Konservativismus, aufgeklärter

07. Dezember 2011 von Martin Haase

Der K. entstand einst als Gegenbewegung zur Aufklärung. Er basiert auf dem Gedanken, dass die menschliche Vernunft, das zentrale Konzept der Aufklärung, unzulänglich ist im Verhältnis zu Gott.

Ein konservatives Volkslied über die “thörichte Aufklärung” fordert zum Beispiel:

O laßt mich doch bei meiner Bibel,
laßt mich in meiner Dunkelheit,
denn ohne Hoffnung wird mir übel
bei dieser aufgeklärten Zeit,
und ohne Hoffnung bin ich hier
ein elend aufgeklärtes Thier.

Wir halten fest: Die Aufklärung war ursprünglich das Feindbild des K., wünschte diese doch die „Befreiung vom Aberglauben“ und „die Maxime, jederzeit selbst zu denken“ (Kant). Der K. hingegen legt Wert auf ein wenig Dunkelheit, auch wenn das heute lieber als Bewahrung althergebrachter Werte verbrämt wird. Eine durchaus geschickte Umdeutung. Nicht mehr um die Ablehnung alles Neuen geht es nun, sondern um die Bewahrung von ein wenig Altem.

Doch scheint inzwischen auch das nicht mehr zu genügen. Der gemeine Konservative sieht sich und seine Haltung offenbar noch immer nicht genug gewürdigt. Das Magazin „Der Spiegel“ versucht sich daher an der Definition eines aufgeklärten K. Der Feind wird nun umarmt. Zumindest unterstellt das Magazin, der Verteidigungsminister wünsche sich einen solchen für seine christliche Partei. Es darf als unwahrscheinlich gelten, dass sich das Feindbild der Konservativen gewandelt hat. Denn Konservativismus ist eben nicht aufgeklärt und wird es auch nicht dadurch, dass ihm ein entsprechendes Adjektiv als Attribut zur Seite gestellt wird. Technisch ist das ein Oxymoron. Politisch ist es eine Tarnung, um Menschen zu täuschen. Das hat Methode, wird der Minister bei „Spiegel Online“ doch zugleich als moderner Konservativer bezeichnet. Beileibe keine neue Idee. Und mindestens ebenso verräterisch wie der mitfühlende Liberalismus, den die FDP ausgerufen hat.

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26 Antworten zu “Konservativismus, aufgeklärter”

  1. Thomas Weiss sagt:

    Fast so gut wie “moderater Islamist”…

  2. Ludwig Trepl sagt:

    Ein bißchen vorsichtiger sollte man schon sein. Natürlich ist der Konservativismus als Gegenposition zu Aufklärung entstanden und der Begriff darum so etwas wie eine heiße Kälte, aber daß er Wert legt auf ein wenig Dunkelheit: damit ist’s nicht so einfach. Der klassische Konservativismus war nicht gegen die Vernunft, meinte nur, daß die Aufklärung eine falsche Vorstellung von Vernunft habe. Das kann man auch heute noch in jeder Rede des Prof. Ratzinger hören.

  3. ccs sagt:

    Gruppenspezifischer Diskriminierung anhand von Verallgemeinerungen und Stereotypen ist ganz schön bähh. Auch bei DEN Konservativen. Das sollte man doch irgendwann mal gelernt haben Herr Haase, oder?

  4. VonFernSeher sagt:

    Es handelt sich nicht um Neusprech, sondern um eine Umdeutung des Begriffes. Wenn man den Unionspolitikern zuhört, dann weiß man, dass sie ihren Begriff eben nicht auf eine “Gegenbewegung” zur Aufklärung zurückführen. Es geht ihnen ausdrücklich um den heutigen “Wertekanon”.

    Sog. aufgeklärte konservative Politik verteidigt heute genauso wie die meisten Strömungen die Errungenschaften der Aufklärung für das Individuum. Ein Konservatismus muss sich immer auf die Lage seiner Zeit beziehen, denn er kann nur das “beschützen” wollen, das ihn sozialisiert hat.

    Sie reiten eine Chimäre.

