Aufklärung, brutalstmögliche

A. ist vor allem durch Vernunft zu erreichen – zumindest war das die Idee des gleichnamigen Zeitalters. Vernunft ist eine menschliche Begabung; brutal hingegen bedeutet ‚tierisch‘ und ‚unvernünftig‘, also das genaue Gegenteil von aufklärerisch. Brutale A. ist somit bereits ein Oxymoron, ein Widerspruch. Die übertreibende (hyperbolische) Steigerung zu brutalst und das überflüssige (pleonastische) -möglich machen den Ausdruck gänzlich unmöglich. Wer eine brutalstmögliche A. verspricht, könnte ebensogut eine hellstmögliche Verdunklung versuchen.

Das alles ist zwar schon eine Weile her, die Wortwahl aber verdient bis heute Beachtung. Wer sich solchen Nonsens einfallen lässt, drückt vor allem aus, dass er weder das eine noch das andere will. Dass die unvernünftige A. zum geflügelten Wort wurde, beweist, dass jeder die Botschaft verstanden hat. Nun ja, fast jeder.

Abgelegt in: Politik, allgemein

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

Hinterlasse eine Antwort

Reaktionen

4 Reaktionen zu "Aufklärung, brutalstmögliche"

  1. siegfried sagt:

    Betrachtet man das Wort “Aufklärung” vor allem als das damalige Zeitalter, ist die Verbindung zwischen diesem Wort und brutal in der Tat recht seltsam.
    Aber Aufklärung bedeutet Erkentnisse oder Wissen anzueignen. In einem juristischen Fall, und in etwas Ähnlichem ist diese Wortäußerung damals ja gefallen, bedeutet dies, fehlende Puzzelteile oder Verbindungen aufzudecken. Und dies kann in der Tat roh und mit tierischen Mitteln geschehen. Daher sehe ich hier nicht zwingend die Tatsache eines Oxymorons gegeben, höchstens, wenn man beide Worte auf die beiden Deutungen, wie sie oben im Text angegeben sind, einschränkt.
    Das “möglichst” sehe ich auch nicht als unnötiges Anhängsel, für mich steht brutalstmögliche Aufklärung eher als ellyptische Verkürzung des “Aufklärung, die so brutal wie möglich ist.”. (Eine schnellstmögliche Aufklärung ist ja auch eine “Aufklärung so schnell wie möglich”, das möglichst ist hier auch nicht unnötig.) Damit ist dann aber auch erkennbar, wie inhaltlich unsinnig dieser Begriff ist. Eine Aufklärung sollte eher vollständig oder eben schnell erfolgen, von einer brutalen hat wahrscheinlich niemand etwas.

    Spannend finde ich bei dieser Wortwahl aber auch eher die Überlegungen, was denn der Hintergrund gewesen sein könnten, diese so zu treffen. Wollte Herr Koch dadurch punkten, dass er brutale Ermittlungsmethoden fordert? Oder ging es ihm einfach nur darum, keine Floskel von sich zu geben und hat dies durch eine drastische Wortwahl unterstreichen wollen. Vielleicht wollte er auch nur jemanden damit erschrecken, den er verwickelt glaubte?

    Ehrlich gesagt, hatte ich gedacht, dass Neusprech.org nicht nur nachschlägt, was ein Wort wirklich bedeutet oder welche stilistischen Mittel hier verwandt wurden, sondern auch nachforscht, was hier vernebelt bzw. erreicht werden soll. So steht es jedenfalls auf der Seite “über”. Und den zweiteren Punkt der “Mission” vermisse ich leider hier und an einigen anderen Stellen.

  2. kohland roch sagt:

    eher ein freudscher versprecher als neusprech, oder?

  3. D. Müller sagt:

    “Aufklärung” ist hier nicht im historisch-philosophischen, sondern im kriminalistischen Sinne gemeint, und “brutal/st” stellt eine bildhafte Überspitzung von “hart, auch gegen die eigene Partei” dar. Es handelt sich, will man nicht in den etymologischen Irrtum verfallen, um kein echtes Oxymoron. Der Skandal an Kochs Äußerung liegt nicht im angeblichen Neusprech, sondern darin, dass der selbsternannte Aufklärer in Wahrheit Teil des Problems, nicht der Lösung war.
    Angela Merkel, die Koch erledigt hat, ist da eine bessere Kandidatin für Neusprech-Kritik, vgl. “alternativlos”.

  4. xmajax sagt:

    ich empfehle als lektüre “dialektik der aufklärung” von max horkheimer und theodor w. adorno. ihre kritisch-theoretische sichtweise auf die westliche zivilisationsgeschichte und den begriff der aufklärung legt nahe, dass es sich hierbei keineswegs um einen widerspruch handeln muss. vielmehr stehen vernunft und barbarei in einem sich dialektisch bedingenden verhältnis miteinander.