Internetkriminalität

Es gibt in politischen Reden und in Dokumenten des Bundeskriminalamtes keine Briefkriminalität, keine Rohrpostkriminlität, keine Autokriminalität und keine Postkutschenkriminalität. Nur um ein paar Beispiele zu nennen. Dabei können sie alle als sogenanntes Tatmittel dienen, als Weg also zu einer Straftat. Genau wie das Internet. Warum also gibt es in Äußerungen von Politikern und Polizisten eine I.? Es steht zu befürchten, dass damit ein Vorurteil transportiert werden soll. Denn das Internet ist neutral, genau wie Briefe, Rohrpostsendungen, Autos und Postkutschen. Menschen begehen die Urheberrechtsverletzung, den Betrug oder die Erpressung. Nicht das Netz.

Herzlichen Dank an Mitpodcasterin Constanze K., die in der Enquetekommission “Internet und digitale Gesellschaft” im Bundestag fragte, was dieser Begriff in der Überschrift eines Abschnitts zu suchen habe. Leider ohne Ergebnis.

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Reaktionen

20 Reaktionen zu "Internetkriminalität"

  1. Pingback von:

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  2. Germanistikstudent sagt:

    Herr Biermann sollte sich mehr mit den Phänomenen der Wortbildung auseinandersetzen. Mit der Komposition „Internetkriminalität“ ist keineswegs gemeint, dass die Kriminalität durch das Internet verursacht wird, sondern vielmehr, dass das Internet der Ort ist, an dem die Kriminalität stattfindet.

    Obwohl ein Schweineschnitzel aus Schweinefleisch besteht, besteht ein Kinderschnitzel nicht aus dem Fleisch von Kindern. Das liegt ganz einfach daran, dass die Teile einer Komposition in unterschiedlichem Zusammenhang stehen können und es sich nicht pauschalisieren lässt.

    Aber wenn man versucht etwas absichtlich falsch zu verstehen, dann klappt es meistens auch …

  3. Kai Biermann sagt:

    Lieber Germanistikstudent,

    unter Internetkriminalität wird Kriminalität im und mit dem Internet verstanden, siehe die verlinkten Beispiele. Absichtlich falsch verstehen möchte ich dabei nichts, sondern nur darauf hinweisen, dass es ein schwammiger, undifferenzierter und möglicherweise ein ein Vorurteil transportierender Begriff ist. Denn in beiden Fällen – Internet als Tatraum und Internet als Tatmittel – sagt der Begriff so wenig über die eigentlichen Taten (Betrug, Bedrohung etc.), dass er nicht zur Bezeichnung taugt.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

  4. Pingback von:

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  5. Brick sagt:

    Off topic – aber relevant für das blog:

    Thomas de Maiziere erklärt überraschend offen den Einsatz von Newspeak anhand des Begriffes „Vorratsdatenspeicherung“, welcher ja jetzt durch den Begriff „Bestandsdatenauskunft“ ersetzt wurde. Via https://netzpolitik.org/2013/thomas-de-maiziere-trauert-um-die-vorratsdatenspeicherung-und-pladiert-fur-netzneutralitat/

    „Dabei freilich kann man mal wieder lernen, welche Wirkung Begrifflichkeiten haben können. Beim Wort »Vorratsdatenspeicherung« wird bei vielen der Eindruck erweckt, der Staat wolle auf Vorrat alles speichern. Und weil es um Daten gehe, meinen alle, es gehe auch darum, Inhalte zu speichern. Wir haben deswegen versucht, andere Begriffe zu finden, das war aber alles vergeblich. Der Begriff war eingeschliffen, den kann man nicht mehr ändern. So ist das halt. Dabei geht es eigentlich nur darum, dass wir die Rückverfolgungsmöglichkeiten von Verbindungen bei anderen, nämlich bei privaten Anbietern, sicherstellen wollen. „

  6. Germanistikstudent sagt:

    Ich verstehe nicht, wo das Problem bei dem Begriff „Internetkriminalität“ liegt.