  5. Daniel sagt:

    Endlich mal eine treffende Definition von Konservativismus. Super!

  6. Ludwig Trepl sagt:

    @ccs:
    Es handelt sich nicht um Diskriminierung, wenn man sagt, daß der Konservativismus gegen die Aufklärung ist: das ist sein Wesen, dazu hat er sich immer bekannt und damit hat er ja vielleicht auch recht. Wenn Sie in dem Artikel Diskriminierung erkennen, müßten Sie genauer sagen, wo die steckt.

    @VonFernSeher:
    Da ist was dran. Es stimmt, daß der Konservativismus ständig gezwungen ist, das zu verteidigen, was er einst heftig bekämpft hat (klassische Beispiele: die bürgerliche Familie, bedingt auch den Kapitalismus). Und doch hält sich die Kritik am Wesentlichen der Aufklärung (etwa am konstruktivistischen Denken, an der Autonomie des Subjekts, oder am utilitaristischen Menschenbild der liberalen Aufklärung) durch; würde das aufgegeben, gäbe es einfach keinen Konservativismus mehr.
    Das hindert nicht daran, Elemente des aufklärerischen Denkens in das eigene zu integrieren, so weit das eben möglich ist. Z.B. unterlag auch der Konservatismus, so sehr zur Zeit seiner Entstehung die Verteidigung des Christentums für ihn essentiell war, der Säkularisierung. “Gott” wurde etwa durch “Geschichte” oder “Natur” (oder “Leben”) ersetzt. Das führte jedoch nicht oder kaum jemals dazu, daß mit diesen Begriffen das gleiche gemeint war wie das, was die Aufklärung meinte. “Natur” etwa pflegt dann die Struktur dessen zu haben, was man früher “Gott” nannte.

  7. ccs sagt:

    @Ludwig Trepl: Diskriminierung war vielleicht nicht das 100% passende Wort. Ich hätte wohl eher Bashing verwenden sollen. Ich finde es nur interessant, dass ausgerechnet diejenigen, die immer so darauf bedacht sind, dass gruppenspezifische Verallgemeinerungen überhaupt nicht zulässig sind, bei _den_ Konservativen plötzlich alles vergessen haben. Es gibt eben nicht den Konservatismus, denn man an irgendwelchen Einzelzitaten (dazu noch veraltet) von Personen fest macht und der dann verallgemeinernd dem Konservatismus zugeordnet werden kann. Es erinnert mich nur an Diskussion auf anderen Seiten, wo zum Beispiel Islam+Aufklärung als Oxymoron, ja sogar als politische Tarnung und Täuschung bezeichnet werden. Praktisch der identische Wortlaut wie im Artikel. Hier sind es nur eben plötzlich _die_ Konservativen, die unter antiaufklärerischem Generalverdacht stehen und denen bestimmte Dinge allgemein abgesprochen werden.

  8. VonFernSeher sagt:

    @Ludwig Trepl

    Ich bin auch gläubig, in dem Sinne wie es einige Aufklärer waren und nicht in dem, wie es viele CSU-Mitglieder sind, aber ich denke nicht, dass die Natur bei den Aufklärern und z.B. der klassische oder der romantische Begriff der beseelten Natur sich ausschließen. Die Frage ist wohl, wie man Kants Ideen annähme, würden sie heute noch einmal veröffentlicht. Wahrscheinlich würde er dann als konservativ eingeordnet, weil er eben kein Kind unserer Zeit ist.

    Entscheidend ist doch, dass diejenigen, die sich als aufgeklärt konservativ bezeichnen, das Wort eben nicht in diesem Kontext benutzen, in den es dieser Artikel setzt, sondern damit tatsächlich auf die “Bewahrung der Werte” abzielen. Das mag ja geschichtsvergessen sein, aber kein Neusprech.

  9. Alexander sagt:

    Es mag noch Konservative in der CDU geben, die meisten dieser Leute aber, die eine solche Selbstbezeichnung pflegen, sind keine Konservativen – also Gegenaufklärer – mehr. Zumindest wenn man der Definition des Begriffs folgt, der im Text vertreten wird.

