21

Und wo wir schon beim Süden Deutschlands sind, ist Bayern nicht weit: Mit einem kurzen Rückgriff auf den Neusprechfunk 6 beschäftigt uns mal wieder die Überwachungspolitik und speziell die Ewigkeitshaft (auch: Präventivhaft) der CSU:

gefaehrder bayern

Es geht dabei um ein bayrisches Gesetz zur Gefahrenabwehr, das in Sachen Freiheitseinschränkungen einen neuen Tiefpunkt darstellt.

Ein anderer Tiefpunkt, über den wir sprechen, ist einen Namensartikel des konservativen Europa-Parlamentariers Axel Voss in der FAZ mit dem Titel „Digitalisierung? Nicht mit uns…“ (2 MB), in dem er sich für die Werbewirtschaft starkmacht und dabei das Wort „Digital-Gutmenschen“ kreiert. Leider bietet die FAZ den Artikel nicht online an, was vielleicht daran liegt, dass er besser mit anderen Methoden übertragen werden sollte:

voss, faz

Denn wer beim großen Datenrausch nicht mitmachen will, dem droht nach Voss offenbar ein Rückfall in die Steinzeit.

…und wer sich übrigens wundert, warum im Laufe des Gesprächs die Wortschlagzahl merklich steigt, den verweisen wir auf unsere Getränkewahl:

wein muskateller

Wir sprachen auch noch über:

Am Schluss kredenzen wir Euch noch ein paar Quizfragen über Neologismen, also haltet durch! Hier ist der Podcast als mp3.

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