Spurensicherung, digitale

In phantastischen Büchern und Filmen treiben sich gern Untote herum. Sie sollen dort schaurig-schönen Grusel verbreiten. Es gibt solche Untoten wirklich und schön ist daran gar nichts, denn sie existieren vor allem in der Politik. Obwohl längst beerdigt geglaubt, fallen sie als immer wiederkehrende gefährliche Ideen den Menschen zur Last. Und leider sollen sie dort auch nicht unterhalten, sondern die Wähler vor allem durcheinander bringen, damit diese nicht merken, dass sie verschaukelt werden.

Die → Vorratsdatenspeicherung ist so ein Zombie. Sie ist schon viele politische Tode gestorben: Das Bundesverfassungsgericht hat sie verboten, genau wie Gerichte in verschiedenen anderen Ländern, ja gar der Europäische Gerichtshof. Doch sie kehrt immer wieder. Viele Menschen lehnen sie ab, sie wollen nicht, dass alle ihre digitalen Handlungen ohne Grund gespeichert werden. Trotzdem äußern Politiker diese Forderung immer wieder und ihre gesamte Kreativität beschränkt sich dabei darauf, dem immer gleichen Konzept neue Namen zu geben.

Der Ausdruck → Vorratsdatenspeicherung, der fürsorglich klingen sollte, war dabei nur der Anfang. Als → Mindestspeicherfrist wurde diese Beschneidung von Grundrechten bezeichnet, als → Mindestdatenspeicherung, auch als → Mindestspeicherdauer – ein Wort übrigens, für das das Innenministerium bereits 2011 einen Neusprech-Award bekam. Gerade erst hat der Justizminister diese Überwachungspläne als → Speicherpflicht und Höchstspeicherfrist für Verkehrsdaten wiederbelebt. Er hat damit aus der Mindestspeicherung eine Höchstspeicherung gemacht und nahe gelegt, dass alle geradezu verpflichtet sind, diese Daten zu sammeln. Das ist schon ein erstaunlicher Sprachtrick, um die Menschen zu verwirren. Besser ist in dieser Disziplin nur noch die CSU.

Sie benannte das Konzept zum Beispiel in  private Vorsorgespeicherung um und glaubte, so den Wählern ihre Totalüberwachung verkaufen zu können. Der Gipfel aber war ihr Versuch, diese Pläne als digitale S. zu vermarkten.

Das klingt harmlos, weil nichts mehr an die monatelange Datenhortung erinnert und weil die Sicherung von Spuren etwas ist, auf das sicher niemand verzichten will, wenn es darum geht, ein Verbrechen aufzuklären. Doch es ist nur der erneute Versuch, Wähler zu belügen, um ihnen etwas unterzujubeln, das sie ablehnen. Denn eine Lüge ist die digitale S. Es geht hier nicht um die Spuren, die Verbrecher bei einer konkreten Tat hinterlassen haben. Es geht nicht darum, Fingerabdrücke zu sichern, nachdem ein Verbrechen begangen wurde. Es geht darum, die kommunikativen Fingerabdrücke aller Deutschen anlasslos zu speichern, in der Hoffnung, damit ein paar Kriminelle leichter identifizieren zu können. Es geht also weiterhin um einen Generalverdacht, es geht darum, dass es bei dieser Idee keine Unschuldigen mehr gibt und darum, dass damit gleich mehrere Grundrechte verletzt werden.

Es gibt keinen Grund, allen zu misstrauen. Und es gibt schon gar keine Pflicht, eine ganze Gesellschaft zu verdächtigen. Es wäre besser, das Verbotene endlich dort zu belassen, wo es diverse Richter beerdigt haben: auf dem Ideenfriedhof der Grundrechtsgegner und Überwachungsfanatiker. Um daran zu erinnern, dass Zombies ins Reich der Phantasie gehören und nicht in die Politik, erhält die digitale S. bei den BigBrotherAwards 2015 einen Neusprech-Award.

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Abgelegt in: Innere Sicherheit

Distanzbereich, Distanzzone

Ausdruck aus der Psychologie, der Medizin und der Kulturwissenschaft: Der D. beschreibt den Bereich, den Menschen um den eigenen Körper herum als mehr oder weniger intim empfinden, beziehungsweise die Strecke, auf die Menschen sich ihre Mitmenschen in der Regel vom Leibe halten wollen. Schon diese Wortschöpfung ist pleonastisch, denn Distanz (die deutsche Lehnübersetzung ist ‚Abstand‘), impliziert bereits das Konzept des Bereichs.

