Bologna-Prozess

Was hier so griffig klingt, ist sprachlich kompletter Murks. Richtig müsste das ganze Ding, das eine Absichtserklärung für bessere Hochschulen sein will, Bologneser Erklärung heißen. Denn erstens werden im Deutschen Städtenamen adjektiviert, wenn sie ein Substantiv qualifizieren. Niemand würde von einem Göttingen-Pamphlet oder einem Berlin-Manifest sprechen. Warum man das Adjektiv Bologneser vermeiden wollte, ist rätselhaft. Vielleicht klang es den Beteiligten zu kulinarisch, vielleicht nicht ernsthaft genug? Zweitens aber – und das sagt noch viel mehr über den Quark, der da in Bologna angerührt wurde – denkt man bei einem Prozess zunächst an eine Gerichtsverhandlung. In diesem Fall saß man dann wohl über die Stadt Bologna zu Gericht? Nein, das kann bestimmt nicht gemeint gewesen sein. Was dann? Das Wort zumindest geht auf das lateinische procedere‚ zurück, was ,fortschreiten, vorgehen‘ bedeutet. Neben Gerichtsverhandlungen, die eben auf immer gleiche Art vonstatten gehen, meint das Vorgänge, die – einmal angestoßen – von selbst ablaufen. Und offensichtlich hatten genau das die Bildungspolitiker im Sinn: Die anvisierte Reform als unausweichlichen, unumkehrbaren und geradezu natürlichen Prozess darzustellen. Was reichlich vermessen ist angesichts des Chaos, das sie in ihrer Planlosigkeit angerichtet haben. Dank des Etiketts B. aber wirkt es nun, als träfe niemanden die Schuld an dieser Bildungskatastrophe. Hübsch, oder?

Abgelegt in: Bildung

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

Reaktionen

17 Reaktionen zu "Bologna-Prozess"

  1. Lara sagt:

    @Kai
    „Macht es Ihnen keine Sorgen, dass jemand schon bei der Benennung eines solchen Dinges so schlampig war? Mir schon. Ich fürchte dann immer, dass er sich auch bei dem Rest nicht so viele Gedanken machte, wie er vielleicht hätte tun sollen.“

    Macht mir keine Sorgen, weil ich mir relativ sicher bin, dass es ein ganz gewöhnlicher Anglizismus ist, geleitet von dem Bestreben nach sprachlicher Uniformität. Die muss man nicht gut finden, ich halte sie in diesem Fall allerdings für nachvollziehbar und ursächlich für die Bildung.

    „By the way: “etwas macht Sinn” ist Murks :)“

    Ich hoffe das war ironisch gemeint… falls nicht, wäre ich für eine Begründung dieser pussierlichen Aussage sehr dankbar.

    @Martin

    „Neologismen unterliegen Regelmäßigkeiten, auch wenn diese andere sind als im zentralen Bereich von Lexikon und Grammatik.“

    Deswegen korrigierte ich mich und sagte „müsste“. Ich gebe dir zwar Recht, dass Neologismen immer auch auf gegebene sprachliche Strukturen zurückgreifen muss (insofern war meine Aussage zu radikal um exakt sein zu können). Fakt ist aber, dass Neologismen immer auch einen Bruch mit Regeln darstellen (seien sie nun lexikalisch oder morphologisch) ansonsten wären sie nicht, genau, neu. Von daher ist es nicht nur müßig Neologismen an vorgegebenen Muster zu messen, sondern normativ wie der Zwiebelfisch. Oder anders: Wieso sollte die Aussage „Denn (…) im Deutschen [werden] Städtenamen adjektiviert, wenn sie ein Substantiv qualifizieren“ nicht normativ sein?

    Auffällig ist die Bildung allemal, aber gut, das macht das alleine schon den „Newspeak“ aus? Ich sehe nicht das politische Kalkül, das unterstellt wird, sondern eine ganz banale Lehnübersetzung des Typs „Gehirnwäsche“. Insbesondere den Verweis auf die Prozess-Problematik halte ich für an den Haaren herbeigezogen. Dass man sich im Falle von Bologna gegen eine Adjektivierung entschieden hat, finde ich vollkommen einleuchtend: „Bologneser Prozess“ klingt einfach ziemlich dumm und zwar sehr wahrscheinlich, weil es einen Touch von Fleischbällchen hat. Wäre der Beschluss in Genf gefallen hätte er ganz ohne Frage „Genfer Prozess“ geheißen.

    Hätte dir „Erklärung von Bologna“ – wie es ja z.B. im Portugiesischen heißt – eigentlich besser gefallen? Ich finde da trifft es Bologna-Prozess erheblich besser. Was wäre überhaupt dein Vorschlag für eine Bezeichnung gewesen? Ernsthafte Antwort erwünscht.

  2. Kai Biermann sagt:

    Nein, das war nicht ironisch. Begründung: Sinn machen ist eine falsche Übersetzung von „to make sense“ – sinnvoll sein. Im Deutschen hat etwas einen Sinn oder eine Bedeutung und ich habe Sinne, ich mache sie nicht. Warum das possierlich ist, ist mir nicht ganz klar, denn das ist jetzt wirklich schon Zwiebelfisch.

