Bedenken, massivste

Massiv ist vor allem im Zusammenhang mit eben jenen B. ein in der Politik gern genutztes Synonym für stark oder heftig. Durch seine massive Verwendung verliert es allerdings an Expressivität und muss, soll es weiter für Aufmerksamkeit sorgen, gesteigert werden. Wenn massive B. also niemanden mehr beeindrucken, dann haben Politiker eben massivste B. gegen einen Vorschlag – eine sprachlich unmögliche Steigerung, eine sogenannte Hyperbel. Siehe auch → Kriminalität, schwerste. Denn massiv stammt vom französischen massif ab und bedeutet ‚dicht, voll‘. Ein Gegenstand ist aus massivem Gold, wenn er durch und durch aus diesem Metall besteht. Mehr geht nicht. Trotzdem ist dieser sprachliche Unsinn immer zu hören, wenn jemand seine angeblichen Zweifel an einer Sache betonen will. Allerdings sind diese Zweifel nie groß genug, als dass der oder die Betreffende im Parlament dann auch gegen den zur Diskussion stehenden Vorschlag stimmen würde. Weswegen sie offensichtlich das Bedürfnis haben, zumindest sprachlich darauf hinzuweisen, dass ihnen die Zustimmung schwer fiel. Umgangssprachlich heißt das Phänomen auch „die Faust in der Tasche“. Siehe auch → Vertrauen, vollstes.

Dieser Text erschien zuerst in unserem Buch „Sprachlügen: Unworte und Neusprech von ,Atomruine‘ bis ,zeitnah‘“

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Abgelegt in: Politik, allgemein

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

9 Reaktionen zu "Bedenken, massivste"

  1. janwo sagt:

    Und die m.B. sind so ein wunderschönes Antonym für das “vollste Vertrauen”. :)

  2. Kai Biermann sagt:

    stimmt, danke sehr, trage ich sofort nach :)
    lg
    k

  3. Hans Hütt sagt:

    Die mB sind im Bereich der parlamentarischen Sprachbilder kopfgeschöpfte Gegengewichte zum Ausgleich des nicht hinnehmbaren eigenen Stimmverhaltens, ein Aufschrei gegen den Unsinn, eine münchhausensche Figur für den Versuch, wenigstens die Idee der eigenen Seele zu retten und damit gegen vorhersehbare Vorwürfe zu verteidigen, wie miserabel man tatsächlich abgestimmt hat. Ein letzter Versuch, die Integrität zu wahren. Nunmehr untauglich.

  4. Mager sagt:

    “Massivste Bedenken” gehen fast immer mit “größten Bauchschmerzen” einher. Das scheint ‘ne psychosomatische Sache zu sein.

  5. Nofate sagt:

    Laut canoo.net/duden.de sind “massivste” ebenso wie “schwerste” oder auch “vollste” sprachlich vollkommen legitime Formen.

    Außerdem ist “massivste” mitnichten in seiner Bedeutung so wie oben dargestellt eindimensional. Es kann vielmehr im Sinne von fest/voll oder im Sinne von entschieden/heftig oder im Sinne von sehr groß benutzt werden.

  6. Jürgen sagt:

    Lieber Martin Haase,

    “sprachlicher Unsinn” – was ist das denn für eine Argumentation? Wenn “massiv” zu einem Synonym für “heftig”, “sehr stark” geworden ist, dann lässt es sich sehr wohl steigern!

    “Massivste Bedenken” = “heftigste B.”, “äußerst starke B.”

    Wo ist das Problem? Sprache wandelt sich, Wörter verändern ihre Bedeutungen und mit den Bedeutungen verändern sich auch ihre grammatikalischen Merkmale. Ich ärgere mich, dass du hier auf dem Niveau des Zwiebelfischchens argumentierst und die Etymologie sprachpolizistisch missbrauchst.

    Es liegt in der Natur von graduierenden Adjektiven (also solchen, die v.a. einen Intensitätsgrad anzeigen), der inflationären Entwertung zu unterliegen. Daher die Neigung zum Superlativ. Das trifft genauso schon auf die “stärksten” oder”größten B.” zu. In semantischer Hinsicht handelt es sich hier um einen Elativ, d.h. um die Anzeige eines sehr hohen Grades einer Eigenschaft.

    Ich finde es wichtig, die Neigung zur floskelhaften Übersteigerung zu kritisieren und anhand von Beispielen wie diesen die vernebelnde Absicht zu entblößen. Aber kritikwürdig ist doch alleine die sprachliche Übertreibung, aber nicht das Wort (“massivst”), das ich dazu benutze.

    Grüße,
    Jürgen

  7. Volker Birk sagt:

    Hallo,

    da fehlt ein “n”: “wen jemand seine angeblichen Zweifel an einer Sache betonen will”.

    Da ich den Rechtschreibfehler gefunden habe, darf ich ihn nun behalten?

    Viele Grüsse,
    VB.

  8. Kai Biermann sagt:

    Vielen Dank, wir haben das “n” dank Ihrer Hilfe wiederentdeckt.

    lg
    k

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