Neuerdings wurde der D. von „Ordnungshütern“ entdeckt, als Ersatz für das alte Wort Bannmeile oder Bannkreis. Die bezeichnet das Gebiet um ein Parlament oder ein Gericht, in dem zu bestimmten Zeiten Grundrechte eingeschränkt werden, weil zum Beispiel keine Versammlungen abgehalten werden dürfen. Natürlich macht es sich in einer Demokratie schlecht, wenn außer dem Parlament und dem Verfassungsgericht weitere Gebäude durch eine Bannmeile geschützt werden sollen, zum Beispiel gar eine Bank. Ein Ersatzwort wirkt da besser, noch dazu wenn es so freundlich daher kommt wie D. Der Euphemismus verschleiert hier aber noch mehr, denn in diesem Bereich waren die Bürgerrechte nicht nur eingeschränkt. Der D. um die EZB-Zentrale in Frankfurt war vollständig gesperrt, zum Teil mit Stacheldraht. Daher wäre es ehrlicher gewesen, gleich von Sperrgebiet oder Sperrzone zu sprechen. Vgl. Sicherheitszone

Willkommenszentrum

Wortschöpfung von Innenminister Thomas de Maizère, der damit einen Vorschlag aufgriff, den Otto Schily in dieser Funktion bereits 2004 gemacht hatte. Gemeint ist ein vorgeschobenes Auffanglager, um Menschen, die nach Europa wollen, bereits auf afrikanischem Boden sammeln und sortieren zu können. Die Argumentation lautet, dass deren lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer verhindert werden könne, wenn bereits auf afrikanischem Territorium über Asylanträge entschieden würde. Suggeriert, dass diese Menschen in Europa willkommen geheißen, also freundlich und mit offenen Armen empfangen werden sollen. Es geht jedoch im Gegenteil darum, ihre Einreise zu verhindern und sie zu stoppen, noch bevor sie Europa erreichen. Das Problem soll, auch um Kosten zu sparen, in die Herkunftsländer verlagert werden und ist also eine andere Form der Pushback-Doktrin, die mit diesem Ausdruck kaschiert werden soll. Das Willkommen im Begriff W. erinnert daher leider mehr an William Shakespeares Drama „Macbeth“, in dem Lady Macbeth sagt:

„Laß deine Mienen aussehn, wie die Zeit es heischet, trage freundlichen Willkommen auf deinen Lippen, deiner Hand! Sieh aus, wie die unschuld’ge Blume, aber sei die Schlange unter ihr!“

Abgelegt in: Außenpolitik

Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie

Anderer Ausdruck für Waffenhersteller, daher ein Euphemismus. Dazu ein Zitat aus dem Buch „Das Hohe Haus“ von Roger Willemsen, in dem er beschreibt, was und wie im Bundestag debattiert wird:

„Heute steht Deutschland bei den internationalen Rüstungsexporten an dritter Stelle, und man kann sich von außen kaum vorstellen, wie schlicht die Argumentation ist, die das rechtfertigt. Joachim Pfeiffer (CDU/CSU) sagt: ,Ich halte dies alles überhaupt nicht für verwerflich. Ganz im Gegenteil: Ich bin stolz auf das, was die 80.000 hochqualifizierten Arbeitskräfte, die in der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie in Deutschland unmittelbar beschäftigt sind, zustande bringen.‘

Offenbar kann die Rüstungsindustrie nicht als das benannt werden, was sie ist, sondern sie zieht Beschönigungen an, die sie zur moralischen Feuerwehr stilisieren durch Rennen, Retten, Löschen: ,Diese Rüstungsexporte tragen nämlich auch zur Friedenssicherung und zum Schutz der Menschenrechte auf dieser Welt bei.‘ Das ist der Pegelstand parlamentarischer Schamlosigkeit: Dass Rüstungsexporte der Erhaltung der Menschenrechte dienen sollen, bestätigt jeden, der dem Parlament Skrupellosigkeit in Rüstungsfragen vorwirft. (…) Der entlarvenden Debatte, die mit unverhohlen heuchlerischen Argumenten geführt wird, stellt sich auch heute kein Mitglied der Bundesregierung. Den Rest des Schweigens sichern Geheimhaltungsauflagen.“

Ja, die Bundesbehörden helfen der Industrie sogar dabei, Informationen über exportierte Waffen zu verschleiern.

