Versachlichung

Ver|sach|lich|ung, die; Politik-Variante des im Sandkasten heulend gebrüllten: „ich will das nicht mehr hören, Ihr seid gemein.“ Wenn alle Argumente gegen einen Diskutanten sind, bildet die Forderung nach V. das letzte Mittel, denn sie enthält den indirekten Vorwurf, alle anderen hätten nicht etwa Recht, sondern seien lediglich unsachlich.

Was lustig ist, handelt es sich doch bei der V. um eine Ableitung von versachlichen, das auf das Adjektiv sachlich zurückgeht, das wiederum das Lehnwort objektiv verdeutscht. Eine versachlichte Diskussion oder gar Debatte ist also ein Widerspruch in sich, eine contradictio in adiecto, vielleicht sogar ein Oxymoron. Denn eine Diskussion zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass die vertretenen Standpunkte eben nicht objektiv sind.

Daher lautet die Biermann-Haase-Erweiterung von Godwins Gesetz: Je länger eine politische Diskussion dauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die V. derselben fordert. Beziehungsweise, in Anlehnung an Richard Sexton: Wenn jemand die V. einer politischen Debatte fordert, ist die Debatte beendet und der Forderer der argumentative Verlierer.

Prominente Beispiele: Vatikansprecher, die fordern, die Debatte um sexuellen Missbrauch in der Kirche solle doch bitte versachlicht werden, mit anderen Worten nicht immer nur von den bösen Priestern handeln; Atomkraftwerksbetreiber, die finden, das ständige Debattieren über eine zusätzliche Besteuerung ihres riskanten Tuns helfe nicht (vor allem nicht ihnen); Innenpolitiker, die verlangen, das Gerede über Nacktscanner müsse ein Ende haben, das schade der Sicherheit, oder die Vorratsdatenspeicherung solle nicht mehr so genannt werden, da werde man „komisch angesehen“.

Vgl. auch ähnliche Strategien der Argumentation: alternativlos und absurd.

Abgelegt in: Politik, allgemein

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Reaktionen

16 Reaktionen zu "Versachlichung"

  1. Julian sagt:

    Zum Thema Godwins Gesetz und Versachlichung:

    http://www.halleforum.de/Halle-Nachrichten/Politik-PolizeiKennzeichnung-und-der-Judenstern/32818

    „Was Herr Haseloff hier von sich gibt, grenzt ans Ungeheuerliche“, schimpfte die innenpolitische Sprecherin der Links-Fraktion Gudrun Tiedge. „Ob er sich dessen bewusst ist oder auch nicht, es spielt keine Rolle. Er fischt im Trüben und versucht, in einer Sachdebatte das schlimmste Kapitel deutscher Geschichte in übelster Weise zu instrumentalisieren und eine demokratische Partei dieses Landes in unerträglicher Weise zu stigmatisieren.“

    Solare Grüße
    Julian

  2. Julian sagt:

    Noch was, einen Absatz weiter:

    Der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt, Jens Kolze, zeigte sich irritiert über die Aussagen der Linken. Diese versuche mal wieder alles, um in die Schlagzeilen zu kommen. „Aber es geht hier nicht darum, politische Vergleiche zu bewerten oder die Aussagen von Regierungsmitgliedern zu kommentieren. Es geht um die Sache.“ Deshalb empfehle man Linken, zu ihrer wiederholt geforderten Sachlichkeit zurückzukehren.

  3. Martin Haase sagt:

    @Schokokäse: Es ging hier nicht um die Trennung, sondern die (Zeichen-) Struktur des Wortes (in der Linguistik auch Morphemstruktur genannt).

  4. siegfried sagt:

    Schaut man sich die orginäre Bedeutung des Wortes Sache an, dann trifft der Begriff genau den Kern der Bedeutung einer Diskussion: aus dem alt- bzw. mittelhochdeutschen kommend, soll es dort das Austragen einer Streitigkeit und später das strittige Objekt selbst bezeichnen. Somit wäre im ersten Fall die Versachlichung einer Diskussion eigentlich eine inhaltliche Dopplung (auch ein Pleonasmus?). Im zweiten Fall wäre es eine Hinwendung zum eigentlichen Thema: des strittigen Objektes. Demnach spräche die Wortbedeutung nicht gegen die Nutzung in diesem Kontext.

    Wohl aber wird das Wort in der Prwxis oft auch in Fällen genutzt, wo es eigentlich nicht um die Hinwendung zur Sache, sondern um ein Abtun gegnerischer Argumente geht, wie es im Artikel ja auch schon erwähnt wurde.

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    Linkpackung vom 30.07.2011 | Konstantin Klein
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