Obergrenze

Foto: Jessika Scheel CC-BY-ND https://www.flickr.com/photos/96193264@N02/10456889833/

Foto: Jessika Scheel CC-BY-ND https://www.flickr.com/photos/96193264@N02/10456889833/

Wenn etwas eingeschränkt werden soll, müssen Grenzen definiert werden – eine nach unten, die die Mindestmenge festlegt, die zugelassen ist, und eine O., die die gewünschte Höchstmenge beschreibt. Es gibt keine Mindestzahl von Zuwanderern, die sich Deutschland wünscht, also keine Untergrenze. Trotzdem spricht insbesondere die CSU ständig von einer O. Das Kompositionselement Ober- ist jedoch überflüssig (pleonastisch), weil eine Untergrenze gar nicht zur Debatte steht. Allerdings klingt O. weniger schlimm als einfach nur Grenze oder Begrenzung. Es klingt, als wäre eine gewisse Menge an Flüchtlingen völlig in Ordnung, als gäbe es ausgefeilte Pläne und Überlegungen, wie viele von ihnen für Deutschland gut, ja optimal wären.

Das ist natürlich Unsinn. Es lässt sich gar nicht planen, wie vielen Menschen die Flucht bis nach Deutschland gelingt. Und Hilfesuchende können aufgrund des Asylgrundsatzes im Grundgesetz auch nur schwer abgewiesen werden. Ganz abgesehen davon, dass sich das schon aus ethischen Erwägungen verbietet. Die CSU greift deshalb zu einem Trick: Sie spricht von O., und alle Stammtische verstehen darunter, dass die Zahl der Flüchtlinge begrenzt wird. Die CSU meint aber die O. von Zuwanderung, und das ist natürlich etwas ganz anderes als die Aufnahme von Geflüchteten. In Deutschland ist Zuwanderung sehr schwierig, weil Deutschland kein Einwanderungsgesetz hat. Zuwanderung ist nur in Ausnahmen überhaupt möglich, am ehesten funktioniert sie noch, wenn man einen Deutschen oder eine Deutsche heiratet. Um so leichter kann die CSU von einer O. für Zuwanderer schwadronieren und dabei hoffen, dass viele darunter etwas anderes verstehen. So lässt sich eben auch erklären, warum die Forderung nach eine O. für manche nicht im Konflikt zum Grundgesetz steht.

Abgelegt in: Politik, allgemein

Technikoffensive

Die T. wird trotz oder vielleicht auch wegen ihres martialischen Ursprungs hierzulande positiv verstanden. Autohersteller verkünden sie gerne mal, oder auch Supermarktketten, wenn sie Computer ins Angebot nehmen. Wir mögen hierzulande Technik und wir mögen Neuerungen und dass die Offensive eigentlich einen militärischen Angriff und angriffslustig meint, findet offenbar niemand schlimm. Schon gar nicht der Bundesinnenminister. Der wünscht sich eine T.: Am 21. August sagte Thomas de Maizière in der Bild am Sonntag (nur gegen Bezahlung online verfügbar) auf die Frage, welche Dinge die Behörden bräuchten, um Terroristen zu bekämpfen:

„Wir brauchen eine Technikoffensive für die Sicherheitsbehörden. Und einige Gesetzesänderungen.“

Ignorieren wir mal, dass es in den vergangenen Jahren zum Thema Terrorismus sehr, sehr viele Gesetzesänderungen gab, die allesamt Gesetzesverschärfungen waren, und bleiben wir bei der T. Auf die Nachfrage, was er denn damit meine, sagte der Innenminister:

„Es gibt für Privatpersonen die Möglichkeit, jemanden zu fotografieren und mit einer Gesichtserkennungssoftware im Internet herauszufinden, ob es sich um einen Prominenten oder einen Politiker handelt, den man gerade gesehen hat. Ich möchte eine solche Gesichtserkennungssoftware an den Videokameras an Flughäfen und Bahnhöfen einsetzen. Wenn dann ein Verdächtiger auftaucht und erkannt wird, zeigt das System das an.“

DoD photo by Staff Sgt. Bennie J. Davis III, U.S. Air Force

DoD photo by Staff Sgt. Bennie J. Davis III, U.S. Air Force

Die T. ist also eine Umschreibung für Gesichtserkennungstechnik an Flughäfen und Bahnhöfen, somit ein Euphemismus. Und die ganze Forderung ist übrigens Populismus. Das können doch sowieso schon alle, sagt der Innenminister als Begründung, dann sollen es doch auch Polizei und Geheimdienste können dürfen. Und ignoriert dabei, dass es derzeit durchaus noch erlaubt ist, Facebook und Google nicht zu nutzen oder dort sein Gesicht zu verbergen. Doch wer am Flughafen oder im Straßenverkehr seinen Schleier nicht lüftet, bekommt schnell Probleme.

