Mindestspeicherdauer

22. Februar 2011 von Kai Biermann

Wer sich fragt, wie so kreative Wortschöpfungen wie neuartiges Rundfunkempfangsgerät, Sicherheitsscanner oder Warnschussarrest entstehen, der konnte das gerade live erleben. Auf dem 14. europäischen Polizeikongress in Berlin diskutierten vier Länderinnenminister über die Zukunft des Internets. Es ging um Schutzlücken, um Cyberwar und um die Vorratsdatenspeicherung. Beziehungsweise um die Mindestpeicherdauer für IP- und Telefondaten. So nämlich sollte, fand Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger, die Vorratsdatenspeicherung künftig unbedingt genannt werden. Der bisherige Begriff immerhin sei „vorbelastet, die Angelegenheit müsse versachlicht werden“. So kann man das auch nennen. Es ließe sich aber auch einwenden, dass Neusprech offensichtlich eine Funktion besitzt: Es soll demjenigen, der es verwendet, Schutz geben. Schutz vor Kritik, Schutz vor Anfeindung, Schutz vor Verantwortung. Tut ein Begriff das nicht mehr, braucht es eben einen neuen Namen für das alte Phänomen. Das ist wie mit vergammeltem Fleisch. Das lässt sich auch besser verkaufen, wenn man es neu verpackt und ein neues Haltbarkeitsdatum draufdruckt.

Mit Dank an Michael D. und viele Twitterer

Am 1. April bekam der Begriff vom Verein Foebud einen BigBrotherAward verliehen. In der Laudatio sagte Martin Haase: “Wer ein solches Wort verwendet, um eine grundlose, immerwährende und vollständige Überwachung und Bespitzelung jeder elektronischen Kontaktaufnahme zu beschreiben, der hat offensichtlich nichts übrig für demokratische Ideale wie Menschenwürde, Redefreiheit und Unschuldsvermutung.”

Am 4. April berichtete netzpolitik.org, Innenminister Hans-Peter Friedrich wolle künftig lieber von „Mindestdatenspeicherung“ sprechen. Begründung: beim Begriff Vorratsdatenspeicherung werde man inzwischen „merkwürdig angeschaut“. Interessant, soll noch einer behaupten, Politik habe keinen Handlungsspielraum. Vielleicht hilft es ja, wenn noch viel mehr Leute merkwürdig schauen, damit die Politik das Projekt Totalüberwachung nicht nur immer neu verpackt, sondern ganz fallen lässt.

Inzwischen spricht man beim Innenministerium auch ganz offiziell von: Mindestspeicherfrist.

Was ist Flattr?

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Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

24 Antworten zu “Mindestspeicherdauer”

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by gormulus, Piraten-Mond and ibews, Neusprech.org. Neusprech.org said: Mindestspeicherdauer: #neusprech soll Diskussion versachlichen m( http://neusprech.org/mindestspeicherdauer/ #vorratsdatenspeicherung [...]

  2. simcup sagt:

    das schlimme daran ist, dass es impliziert das VDS ( oder
    wie man es nennt) notwendig ist. zum vergleich: “wir brauchen die
    VDS” “wir brauchen die Mindestspeicherdauer” ziemlich
    perfide

  3. [...] Mindestspeicherdauer zu nennen. Das ist Neusprech par
    exellance und wurde demenstprechend vom Neusprech-Blog aufgenommen.
    Es ließe sich aber auch einwenden, dass Neusprech offensichtlich
    eine Funktion [...]

  4. 4nduril sagt:

    simcup hat Recht. Das Wort Mindestspeicherdauer bedeutet, dass eine Speicherung nicht mehr zur Debatte steht. Es soll nur noch verhandelt werden, wie lange man mindestens speichert.
    Frech, von “Versachlichung” zu sprechen, wenn der Begriff Meinung transportiert.

  5. Gesch sagt:

    Irgendwieist es doch noch unlogischer als sonst, die VDS “Mindestspeicherdauer” nennen zu wollen, oder? Eine Mindesspeicherdauer wäre für mich ein Zeitraum, also 6 Monate oder 3 Stunden, aber nicht die Speicherung an sich.Oder denke ich nur zu logisch für Neusprech?

  6. Mibuc sagt:

    Das Problem an der >Mindestspeicherdauer<-begrifflichkeit ist, daß es impliziert, das die Speicherung an sich gar nicht mehr das Thema ist, sondern nur noch über die Länge selbiger verhandelt werden müsse.

    Um es mal in BW-Sprache zu sagen: Tarnen und Täuschen

  7. Janne sagt:

    Mindestspeicherdauer ist offensichtlich schon verbrannt oder aus anderen Gründen für ungeeignet befunden. http://www.heise.de/newsticker/meldung/Innenminister-warnt-vor-rechtsfreiem-Raum-im-Internet-1221444.html (Bericht vom 23. Bundeskongress der Deutschen Polizeigewerkschaft) spricht konsequent von Mindestdatenspeicherung. Das geht wieder etwas näher an Vorratsdatenspeicherung heran.

