Cyberwar

Bei dem Versuch, irgendwelchen Unsinn zu verstehen, hilft oft die Frage nach dem Warum. Warum also reden deutsche Politiker ständig von einem C., wenn sie über das Internet und seine Gefahren sprechen? Immerhin könnten sie den Begriff auch übersetzen und von Rechnernetzkrieg Internetkrieg faseln. Tun sie aber nicht. Klingt das in ihren Ohren vielleicht, als würde das Internet zurückschlagen und sich für all die Schmähungen rächen, die Politiker so über es verbreiten? Wahrscheinlich nicht. Es klingt vielmehr harmloser. Denn im Deutschen verlieren Wörter, wenn sie zusammengesetzt werden, oft an Kraft. Vor allem das zweite Glied in einem solchen Kompositum wird schwächer: Krieg ist gefährlich, Ehekrieg jedoch ist der Streit der Nachbarn, der sich gedämpft hinter der Wohnzimmerwand abspielt. Harmlos aber ist nicht gut – so erschreckend der Gedanke sein mag: Politiker wollen Angst verbreiten. Wir sollen uns fürchten, damit im gleichen Satz angekündigte Dinge wie Kill Switch (Tötungsschalter?) oder Quick Freeze (Das Internet schockfrosten?) nicht mehr so schockierend klingen. Das englische C. hilft dabei. Es verheißt Modernität und unbekannte und dadurch umso finsterere Gefahren, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssen. Dank ihm vergisst sich auch leichter, dass es nicht einmal um einen Krieg geht, sondern um Wirtschaftsspionage, um Sabotage und manchmal auch nur um Urheberrechtsverletzungen. Denn wäre es tatsächlich ein Krieg, würde dieses Wort von der Politik gemieden wie eine ansteckende Krankheit.

Nachtrag: Das lesenswerte Sprachlog beschäftigt sich hier ausführlich mit der Herkunft des Wortteils Cyber und findet, es sei überhaupt ganz allgemein ein schönes Präfix, das an vielen Stellen nützlich sein kann“.

Nachtrag: “Internetkrieg” aktualisiert, dank an pedant.

Abgelegt in: Internet, Militär

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

Hinterlasse eine Antwort

Reaktionen

24 Reaktionen zu "Cyberwar"

  1. dasber sagt:

    Na, ich weiß nicht!
    Das Englische ist doch derzeit einfach mehr en vogue und wird von Politikern da, wo es diesen “irgendwie” um “die neuen Medien” zu gehen scheint, schon deshalb gerne zitiert. “Krieg” hat demgegenüber so gar keinen Prestigewert aufzubieten.
    Zudem wird der Ausdruck “cyberwar” international längst ausgiebig gebraucht, ist also wohl als international akzeptiert anzusehen, während doch “Internetkrieg” eine eher verquer-deutsche Nachbildung ohne große Chance auf internationale Akzeptanz ist.
    Zuletzt eine Frage:
    Wie ist Euer Argumentationsansatz zu verstehen, dass sich Politiker noch unverständlicher ausdrücken könnten, als sie es ohnehin schon oft genug tun? Ist das nicht trivial?!
    Und wie Eure Behauptung, “Internetkrieg” sei eine Übersetzung (?!) von “cyberwar”? Ist das nicht schlicht falsch?!

  2. Pingback von:

    Ereignisbl[og|ick] » Blog Archive » Cyberwar ….
  3. Pingback von:

    Sprachlog
  4. frida sagt:

    Das Präfix “Cyber” verheißt (im Deutschen? in meinen Ohren?) gerade nicht Modernität und damit “Cyberwar” nicht Gefahr, sondern Neunziger Jahre und Computerspiele. Für mich ist das Wort aus Politikermund also eher ein Produkt der Hilflosigkeit, als der perfiden Angstmache… Oder wer hat Angst vorm Cyberwar?

  5. Pingback von:

    Positiv denken « Erich sieht
  6. pedant sagt:

    was soll an “internetkrieg” deutsch sein? Da muesste es wohl eher: Zwischennetz-Krieg heissen. Aber Internet für cyber ist auch schon falsch. Cyber kommt von gr. kybernes der Steuermann. Also: Cyberwar=Steuerkrieg. (Irreführend – weil eher Besteuerung assoziiert wird – aber korrekt). Besser Fernsteuer(ungs)krieg. Das trifft aber auch auf zu auf z.B. sogenannte “Drohnen”? (Neusprech für ferngesteuerte Bomber). Dann vielleicht Computernetzkrieg bzw. wirklich dt. Rechnerenetzkrieg.

  7. André sagt:

    ich weiß nicht irgendwie löst das C. wort nichts schlimmes aus, eher erfreut es mich, es zu hören da sie es oft im bezug auf die Anonymous gruppe gebracht haben.
    und ich fand es beruhigend das dort mal an die grossen gegangen wurde!

  8. Pingback von:

    zeugs am sonntag (18) « blubberfisch