    lg

  3. Lara sagt:

    Lieber Kai,

    mir ist klar, dass „Sinn machen“ ein Anglizismus ist. Deswegen hatte ich es oben erst angesprochen und in Anführungszeichen gesetzt. Allerdings gibt es keinen Grund eine Lehnübersetzung einfach als „falsch“ zu bezeichnen, nur weil es bereits eine andere, ältere Variante der Wendung gibt, der ein anderes syntaktisches, morphologisches oder lexikalisches Muster zugrunde liegt. Das gilt insbesondere dann, wenn die Wendung in weiten Teilen der Gesellschaft gebräuchlich ist. Sie dagegen als „Murks“ zu bezeichnen ist ähnlich puristisch wie die Verteidigung des Genitivs vor dem Dativ: Natürlich kann man sich immer als Linguista neben die Menschen stellen und behaupten „Du sagst das aber falsch. Im Deutschen heißt das aber richtig…“, nur muss man sich dann auch den Vorwurf der Realitätsferne, der Pedanterie und ggf. auch der Intoleranz gefallen lassen. Linguistan sollte doch bewusst sein, dass Sprache nicht nur Regelsystem, sondern immer auch stetiger Wandel ist, weswegen jedes „so ist es richtig“ nicht mehr und nicht weniger als ein diskursiver Machteffekt ist. Ich bin sehr froh darüber dass es immer nur selbsternannte, nicht aber tatsächliche Deutungsmonopole gibt, von denen aus festgelegt wird was „deutsch“ ist und was nicht.

    Falsche Übersetzungen sind übrigens die, die den Inhalt (nicht die Worte) verkehren. Wäre „Sinn machen“ unverständig, würde ich es ebenfalls als unzutreffende deutsche Ausdrucksform verstehen – das ist aber mitnichten der Fall.

    Und warum ich deinen Einwand als possierlich bezeichnet habe? Weil du das im Deutschen mittlerweile gebräuchliche „by the way“ (statt „übrigens“) verwendest, während du das mittlerweile gebräuchliche „Sinn machen“ als Murks bezeichnest.

  4. Martin Haase sagt:

    @Lara: ja, „Bologneser Erklärung“ oder meinethalben auch „Erklärung von Bologna“ finde ich sehr passend. Das ist es ja auch und nichts anderes. Den „Prozess“ finde ich schon problematisch. Man kann ja ruhig an chemische Prozesse oder ähnliches denken, aber die Bezeichnung passt halt nicht und hat so etwas von „natürlichem Ablauf“, also von „Alternativlosigkeit“. Die Gegner der Reform wollen und müssen aber zeigen, dass da nichts Natürliches unumkehrbar abläuft, also sollten sie sich nicht auf diese Bezeichnung einlassen.

  5. Kai Biermann sagt:

    By the way sollte Ironie sein, hat wohl nicht funktioniert. Und auch mir ist klar, dass der Duden ein Performanzlexikon ist und Sprache sich ändert. Trotzdem muss ich nicht alles toll finden, was jemand als Sprache verkauft. Sondern finde es wichtig, solche Änderungen kritisch zu beobachten. Nach Deiner Argumentation lohnte es nicht, sich übehaupt zu irgendetwas Gedanken zu machen, immerhin ändert sich das ganze Dasein ständig und man könnte zu jeder dieser Veränderungen die Schultern zucken. Das aber ist nicht meine Haltung, tut mir leid.

    Beste Grüße

  6. Lara sagt:

    @Martin

    Gut, ich halte die Interpretation einer „Alternativlosigkeit“ in „Prozess“ zwar für überzogen, aber mit der „Erklärung von Bologna“ könnte ich mich arrangieren.

    @Kai

    Kai: „By the way: “etwas macht Sinn” ist Murks :)

    Lara: „Ich hoffe das war ironisch gemeint…falls nicht, wäre ich für eine Begründung dieser pussierlichen Aussage sehr dankbar.“

    Kai: „Nein, das war nicht ironisch.“ (…) „By the way sollte Ironie sein, hat wohl nicht funktioniert.“

    Weiß jetzt nicht was an meiner Nachfrage so missverständlich war, dass deine Antwort sich jetzt widerspricht, aber gut.

    „Nach Deiner Argumentation lohnte es nicht, sich übehaupt zu irgendetwas Gedanken zu machen, immerhin ändert sich das ganze Dasein ständig und man könnte zu jeder dieser Veränderungen die Schultern zucken.“

    Falsch: Meiner Argumentation nach lohnt es nicht, irgendwelche sprachlichen Formen (insbesondere dann wenn sie äußerst gebräuchlich sind) als „Murks“ zu bezeichnen. Und im Gegensatz zu deiner Annahme, lohnt es sich gerade wenn Menschen derartige Aussagen machen („Im deutschen heißt es aber richtig…“, „Diese Form ist so falsch…“, etc.) darüber nachzudenken und nachzufragen, wie diese gerechtfertigt werden. Man kann entsprechenden Absolutierungen (wenn man denn möchte) sehr einfach aus dem Wege gehen, z.B. indem man in einem Satz wie…

    „Richtig müsste das ganze Ding, das eine Absichtserklärung für bessere Hochschulen sein will, Bologneser Erklärung heißen. Denn erstens werden im Deutschen Städtenamen adjektiviert, wenn sie ein Substantiv qualifizieren.“

    …mit einem „im Regelfall“ ergänzt, wodurch dann die Form nicht normativ als falsch, sondern lediglich als ungebräuchlich, unpopulär oder einfach nach eigenem Gusto unschön erscheinen würde.

    Deine Verallgemeinerung meiner Darlegung zu einer quasi Gedankenlosigkeit halte ich mit Verlaub für ziemlich plump und ärgerlich. Ist ja in Ordnung, wenn du nicht diskutieren willst, aber wenn doch dann bitte nicht so.

  7. Kai Biermann sagt:

    @Lara
    By the way war eine ironische Anspielung auf den übersetzten Anglizismus, Murks war keine Ironie sondern Ernst gemeint.

    Vielen Dank im Übrigen für Ihre Beiträge, aber ich habe das Gefühl, dass die Diskussion zu nichts führt. Daher schließe ich den Thread hier.

    Beste Grüße
    Kai Biermann