Denkverbote

21. April 2011 von Kai Biermann

Nur im Plural (Plurale tantum). Meist verwendet in der Konstruktion „darf man sich nicht auferlegen“ und immer als Begründung unseriöser bis hirnrissiger Forderungen. Die D. sind so etwas wie der Präventivschlag der politischen Kommunikation. In dem Wissen, gleich etwas dummes/provozierendes/grob fahrlässiges zu sagen, werden die sich garantiert einstellenden Kritiker prophylaktisch mit der Unterstellung angegriffen, sie würden dem Idioten/Provokateur das Denken verbieten wollen. Das aber hat niemand vor. Getreu dem Hoffmann von Fallerslebenschen Volkslied gilt uneingeschränkt: „Kein Mensch kann sie wissen / kein Jäger erschießen / mit Pulver und Blei: / Die Gedanken sind frei!“ In der Öffentlichkeit Blödsinn zu reden jedoch, ist etwas völlig anderes. Denn wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, hat eine Verantwortung für eben diese. Und so darf man beispielsweise in einer überfüllten U-Bahn gerne darüber nachdenken, wie es wäre, laut und lustvoll zu furzen. Das Schwadronieren darüber aber gilt zu Recht bereits als ungehörig. Vgl. auch: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Nee, darf man nicht.

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Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

23 Antworten zu “Denkverbote”

  1. @gemanistik sagt:

    Etwas rationaler wäre mir lieber gewesen. Der Text kommt so sehr emotional rüber und verpasst zu erwähnen, dass es sich hierbei um ein Killerargument handelt.

    Konkret störend finde ich folgende Wortwahl:
    hirnrissig, dummes, Idioten, “Nee, darf man nicht.”

    Mir fehlt in diesem Beitrag ehrlich gesagt der Charme, den ich hier sonst gewohnt bin. So ist mir das etwas zu platt. Die Kunst der schönen Polemik ist es ja, die Dinge so zu sagen, dass sie nicht so klingen, wie man es eigentlich meint. Das gelingt diesem Text streckenweise, aber eben nicht ganz.

  2. Humppabarbi sagt:

    Der Charme von neusprech.org liegt im Spiel mit einer gewissen “Wörterbuch-Haftigkeit”, verbunden mit hintzergründigem Witz im Spiel mit der Sprache.
    So deckt neusprech.org auch tiefere und (gewollt) verborgene Eigentlichkeiten gewisser Aussagen auf.
    Obiger Artikel ist gut gemeint und gut verständlich, lässt aber das “Aha-Erlebnis” im Tauchgang durch den doppelten Boden der verwässerten Sprache vermissen. Auch sind harte Worte wie “Idioten” oder “furzen”, die als Stilmittel durchaus oft angebracht sind, eher ungünstig platziert, so dass sie anstatt frisch und aufrüttelnd eher plump und zotig wirken.
    Nichtsdestotrotz ist das Thema ein wichtiges, denn ein Denkverbot kommt oft schleichend daher, statt der allgemeinen Keule wird der Schlaftrunk als süsser Kakao in den Medien verabreicht.

  3. anna sagt:

    Ein großer Teil der deutschen Geschichte des 20. Jhd. ist mit Denkverboten belegt – mit Strafverfolgung – und deshalb gibt es folgerichtig “Gedankenverbrecher”.

    Die “Denkverbote” sind schon lange installiert.

  4. Bernd sagt:

    Ich fand es wieder mal super. Danke.

  5. Herbert Krawczek sagt:

    Das würde ich genau entgegengesetzt sehen: Wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, hat immernoch nur Verantwortung für sich selbst. Aber er muss dann mit der Reaktion der Öffentlichkeit auf seine Äußerungen klar kommen. Ich bin für das uneingeschränkte Recht eines Jeden, sich selbst zum Affen zu machen.

    Der letzte Satz wäre also besser: “Darf man, sollte man aber lieber nicht.”