Siehe auch → Sicherheitsforschung, → Sicherheitszone.

Routineverkehr

Der R. klingt nach langweiligem Sex und soll das auch, denn er ist eine Wortschöpfung des Bundesnachrichtendienstes, um Überwachung zu verharmlosen, also ein Euphemismus. Wir müssen dazu kurz ausholen: Das Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses, kurz (Grundgesetz-)Artikel-10-Gesetz oder noch kürzer G 10, erlaubt es dem BND, im Ausland Kommunikation zu überwachen, so viel er will. Jede Leitung, die Deutschland verlässt oder die an der deutschen Grenze ankommt, darf er abhören, rund um die Uhr. Zwei Beschränkungen gibt es dabei: Erstens dürfen die Spione nur „20 vom Hundert“ der Übertragungskapazität abschnorcheln. OK, niemand weiß, wie viel sie dabei wirklich mitschneiden, denn wenn die Leitung theoretisch 100 Gigabyte pro Sekunde hereinspülen könnte, aber gerade nur 20 Gigabyte genutzt werden, dann würde der BND die ja komplett … aber lassen wir das.

Zweitens muss der BND, wenn er in den Inhalten der Kommunikation stöbert, vorher eine Kommission des Bundestages um Erlaubnis fragen und ihr erklären, was er da sucht. Diese G-10-Komission besteht praktischerweise aus alten Juristen und nicht aus jungen Technikern und darf niemandem sagen, was sie weiß und tut. Aber auch darum soll es hier gerade nicht gehen. Denn wenn der BND nicht nach Inhalten sucht, wenn er sich also nicht dafür interessiert, was die Leute da so reden, sondern nur wann, mit wem, wie lange und so weiter, dann gibt es keine Beschränkungen.

Wenn er also „nur Metadaten“ heruntersaugt, darf er das so viel er will und kann. Zur Erinnerung: Der ehemalige Chef des US-Geheimdienstes NSA sagte mal, „we kill people based on metadata“. Das Zeug ist also nicht harmlos, im Gegenteil. Man kann damit mehr über einen Menschen erfahren, als er selbst über sich weiß. Gerade deswegen bemüht sich der BND, es harmlos erscheinen zu lassen und nennt die so abgesaugten Informationen im Bundestag stets R. Ganz falsch ist es nicht, da es für den BND längst Routine ist, jeden Tag Millionen dieser Metadaten einzusammeln.

Nicht nur aus Sicht des früheren Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar ist das Vorgehen allerdings absurd. Er sagte im Bundestag dazu: „Der Begriff Routineverkehr ist nicht legal definiert. Das G-10-Gesetz spricht von internationalem Datenverkehr [Anmerkung: wörtlich von Telekommunikationsbeziehungen]. Ich würde daher immer sagen, dass es alles Daten sind, die von unserem Grundgesetz geschützt sind, ob sie nun als Routinedaten bezeichnet werden oder anders.“ Schließlich könne man auch nicht einfach ein Auto in „fahrbare Technik“ umbenennen und hoffen, dass es dann nicht mehr unter die Straßenverkehrsordnung falle. Doch, genau das hofft der BND.

Abgelegt in: Geheimdienst

Nicht wirklich, oder? (1)

Ein paar Links der vergangenen Tage:

“Steuervermeidungsmodelle”? Natürlich ist Steuerhinterziehung gemeint, allerdings die Form, die durch Gesetze zugelassen wird.
Dank an Peter für den Hinweis und Andreas Krennmaier für die Ergänzung.

“Folterähnliche Methoden”? Nein, das kann man nicht abschwächen, das ist Folter.
Dank an Detlef Borchers.

Noch schlimmer sind natürlich die “umstrittenen Verhörmethoden”. Das erwähnten wir schon, aber sie sterben leider trotzdem nicht aus.
Wie uns FrauFoo schrieb.

“Spezialdienste” sind der neue Ausdruck, mit dem das Ende der Netzneutralität vernebelt wird.
Hat glücklicherweise Lukas Lamla bemerkt. Danke dafür.

Ah, und hier noch eine plausible Übersetzung von diesem verdammten “Cyber”, das überall auftaucht: “I do not know what I am talking about.” Herrlich.
David Pachali hat sie gefunden.

