Problembesucher

Wer das Wort zum ersten Mal hört, denkt sicher an den Problembären und liegt damit gar nicht so falsch. Auch der war ein P., in einem anderen Kontext, dem bayerischen Wald. Und beim Kontext zeigt sich gleich das erste Problem mit dem P.: Wer hier wen besucht und wer für wen ein Problem ist, erschließt sich nur aus eben diesem Zusammenhang: Bei unserem P. geht es um Besucher in einem Fußballstadion, um Fußballfans – wenn sie Probleme machen, auch Hooligans genannt. Aber genau dieses Wort soll offensichtlich vermieden werden. So entstand der P., ein Nebelbegriff. Denn beide Wortbildungselemente sind unklar und haben – linguistisch gesprochen – eine große Extension, also einen weiten Anwendungsbereich. Außerdem impliziert der Ausdruck, dass etwas getan werden muss, denn Probleme gehören gelöst. Siehe Problembär, der wurde erschossen. Gegen P. soll nicht ganz so rabiat vorgegangen werden, allerdings erscheint die verdachtsunabhängige Erfassung und Überwachung von Fußballfans, die unter anderem mit den P.-n gerechtfertigt wird, auch nicht so wirklich verhältnismäßig. Siehe → Gefährder, potenzieller und → Verbunddatei (Rechtsextremismus).

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7 Kommentare

  1. Welches Problem wird denn da besucht?
    S21? Elbphilharmonie? Flughafen?

    Das war so ungefähr mein erster Gedanke.

  2. Lieber Martin Haase,

    zunächst einmal: Der “Problembesucher” ist eine äußerst niedrigfrequente Wortbildung, google findet gerade einmal 2.930 Ergebnisse. Und so gut wie alle gehen aktuell auf Äußerungen Heribert Bruchhagen zurück, dem Vorstandsvorsitzenden der Frankfurter Eintracht, die dieser am 5.9.2012 auf einer Podiumsdiskussion in der Münchner Allianz Arena zum Thema Pyrotechnik getätigt hat.

    Wenn du schreibst: “Aber genau dieses Wort [Hooligan] soll offensichtlich vermieden werden.”, dann frage ich mich, wer will hier etwas offensichtlich vermeiden? Doch erst einmal nur der Herr Bruchhagen! Also sollte auch der Herr Bruchhagen genannt und seine persönlichen Motive für die Neubildung hinterfragt werden.

    Betrachten wir also die Äußerung im Kontext:
    http://www.presseportal.de/meldung/2320054

    Bruchhagen spricht mehrfach von P. Er möchte sie nicht “Fans” nennen, er möchte sie sogar “ausgrenzen”, wenn es “zu keiner Verhaltensänderung” komme. Und dennoch sei es die “Zielrichtung von Eintracht Frankfurt […], die Problembesucher noch tiefer an die Besonderheiten des Fußballs heranzuführen.”

    Ich kann förmlich spüren, was Herr Bruchhagen wirklich über die zündelnden Fans denkt (Hooligans! Krawallbrüder!) und wie er Kreide frisst, um die Bereitschaft zum gleichberechtigten Dialog mit den Fanvertretern anzuzeigen – oder zu simulieren? “Besucher” ist ganz eindeutig ein Euphemismus, wenn es auf Menschen angewandt wird, die sich eben nicht als Besucher benehmen, sondern so, als hätten sie unbegrenztes Hausrecht und dürften sich so rücksichtlos benehmen, wie man es nur in den eigenen vier Wänden tun dürfte. Und diese “Besucher”, die Bruchhagen nicht Hausfriedensbrecher oder Straftäter nennen möchte, machen folgerichtig auch nur “Probleme” – ein sehr schwaches Wort für unbelehrbare Gesundheitsgefährder.

    Meine These also: P. ist eine euphemistische Gelegenheitsbildung eines Fussballfunktionärs, um Dialogbereitschaft mit Fanvertretern zu signalisieren.

    Grüße,
    Jürgen

  3. Noch eine Anmerkung: Menschen als “Problem” zu bezeichnen, hat etwas inhuman-bürokratisches an sich, das Wort riecht nach Menschenverwaltung. Vielleicht rührt daher dein Missbehagen. “Problemmenschen” versucht man, frühzeitig zu erkennen, und wenn nötig, zu isolieren. In diese Richtung gehen ja die Äußerungen Bruchhagens, er spricht sogar von der Hoffnung auf “Selbstreinigungskräfte” innerhalb der Fanclubs. Das zeigt doch recht deutlich, dass er den Dialog nicht wirklich möchte, sondern von einer “hygienischen” Problembeseitigung träumt.

    Jürgen

  4. @Jürgen: Dem kann ich mich leider anschließen, auch wenn das Phänomen selbst in der Tat traurig ist und auf jeden Fall in den öffentlichen Diskurs gehört, um sich damit auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite weist die Bezeichnung Problembesucher keinen ganzheitlichen Bezug auf, der den Menschen selbst als Problemmensch erfasst.

  5. @Sima

    Eben fiel mir auch das “Problemkind” ein. Ich denke, in diese Reihe gehört der P.besucher. Das P.kind und der P.besucher machen Probleme ohne Ende, sind lästig, unbelehrbar, störrisch – und legitimieren durch ihr Verhalten Erziehungsmaßnahmen. Bruchhagen redet über diese Problemfans wie über Kinder, und irgendwie sind sie das ja auch, meine ich …

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