Gewinnwarnung

Da wird nicht etwa gewarnt, dass gleich ganz viel Geröll Gewinn auf die Aktienbesitzer niederprasselt. Die G. soll vielmehr ausdrücken, dass ein Unternehmen weniger Gewinn oder unter Umständen sogar mehr Verlust gemacht hat, als den Aktionären ursprünglich angekündigt worden war – eigentlich also eine Gewinnkorrektur. Mindestens. Beziehungsweise Börsendeutsch für das alltägliche: „Tschuldigung, wir haben uns geirrt und Euch zu viel versprochen.“ Was natürlich nicht so positiv klingt, beziehungsweise nicht so hübsch verbrämt ist. Wäre übrigens 2001 fast mal Unwort des Jahres geworden. Was die Firmen nicht daran hindert, ihre Aktionäre nach wie vor mit Hilfe dieses Begriffes zu belügen.

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Reaktionen

9 Reaktionen zu "Gewinnwarnung"

  1. Ludwig Trepl sagt:

    “Was die Firmen nicht daran hindert, ihre Aktionäre nach wie vor mit Hilfe dieses Begriffes zu belügen.”

    Die Ethiker streiten ja seit Jahrhunderten, ob man ganz und gar nicht lügen darf oder ob es doch Ausnahmen geben könnte, z.B. die sogenannte Notlüge. Könnte nicht auch das Belügen von Aktionären eine solche Ausnahme sein? Wenigstens nicht so schlimm? Oder in religiöser Sprache: nur eine läßliche Sünde? Denn ein Aktionär verdient das Geld, das er verdient, ja nicht, sondern dafür läßt er andere arbeiten. Hat der Schonung verdient?

  2. Da werden Sie geholfen sagt:

    Cool.
    Fehlt nur noch eine “Hilfswarnung” für die Sanktionen der Arbeitsämter, pardon… Jobcenter u.a. Kürzungen im Sozialbereich :)

  3. Klaus sagt:

    Lügner unter sich; sollen sie sich doch die Hucke vollügen.

  4. Karl sagt:

    Hallo,

    Super Blog! Frage: Könnt ihr “Zwischenfall” analysieren? Also Zwischenfall im Zusammenhang eines Talibanangriffs. Für mich eine Verharmlosung, aber eine genaue Analyse wäre natürlich top! Erst heute wieder gelesen und so wird doch alles Zwischenfall genannt, was eigentlich brandheiß ist…

    Danke!
    lg Karl

  5. Volker Birk sagt:

    Ach ja, Ideologie von allen Seiten.

    Ein “Aktionär verdient das Geld nicht”. Mei. Das Geld, was er vielleicht verdient hat (vielleicht hat er es auch geerbt), das gibt er jetzt anderen, einer AG. So dass die damit arbeiten kann. Und er riskiert, dass das Geld weg ist, denn eine AG hat ja eine “beschränkte Haftung”. Gehts schief, ist die Einlage futsch. Und das macht er weil er dafür, falls alles gut geht, am Gewinn beteiligt wird. Manchmal macht er es auch, weil er hofft, dass alles so gut geht, dass die AG so toll wird, dass andere auch Aktien kaufen wollen, und er seine Aktien wieder verkaufen kann, zu einem höheren Preis.

    Aber ob er das Geld verdient hat, für das er hier Aktien kauft, das ist eine Frage, die gar nicht mit dem Thema AG zusammenhängt. Und wenn er sein Geld jetzt in eine AG investiert, und somit riskiert, aber auch das Geschäft der AG damit überhaupt erst ermöglicht (sonst kann die vermutlich nichts finanzieren, denn Fremdkapital aka Kredite sollte man besser nicht mehr als Eigenkapital aka Geld von Aktionären haben, aber um Dinge zu bewegen brauchts Kapital), hat der Aktionär dann wirklich niemals eine Gewinnbeteiligung verdient?

    Eine Gewinnwarnung ist dagegen etwas aus einer pervertierten Welt. Statt dass die Aktionäre froh sind, wenn ihre AG stabil ist und gut funktioniert, reicht das nicht aus. Nein, alle drei Monate will man einen Quartalsbericht, dass es noch viel besser geworden ist als letztens. Und damit nicht genug, man fordert den Vorstand auf, er solle gefälligst ansagen, wie gut es im nächsten Quartal werden wird, fordert ihn auf, die Glaskugel aus der Spülmaschine zu holen, und einem gefälligst anzusagen, wie hoch der eigene Anteil wird!

    Und der Vorstand, der vielleicht grade noch überlegt hat, wie er die AG langfristig stabil und profitabel halten kann, verwirft diese Überlegungen, und richtet alles nur noch nach dem nächsten Quartal aus.

    Nicht dass er noch eine Gewinnwarnung ausgeben muss – “Warnung: meine Glaskugel hat nicht richtig funktioniert!”

    Die Frage ist oft, wer verarscht hier eigentlich wen. Und wer merkts noch.

    Viele Grüsse,
    VB.

  6. Rainer sagt:

    Apropos Unwort. Es hat zwar in Deutschland 2001 den Titel verfehlt, ist allerdings 2008 Unwort in Österreich geworden.

  7. Jean sagt:

    Klasse Erklaerung vom neusprech-Blog und um so besserer Kommentar von Volker! Perfekt argumentiert, schoen einmal zu lesen, wie daemliche Ideologie (Aktionaere sind boese, Banken sind boese, Geld ist boese) in Blog-Kommentaren so auseinandergenommen wird!

  8. siegfried sagt:

    Die meisten Warnungen zeigen tatsächlich im Bestimmungswort ein Substantiv, vor dem gewarnt werden soll. Diese Verbindung ist in der deutschen Sprache aber nicht zwingend. Vor allem dann, wenn das vor dem gewarnt werden soll, ein nicht in einem Wort präsive ausdrückbares Objekt ist. So die Warnung vor einem geringer ausfallendem als einmal prognostizierten Gewinn, aber z.B. auch im Wort Produktwarnung, bei dem ja auch nicht vor dem Produkt, sondern vor einer möglichen unsachgemäßen Nutzung des Produktes warnt.
    Die im Text erwähnte Gewinnkorrektur als möglicher Ersatz ist tatsächlich zu ungenau, weil das den Fall eines höheren Gewinnes mit einschließt. Im Übringen ist eine Abweichung nach oben die durchaus häufigere Situation, was die Aussage “das alltägliche: „Tschuldigung, wir haben uns geirrt und Euch zu viel versprochen.“ ” nicht ganz richtig scheinen lässt.
    Bleibt noch zu fragen, ob es sich hierbei überhaupt um Neusprech handelt, also hier Firmenlenker “ihre wahren Ziele vernebeln” wollen. Dazu müsste das Wort “Gewinnwarnung” andere Assoziationen wecken, als der dahinter stehende negative Fakt des gesunkenen Gewinns. Zumindest für mich ist dies überhaupt nicht der Fall.

    Siegfried

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