    Allerdings: ‘Gegenaufklärer’ bezeichnen sich selber lieber als Reaktionäre, gerade weil der Begriff ‘konservativ’ zur aufklärerischen Hure verkommen ist und heuer auch Grüne und Linke sogenannten konservativen Positionen nicht mehr abgeneigt sind. Siehe Stuttgart 21, einen Protest den SPON zum ‚neuen Konservatismus‘ umdeutet. Mit einer gewissen Berechtigung, weil die Grünen teilweise sogar reaktionäre Ziele in moderner Phraseologie hochleben lassen.

    Burke ist aus heutiger Sicht eher ein Reaktionär, denn ein Konservativer, weil seine Kritik an der Französischen Revolution von fundamentaler Natur war. Fundamentalkritik an der Aufklärung, die durchaus ihre Berechtigung hat, ist aus der Mode gekommen. Aber es gibt sie noch, sofern sie nicht gleich niedergeschrien wird.

    Im Übrigen, dass sich begriffliche Inhalte im Laufe der verschieben, gehört zur Natur einer lebendigen Sprache. Insofern ist ihr Text wenig aufklärerisch, eher entspringt er einem konservativen Denken, nachdem die Natur der Begriffe nicht veränderbar ist. Was früher als ‚konservativ‘ galt, muss heuer auch als solches gelten. Das ist nicht sonderlich ‚evolutionär‘ gedacht. Sofern sie mir den ironischen Einwurf gestatten. Die Zeit ist eine Variable, die man in keiner Gleichung vergessen sollte.

    Zudem gibt es ‘den Konservativen’ so wenig wie ‘den Aufklärer’ oder ‘den Reaktionär’. Begriffsdefinitionen bilden Schnittmengen in der ein Element (Individuum) einer wohldefinierten Menge gleichzeitig Mitglied einer ober mehrerer andere Menge sein kann. Mengenlehre ist nicht jedermanns Sache.

  10. [...] Schluss eine Frage: Kann Konservativismus aufgeklärt sein? Nein, meint man bei neusprech.org: Technisch sei das “ein Oxymoron und politisch und eine Tarnung, um Menschen zu [...]

  11. Ludwig Trepl sagt:

    @css:

    Sie meinen, daß „gruppenspezifische Verallgemeinerungen überhaupt nicht zulässig sind“.

    So habe ich den Artikel nicht verstanden, und so sind vor allem meine Kommentare nicht zu verstehen. Wenn man von Konservativismus (usw.) redet, dann werden nicht irgendwelche dafür typische Aussagen auf alle Menschen verallgemeinert, die man aufgrund irgendwelcher Merkmale (z. B. einer Parteimitgliedschaft) dazuzählt, so daß man etwa jemanden, der für die Erhaltung der Familie ist, unterstellt, außerdem abergläubisch und insgeheim demokratiefeindlicher Monarchist zu sein.

    Nein: Es wird ein Typus einer Denkweise beschrieben – das, was dessen Eigenart ausmacht, was ihn von anderen Typen trennt. Möglicherweise treffen die beschriebenen Merkmale auf keinen einzigen real existierenden Menschen insgesamt zu, und niemand muß sich getroffen fühlen, wenn als typisch etwas behauptet wird, was er an sich nicht findet. Aber anders als so können wir uns in der doch sehr unübersichtlichen Welt nicht zurechtfinden. Wir alle machen das so, jeden Tag, auch Sie.

  12. [...] Konservativismus, aufgeklärter » Aufklärung, Ideologie, Kant, Lichtenberg, Oxymoron,… | Die Aufklärung war ursprünglich das Feindbild des K., wünschte diese doch die „Befreiung vom Aberglauben“ und „die Maxime, jederzeit selbst zu denken“ (Kant). Der K. hingegen legt Wert auf ein wenig Dunkelheit, auch wenn das heute lieber als Bewahrung althergebrachter Werte verbrämt wird. Das Magazin „Der Spiegel“ versucht sich daher an der Definition eines aufgeklärten K. Der Feind wird nun umarmt. Tags: | Kurz-URL  [...]

