alternativlos

Glaubt man der Bundeskanzlerin, dann ist derzeit eine Menge a.: das Finanzmarktstabilisierungsgesetz, das Sparprogramm des griechischen Staates, der Einsatz Krieg in Afghanistan, die NATO. Das Wort ist schwer in Mode. Schaut her, soll es ausdrücken, wir müssen das tun, wir können nicht anders, also hört auf zu jammern. Das kommt daher als eine, wie es hier so treffend heißt, „Politik des übergesetzlichen Notstandes“, oder auch als „Eingeständnis der Hilflosigkeit“. Aber stimmt das? Eher nicht, wie die dabei gern verwendete alternativlose Entscheidung zeigt: Die nämlich ist ein Oxymoron, eine Verknüpfung von Dingen, die sich widersprechen. Wäre die Situation ohne Alternative, also Wahlmöglichkeit, gäbe es nichts zu entscheiden. Gibt es aber eine Alternative und sei es nur die, das Gesetz/die Maßnahme/den Krieg eben sein zu lassen, steht auch eine bewusst getroffene Entscheidung dahinter. Wäre Politik also tatsächlich a., bräuchte es keine Politiker. Was zeigt, dass der Begriff auf keinen Fall hilflos ist. Er ist vielmehr eine glatte Lüge.

Nachtrag: Im Januar 2011 wurde alternativlos zum Unwort des Jahres 2010 gewählt.

Noch ein Nachtrag: Im März 2011 verwendete die Bundeskanzlerin statt alternativlos das Synonym unumgänglich, natürlich mit Bezug auf eine Reform – offenbar wirkt die Beschäftigung mit Neusprech.

Abgelegt in: Politik, allgemein

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

53 Reaktionen zu "alternativlos"

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    Podcastvorstellung: Alternativlos | SchackNetz
  2. Funatiker sagt:

    Alternativlos ist Unwort des Jahres. Es sollte ab jetzt Tradition werden, dass jedes Unwort des Jahres schon vor seiner offiziellen Verkündung bei neusprech.org vorgestellt wird.

  3. Raumkapsel sagt:

    Unwort des Jahres 2010.

  4. Passivist sagt:

    Das Datum eures Eintrags (sehr interessant, Danke dafür!) belegt es:

    „alternativlos“ ist ein längst überfälliges Unwort des Jahres.

    Aber es handelt sich dabei nicht nur um ein Oxymoron. Das Alternativlos ist eine demokratische Trumpfkarte im Ärmel von uns allen. Ein Beitrag dazu auf unserem Blog:

    http://bleib-passiv.de/?p=2077

  5. Kai Biermann sagt:

    @Funatiker

    Wir geben uns Mühe ;)

  6. Gebinsel sagt:

    http://blog.fefe.de/?ts=b393086d
    Fefe hat schön festgestellt, dass Merkel nun das Unwort meidet und nun lieber „unumgänglich“ sagt.

  7. guttengate sagt:

    Ist eure Verwendung des Wortes „Alternative“ korrekt?
    Bedeutet Alternative nicht implizit „Entweder oder“? „Wir haben keine Alternativen“ ist demnach z.B. immer falsch!

  8. Lemming sagt:

    Vor allem rund um den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD nach Artikel 23 des Grundgesetzes wurden viele Neusprech-Wörter unters Volk gebracht:
    Wiedervereinigung (statt Beitritt),
    Transferleistung (statt Länderfinanzausgleich),
    Solidaritätszuschlag (statt Einkommenssteuererhöhung),
    Treuhandanstalt (statt Privatisierungsanstalt),
    „Wir sind ein Volk“ (http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/421153/),
    Aufbau Ost (dem ein massiver Abbau durch die Treuhandanstalt voranging, der der DDR-Planwirtschaft in die Schuhe geschoben wurde).
    Wenn ich länger drüber nachdenke, fallen mir sicher noch mehr Wörter ein.