  6. Marcel sagt:

    Bin großer Fan des Neusprech-Blogs, würde mir aber auch eine sachlichere und weniger polemische Darstellung wünschen.

  7. Kai Biermann sagt:

    Ich bitte um Entschuldigung, aber angesichts der hirnrissigen Dinge, die mit dieser Phrase gerechtfertigt werden – gezielte Tötungen, um nur eines zu nennen – sind mir ein paar rhetorische Sicherungen durchgebrannt. Vielleicht ändere ich den Text nochmal, vielleicht aber auch nicht ;)

    lg
    k

  8. Google meint sagt:

    Meinten Sie: Schwadronieren Die ersten 2 angezeigten Ergebnisse

    Klugscheisserei ja, aber wenn es hier doch um Sprache geht, dann Fehler vermeiden oder korrigieren :)

  9. Kai Biermann sagt:

    Ist korrigiert, danke
    lg
    k

  10. O. sagt:

    Wie steht’s da geschrieben:
    Denkverbote… “(…)Meist verwendet in der Konstruktion „darf man
    sich nicht auferlegen“ und immer als Begründung unseriöser bis hirnrissiger
    Forderungen.(…)”

    Das perfide an den Denkverboten, die man sich nicht auferlegen darf
    liegt doch darin, daß sie genau das Gegenteil dessen, was gesagt/gefordert wird, bewirken: Durch Auferlegen eines Denkverbot-Verbots wird dem Kritiker
    des nicht-verboten-werden-dürfenden-Denkens (und_Aussprechens) ja eben Untersagt, den Sprecher zu kritisieren, oder auch nur daran zu denken.
    Das ist das präventive Denkverbot im Namen des nicht-Denkverbots bzw. Denkverbot-Verbots.

    Die Forderung nach Denkverbot-Verbot führt zum Denkverbot;
    das ist genau das perfide daran.
    Es klingt nach freier Meinungsäußerung und Einfordern von freier Rede,
    ist allerdings genau das Gegenteil davon: es ist subtiles Etablieren von (Selbst-) Zensur.

    Es ist sozusagen eine inverse paradoxe Intervention.

    Während die paradoxe Intervention dazu dient, paradoxe Kommunikation aufzulösen, führt das “Denkverbot-Verbot” als Denkverbot genau ins Gegenteil: es wird paradoxe Kommunikation dadurch erst etabliert
    bzw. dies ist ein Beispiel von paradoxer Kommunikation.
    (Das Prinzip ist wohl das selbe…., die Wirkung aber entgegengesetzt)

    Aus anderer Perspektive betrachtet bedeutet
    „darf man sich nicht auferlegen“
    genau das: darf man SICH (dem Sprecher) nicht auferlegen,
    dem Zuhörer aber sehr wohl.

  11. [...] WTF? Jetzt wird man sogar schon abgemahnt, wenn man Debian aus dem Torrent zieht. neusprech.org: Denkverbote iphoneblog.de: Liebe Panikmacher, ich hasse [...]

  12. Cunctavi sagt:

    Den Kritikern des Artikels rufe ich zu: “Auch auf neusprech.org darf es keine Denkverbote geben!”

  13. Ludwig Trepl sagt:

    “Nur im Plural (Plurale tantum).”
    Warum? Wenn Denkverbot ein Singularetantum wäre, würde der Knalltüten-Jargon der Politiker (ich bitte die zartnervigen Vor-Kommentatoren um Entschuldigung für die harten Worte) es doch zum Plural machen; siehe Inhalte.

  14. Lemming sagt:

    Recht hat Cunctavi! – Wird man ja wohl noch sagen dürfen.

  15. lux sagt:

    Menschenverachtende grundgesetzverletzende Vorschläge propagieren (auf Stammtischniveau) soll etabliert werden ,mit “es darf keine Denkverbote geben”
    Häufig geht es eben mit einer Hetzjagd und Verunglimpfung von Gruppen einher. Man darf ja wohl noch mal hetzen dürfen oder?

