Wenn man etwas verkaufen will, gibt es zwei unfehlbare Möglichkeiten: man kann beim Käufer Wähler die Gier oder die Angst schüren. Erstere fällt irgendwie aus, wenn es darum geht, mitten in einer Krise 750 Milliarden Euro wegzuschenken, um notleidende knauserige Banken zu beruhigen und Pleitiers über Wasser zu halten. Bleibt die Angst. Kein Wunder also, dass die Sprache im Zusammenhang mit der Finanzkrise vor Panikmetaphern nur so strotzt. Doch ob man sich damit wirklich einen Gefallen tut? Ein R. immerhin soll etwas bremsen, was sich ohne ihn im freien und garantiert tödlich endenden Fall befände. Gäbe es ihn nicht, bedeutet das, wäre der Euro erledigt. Doch so stimmt das nicht. Nochmal kurz zu den Ursachen: Geld war lange billig in Europa, weil Wirtschaft und Politik Angst vor einer Krise hatten und die Zinsen niedrig hielten. Daher haben sich einige Länder mehr davon geborgt, als für sie gut gewesen wäre. Sie haben über ihre Verhältnisse gelebt und sind nun bankrott – mit dem Ergebnis, dass die Krise letztlich noch viel schlimmer ist. Das gleiche geschieht nun noch einmal, nur im größeren Maßstab. Wieder wird auf Pump finanziert, was sich eigentlich niemand leisten kann. Doch der Kapitalismus verzeiht solche Dummheit nicht, er ist ein Nullsummenspiel – was einer gewinnt, muss jemand anderes verlieren. Der R. ist also gar keiner, denn er rettet nichts und niemanden. Das Ganze ist viel mehr, wenn man unbedingt einen griffigen Begriff sucht, eine Umwälzpumpe: Das Geld wird umgeschichtet von den vielen Steuerzahlern hin zu den wenigen, die an solchen Geschäften sehr sehr viel verdienen.
Schlagworte: Angst, Banken, Euro, Geld
Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

So lange die vielen Steuerzahler sich das gefallen lassen…. :(
[...] [n-tv.de] Schulden und Inflation: Deutschen schwant Böses [neusprech.org] Rettungsschirm [...]
[...] nicht nur mit fünf, sondern mit dutzenden Steuermilliarden unterstützt. Allerdings hat man bei dem Rettungsschirm den Geldgeschenken für die Banken irgendwie vergessen, den Bürgern wieder ihre elf Prozent [...]
Diese Passage erschließt sich mir nicht:
“Daher haben sich einige Länder mehr davon geborgt, als für sie gut gewesen wäre. Sie haben über ihre Verhältnisse gelebt und sind nun bankrott – mit dem Ergebnis, dass die Krise letztlich noch viel schlimmer ist.”
Wie kann “ein Land über seine Verhältnisse leben”? Wer hat das getan in jenem Land, und warum und auf welche Weise? Alle Länder “leihen” sich doch Geld (obwohl sie das gar nicht müssten), und die Verschuldung beispielsweise von Griechenland ist – gemessen an deutschen Verhältnissen – sogar sehr moderat. – Der Begriff, dieser oder jener habe “über seine Verhältnisse gelebt”, ist ebenso ein Teil des Neusprechs – es verwirrt daher, dass er hier im Text auch verwendet wird.
Vom großen Geld und dicken Wummen…
Der völlig fachfremde Frank-Jürgen Weise, im richtigen Leben als Chef der Bundesagentur für Arbeit Herr über die auch in Berlin allseits beliebten Jobcenter, hat sich Gedanken über das Militär gemacht. Nun soll das Verteidigungsministerium (BMVg) ganz …
[...] unscheinbare Staatssekretär war seinerzeit im Finanzministerium einer der Ideengeber des Bankenrettungsschirmes. Anschließend saß er im Soffin, jener geheimnisvollen Institution, welche im Jahre 2009 die 480 [...]
[...] weil es sonst droht, sich im freien Fall in Nichts – und somit auch unser aller Guthaben (sofern vorhanden) – aufzulösen. Mit anderen Worten, wir werden erpresst. Rettungsboot mit Schirm (c) [...]
