Das A. sagt sich so leicht dahin, dabei stimmt es längst nicht mehr. Einst war es durchaus Teil der Evolution, heute jedoch darf es getrost als Euphemismus gelten, wenn im Zusammenhang mit Artenschutzabkommen von A. die Rede ist. Denn: ist das den Betroffenen einfach passiert? Waren sie an ihrem frühen Ende vielleicht gar selbst Schuld, die armen Trottel? Nein, waren sie nicht, wir waren es. Wir haben sie umgebracht, aufgegessen, verdrängt, verjagt, verschwendet, vernichtet – mit einem Wort: ausgerottet. Selbst der Artenschutz, der Versuch also, das zu verhindern, ist das Wort nicht wert. Geht es doch, wie gerade in Doha, gar nicht um Artenschutz, wenn von ihm die Rede ist, sondern um Geld. Weswegen solche Konferenzen wohl besser Basar heißen sollten.
Archiv für April 2010
aussterben
Mittwoch, 28. April 2010Antiterrordatei
Mittwoch, 28. April 2010Nicht Terrorgegner werden in ihr gespeichert, wie der Name vermuten ließe, sondern mutmaßliche Terroristen oder vermeintlich auffällige Personen, also jeder, der ein Fässchen Wasserstoffperoxyd kaufen oder nur die Miete für seine Wohnung bar bezahlen wollte. Auch Pilotenausbildungen oder Moscheebesuche können zur Aufnahme in die Datei führen. Genau wie Telefonate mit dem genannten Personenkreis, um beispielsweise ein Auto von jemandem zu kaufen. Denn “Unterstützer” und “Kontaktpersonen” werden auch gespeichert. Geführt vom Bundeskriminalamt, genutzt von allen Diensten und Polizeien dieses Landes ist die A. eigentlich ein Verstoß gegen das Trennungsgebot. Doch darf das als das geringere Problem gelten. Denn letztlich ist sie eine Sammlung einer unbekannten Menge von Menschen, nach unbekannten Kriterien, für eine unbestimmte Zeit und einen unklaren Verwendungszweck. Siehe Gefährder, beziehungsweise Gefährder, potenzieller. Es kann als unwahrscheinlich gelten, aber definitionsgemäß müsste auch der eine oder andere Politiker dort geführt werden. Immerhin heißt es im Gesetzestext, gespeichert würden außerdem jene,
“die rechtswidrig Gewalt als Mittel zur Durchsetzung international ausgerichteter politischer oder religiöser Belange anwenden oder eine solche Gewaltanwendung unterstützen, vorbereiten, befürworten oder durch ihre Tätigkeiten vorsätzlich hervorrufen”.
Aber Angriffskriege zu unterstützen, zählt wohl nicht.
Forschungsbergwerk
Freitag, 23. April 2010Offizielle Bezeichnung des ehemaligen Salzbergwerks Asse II, das zu diesem Zeitpunkt weder als Bergwerk fungierte, noch dem Forschen diente. Zumindest wenn man Forschen definiert als das methodengeleitete Überprüfen von Hypothesen in kontrollierter Umgebung zum Zweck des Erkenntnisgewinns. Asse II jedoch war eine Abladestelle für radioaktiven Müll, daher eine atomare Müllkippe. Erkenntnisse kamen dabei durchaus zustande, unter anderem die, dass sich Salzstöcke nicht als Endlager eignen – dass sie also die Hoffnung, die strahlenden Abfälle nie wieder sehen zu müssen, grandios enttäuschen. Jedoch wurde diese Erkenntnis weder methodengeleitet, noch kontrolliert gewonnen sondern durch grob fahrlässiges Ignorieren wissenschaftlicher Bedenken mit katastrophalen Folgen. Siehe Beratung, ergebnisoffene.
