Ersatz

Das Deutsche ist nicht sehr erfolgreich damit, Fremdwörter in andere Sprachen zu exportieren. Ein Begriff jedoch hat es weit gebracht, ausgerechnet einer aus einer auch sprachlich armen Zeit: der E. Er schaffte es unter anderem ins Französische, Englische, Spanische, Portugiesische, Russische und ins Ukrainische. Deutschland selbst wurde in dieser Zeit immer reicher und zumindest das Ersatzlebensmittel kam hierzulande aus der Mode. Doch neuerdings wird der E. auch hier wieder gern genommen, zumindest im Bahnsprech: Berlinern dürfte der Schienenersatzverkehr ein leidvoller Begriff sein, der eine nicht ganz korrekte Bezeichnung ist. Denn nicht die Schienen werden ersetzt, sondern der Schienenverkehr, der auf die Straße verlagert wird. Noch irrer treibt es die Deutsche Bahn im Fernverkehr: Dort fahren so genannte E.-züge, die – und jetzt kommt’s – gar keine Züge ersetzen. Der E.-Zug fährt zu einer Zeit, zu der sonst gar nichts führe: Die Bahn hat nämlich zu wenig rollendes Material: Weil sie zu wenig bestellte, noch weniger geliefert wurde und das auch noch verzögert. Um die Lücken im Fahrplan zu füllen, fahren nun alte, sehr viel schlechtere Züge. Ersetzt wird dabei nichts, da dort vorher nichts existierte. Der E. gaukelt vor, die Bahn sei eigentlich prima ausgestattet und habe nur gerade jetzt ein kleines Problem. Dabei ist das Problem viel größer und sicher nicht so bald behoben.

Abgelegt in: Verkehr

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

9 Reaktionen zu "Ersatz"

  1. Eike Löhden sagt:

    Mir tut es in der Seele weh, zu lesen, dass „alte, sehr viel schlechtere Züge“ fahren würden.
    Tendenziell sind alte Züge komfortabler und durchdachter ausgestattet als Neue, und auch 40 Jahre alte Züge dürfen 160 km/h fahren, was meist die Streckenhöchstgeschwindigkeit ist. Mir ist frischer rot-weißer Lack ziemlich egal! Das einzig Ärgerliche am Ersatzzug ist, dass er erst zu einem unvorhersehbar späteren Zeitpunkt abfährt.

  2. Chris sagt:

    Hallo,

    dieses Mal kann ich eurer Analyse nicht zustimmen.

    Ersatzzüge fahren als Ersatz für stark verspätete oder ganz ausgefallene Züge. In der Regel mehr oder weniger in der Zeitlage des ursprünglichen Zuges. Natürlich kann es dabei immer noch zu (weiteren) Verspätungen kommen.

    Zugausfälle und Verspätungen wird es immer geben. Auch wenn sich die derzeit in der Tat sehr knappe Fahrzeugdecke etwas stabilisiert hat. Daher verstehe ich nicht, wieso der Begriff „Ersatzzug“ eurer Meinung nach hier etwas „vorgaukeln“ soll. Welchen alternativen Begriff würdet ihr für diese Züge denn vorschlagen?

    Eure Darstellung hier suggeriert, Ersatzzüge würden dazu dienen, Zugausfälle in größerem Maßstab zu verschleiern. Bspw. dass zwei planmäßige Züge ausfallen, dafür aber nur ein einzelner Ersatzzug verkehrt. Das ist derzeit im FV absolut nicht der Fall!

    Gruß

  3. Martin Haase sagt:

    @Elke Löhden: Doch, die alten Züge haben Nachteile und sind schlechter. Auch ich mag ja alte Züge, doch bin ich auf meinen Reisen schon auf eine Steckdose angewiesen, und die fehlen häufig. Manchmal sind auch Steckdosen nachgerüstet, aber oft nur vereinzelt, und nicht immer gibt es Strom.

  4. Martin Haase sagt:

    @Chris: Ich gebe zu, dass ich vielleicht etwas übertrieben habe. Ich bin allerdings „Poweruser“ bei der Deutschen Bahn und habe es immer mal wieder mit Ersatzzügen zu tun. Inzwischen ist es leider oft so, dass die Ersatzzüge keine Ersatzzüge sind, sondern „fahrplanmäßig“ fahren. D.h. generell wenn ich um kurz vor vier in den Zug steige, fährt da ein ziemlich heruntergekommener alter Metronom (ja, ursprünglich vielleicht ein schöner Zug). Das ist jetzt kein Ersatzzug mehr, sondern ein fahrplanmäßiger. Eigentlich macht es das nur noch schlimmer.

  5. Rock A. Billy sagt:

    @ „… ausgerechnet einer aus einer auch sprachlich armen Zeit …“
    Hmm, und ausgerechnet auf der kompletten LTI-Website taucht das Wort Ersatz nicht ein einziges mal auf. :)

  6. Thomas sagt:

    Hallo,

    auch ich muss hier etwas bemängeln. Der Schienenersatzverkehr hat für mich bis zu diesem Artikel noch nie suggeriert es würden Schienen ersetzt werden. Für mich bezog sich das „…ersatz…“ – welches nun dummer Weise genau in der Mitte steht – immer auf den Verkehr und nicht auf die Schienen.
    Es gäbe außerdem wohl nur zwei Alternativen zu dieser Wortzusammensetzung. Entweder man setzt das „Ersatz“ vorne ran, was dann als Ersatzschienenverkehr nur noch skurriler wird oder man setzt es hinten dran, was dann durchaus passen könnte (Schienenverkehrsersatz) – was sich aber auch irgendwie komisch anhört.

    Mit freundlichen Grüßen.

  7. Martin sagt:

    Ich finde auch die „Entlastungszüge/fahrten“ toll. Die sind immer so voll, dass ich gar nicht wissen möchte wie schlimm es in den regulären ist.

  8. r2d2 sagt:

    Da ich hier nirgends ein allgemeines Kontaktformular gefunden habe hier also off topic ein neuer VerbalVorschlag:

    In letzter Zeit fällt mir immer wieder das Wort „Leistungsträger“ auf – vielleicht sollte man dem mal auf den Grund gehen.

    Siehe z. B.:
    http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-02/thilo-sarrazin-tugendterror-meinungsfreiheit/komplettansicht

    http://www.wiwo.de/politik/deutschland/vorwurf-steuerhinterziehung-jagd-auf-die-leistungstraeger/8700722.html

    https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Unterschicht

    http://www.uena.de/lokales/uetersen/3982750/was-ist-ein-leistungstraeger

  9. Kai Biermann sagt:

    Haben wir schon getan, hier: http://neusprech.org/leistungstraeger/

    Lg
    K