Abgelegt in: Politik, allgemein

Gratiseinwilligung, widerrufliche

Verquere Inhalte spiegeln sich oft auch in verqueren Begriffen: Als Google dem neuen Gesetz Folge leistete und damit begann, Angebote deutscher Zeitungsverlage in Folge des Leistungsschutzrechtes aus der Nachrichtensuche zu entfernen, kamen die Verlage auf eine neue Idee. Sie wollten Google zwingen, ihre Inhalte wieder anzuzeigen, Google wollte aber nicht fragen, ob es Inhalte anzeigen darf und schon gar nicht dafür zahlen. Also erteilten sie Google eine widerrufliche G. Meint: Die Verlage nehmen Google die Mühe ab, zu fragen, ob Google die Inhalte anzeigen darf und erteilten – ganz uneigennützig, versteht sich – von sich aus eine Einwilligung. Auf das Geld verzichteten sie auch. Das ganze Gehampel um das Leistungsschutzrecht, mit dem die Verlage Google zwingen wollten, an sie Geld zu überweisen, war also völlig sinnlos. Wobei, nicht ganz. In Kombination mit der G. zementiert das Leistungsschutzrecht jetzt die Monopolstellung Googles – es ist also das Gegenteil von dem passiert, was das Leistungsschutzrecht ursprünglich erreichen sollte. Aber noch hoffen die Verleger, denn ihre Einwilligung ist ja widerruflich. Einwilligungen können eigentlich immer zurückgenommen werden, es sei denn sie sind ausdrücklich unwiderruflich. Das überflüssige widerruflich klingt daher so seltsam, wie es sachlich ist. Aber die G. ist auch deshalb verquer, weil ja nicht die Einwilligung gratis, also unentgeltlich ist, sondern die Nutzung der Inhalte. In der Linguistik werden solche verqueren Bildungen Enallagé genannt.

Das Adverb gratis bedeutet übrigens ursprünglich auf Lateinisch ‚aus Gnade‘. Das passt zur Hybris der Verleger! Als würden sie Google eine Gnade erweisen. Es passt allerdings nicht zur Einwilligung: Nur der Mächtige kann gnädigerweise eine Erlaubnis erteilen, der Ohnmächtige muss einwilligen. Eine Einwilligung setzt also Machtlosigkeit voraus (linguistisch nennt sich diese Voraussetzung Präsupposition) und der Begriff gibt damit die Tatsachen preis, die die Verlage eigentlich kaschieren wollten. Inzwischen haben die Verleger offenbar gemerkt, dass das Wort Einwillung zwar der Wirklichkeit entspricht, jedoch nicht ausdrückt, was sie gern ausgedrückt hätten. Jetzt sprechen sie von Gratislizenz, also von Erlaubnis. Dass die neue Wortwahl die Verleger mächtiger macht, darf bezweifelt werden.

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Netzwerkredaktion

In der Werbung ist Irreführung verboten, im Journalismus leider nicht. Also, eigentlich ist sie das auch dort, aber es hält sich offensichtlich nicht jeder daran. Der große deutsche Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr will, so schreibt es beispielsweise die Süddeutsche Zeitung, die Redaktionen von zwei seiner größten Zeitschriften zu einer N. umbauen. Das klingt nach Vernetzung und danach, als würden viele tolle Dinge miteinander verbunden und könnten sich gegenseitig irgendwie, keine Ahnung … befruchten? Es klingt auch nach Internet und World Wide Web – auf jeden Fall sehr fortschrittlich. „Die Brigitte hole durch diese Strukturveränderung ‚mehr Vielfalt und Potenzial von außen rein‘“, zitiert die Zeitung aus einem internen Papier des Verlages. Und weiter: „Beide Zeitschriften sollen ‚von einem agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam aus gedacht und produziert‘ werden, bei dem es sich um die bisherige Chefredaktion, CvD, geschäftsführender Redakteurin, Textchef sowie den Ressort- und Redaktionsleitern, handelt.“ Toll. Mehr Vielfalt, mehr Kreativität, mehr Flexibilität. Das werden sicher prima Zeitschriften. Ein Gewinn für alle sozusagen. Äh, halt … Warum müssen dann aber erst einmal bei der Brigitte neun und bei der Geo vierzehn Redakteurinnen und Redakteure entlassen werden? Waren die nicht kreativ, nicht agil, hatten kein Potenzial? Warum sollen das alles nun freie Autoren machen? Sind die irgendwie besser als festangestellte? Oder ist das vielleicht nur eine Irreführung, um zu verschleiern, dass es allein um Geld geht? Redakteure sind teuer, die wollen ein regelmäßiges Gehalt, kosten dazu noch Sozialabgaben, haben Kündigungsschutz. Sehr lästig, wenn man der Verlag ist, der das bezahlen soll. Wer gewinnt somit bei einer N. etwas? Der Verlag. Wer verliert etwas? Die Journalisten und die Leser. Denn freie Autoren haben keine Sicherheit, stehen unter höherem Druck, machen unter Umständen schneller Kompromisse. Die N. klingt damit nach einem Sudelwort vergangener Jahre, nach Synergie. Die sollte immer nur Rausschmisse und Stellenstreichungen kaschieren und bedeutete für die Betroffenen stets mehr Unsicherheit und weniger Geld. Leider ist es bei der N. genauso.