    Sie sagen, dass der Begriff den Tatraum bzw. das Tatmittel bezeichnet. Genauso auf diese Bedeutung wird mit dem Begriff abgezielt und ebenso wird er auch eingesetzt.
    Bei der Verwendung jenes Begriffs, will der Nutzer noch gar nichts über die damit begangenen Taten ausdrücken, sondern lediglich über das Instrument der Umsetzung. Internet- oder auch Cyberkriminalität ist als Abgrenzung zur Kriminalität in der reellen Welt gedacht.

    Und wie Sie richtig festgestellt haben, sagt der Begriff nichts über die begangenen Taten aus. Doch dieses Phänomen ist nichts ungewöhnliches. So dient das Wort „Todesursache“ ebenso als Sammelbegriff und sagt noch nichts darüber aus, an welcher Krankheit oder unter welchem Umständen jemand gestorben ist.

    Ihre Befürchtung einer negativen Konnotation des Begriffs „Internet“ kann ich ebenso wenig nachvollziehen. Wird „Post“ in dem Begriff „Postraub“ ebenfalls negativ konnotiert? „Bank“ in „Banküberfall“? „laufen“ in „Amoklauf“? „Auto“ in „Autounfall“? Diese Liste ließe sich wohl endlos fortsetzen …

  7. Outside the Matrix sagt:

    Wer das Internet für einen Ort hält, bezahlt auch Miete für Luftschlösser. Bitte Windows öffnen und hinausspringen!

  8. Kai Biermann sagt:

    Herrlich, herzlichen Dank dafür.

  9. Marie sagt:

    Wirtschaftskriminalität, Jugendkriminalität, Umweltkriminalität wären da auch als Gegenstücke zu finden.
    Ich verstehe nicht ganz, wie man über kriminelle Machenschaften in einem bestimmten Bereich sprechen soll ohne ihn dabei negativ zu konnotieren…?

    Und ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, wieso Sie, Herr Biermann, sich dazu herablassen können, einen solchen Kommentar, wie den von Outside the Matrix, auch noch zu loben.

    Es geht doch darum, sich kritisch mit den Dingen auseinander zu setzen. Dabei muss man auch auf Gegenargumente eingehen. Die Überlegung allgemein ist interessant aber meiner Meinung nach überspitzt.

  10. Exlinguist sagt:

    Ich war heute zum ersten Mal in diesem durchaus interessanten Blog. Sprachanalyse und Sprachkritik finde ich erhellend, wenn sie präzise betrieben wird (da sollte man übrigens die Syntax nicht vergessen), aber nach vielen Jahren in Berufsfeldern, die nichts mit meinem alten Studienfach, der Linguistik zu tun haben, finde ich die Debatten und teilweise auch die Artikel – etwas hermetisch.
    Beispiel Internetkriminalität: Warum es den Ausdruck „Rohrpostkriminalität“ nicht gibt, liegt mE an dem wenig ideologiekritischen Phänomen, dass die Rohrpost kaum lohnende Möglichkeiten bietet, Kriminalität zu betreiben. Die riesige Zahl (teilweise nur beschränkt kompetenter) Teilnehmer, die unendlichen technologischen und kommunikativen Möglichkeiten sowie die schlichte Tatsache, dass hier Geldgeschäfte in sehr erheblichem Umfang stattfinden lassen es als plausibel erscheinen, dass Menschen mit krimineller Energie sich eher des Internets als der Rohrpost (da sind eher sekten Geldscheine in den Bomben) bedienen.
    Beispiel Bankenabgabe: Ja, es mussten in Zypern (neben den Aktionären) erstmals auch Kunden bezahlen. Nur: Welche Folgerung lässt dies zu? (nicht dass ich glaube, dass in der Finanzkrise sehr viel sauber gelaufen ist … den Weihnachtsmann gibt es, glaube ich, auch nicht) Neben der Tatsache, dass Zypern klein ist, gibt es hier dennoch ein paar Besonderheiten: Ein Geschäftsmodell eeines Landes, das auf Schwarzgeld und Steuerbetrug (wie in einem anderen Artikel schön ausgeführt wurde) beruht; höchst verdächtige Zahlungsströme kurz vor dem Zusammenbruch, die Korruption in Zentralbank und Regierung nahelegen …
    Ich meine, dass man da genauer hinschauen müsste – nicht überall haben wir es mit einer Verschwörung gegen die Kleinen zu tun ;o))