bekennen, sich

In politischen Texten wie zum Beispiel in Koalitionsverträgen, grassiert derzeit ein ungewöhnlich verwendetes Verb: sich zu etwas b. Das hat etwas Religiöses, denn in der Regel bekennt sich jemand zu einem Glauben. Gelegentlich kann sich jemand auch zu einem Verbrechen oder einer Farbe b., immer aber hat ein solches Bekenntnis mehr oder weniger unangenehme Folgen, sonst ist es keines: Denn es geht darum, zu zeigen, wer oder was man wirklich ist, also die Wahrheit zu sagen und daraus entstehende Nachteile in Kauf zu nehmen. Wer sich zu einer Religion bekennt, kann als Märtyrer oder im günstigeren Fall als Kirchensteuerzahler enden, wer sich zu einem Verbrechen bekennt, muss für gewöhnlich ins Gefängnis, und wer Farbe bekennt, muss sagen, was er denkt. In der Politik ist es allerdings – wie so oft – anders: Dort hat ein Bekenntnis keine Folgen. Es ist nur ein Synonym für: „finden wir auch irgendwie gut“. Sprachwissenschaftlich heißt das Phänomen: „bleaching“, also ‚Ausbleichung‘. Eine ursprünglich expressive Bedeutung wie eben das religiöse Bekenntnis mit anschließend möglichem Martyrium wird zu einer bedeutungslosen Floskel, klingt toll, heißt aber wenig.

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Reaktionen

4 Reaktionen zu "bekennen, sich"

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  2. Veit sagt:

    Ich bekenne, gelegentlich Neusprech zu lesen.

  3. Hans Hütt sagt:

    Frau Maischberger hat letztens das B. auf einen Fall übertragen, der eine weitere Ambivalenz des Bekennens in Licht rückt. MdB Jens Spahn wurde am 11. Februar als „bekennender Homosexueller“ vorgestellt. Ist das dazu angetan, einen bekennenden von einem nicht bekennenden Homosexuellen zu unterscheiden? Wem gegenüber legt der b. sein Bekenntnis ab? Winkt ihm dafür fortan ein leichteres Leben oder eine geringere Strafe? Durch wen? Oder hat er sich alles selbst zuzuschreiben?

    Michel Foucault kommt in Erinnerung. Der Wille zum Wissen, Überwachen und Strafen. Wie dünn der Firnis unserer Liberalität ist, kommt in solchen ephemeren Situationen ans Licht. Denn tatsächlich würde Frau Maischberger sich als eine durch und durch Liberale bezeichnen. Was sie vielleicht als Lob gemeint haben mag, erweist sich bei näherer Betrachtung als Übernahme einer unüberbrückbaren Distanz. Denn wer käme je auf die Idee, sie um ein sexuelles Bekenntnis zu bitten?

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