  13. Ludwig Trepl sagt:

    @ VonFernSeher:

    Es gibt in den einschlägigen Wissenschaften zwei (Haupt-)Weisen, nach denen man Begriffe wie Konservativismus versteht, und wir beide beziehen uns, scheint mir, auf unterschiedliche:

    (1) Konservativismus ist ein Allgemeinbegriff (Klassenbegriff), das definierende Merkmal ist z. B. „das Bestehende bewahren wollen“. Dann gibt es Konservativismus in allen Gesellschaften, sofern sie nicht völlig statisch sind, z. B. auch schon im alten Rom. Und dann kann auch jemand, der die von der „Fortschrittspartei“ durchgesetzten „typisch progressiven“ Veränderungen einige Zeit später als das nun überlieferte Alte erhalten will, als Konservativer gelten. In diesem Sinne, scheint mir, benutzen Sie den Begriff.

    (2) Konservativismus ist eine bestimmte historische Gestalt des Denkens, entstanden um 1800 in Reaktion auf eine andere, die Aufklärung. Diese Gestalt ändert sich mit der Zeit (u. a. auch deshalb, weil zu ihr die Idee „das Bestehende bewahren wollen“ gehört und damit sozusagen eine innere Dynamik eingebaut ist) und wird irgendwann wieder verschwinden. Sie ändert sich aber nur, soweit ihr „Paradigma“ das zuläßt. Der Kern von Konservativismus bleibt im wesentlichen gleich. – So habe ich den Begriff benutzt.

    Das Denken von Kant müßte im Falle von (2) auch dann als aufklärerisch bezeichnet werden, wenn es heute formuliert würde. Denn es geht von der Autonomie des Subjekts aus, ist der Auffassung, daß die Gesellschaft Ergebnis eines Vertragsschusses ist/sein soll und nicht eine immer schon vorhandene organische Gemeinschaft usw. Sein Denken hat die Struktur des Denkgebildes namens Aufklärung. Benutzt man Aufklärung dagegen im Sinne von (1), dann erschiene Kant heute sicher eher als konservativ: denn der typische „aufgeklärte“ Mensch glaubt heute nicht mehr, daß er aufs ewige Leben im Himmelreich hoffen darf u. v. a., überhaupt wäre sein ganzer Habitus natürlich sehr „altmodisch-konservativ“; Marx ginge es ebenso.

    „Neusprech“ scheint mir „aufgeklärter Konservativismus“ nur bedingt: wenn es, wie im Artikel ja behauptet, in der politischen Propaganda eingesetzt wird. Davon abgesehen wäre könnte es aber auch einfach als Bezeichnung einer bestimmten Variante des Konservativismus benutzen – aber nur, wenn man Konservativismus im Sinne von (1) benutzt; im Falle von (2) wäre es ein Widerspruch in sich.
    Von einem aufgeklärten Konservativen könnte man allerdings auch im Falle von (2) sprechen: einer, der sich über die Aufklärung aufgeklärt hat, sie durchschaut hat und eben deshalb ein Konservativer ist. Das werden viele Konservative für sich beanspruchen, auch wenn sie überhaupt nicht aufgeklärt sein sollten in dem Sinn, daß sie von der Aufklärung etwas angenommen haben. Herr Ratzinger ist, scheint mir, so einer.

  14. VonFernSeher sagt:

    @Ludwig Trepl

    Ich stimme mit Ihnen ja eindeutig darin überein, dass es die beiden Verwendungen gibt. Nur ziehe ich genau daraus den Schluss, dass der Artikel den “aufgeklärten Konservativen” Unrecht tut. Denn er missinterpretiert sie und versucht ihnen vorzuschreiben, sie hätten die zweite Variante zu nutzen oder sich gefälligst nicht als Konservative zu bezeichnen.

    Ich bin mir sehr sicher, dass die Zahl der sich nach (1) Bezeichnenden in der Union deutlich überwiegt, insofern auch mein Hinweis zu Kant.

