Zwänge, parlamentarische

Ach, diese Politiker. Da wollen sie einem sagen, unter welch fürchterlichem Druck sie stehen, und der gemeine Wähler ist schon versucht zu denken: die armen Schweine. Doch dann ruinieren sie doch wieder alles mit ihrem Hang zur Dramatik, zur Überhöhung, zum Plural. Über Twitter ließen die Grünen in Nordrhein-Westfalen kürzlich verlauten, sie seien zwar weiter gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, aber „die Fraktion hat sich aufgrund parlamentarischer Zwänge anders entschlossen“. Unter Zwang also standen sie? Wurden von bösen Mächten am Guten gehindert? Auch wenn es den Grünen in NRW nicht klar war – ihre Sprache enttarnt, was sie wirklich sagen wollten. Denn es war kein Zwang, niemand hat sie gegen ihren Willen gezwungen, es waren völlig richtig Zwänge – und somit Konventionen, denen sie sich freiwillig unterwarfen. Trickreich, diese Substantive. Manche davon bezeichnen eine Handlung oder einen Zustand und sind von Verben abgeleitet. Diese nun haben die interessante Eigenschaft, dass sie eine neue Bedeutung bekommen, werden sie in den Plural gesetzt. Der Gang hat noch mit gehen zu tun, die Gänge etwas mit Korridoren oder Getrieben; Aufmerksamkeit ist ein Zustand, Aufmerksamkeiten sind kleine Geschenke. Die parlamentarischen Z. also sind klar, was sie wohl sein sollten: eine Ausrede. Gerade die Grünen, mag ausrufen, wer sich noch an frühere Zeiten erinnert. Immerhin hatten die einst einen in ihren Reihen, der sich um solche Konventionen nicht scherte, indem er in Turnschuhen zur Vereidigung als Minister erschien.

Abgelegt in: Politik, allgemein

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