Ich habe den R. immer als eine Art Regenschirm gesehen unter den man schlüpft, wenns mal nicht so heiter ist. Das heute-journal hat diese Formulierung auch verwendet. Bei diesem Bild ist ein R. eher etwas harmloses. Er ist halt da, wenn man ihn mal braucht und er suggeriert, dass er bei schönem Wetter auch wieder eingeklappt werden kann.
Nur haben Regenschirme bei stärkeren Winden die Eigenschaft unkontrollierbar zu werden. Somit wird sich wohl noch zeigen, ob der Begriff nicht doch sehr treffend gewählt wurde.
Interessant: Ich hatte bei Rettungsschirm an einen Rettungsfallschirm gedacht.
“der Kapitalismus [...] ist ein Nullsummenspiel – was einer gewinnt, muss jemand anderes verlieren.”
Das ist ein verbreiteter Irrtum, doch die Marktwirtschaft ist keineswegs ein Nullsummenspiel. Sie schafft neuen, zusätzlichen Wohlstand. Bei jedem freiwilligen Tausch, also jedem Geschäft, stellen sich beide Geschäftspartner besser (es sei denn, einer unterliegt einem Irrtum). Sonst käme der Tausch nicht zustande.
Wer für 41 c einen Joghurt kauft, macht dies, weil ihm der Joghurt subjektiv mehr wert ist, als die 41 c. Dem Verkäufer sind die 41 c lieber als der Joghurt. Es hat also nicht einer was gewonnen und einer was verloren, sondern beide etwas gewonnen.
@daddeldu
Ihr Einwand stimmt möglicherweise für den Warenverkehr – wobei offen bleibt, was mir ein Joghurt wirklich wert ist und was ich dafür bezahlen muss und was er eigentlich kostet… Er stimmt aber ganz bestimmt nicht für den Geldhandel, um den es hier geht. An Aktienmärkten wird kein Wohlstand geschaffen, er wird nur umverteilt.
lg
k
Niemand impliziert heute eine tatsächliche Rettung, wenn er/sie das Wort verwendet. Vielmehr wird allerseits davon ausgegangen, daß viele Jahre lang immer wieder von Neuem zig – wenn nicht 100e – Milliarden fließen müssen, nur “um Zeit zu gewinnen”. Die wird für den deutschen Steuerzahler völlig nutzlos vertrödelt, d.h. die Zeit gewinnen nur die derzeit Regierenden, in der Hoffnung, einer späteren Regierung das Kapitulieren zuzuschieben. Und natürlich die Strippenzieher der sog. Volksvertreter. für die allerding ist Zeit Geld, tjä, und somit Rettung
Unser Politiker befürchten,
dass der EUR den Bach runter geht
und tun, was die Bänker wollen.
Wer Angst hat tut genau dass,
wodurch er dass erreicht,
wovor er Angst hat!
Ich fands schöner, als die Einträge bei neusprech.org sich noch darauf beschränkten, in (ironisch) sachlichem Ton auf die manipulierende Verwendung von Worten aufmerksam zu machen.
In diesem Beitrag dem Leser die persönliche Meinung zur Herkunft der Finanzkrise aufzudrücken, hat mich überrascht, find ich eher deplatziert und ist jedoch auch in einigen anderen neueren Beiträgen zu finden.
Natürlich kann man das machen, aber ich hoffe Ihr seid euch über die Stiländerung im Klaren.
Viele Grüße
Jens
“Ich habe den R. immer als eine Art Regenschirm gesehen unter den man schlüpft, wenns mal nicht so heiter ist. Das heute-journal hat diese Formulierung auch verwendet. ”
Interessant, auf so eine Idee wäre ich nie gekommen. Für mich ist der Neusprech-Teil am Rettungsschirm klar die Verklärung, dass das Ding im Deutschen eigentlich FALLschirm heisst. Da geht es um Absturz, und genau dazu passt es auch im neuen Kontext. Nur soll man das nicht damit natürlich verbinden.
Leider wird der Begriff “Schirm” im Artikel gar nicht thematisiert.
[...] er könne sie zurückzahlen. Das macht einer Menge Politikern Angst. Sie wollen sich daher einen Rettungsschirm umschnallen. Der hat er sogar eine eingebaute Schuldenbremse. Oder so ähnlich. Beide scheinen aber [...]