Synergie
Donnerstag, 22. April 2010Bedeutet “Zusammenarbeit, Mitarbeit, Hilfe” (griechisch: συνεργία). Zusammenarbeiten kann jeder, das ist banal. Wer heute auftrumpfen will, spricht bei diesem Thema mindestens von Synergie, besser noch von Synergieeffekt oder gar Synergismus. Merke, wer wichtig tun will, kann alles substantivieren, am besten noch auf Griechisch. Und wer das toppen (den Gipfel also gipfeln) will, der wurstet noch einen unsinnigen Plural hinein: Die Zusammenarbeiten? Nein, die S.-n Toll. Und das noch viel Tollere ist (die Rhetorik nennt das Hyperbel, also Übertreibung, denn was kann toller als toll sein?), dass sich dahinter nicht etwa die oben genannte Zusammenarbeit verbirgt, sondern die Einsparung, Streichung, Kürzung. S. bedeutet also, so prima zusammenzuarbeiten, dass man eine von beiden Seiten hinterher gar nicht mehr braucht.
neuer Personalausweis (nPA)
Freitag, 16. April 2010Der sieht genauso aus wie der elektronische Personalausweis (ePA), er klingt nur harmloser. Deswegen wurde er Ende 2009 wohl auch umbenannt. Das ist albern, aber nachvollziehbar, gab es doch gegen die elektronische, also eigentlich die biometrische Version des Ausweisdokuments einige Vorbehalte bei denen, die damit identifiziert werden sollten, den Bürgern. Siehe ePass. Dessen Bezeichnung, wenn auch ebenso verschleiernd, hinterlässt zumindest einen halbwegs modernen Eindruck, zumal sie an eMail erinnert. Der ePA hingegen wirkt nur bürokratisch und altmodisch. Wie viel besser ist da ein “neuer” Ausweis – der grenzt sich von Altem und Überkommenem ab und vermittelt ein Gefühl von Aufbruch und Erneuerung.
Fähigkeitslücke
Freitag, 16. April 2010Meint eigentlich: Sorry, können wir nicht. Neusprech erster Güte, ist man doch entweder zu etwas fähig oder eben nicht, Lücken gibt es da keine. Mit der F. (Wehrbeauftragter Reinhold Robbe und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg) wird vorgegaukelt, die Bundeswehr sei in der Lage, mit der Situation in Afghanistan fertig zu werden, daher den Krieg dort zu gewinnen, wenn sie denn nur die dringend benötigten Stiefel Hubschrauber, Panzer und Haubitzen hätte.
Mit Dank an Brigitte W.
Datenautobahn
Mittwoch, 14. April 2010Veraltend, dient dazu, Nichtmitgliedern der Internetcommunity das Internet als Ort des schnellen Austausches von Daten bildlich (also metaphorisch) zu erläutern. Wie viele sprachliche Bilder ist auch die D. ungenau, bedeutete sie doch beispielsweise, dass die Daten nur in eine festgelegte Richtung fließen würden und es keinen Austausch, auch Kommunikation genannt, geben könnte. Auf dem Höhepunkt ihrer Nutzung fand die D. 1996 mit einem Schlager sogar Eingang in die Populärkultur und es entstand eine ganze Metaphernfamilie. So träumten Politiker und Unternehmer in der Euphorie der 1990er auf der sowieso schon schnellen D. beispielsweise noch von einer gesonderten Überholspur. Inzwischen jedoch ist die Euphorie der Angst gewichen, was sich unter anderem in den Metaphern zeigt. So fordern Politiker nun Verkehrsregeln für das Internet, verlangen das Aufstellen von Leitplanken oder gar von Stoppschildern. An letzteren zeigt sich gut, wie schwierig solche Bilder sein können, sind Stoppschilder auf Autobahnen doch eher selten und würden bestenfalls Verwirrung stiften, schlimmstenfalls aber lebensgefährliches Chaos.
Krieg
Dienstag, 13. April 2010Eigentlich simpel definiert als jeder Konflikt, der mit Waffen ausgetragen wird. Jedoch gibt es wohl kaum ein Wort, das im Zusammenhang mit einem solchen Kampf Töten so inständig vermieden, verschwiegen oder umgedeutet wird wie K. Als prototypisch dürfen die sprachlichen Verrenkungen bundesdeutscher Politiker gelten, die sich angesichts des deutschen Engagements am Hindukusch, der Stabilisierungsmission, des nichtinternationalen bewaffneten Konflikts, des kriegsähnlichen Zustandes*, des Krieges in Afghanistan mühten, diesen als etwas anderes zu verkaufen: anfangs als etwas Gutes, dann als etwas Begrenztes und schließlich als etwas nicht ganz so Schlimmes. Nur um am Ende doch vor der normativen Macht des Faktischen zu kapitulieren**. Womit letztlich vor allem gelang, an die vollständige Umdeutung des Begriffs durch George Orwell zu erinnern, der in 1984 schrieb: “Krieg ist Frieden”. Der Leitsatz der Propaganda, das erste Opfer im Krieg sei die Wahrheit, müsste daher eigentlich lauten, das erste, was in einem Krieg verschwindet, ist die korrekte Benennung desselben.
