Reserve, stille

Mit der stillen R. bezeichnen Politiker und Arbeitsmartkforscher diejenigen, die keine Arbeit haben, sich aber auch nicht arbeitslos melden – weil sie sowieso keine Unterstützung vom Staat bekommen würden oder so frustriert sind von der ewigen Arbeitssuche, dass sie aufgegeben haben. Die Bezeichnung als R. ist dabei offensichtlich eine Übernahme aus der Militärsprache. Dort meint der Begriff jene, die gerade nicht im Kriegseinsatz sind, aber jederzeit zu ihm herangezogen werden könnten. Wie von der Sprache des Militärs nicht anders zu erwarten, ist das eine Verdinglichung, eine Betrachtung von Menschen als Material. Denn R. bedeutet so viel wie ‚Vorrat‘. Dass jene, die im Sozialsystem keinen Platz finden, weil sie Hausfrau waren oder Selbständig, als sofort verfügbarer Menschenvorrat für den Arbeitsprozess angesehen werden, ist brutal. Dass sie dabei auch noch als still und somit als schweigend bezeichnet werden, ist zynisch. Schweigen die schätzungsweise drei Millionen Betroffenen doch nur deswegen, weil sie niemand fragt, beziehungsweise weil sich niemand für ihr Schicksal interessiert.

Siehe auch Mehrheit, schweigende.

Mit Dank an Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia für die Anregung.

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Reaktionen

10 Reaktionen zu "Reserve, stille"

  1. Steffen sagt:

    “Brutal” ist dann aber auch ein ziemlich brutales Wort für “Betroffene” wie mich, der ich selbstständig bin und mich gar nicht so arbeitslos fühlte bis gerade eben. Und einige hunderttausend Hausmänner und Hausfrauen haben vielleicht ebenfalls einen arbeitsreichen und erfüllten Alltag und weder Lust noch Zeit noch Notwendigkeit, nebenher noch einen Job zu besetzen, den andere vielleicht zum Leben brauchen.
    Die stille R. wird von Politikern und anderen bösen Mächten mitnichten als “verfügbarer Menschenvorrat” gehortet, sondern eher gefürchtet. Stellte sich die SR nämlich morgen geschlossen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, hätten wir ein Problem, das über den kosmetischen Makel einer höher klingenden Arbeitslosenquote weit hinaus ginge.

  2. Lemming sagt:

    Ich denke doch, dass das Wörtchen “still” irgendwie gerechtfertigt und auch ein Schlüssel zum Problem ist. Atomlobby, Pharmalobby, Finanzlobby etc. warten mit Wortmeldungen ja auch nicht bis sie gefragt werden. Deshalb werden ihre Sorgen in der Politik wahrgenommen und berücksichtigt. Wenn dagegen die “stille Reserve” weiterhin still bleibt, wird sie auch weiterhin in der Politik übergangen. Die Logik für die Politiker ist da ganz einfach: Wer sich nicht meldet, für den scheint alles in Ordnung zu sein.

  3. still? sagt:

    so still sind sie eigentlich gar nicht, nur wollen selbsternannte leitmedien das nicht hören. da räumt man doch lieber den meldungen der arbeitgeberlobbys mehr platz ein und verbreitet ein wenig propaganda.

  4. bla sagt:

    so still sind die betroffenen eigentlich gar nicht, nur ist blöderweise die propaganda aka arbeitgeberlobby lauter und wird leider mehr wahrgenommen, nicht zuletzt dank unseren selbsternannten leitmedien.

  5. siegfried sagt:

    Nun, vielleicht stammt der Begriff ja nicht, wie vorgeschlagen, direkt aus dem militärischen Bereich und “still” soll vielleicht auch nicht das Schweigen der betroffenen Personen benennen. Eventuell handelt es sich um eine Anwendung des Begriffes “stille Reserve”, wie er in der Rechnungslegung etabliert ist. Damit wird eine nicht in den Büchern offen gezeigte höhere Wertigkeit von Aktiva (bzw. geringere Wertigkeit von Passiva) beschrieben. Übersetzt in die Arbeitsmarktstatistik eben eine nicht in den gezeigten Zahlen vorhandene größere Anzahl von Arbeitssuchenden.
    Das würde dann aber weniger dramatisch klingen, als die Zeilen oben…

  6. Markus sagt:

    Zur stillen Reserve gehören definitionsgemäß auch nicht nur die “Gescheiterten, Frustierten und Hoffnungslosen”, sondern ebenfalls Menschen, die es schlicht nicht nötig haben oder sich aus anderen (u.U. durchaus gerechtfertigten) Gründen nicht beim Amt melden, wie z.B. nicht-arbeitstätige Ehefrauen, ehemalige Selbstständige in Frührente, Menschen im Schwebezustand zwischen Ausbildung und Job oder Job und Job o.ä.

  7. Shinobi42 sagt:

    Passend zu der Analogie zur Rechnungslegung ist ja, dass man die Stillen Reserven möglichst nicht aufdecken möchte, um einer höheren Besteuerung zu entgehen. Ähnlich wäre ja auch hier eine negative Reaktion zu erwarten, wenn man mal die Stille Reserve des Arbeitsmarktes valide und klar veröffentlichen würde.

  8. Carsten sagt:

    Ich weiss nicht ob es da eine Verbindung gibt, aber der Begriff ähnelt sehr dem von Marx verwandten: Industrielle Reservearmee. Hier ist der militärische Bezug ganz klar. Die Menschen haben still zu sein und zu gehorchen, egal ob sie gerade gebraucht werden oder nicht.

  9. Michael sagt:

    Ich muss meinem Vorredner zustimmen, ich habe auch sofort an die Industrielle Reservearmee von Karl Marx gedacht.