Gelegentlich beschleicht uns der Verdacht, dass Politiker mit ihren Wortschöpfungen nicht nur den Wählern, sondern auch sich selbst etwas vormachen wollen. Wenn beispielsweise der Wirtschaftsminister mitten in einer weltweiten Schuldenkrise von einer W. spricht, kann das eigentlich nur ein Ausdruck verzweifelter Hoffnung sein. Das wird schon durch die Verwendung des Wortes Delle deutlich, das eine flache Vertiefung in einer sonst makellosen Oberfläche bezeichnet; man denkt unwillkürlich an einen kleinen Kratzer an seinem Auto. Dieses aus der Umgangssprache entlehnte Wort wird in einem Terminus technicus verwendet, noch dazu in Verbindung mit dem Partizip vorübergehend. Das Wachstum der Wirtschaft, soll das bedeuten, sei ausgerechnet jetzt für einen kurzen Moment nicht so großartig, sonst aber ganz prima – sozusagen die lästige Folge eines kleinen Unfalls. In einer Zeit, in der einige europäische Länder kaum noch in der Lage sind, die Zinsen für ihre Schulden zu bezahlen, klingt das, sagen wir, mutig. Oder wie der Versuch, sich selbst die Situation schön zu reden. Allerdings hat der Wirtschaftsminister nicht weit genug gedacht, sonst hätte er sich den Ausdruck verkniffen. Denn das Sprachbild funktioniert nicht, weil hier ein beredter Metaphernkonflikt vorliegt: Eine Delle geht nicht von selbst wieder weg, wie das intransitive vorüber- „gehend“ suggeriert. Sie muss von jemandem ausgebeult werden. Wenn das Wachstum also tatsächlich eine Delle hätte, wer wäre dann der Richtige, um für ihre Beseitigung zu sorgen? Genau: der Wirtschaftsminister. Nun, wir sind gespannt, vielleicht hat er ja ein paar Eckpunkte, um etwas gegen die Krise zu tun.
Mit ‘Metapher’ getaggte Artikel
Wachstumsdelle, vorübergehende
Freitag, 20. Januar 2012Tags:FDP, Krise, Metapher, Wirtschaftsminister
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Luftfahrtsystem, unbemanntes
Montag, 16. Januar 2012Manchmal führt der Versuch, einen Gegenstand so neutral wie möglich zu beschreiben, in die Irre. Oder sagen wir vorsichtiger: in eine völlig neue Richtung. Das unbemannte L. beispielsweise ist gemeinhin als Drohne bekannt. Das Wort meint ursprünglich zwar die männlichen Bienen, allerdings ist es längst als Synonym für jene ferngesteuerten Flugzeuge gebräuchlich, die vom Militär eingesetzt werden, um Gegner am Boden zu beobachten. Ursprünglich war das eine durchaus treffende Umschreibung, denn wie die männlichen Bienen hatten auch die ersten militärischen Drohnen keinen Stachel. Allerdings gibt es längst Modelle, die Stacheln haben, also schießen können und zum Beispiel für Tötungen, gezielte eingesetzt werden. Sie müssten, um im Bild zu bleiben, nun Bienen heißen. Ein Vergleich mit den Insekten ist aber offensichtlich nicht länger gewünscht. Die Politik nutzt zur Beschreibung der Geräte nun lieber einen Terminus technicus. Der ist eine Übersetzung aus dem Englischen, wo die Dinger als „unmanned aircraft system“ bezeichnet werden. Das erhebt den Anspruch, neutral und präzise zu sein. Dabei lässt der Begriff offen, worum es eigentlich geht, denn er nutzt das Füll- oder Passepartoutwort „System“, das überall passt. So erscheinen die ferngesteuerten Militärgerät geradezu unbedarft, ja harmlos. Der Ausdruck Drohne hingegen, der natürlich nur eine Metapher und damit unscharf war, hatte zumindest einen bedrohlichen Unterton. Darüber, dass der nun verschwindet, sind viele Politiker sicher nicht traurig. Denn sie planen gerade, das eine oder andere Gesetz zu ändern, damit die eigentlich als Kriegsgerät entwickelten L.-e auch von der Polizei eingesetzt werden können, um Menschen zu überwachen. Nicht nur hierzulande ist das umstritten.