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extralegal

Ein Gastbeitrag von Erik W.

Ende Juni 2014 sagte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), dass sie für die Anschaffung bewaffnungsfähiger – natürlich nicht etwa bewaffneter – Drohnen sei. Die Bundeswehr soll nicht gleich schießen, sie soll nur schießen können. Bitte, das ist ein kleiner Unterschied, aber es ist ein Unterschied! Politik der kleinen Schritte, sozusagen. Man brauche diese Drohnen, sagte die Ministerin, um Schutzlücken zu schließen. Eine interessante Begründung, heißt das doch, dass sich die Bundeswehr nicht genug schützen kann. Damit nun niemand auf die Idee kommt, mit den Dingern, äh Drohnen solle in fremden Ländern einfach so auf Menschen geschossen werden, sagte von der Leyen: Amerikanische Verhältnisse werde es mit ihr nicht geben: „Die Bundesregierung lehnt e.-e völkerrechtswidrige Tötungen kategorisch ab.“ Ebenfalls eine interessante Aussage, denn die Verteidigungsministerin lieferte damit ein Beispiel für ein sogenanntes überspezifisches Dementi; sie sagte mehr, als sie wollte. Durch die zwei Adjektive hatte sie den eigentlichen Ausdruck näher beschreiben wollen, doch wird er so vor allem betont. E.-e, und völkerrechtswidrige Tötungen mag die Bundesregierungen vielleicht ablehnen, Tötungen aber lehnt sie nicht ab? Vielleicht sind sogar e.-e oder völkerrechtswidrige Tötungen ok, nur nicht beides zusammen? Bei so viel Sprachverdrehungen fällt der Begriff e. kaum noch auf. Dabei ist er seltsam. Die einzige Ableitung des Fremdwortes für rechtmäßig, die der Duden kennt, ist illegal. Das von von der Leyen benutzte Wort ist eine Neuschöpfung. Das Präfix „extra“ hat nicht nur verschleiernden, sondern auch aufwertenden Charakter: E. klingt nicht danach, als wenn Gesetze missachtet würden, sondern so, als bekäme man noch was gratis dazu. Bekommt man auch: die Gesetzlosigkeit. Denn e. meint, dass es Menschen gibt, für die Menschenrechte und Gesetze nicht mehr gelten, die man also ungestraft töten kann. Dabei sind es die Tötenden, die sich außerhalb der Gesetze stellen und somit wie Gesetzlose handeln.

Abgelegt in: Militär

Terrorismus, internationaler

Früher gab es die RAF. Das waren Terroristen und so wurden sie und alle anderen genannt, wenn von ihren Attentaten die Rede war. Das klang schlimm genug. Terror kommt schließlich aus dem Lateinischen und heißt Schrecken.

Einfache Terroristen gibt es heutzutage nicht mehr. Zumindest sprachlich. Wenn nun irgendwo eine Bombe explodiert, ist gleich vom internationalen T. die Rede, wer immer das auch sein mag. Gegenüber der veralteten Version enthält der internationale T. mit dem Ismus eine Abstraktion und mit der behaupteten Internationalität eine adjektivische Aufblähung. Das macht ihn bedrohlicher, es lässt ihn nach fremder Macht klingen und nicht mehr nach Menschen.

Der sprachliche Wandel ist dabei leider nicht nur Tünche. Er ist Ausdruck einer besorgniserregenden Veränderung. Das Jagen von Terroristen war eigentlich Sache der Polizei, auch wenn sich Geheimdienste schon früher unrühmlich einmischten. Die fahndete und fragte, ermittelte und kombinierte und verhaftete schließlich Leute. Anschließend standen sie vor einem Gericht, wurden, wenn ihre Schuld erwiesen schien, verurteilt und kamen ins Gefängnis. Hatten sie ihre Strafe verbüßt, wurden sie sogar freigelassen.