  15. Fernandez sagt:

    Ein Aspekt vernachlässigt der Artikel: Warum sollte man aufgeklärt absolut interpretieren und nicht relativ? Es gibt ja durchaus auch große Zwerge. Das ist kein Widerspruch in sich, denn innerhalb der Gruppe der Zwerge ist ein einzelner Zwerg vielleicht größer als die anderen (Zwerge). So ist ein aufgeklärter Konservativismus vielleicht gar nicht aufgeklärt, aber näher am aufgeklärten als ein “nichtaufgeklärter” Konservatismus.

  16. Volker Birk sagt:

    Koservativismus bedeutet schlicht die Bewahrung des Status Quo, seine wesentliche Motivation ist die Angst: Angst vor der Unsicherheit der Veränderung, aber hauptsächlich und ganz persönlich die Angst, vor anderen schlecht dazustehen.

    Der Konservativismus hat deshalb keine eigene Ideologie, ja keine eigenen Ideen, sondern unterstützt immer die vorherrschende, völlig gleich was das für eine Idologie ist.

    So gibt es durchaus einen “aufgeklärten Konservativismus”, aber man sollte ihn eher den “Konservativismus der Aufklärung” nennen. Da sehr viele Menschen konservativ sind, wäre es eine überlegenswerte Sache, diesen speziellen Konservativismus anzusprechen und zu fördern, um die Aufklärung wieder voran zu bringen; die gegenaufklärerische Position des Ordoliberalismus hat diese Welt nun wirklich genug gebeutelt.

  17. Ludwig Trepl sagt:

    @Volker Birk:
    “Konservativismus bedeutet schlicht die Bewahrung des Status Quo …”
    Das ist zu schlicht, siehe meinen obigen Kommentar.
    Der Konservativismus, den man in der Regel meint, wenn man sagt, daß der Konservativismus als Reaktion auf die Aufklärung entstanden ist, hat sehr wohl eine eigene Ideologie, ausgearbeitet von -zig Denkern und in sich nicht weniger konsistent und differenziert (und widersprüchlich) als die Ideologien etwa des Liberalismus oder des Sozialismus auch. Dazu gibt es einen Berg von Büchern, muß man nur zur Kenntnis nehmen.

  18. Ludwig Trepl sagt:

    @Volker Birk:
    “Konservativismus bedeutet schlicht die Bewahrung des Status Quo …”
    Das ist zu schlicht, siehe meinen obigen Kommentar.

    Der Konservativismus, den man in der Regel meint, wenn man sagt, daß der Konservativismus als Reaktion auf die Aufklärung entstanden ist, hat sehr wohl eine eigene Ideologie, ausgearbeitet von -zig Denkern und in sich nicht weniger konsistent und differenziert (und widersprüchlich) als die Ideologien etwa des Liberalismus oder des Sozialismus auch. Dazu gibt es einen Berg von Büchern, muß man nur zur Kenntnis nehmen.

  19. Volker Birk sagt:

    @Ludwig:

    Sicher kann man beispielsweise den Biedermeier beschreiben. Aber ist etwa das, was konservativ ist, auch Biedermeier?

    Der Konservativismus wird doch theoretisch überschätzt. Eben seine Theorielosigkeit ist seine Stärke – er ist schwierig zu bekämpfen, weil er sich beliebig anpassen kann.

    Wenn man sein Wesen beschreiben möchte, so muss man ins Persönliche gehen: Obrigkeitshörigkeit, Autoritätsgläubigkeit, Konformität, Angst.

    Viele Grüsse,
    VB.