Abgelegt in: Politik, allgemein

Video-Technik

Foto: Kai Biermann CC BY-SA

Eine zentrale Forderung der Berliner CDU ist die nach „mehr V.“. Das klingt natürlich gut. Mehr Technik ist immer famos, denn jeder denkt dabei an Fortschritt. Doch gerade in diesem Kompositionselement liegt die Verharmlosung. Denn was die CDU eigentlich meint, ist mehr Videoüberwachung. Sie vermeidet jedoch das negativ besetzte Wort Überwachung, indem sie stattdessen von Technik spricht. Es handelt sich also eindeutig, um einen Euphemismus, eine Beschönigung. Die jedoch nichts daran ändert, dass der öffentliche Raum und damit Unschuldige überwacht werden sollen. Siehe auch Videoschutz.

Abgelegt in: Innere Sicherheit

Datenreichtum

Das Konzept der Datensparsamkeit wird schon lange von Datenschützern propagiert, denn Daten, die gar nicht erst anfallen, sind natürlich am besten geschützt. So war es dann auch nur eine Frage der Zeit, dass aus Datensparsamkeit das Gegenteil abgeleitet wurde, das Antonym, wie es in der Linguistik genannt wird, nämlich der D. Geburtshilfe leistete wahrscheinlich Big Data, für das eine deutsche Übersetzung zuvor fehlte. Das deutsche Pendant klingt zudem sehr positiv, denn wer ist nicht gern reich? Und Daten gelten inzwischen ja auch als Rohstoff für die Digitalwirtschaft. Dass es sich dabei um eine wirtschaftliche Tätigkeit auf Kosten der Privatsphäre handelt, wird gern ausgeblendet. Vor solchen zweifelhaften Geschäftsmodellen ist vielleicht besser gewarnt, wenn von Datenverfettung gesprochen würde.

Auf den Big Brother Awards 2016 als Neusprech des Jahres ausgezeichnet.

Abgelegt in: Internet

Sicherheitslücke

Eine Lücke ist winzig und, wenn auch vielleicht nicht unscheinbar, so doch unbedeutend. Mit einer Zahnlücke lässt sich noch problemlos kauen, mit einer Lücke im Gedächtnis gut leben. Nichts davon ist bedrohlich. Die S. hingegen verharmlost das Problem, das sie beschreibt, sie redet es klein. So wie ein Riss im Staudamm eben nicht vernachlässigt werden kann, so schmal er auch sein mag, da er schnell zum Brechen des gesamten Dammes führt. Denn die S. bedeutet, dass Sicherheitsmaßnahmen überwunden wurden und nicht mehr wirken. Das gesamte System ist damit nicht mehr sicher, es ist unsicher. Was natürlich Angst macht. Die S. hingegen klingt gleich viel freundlicher – wie ein Problem, das schnell beseitigt werden kann, so als wäre nie etwas passiert. Dabei sind im Zweifel dank der S. inzwischen Millionen privater Daten kopiert oder Millionen Euro entwendet worden. Vgl. auch  Sicherheitszone.

Vielen Dank an Kai A. für den Vorschlag.

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Säuberung

Auch Säuberungsaktion oder Säuberungswelle. Politischer Zynismus; Euphemismus. Es geht nicht darum, irgendetwas zu reinigen. Beziehungsweise bezieht sich die Reinigung hier auf das Entfernen missliebiger Menschen aus Ämtern oder aus dem Leben. Die S. umschreibt das Entlassen, Verhaften, Foltern, ja im Zweifel Töten von Menschen, die den jeweiligen Machthabern unbequem sind oder gefährlich erscheinen. Der Ausdruck legt nahe, dass die Sache der Herrscher sauber, die Forderungen ihrer etwaigen Kritiker jedoch schmutzig ist und diese deshalb beseitigt werden müssen. Die positiv besetzte Reinigung wird missbraucht, um die Verletzung von Menschenrechten wie der Meinungsfreiheit zu kaschieren. Gleichzeitig wird suggeriert, es gäbe so etwas wie eine reine, eine bessere Gesellschaft, wenn man nur all jene entferne, die nicht dem gerade geltenden Reinheitsideal entsprechen. Das Ideal ist dabei beliebig. Ziel der S. kann es sein, Menschen mit der falschen Hautfarbe, der falsche Religion oder dem falschen Bildungsgrad auszugrenzen. Aber es könnte genauso alle Rothaarigen treffen. Oder alle Brillenträger. Die Absurdität des Begriffes S. demonstrierte der Regisseur Luc Besson in seinem Film „Nikita“. Dort stellt sich Jean Reno vor mit den Worten: „Victor. Reinigungsmann.“ Er hält dabei in jeder Hand den Fuß eines Toten. Deren Leichen schleift er anschließend ins Bad und löst sie in der Wanne in Säure auf. Steigerungsform  Säuberung, ethnische. Unwort des Jahres 1992.