  8. Howie Munson sagt:

    ne, das zeigt einfach nur das die Vokabel nicht ausreichend gelernt wurde *duck*

    Speicherung ist einfacher zu merken und bei Voräten schaut man eh auf Mindesthalbarkeitsdatum….

    vielleicht liest sich auch das Eprom nicht mehr vollständig löschen…

  9. Volker Birk sagt:

    Wie gross ist eigentlich die Mindestregierungsdauer von Herrn Friedrich, wie lange die von Angela Merkel?

  10. [...] Den gesamten Beitrag bei neusprech.org lesen… [...]

  11. birnsepp sagt:

    Also mein persönlicher Favorit ist die “Mindestspeicherfrist” da wird erst mal nur das unbedingt notwendige gespeichert (“Mindest-”) und das dann auch nur für einen eng begrenzten Zeitraum (-”frist”). Ausserdem klingt der Begriff jetzt endlich nach Beamtendeutsch und Formalismus – da geht bestimmt alles mit rechten Dingen zu…

  12. Frank sagt:

    Wenn man sich jetzt noch darüber einigen könnte, dass Mindestdatenspeicherung nur die Daten erfasst, die zur Erbringung eines Kommunikationsdienstes und die eventuelle Erstellung der Rechnung für den Dienst unbedingt erforderlich sind, und dass die Mindestspeicherfrist genau so lange andauert, wie die Verfügbarkeit der Daten für die Erfüllung dieser Zwecke unverzichtbar ist, dann wäre ich damit zufrieden. Denn genau das und nicht mehr ist doch wohl das Mindeste.

  13. [...] erkannt. Auch die von Innenminister Friedrich gewünschte Umbenennung in Mindestspeicherfrist (Neusprech lässt grüßen!) wird daran nichts [...]

  14. [...] George Orwell (WP) Hans-Peter Friedrich will nicht mehr von Vorratsdatenspeicherung sprechen Neusprech.org über Mindestspeicherdauer AK Vorrat Kritik an Kernkraft-Kritik im CCC-Blog Lobby Control im Medienradio Initiative Neue [...]

  15. Wolf sagt:

    Hier existiert die komplette Aufzeichnung der BBA- Laudationes:
    http://www.youtube.com/watch?v=8OkM55QcqWM
    Der Redebeitrag von Martin Haase beginnt ab 1:25’20″

  16. Gebinsel sagt:

    Eine gute Strategie gegen Trolle ist es ja sie beim Wort zu nehmen und auf sie zuzugehen und Versuchen den Begriff mit Inhalt zu füllen. Dann könnte man sagen: “OK. Das Zeitintervall einer Mindestspeicherdauer beträgt 1 Sekunde (bzw. Das Zeitintervall in Millisekunden, welche Daten zur Verarbeitung im RAM verbleiben müssen). Oder auch die Größe der Mindestdatenspeicherung beträgt 1 Bit. In diesem Rahmen dürft ihr gerne operieren.”

  17. [...] zu warnen und gleichzeitig zu beruhigen. Denn sie sollen sich ruhig ein bisschen gruseln, um neue Überwachungsgesetze toll zu finden, aber sie sollen nicht gleich abhauen. Wer will schon Wähler verschrecken. Da das [...]

  18. [...] sondern drängten auch auf eine Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung, die aber besser Mindestspeicherfrist heißen [...]

  19. Tracking-Server des Zolls gehackt…

    Die Cracker sehen ihren Angriff als Protest gegen die Vorratsdatenspeicherung und andere moderne Überwachungstechnologien….

  20. [...] müsse ein Ende haben, das schade der Sicherheit, oder die Vorratsdatenspeicherung solle nicht mehr so genannt werden, da werde man „komisch [...]

  21. [...] Ralf Jäger ? Er fordert trotz des Sachsen-Gates die Einführung der Vorratsdatenspeicherung bzw Mindestspeicherdauer, wie er es nennt. Dazu gab es zumindestens eine ablehnende Pressemitteilung des innenpolitischen [...]

  22. [...] bei den Benennungsverschiebungen von Atomkraft zu Kernenergie oder von Vorratsdatenspeicherung zu Mindestspeicherdauer: Die neuen Begriffe klingen einfach viel schöner, mehr nach ehrlicher Arbeit. Beziehungsweise: Die [...]

  23. Vorratsdatenspeicherung in Deutschland…

    Stand der Umsetzung der EU-Richtlinie zur Vorratsdaten­speicherung (neusprech: Mindest­speicher­dauer) in Deutschland: Bereits 2006 hat der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages ein Rechtsgutachten mit schweren Bedenken gegen die Vorrats…

  24. [...] nicht mehr, es muss schon eine schwerste K. sein, um zu erklären, warum es unbedingt eine Mindestdatenspeicherung braucht. Einerseits belegt das, wie dringend sich der Staat solche Überwachungsinstrumente [...]

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