Tags:Drohne, Metapher, Passepartoutwort, Polizei, Überwachung
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Ausstieg
Samstag, 09. Juli 2011Nett ausgedrückt, ist Politik wie Leben in Zeitlupe; eine Entscheidung, für die wir Sekunden brauchen, kann da problemlos Jahrzehnte dauern. Ein A. zum Beispiel. Eigentlich ist aussteigen ein terminatives Verb, das heißt, es bezeichnet einen eindeutigen Zeitpunkt. Wenn also jemand um 15.31 Uhr den Bus verlässt, dann ist er draußen, und wenn er sagt, er wolle nun aussteigen, dann meint er eben jenen kurzen Moment der Tat. Zum Glück für Politiker verliert sich in der deutschen Sprache diese terminative Lesart (Aspektualität), wenn ein Verb nominalisiert und damit zum A. wird. Von dem kann man viel reden, ohne sagen zu müssen, wann das Ganze denn nun vonstattengehen soll. Aussteigen geht schnell, aber so ein A. der kann sich hinziehen. Daher ist der sogenannte Nominalstil in politischen Reden auch so beliebt und Verben eher nicht so. Denn in der Politik wird lieber lange über Taten debattiert, als kurz gehandelt. Das bringt mehr Stimmen Schlagzeilen Aufmerksamkeit.
Tags:Aspekt, Atomkraftwerk, Metapher
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Intelligent
Donnerstag, 23. Juni 2011Die Intelligenz hat ihren Ursprung im lateinischen intellegere ‚verstehen‘, eigentlich: ‚zwischen [den Zeilen] lesen‘ und ist eine Eigenschaft, die (bislang) allein dem Menschen zugeschrieben wurde, dem homo sapiens (‚wissender Mensch‘). Dann kamen Ingenieure und Informatiker und setzten sich das Ziel, menschengleiche Maschinen zu bauen und menschliches Denken nachzuahmen und nannten es metaphorisch Künstliche Intelligenz (KI). Kann man machen. Zum Unfug wurde es, als PR-Abteilungen über den Begriff stolperten und die Idee hatten, mit ihm allen möglichen Kram zu vermarkten, der nicht einmal annähernd ‚zwischen den Zeilen lesen‘ kann: Stromnetze, Speicherkarten, Telefone, Grenzkontrollen, Sozialkürzungen und sogar Bomben. Eine Meta-Metaphorik sozusagen oder eine Metaphorik zweiter Ordnung.
Schon klar, Ihr wollt das Zeug irgendwie schicker aussehen lassen, damit genug arme Irre es kaufen. Aber schlaue Bomben? Die Dinger merken sich eine Geokoordinate, mehr nicht. Könnten die ‚verstehen‘, würden sie beidrehen und ihren Bombardier zu treffen versuchen.
Mit Dank an @presseschauer für die Anregung und Eike H. fürs „sparen“.
Tags:Bomben, Marketing, Metapher, smart, Smartphone
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Meiler
Donnerstag, 02. Juni 2011Ein M. ist eigentlich ein Holzhaufen, der langsam zu Holzkohle verschwelt und der so heißt, weil viele Scheite aufeinander gestapelt werden (lat. milarium ‚Tausendschaft, Haufen‘). Doch werden so auch Atomkraftwerke bezeichnet. Das ist etymologisch zumindest nicht ganz falsch, „verbrennen“ dort doch viele Urandioxidpellets. Mit dem Unterschied, dass die verkohlten Holzscheite nützlich sind, während die Uran- oder Plutoniumstäbe lebensgefährlichen Müll darstellen, der dringend in ein Endlager gehört. Weswegen der M. wohl als rhetorische Strategie gelten darf, Unbekanntes und Gefährliches mit Bekanntem und Nützlichem zu benennen (vgl. Vorratsdatenspeicherung).
Tags:Atomkraftwerk, Holzkohle, Metapher
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