Just in time

Einer der Wunderbegriffe der heutigen Wirtschaftstheorien. Klingt nach wahnsinniger Geschwindigkeit, ja nach Schlaraffenland. Als würde alles, was man sich erträumt, sofort herbeischweben. Bedarfsorientiert lautet die offizielle Übersetzung – produziert wird erst, wenn es gebraucht wird, denn Lager sind teuer. Allerdings haben Lager durchaus den einen oder anderen Vorteil. Den bemerkt, wer beispielsweise schon einmal versucht hat, im Winter einen Schneeschieber zu kaufen. Oder wer in einem Flugzeug saß, das nicht starten konnte, da Enteisungsmittel gerade knapp war, oder im Stau steckte, weil kein Salz mehr aufzutreiben war. Wörtlich übersetzt heißt der englische Begriff ‚gerade noch rechtzeitig‘. Wobei selbst das schon ein leeres Versprechen ist, kommt das dringend Gebrauchte doch eigentlich erst, wenn man es längst nicht mehr benötigt. Insofern ist just in time eigentlich out of stock, also nicht vorhanden, somit eine Antiphrase. Irgendwie wurde dieser für die Gesellschaft teure Nachteil des Konzeptes bei der Berechnung des angeblichen Nutzens vergessen. Wahrscheinlich waren die Taschenrechner gerade ausgegangen. Oder die Gehirne.

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Kommentare

13 Reaktionen zu "Just in time"

  1. sven sagt:

    Der für die Gesellschaft teure Nachteil kümmert das Unternehmen doch nun herzlich wenig, warum sollte er berechnet werden?
    Die Frage für das produzierende Unternehmen ist nun eher ob sich die Kosten eines Lagers lohnen oder die Kosten durch die Tage, wo der Nachschub nicht rechtzeitig kommt.

    Und der erwähnte Flughafen mit den dort sicherlich vorhandenen direkten gesellschaftlichen Kosten, was kümmerts den? Die Leute werden nicht von einem anderen Flughafen fliegen in Zukunft.

  2. Numbercruncher sagt:

    Was man dabei auch nicht vergessen darf: Die Fabriken in Osteuropa, Asien und wo sonst noch Leute zu “günstigen” Kosten ausgeb…beschäftigt werden, gibt es durch Just In Time nur zwei Zustände: Entweder keine Arbeit haben oder im Akkord eine riesige Lieferung durchprügeln (auch mal wörtlich), da die Auftraggeber eben nach Bedarf bestellen. Aber wenn sie dann bestellen, soll möglichst alles gleich gestern fertig sein, was die Arbeiter zu 80-Stunden-Wochen und mehr zwingt (wer nicht spurt wird verprügelt oder ausgetauscht, oder gleich die ganze Fabrik wird dicht- und 500 Meter weiter mit “einverstandeneren” Arbeitskräften wieder aufgemacht – das wäre ohne JIT vermutlich ähnlich, aber nicht so stark ausgeprägt).

  3. Kai Biermann sagt:

    @sven

    Eben das finde ich das Problem, denn auch Unternehmen haben eine gesellschaftliche Verantwortung oder sollten sie zumindest haben.

    Sonst ist das wie mit den Banken: Gewinne privatisieren, Verluste auf alle abwälzen…

    lg
    k

  4. bundesrainer sagt:

    Zumindest das Streusalz lässt sich (wie ich heute gehört habe) nur ein paar Monate lagern. Bei längeren Zeiträumen wird es feucht bzw. steinhart. Abhilfe schaffen da nur Trockensilos (die ihren Preis haben).

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1348122/

  5. Kalle sagt:

    Deutschland= just-in-time = Zeitarbeit = zum
    Kotzen

  6. Jeff sagt:

    Das sind diese Mechanismen die eigentlich jedem gesunden Menschenverstand widersprechen aber das Geld freut sich…wo immer es sich auch vor mir verstecken mag^^

  7. Avi sagt:

    Na, Hauptsache man selbst ist just in time, um noch genug Zeit zum warten zu haben. :D

  8. Die gesellschaftliche Dimension ließe sich über entsprechende Vertragstrafen problemlos berücksichtigen. Das Problem ist nicht JIT sondern der mangelnde Wille zur Durchsetzung öffentlicher Interessen. Der Mechanismus an sich funktioniert nämlich recht gut und widerspricht mitnichten dem gesunden Menschenverstand: sofern er vernünftig gestaltet wird. Was nicht zuletzt funktionierende Kommunikation/Information und sinnvolle Feedbacksysteme mit einschließt. Leider nicht gerade eine Stärke unserer öffentlichen Hand. :-(

    Nur auf der Basis mangelnden politischen Willens (und konsequent bewiesener Zahnlosigkeit, siehe z. B. Berliner S-Bahn) funktioniert auch die Sozialisierung von Verlusten etc. In z. B. Schweden läuft das anders: da gibt’s AFAIK keinerlei Subventionen & Co. für marode Unternehmen sondern nur Unterstützung für deren Belegschaft nach einer Pleite.

  9. globallynaive sagt:

    Hierzu noch eine interessante Betrachtung. Der europäische Markführer im Bereich Enteisungsmitteln ist die Baseler Firma Clariant, denen der Basiswirkstoff Glykol ausgegangen war. Zudem übertraf der Bedarf die Schätzungen der make-to-order Supply-Chain Analysten.

    Clariant: Enteisung: Engpässe an internationalen Flughäfen:
    http://radiobasel.ch/aktuell/nachrichten/enteisungengp%C3%A4sse-internationalen-flugh%C3%A4fen-2010-12-30

    Es ist für die Firma aktuell auch problematisch die Produktion hochzufahren weil die Firma in den letzten Jahren mehrere Tausend Stellen in der Produktion gestrichen hat (zur Kostenoptimierung). Einfach mal Clariant und Stellenabbau googeln.

    Bedenklich ist hier, dass der Marktführer in einer so wichtigen Funktion jedes Jahr massive Verluste fährt und Stellen abbauen muss. Was nun, wenn Clariant mal konkurs gehen sollte? Kann sich Europa dann gar kein Enteisungsmittel mehr leisten? Oder sich von China oder den USA abhängig machen?