  20. Ludwig Trepl sagt:

    Es ist eine theoretische Grundentscheidung, wie man über „Konservativismus“ sprechen will: Allgemeinbegriff oder eine bestimmte individuelle historische Gestalt. Beides hat Vor- und Nachteile. Wenn man letzteres tut, gewinnt man den Vorteil, daß man erkennen kann, wie dieses Denksystem funktioniert.
    Dann kann man z. B. begreifen, wie es kommt, daß die Konservativen selbst diese Beschreibung „Obrigkeitshörigkeit, Autoritätsgläubigkeit, Konformität, Angst“ zurückweisen würden. Sie würden z. B. sagen: Angst haben die anderen, Angst ist es, was den Fortschritt vorantreibt. Oder: Konformismus ist das, was den politischen Hauptgegner, den Liberalismus, kennzeichnet, ebenso den Sozialismus, vor allem weil wir das nicht wollen, sind wir Konservative. Sie selbst würden sich ganz andere Werthaltungen zuschreiben (vor allem die Werthaltungen „des Lebendigen und Eigentümlichen, des Organischen und Mannigfaltigen, Naturgemäßen und Echten, Ursprünglichen und Sittlich-Beharrlichen, des Altertümlichen und Ehrwürdigen, Freigewachsenen und historisch Gewordenen, Volkstümlichen und Nationalen, Sinnlich Kräftigen und Anschaulichen, Besonnenen und Unwirren, einer Harmonie der Teile mit dem Ganzen, des Gehalts mit der Form usw., sowie die entsprechenden Abneigungen“, Erich Rothacker). Wie hängt all das systematisch zusammen? Was treibt oder zwingt jemanden, der dem einen zustimmt, dem anderen auch zuzustimmen?
    Dazu muß man sich die Theorien des Konservativismus als ees bestn historischen Denksystems ansehen. Gewiß, der Konservativismus hat mehr als andere Ideologien das Problem, sich immer neu anpassen zu müssen, Varianten auszubilden wie „Biedermeier“, „konservative Revolution“ oder „technokratischer Konservativismus“; das erscheint dann bei oberflächlicher Betrachtung als Beliebigkeit und „Theorielosigkeit“. Aber diese Anpassungen geschehen doch auf Grundlage dessen, was die Struktur des theoretischen Kerns zuläßt, nahelegt oder erzwingt.

    Dieser Kern ist eine bestimmte Vorstellung des Verhältnisses von Einzelnem und Ganzem, die durch die Idee der „gewachsenen organischen Gemeinschaft“ (gegen die bloß äußerlich zusammengehaltene „Gesellschaft“ und den durch Vertrag konstituierten Staat der Fortschrittlichen) wohl am besten beschrieben ist. Die genannten Persönlichkeitsmerkmale (Angst usw.) mögen unter Menschen, die die genannte organische Gesellschaftsvorstellung haben, häufiger sein als unter anderen (oder auch nicht – wo z. B. ist man autoritätsgläubiger als in einer bestimmten Sorte von Sozialismus?): sie ergeben zusammen keine politische Ideologie, wenn sie auch mit einer solchen verbunden sein können. Eine solche Ideologie muß in ihrem Zentrum eine bestimmte Vorstellung von der richtigen Gesellschaft haben.

  21. Volker Birk sagt:

    Hallo, Ludwig,

    ich halte das nicht für oberflächlich – aber auf einen Punkt möchte ich noch näher eingehen. Im “real existierenden Sozialismus” gab es genauso Konservative, die am liebsten den Status Quo erhalten hätten. Es ist das Schicksal jeglicher Ideologie, dass wenn sie an der Macht ist, sie von den Konservativen angenommen und vereinnahmt wird. Und oft werden Revolutionäre zu Konservativen, einmal arriviert.

    Deine “theoretische Aufzählung” ist bei näherer Betrachtung übrigens gespickt mit Subjektivismen: “eigentümlich”, “volkstümlich” und “besonnen” heisst ja nichts anderes als das Bewahren des Status Quo, wie auch immer der aussehen mag, “lebendig”, “sinnlich kräftig” und “ehrwürdig” sind zweifelsfrei rein subjektiv.

    Gerade mal mit der Idee der Nation dienst Du der Theorie-Theorie. Allein, das wird zu nichts führen, denn auch die Optimaten waren konservativ, und die waren es 1500 Jahre vor der Idee des Nationalstaates (und schon sie waren Reaktion, in diesem Falle auf die Gracchen).

    Viele Grüsse,
    VB.

