Lohnzurückhaltung

Zurückhaltung ist etwas Vornehmes, etwas, dass man freiwillig übt, um sich und anderen das Leben angenehmer zu machen. Die L. jedoch ist nur der verbrämte Befehl an all jene, die ihre Arbeitskraft für einen Lohn verkaufen müssen, dies doch gefälligst billiger zu tun. Man könnte es auch Erpressung nennen. Zu allem Überfluss steckt darin der Vorwurf, selbst Schuld zu sein, wenn man für diese Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr bekommt, sozusagen freigestellt wird, schließlich war man offensichtlich zu teuer. Welche Chuzpe sich in dieser Form der Ausbeutung verbirgt, sieht man jetzt, wo die Wirtschaft wieder wächst: Da sagt der Wirtschaftsminister, dass vom Aufschwung auch die Arbeitnehmer profitieren müssten, immerhin hätten sie ihn durch ihre L. mit erarbeitet. Ein paar Krümel als Dank. In den achtziger Jahren gab es diese zynische Kampagne schon einmal, damals hieß sie Lohnvernunft und wurde selbstverständlich von denen erwartet, die Lohn erhalten, nicht etwa von denen, die ihn zahlen. Seltsamerweise hat noch niemand eine Gewinnzurückhaltung oder Überschussvernunft angemahnt, wahrscheinlich weil die Suche nach solch noblen Eigenschaften bei Konzernlenkern vergeblich wäre. Wie sonst ist es erklärbar, dass Chefs großer amerikanischer Firmen inzwischen an einem Tag mehr verdienen, als der durchschnittliche Arbeiter in einem Jahr? Tendenz steigend.

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