*Der Versuch, möglichst lange Distanz zum K. mit seinen verschiedenen Kontrahenten und damit Positionen herzustellen, zeigt sich allein schon im Wort Zustand, klingt es doch wie eine plötzlich aufgetretene politische Lage, mit deren Entstehen niemand etwas zu tun hat und für die niemand verantwortlich zu machen ist. Dabei haben Kriege immer Ursachen und immer haben die mit Interessen zu tun.
**Wenn auch noch nicht ganz, lautet doch die derzeitige Bezeichnung umgangssprachlicher K.
Dank an Franz-Josef J., Karl-Theodor zu G., Guido W. und Angela M. und an mskzu für die Ergänzung
Beratung, ergebnisoffene
Montag, 12. April 2010Erweckt den Eindruck, dass noch jedes Resultat möglich ist, obwohl längst Entscheidungen gefällt wurden. Soll Gegnern einer Maßnahme das Gefühl vermitteln, ihre Einwände würden gehört, obwohl genau das nicht beabsichtigt ist, siehe Suche nach einem Endlager. Auch verwendet, um eine Verhandlung, deren Ausgang unvermeidlich ist, solange wie möglich in die Zukunft zu verschieben. Soll dem Verhandlungspartner signalisieren, dass seine Forderung erfüllt werden könnte, wenn er nur genug Geduld zeigt. Ziel ist jedoch, keine Entscheidung zu fällen oder eine längst gefällte nicht verkünden zu müssen, siehe EU-Beitritt der Türkei. Basiert in beiden Fällen auf der Hoffnung, ein Problem könnte sich von selbst erledigen, daher die überwiegende Mehrheit irgendwann anderer Meinung sein.
mit Dank an David H. und Brigitte W.
Auch verwendet, um eine Verhandlung, deren Ausgang unvermeidlich ist, solange wie möglich in die Zukunft zu verschieben. Soll dem Verhandlungspartner signalisieren, dass seine Forderung erfüllt werden könnte, wenn er nur genug Geduld zeigt. Ziel ist es jedoch, keine Entscheidung zu fällen oder eine längst gefällte nicht verkünden zu müssen, siehe EU-Beitritt der Türkei.
Basiert auf der Hoffnung, ein Problem könnte sich von selbst erledigen, daher die überwiegende Mehrheit dann anderer Meinung sein.
Massenvernichtungswaffen
Montag, 12. April 2010Hyperonym, daher heutzutage Sammelbegriff allein für atomare, biologische und chemische Waffen, die aufgrund ihrer Wirkung sämtlich international geächtet sind. So genügte 2003 allein die Behauptung, Irak besitze M. und bedrohe damit die Welt, als Begründung für einen Krieg. Ursprünglich meint M. jedoch alle Waffen, die große Zerstörungen anrichten können. Erstmals verwendet 1937 in einem Bericht der Times über das deutsche Bombardement von Gernika. Allerdings gelten sogenannte konventionelle Waffen heute nicht als M., obwohl einige großflächige Vernichtung verursachen, siehe Streubomben oder thermobarische Waffen. Zwar gibt es Bestrebungen, auch Streumunition zu ächten, allerdings haben noch längst nicht alle Länder die entsprechenden Verträge ratifiziert. Und angesichts der Wirkung heutiger Waffen könnten viele davon als M. betrachtet werden, wurden doch beispielsweise bei dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff bei Kunduz durch zwei 500-Pfund-Bomben des Typs GBU-38 nach offizieller Sprachregelung der Nato “bis zu” 142 Menschen getötet.