  22. Ludwig Trepl sagt:

    Ich sag ja nichts; man kann es so machen, wie Du vorschlägst. Man kann Konservativismus als Allgemeinbegriff definieren (“Erhalten des Status Quo …”); dann gab es vor 1500 Jahren und nicht erst seit der Aufklärung auch schon Konservative und wenn eine Speerspitze des Fortschritts nur 70 Jahre bei seiner Meinung bleibt wie beispielsweise der Genosse E. H., dann wird er zum Konservativen. Das trifft viel von der alltagssprachlichen Verwendungsweise des Begriffs konservativ, aber halt nicht alles.

    Was ich behaupte, ist nur: man kann es auch anders machen und macht es auch (vielleicht meist) anders, und dadurch begreift man mehr (auch wenn man dann gezwungen ist, sich mit Leuten, die man gar nicht mag, in einem “Lager”, z. B. dem fortschrittlichen, zu sehen, statt sie einfach, da sie unangenehme Persönlichkeitsmerkmale haben, per definitionem auf die andere Seite zu schieben).

    Die Aufzählung der konservativen Werte von Rothacker: Gerade die Idee des Nationalstaates ist nicht typisch konservativ, er ist bekanntlich eine bürgerliche Errungenschaft, die Konservativen mochten seinerzeit davon gar nichts wissen; nur hat halt zur Zeit von Rothacker die Idee des Nationalen bereits eine andere, nämlich Bedeutung angenommen gehabt. Aber “eigentümlich”, “volkstümlich”, “lebendig”, “ehrwürdig”: das sind nicht einfach “Subjektivismen” (falls ich dieses Wort richtig verstehe: sie hätten in einer Theorie einer politischen Ideologie nichts zu suchen). In jedem dieser Begriffe ist die gesamte Theorie des Konservativismus vom Wesen des Menschen, vom Verhältnis Individuum und “Gemeinschaft”, d.h. der grundlegend insbesondere vom Liberalismus unterschiedene Individuums- und ebenso Gesellschaftsbegriff, von der Bedeutung der Tradition und was es noch so alles gibt enthalten. Auf “Status Quo bewahren” kann man das nicht reduzieren, es ist viel komplexer. Der Konservativismus ist explizit für Entwicklung, auch für Freiheit, für Vernunft, ist das immer gewesen, nur versteht er halt unter diesen Begriffen etwas anderes als die Progressiven.

  23. Volker Birk sagt:

    Hallo, Ludwig,

    ich möchte nicht alles wiederholen, was wir bereits ausgetausch haben. Aber eines noch:

    Der Konservativismus steht für die Unfreiheit. Man kann gar nicht konservativ sein und gleichzeitig die Freiheit unterstützen. Konservativismus beschränkt sich keinesfalls auf die persönliche Wahl eines Gesellschafts- und Weltbildes; im Gegenteil, es ist ihm inhärent, dieses Bild anderen Menschen vorschreiben zu wollen. Ein Freiheits-Begriff, der das inkludiert, wäre allenfalls ein Thema für dieses Blog hier ;-) In diesem Sinne war Ludwig Erhard ein Sozial-Liberaler. Er musste sich gegen die Konservativen in seiner Partei durchsetzen (und hat das erfreulicherweise auch geschafft).

    Viele Grüsse,
    VB.

  24. Ludwig Trepl sagt:

    “Man kann gar nicht konservativ sein und gleichzeitig die Freiheit unterstützen.” Der typische Konservative wird sagen: “Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir sind für Freiheit, die Progressiven nicht, wenn die Freiheit sagen, meinen sie etwas, was keine wahre Freiheit ist. Was die mit Freiheit meinen, ist in Wirklichkeit Unterwerfung unter den Zwang der Triebe und der Profitgier in der einen Variante von Fortschritt, unter die Herrschaft der Guillotine, die den Massenwahn exekutiert, und der (Partei-)Bürokratie in der anderen Variante.”

    Der konservative Freiheitsbegriff ist eben ein anderer als der liberale, der demokratische oder der sozialistische. Sehr schön nachlesen kann man das in Gottfried Kellers “Verschiedene Freiheitskämpfer”.

  25. Scheideweg sagt:

    Ist der arabische Frühling der deutsche Herbst?

  26. Scheideweg sagt:

    Arabischer Frühling / deutscher Herbst

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