Diese Mühe macht sich heute niemand mehr. Für Terroristen sind nun vor allem Geheimdienste und Armeen zuständig und Gerichte braucht es auch keine mehr. Es wird gleich weggesperrt oder gar geschossen und nicht erst lang gefragt. Und so ist aus der Bekämpfung von Kriminalität erst der Kampf gegen Terroristen und dann sogar der Krieg gegen den internationalen T. geworden. Das mag beeindruckender klingen, besser aber ist es nicht. Denn es führt zu zweifelhaften Rechtskonstrukten wie dem Feindstrafrecht, den Gefährdern oder den gezielten Tötungen. Von den Kollateralschäden Opfern ganz zu schweigen. Dabei werden außerdem nicht nur ein paar Gerichte eingespart, sondern all die Menschen- und Bürgerrechte, die eine demokratische Gesellschaft braucht, damit sie funktionieren kann. Und die für alle Menschen gelten. Auch für Terroristen.

Abgelegt in: Innere Sicherheit

Neusprechfunk

Die Neusprechfunker

Der Neusprechfunk fünf, verehrte Interessierte, bekommt jetzt ein Gewinnspiel! Das hat sich zwar niemand gewünscht, aber wir wollen selbstverständlich ganz neue Hörergruppen ansprechen und wissen ohnehin, was Ihr wollt. Man muss nur durchhalten, wenn man erfahren will, wie und was es zu gewinnen gibt.

Was in den Kommentaren mehrfach gewünscht wurde, war ein Neusprechfunk, der nicht wieder monothematisch ist: Kein Problem, haben wir so gemacht.

Ohne schon vorher alles zu verraten, haben wir dem Zeitgeist folgend erschlichene Doktorentitel gestreift, allerdings nur, um intensiv ein mögliches überspezifisches Dementi zu diskutieren, das den CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer betrifft:

scheuer

Wo wir beim Zeitgeist sind: Wir konnten natürlich nicht umhin, über den anhaltenden Skandal um NSA und BND, mitsamt der Metadaten, Umgebungswanzen und Ortungswanzen zu sprechen. Das haben wir zwar schon mehrfach angesprochen, aber im Sinne des Innehaltens erschien uns das dennoch angemessen.

Es hat übrigens wieder ein Weilchen gedauert, den Podcast zu schneiden, unterdessen haben sich für eines unserer Themen im Neusprechfunk 5 (mp3) Neuigkeiten ergeben. Wir sprachen nämlich über Klaus-Dieter Frankenberger von der FAZ. Über ihn und andere Transatlantiker in deutschen Medien hatte die Satire-Sendung Die Anstalt berichtet, was offenbar von den Betroffenen als systemgefährdend angesehen wurde und zu Unterlassungserklärungen führte. (Wirklich sehenswerte Sendung.)

faz

Aber das nur am Rande. Im FAZ-Kommentar von Frankenberger (FAZ vom 18. Januar 2014, Seite 1), den wir besprochen haben, geht es um real existierende Terroristen, die uns natürlich eine nähere Betrachtung wert waren.

hannelore

Wie immer hat uns außerdem die Kümmererpartei SPD beschäftigt, diesmal neben der Enthartzung sowie Hannelore Kraft auch ein emotionales Video einer Steinmeier-Rede auf dem Alexanderplatz in Berlin, wo die Krakeeler los waren.

Apropos Emotionen: Was wir getrunken haben, legen wir hiermit offen.

muskateller

Wir sprachen außerdem – neben Methusalem und seinen Meilern – über:

    • Rosa Luxemburg, die Freiheit der Andersdenkenden und die Proteste und Transparente Oppositioneller bei der SED-Kundgebung am 17. Januar 1988,
    • die Staatsräson,
    • „Bullshit made in Germany“ mit Zwischenentschlüsselung, was eine undiplomatische Umschreibung für De-Mail ist,
    • außerdem erwähnten wir kurz den Staatsbürgerkunde-Podcast, den wir zum Thema DDR-Sprech zwischendurch mit Martin Fischer aufgezeichnet hatten.
    • Die Schadsoftware Flame wollen wir auch nicht verschweigen.

Neusprechfunk 5 als mp3.

Alternativ: ogg-Version von Neusprechfunk 5.

Wir bedanken uns bei Frank und Fefe für das wiederholte freundliche Ausleihen des Audio-Equipments! :}

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