… muss liefern

Das Verb liefern kommt vom lateinischen liberare, das ursprünglich ‘befreien’ bedeutete, dann auch ‘abgeben, aufgeben, aushändigen’ und eben ‘liefern’. Als Handelsterminus ist es dann über das Niederdeutsche ins Hochdeutsche gewandert. Die ältere Bedeutung ‘abgeben, aufgeben’ kommt noch in der Redensart ‘geliefert sein’ zur Geltung. Ansonsten ist das Verb nur noch in der den Warenverkehr betreffenden Bedeutung üblich. Liefern muss, wer eine Bestellung oder einen Lieferauftrag erhalten hat, insbesondere wenn der zur Lieferung Verpflichtete bereits sein Geld bekam. Und an dieser Stelle kommt die Metapher ins Spiel: Der Ausdruck wird verwendet, wenn jemand als Schuldner dargestellt werden soll, der mit seinen Verpflichtungen im Verzug ist. Es impliziert eine Bringschuld und versetzt denjenigen, der liefern muss, in die Rolle eines Dienstbotens. In Zeitungsüberschriften und politischen Reden musste schon so ziemlich jeder liefern, sei es Stefan Effenberg, der Handel (was lustig ist, weil der ja ständig liefert), die SPD oder irgendein bestimmter Politiker. Während der „Griechenlandkrise“ war es regelmäßig die griechische Regierung beziehungsweise das griechische Parlament oder gleich ganz Griechenland, die irgendetwas liefern, oder auch ihre Hausaufgaben machen sollten. Was nur umschreiben sollte, dass sie etwas hergeben sollen, nämlich soziale Errungenschaften oder Staatsvermögen – insofern passt die ältere Bedeutung von ‘aufgeben, aushändigen’ wieder. In der Flüchtlingskrise ist es jetzt die Türkei, die liefern muss – nein, keine Flüchtlinge, wie man angesichts der Überschriften glauben könnte. Das Gegenteil ist gemeint: Die Türkei soll verhindern, dass Flüchtlinge nach Europa kommen. Die EU bezahlt also dafür, dass die Türkei gerade nichts liefert.

Schlagworte: ,
Abgelegt in: Politik, allgemein

Hinterlasse eine Antwort

Reaktionen

3 Reaktionen zu "… muss liefern"

  1. Friederike sagt:

    „Liefern“ abgeleitet von „liberare“ – dieser Zusammenhang war mir neu. Aber nun hilft er mir auch, die vielen verschiedenen Bedeutungen des englischen „deliver“ einzuordnen; das hängt ja sicher auch damit zusammen. Danke für die Aufklärung!
    (und ja klar: den floskelhaften Gebrauch des „Liefern-Müssens“ fand ich auch schon oft sehr seltsam.)

  2. Sehr schön! Das zeigt eben auch, dass Politik machen als ein Handeln oder Tauschen verstanden wird. Güter wie im obigen Beispiel »Geld« und »das Aufhalten von Flüchtlingen« werden bei einem Handel in eine Tauschbeziehung gesetzt. An der Art dieser Beziehungen oder das, was diese Verhältnisse charakterisiert, lässt sich die Moral der Politik ablesen.

    Mit »muss liefern« lässt man auch unter den Tisch fallen, dass es sich bei einer Lieferung im Vertragssinne um ein wechselseitiges Schuldverhältnis handelt. Politiker reden in der Öffentlichkeit auch manchmal von Vertragserfüllung. Da ist die Wechselseitigkeit noch präsenter und die eigene Position politisch wohl schwächer oder die Lage (hehe!) weniger angespannt.

  3. nullplan sagt:

    Ein bisher noch nicht angesprochener Punkt: Es handelt sich außerdem um einen tumben Anglizismus. Im Englischen gibt es die Verwendung „to deliver on sth.“, z.B. „He has to deliver on his promise.“ in der Bedeutung „umsetzen“ o.ä. („Er muss sein Versprechen jetzt auch umsetzen.“) Das hat sich natürlich auch im Laufe der Zeit abgekürzt zu „He has to deliver.“ Und die Redewendung „m.“ ist davon lediglich die wörtliche Übersetzung für etwas, das es eigentlich nicht gab. Die Bundesregierung erwartet keine Lieferung aus der Türkei, auch keine metaphorische; sie wollen die Versprechungen umgesetzt sehen.