    Wenn Menschen ihre asoziale Gedanken nicht wegbekommen sollen sie sich mal in Therapie begeben und ander Menschen damit in Ruhe lassen finde ich.

  16. O. sagt:

    “Denkverbote” oder “Tabus”:

    “Diskussion ohne Tabus”

    2006: Japan und Atomwaffen?

    “Wenn ein Nachbarland Atomwaffen hat, kann man es nicht ablehnen, die Frage der nuklearen Bewaffnung in Erwägung zu ziehen” – diese verbale Bombe ließ Taro Aso kurz nach Nordkoreas Atomwaffentest am 9. Oktober 2006 platzen. Mindestens zwei weitere Politiker der regierenden Liberal-Demokratischen Partei (LDP) forderten eine Diskussion ohne Tabus.”

    http://www.dw-world.de/dw/article/0,,2251418,00.html

  17. Alex sagt:

    Wenn die Autoren schreiben

    “Das Schwadronieren darüber aber gilt zu Recht bereits als ungehörig. Vgl. auch: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Nee, darf man nicht.”

    möchte ich ihnen ein Grundgesetz schenken. Als Lesehilfe möchte ich zudem darin Artikel 5 fett rot anstreichen. Angesichts der Tatsache, daß mindestens einer der Autoren Mitglied der Piratenpartei ist, wird mir anders, wenn ich derartige Negierungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung lese.

    Hier den Fallerslebenschen Text heranzuziehen, um zum Ausdruck bringen zu wollen, daß es nur um Gedanken und nicht um deren Äußerung geht, ist ebenfalls unsinnig. Denn dieser Text wurde unter der Prämisse verfaßt, daß man – damals noch in ferner Zukunft – diese Gedanken auch aussprechen darf. So wurde das Lied konkret zur Einforderung von Meinungsfreiheit verwendet. Eine zwingende Konsequenz aus der Geschichte des Liedes ist somit, daß es nicht bei den unausgesprochenen Gedanken bleiben darf. Genau so sind auch die “Denkverbote” zu verstehen. Selbstverständlich geht es implizit auch um deren Äußerung!

  18. Peter sagt:

    O. hat den eigentlichen, perfiden Sinn dieser Kritikunterdrückungsphrase auf den Punkt gebracht.

  19. Shinobi42 sagt:

    Wie aktuell von Herrn Rösler bezüglich des Denkverbots zur möglichen Insolvenz Griechenlands angesprochen, geht es bei der Denkverbots-Phrase wohl auch manchmal um das Vorfühlen beim politischen Gegner aka Koalitionspartner, wie weit man gehen kann. Das neue politische Feld wird schon mal vorbereitet, die Aussaat implizit angekündigt, aber man hat noch viel Raum zum Zurückrudern, wenn man zuviel auf die Finger geklopft bekommt.
    “Bezüglich einer Hohle-Phrasen-Dresch-Steuer für Berufspolitiker darf es keine Denkverbote geben.” würde ich gerne dem ein oder anderen Medienvertreter ins Mikrofon bölken, wenn es sie denn interessieren würde …

  20. O. sagt:

    Rösler liest dieses Blog nicht.

    Sonst würde er nicht von Denkverboten, die es nicht geben dürfe (bzgl. dem sogenannten Griechenland-Schulden-Problem), reden.

    Rösler, bzw. die FDP zeigt/zeigen damit, nicht ganz auf der Höhe der
    Zeit zu sein…

    …man labert einfach drauf los und ist sich keiner Kritik bewusst.

    Alte Politiker-Manier,
    …und noch weniger “liberal” (weil mangelnd “netzaffin”) als manch’ ein CSUler…

    Daher kann dieser Haufen der Sozialneider (war GELD (ooops: GELB!) nicht die Farbe des NEIDs? ;-))

  21. campino2k sagt:

    [...] den Euro zu stabilisieren, darf es auch kurzfristig keine Denkverbote mehr geben.– Philipp Rösler Dieser Beitrag wurde unter Unsortiertes veröffentlicht. Setze [...]

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