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Neusprechfunk 9 mit Frank und Lucy

In der Annahme Ihrer Zustimmung, verehrte Hörer, wird hierdurch mitgeteilt, dass ein Neusprechfunk vorliegt. Die Mitwirkenden und Verantwortlichen der tontechnischen Aufnahme sowie der hier dargelegten schriftlichen Mitteilung bitten um Ihre Billigung. Eine wohlwollende Wahrnehmung – auch in Gruppen – darf gern erfolgen. Sofern die Darlegungen Ihre Aufmerksamkeit gefunden haben, erbitten wir die Weiterleitung mittels hiesiger elektronischer Kanäle an weitere Interessierte. Falls seitens der Hörer bei uns Kommentare zustellig werden, in welchen Mitteilungen zum Inhalt der tontechnischen Aufnahme erfolgen, fände das unsere Zustimmung.

Geübte Hörer werden es ahnen: Wir reden diesmal über die Sprache der Juristen.

Zu Gast im Neusprechfunk ist Frank Stiegler, von Beruf Rechtsanwalt mit einer Kanzlei für IT-Recht in Frankfurt. Er hat selbst übrigens auch einen Podcast, dessen dritte Folge gerade erschienen ist. Man kann sagen, dass es wieder eine Art Cross-over ist, zumal wir uns im Laufe des Gesprächs ganz dreist zu Franks Podcast eingeladen haben. Wir bitten daher die Leser, falls die Idee goutiert wird, ihn gegebenenfalls daran zu erinnern. :}

Wir reden mit Frank über Verschachtelungen, das Verstecken von Inhalten durch verwirrenden Satzbau und klobige, aber typischerweise von Juristen genutzte Wendungen. Ein Beispiel wäre Beendigung statt einfach Ende.

Ein längeres Beispiel, das wir heranziehen, ist der § 28 des Bundesdatenschutzgesetzes, hier in der Übersicht:

paragraph 28 bdsg

Frank diagnostiziert die Juristensprache insgesamt als klobig, gestelzt und hölzern, was wir nicht in Abrede stellen können.

Wenn wir schon mal einen Juristen am Mikro haben, konnten wir nicht umhin, am Rande auch über das Zugangserschwerungsgesetz und den Gesetzentwurf der Bundesregierung (pdf) zur Störerhaftung zu sprechen. Darin findet sich übrigens mehrfach ein Wort, das uns später noch für nähere Betrachtungen beschäftigen wird.

stoererhaftung beispiel

Erfolgen ist ein unpersönliches Verb, das im Wiktionary als Amtsdeutsch klassifiziert wird. Nicht nur Juristensprache und Amtsdeutsch scheinen in Zusammenhang zu stehen, auch bei vertraglichen Handlungen ist die Verwendung typisch:

zahlung erfolgt

Wer sich übrigens über die Zwischenrufe im Podcast wundert: Das ist nur Lucy, die ab und an Laut gibt. Sie wollte nicht abgebildet werden, wir konnten sie aber zu einem rückwärtigen Foto überreden:

lucys kopf

Frank beschreibt im Neusprechfunk 9 (mp3) auch den von ihm so getauften Diesigen Stil. Gemeint sind Relativsätze mit dies im Unterschied dazu, dass der Bezug normalerweise mit der Verwendung von das hergestellt wird.

Zur Auflockerung stellen wir den Juristenphrasen einen gänzlich anderen Einsatz von Sprache gegenüber. Maha inspiziert zunächst das Objekt, ein magisches Einhorn-Fan-Paket:

maha inspiziert die einhoerner

kondome einhorn

Wir versichern übrigens, keine Werbeabsprachen mit den Einhörner zu haben.

Wir reden diesmal nicht über die Wortewarte, versprechen aber, die Tradition in Zukunft wieder aufzugreifen. Dafür sprachen wir aber über:

Hier ist der Neusprechfunk 9 als mp3. Alternativ gibt es auch wieder eine ogg-Version des Neusprechfunk 9.

In Wahrheit wissen wir natürlich nicht, wie Lucy aussieht, aber die Bildlizenz des Fotos kennen wir: CC BY-NC 2.0, von massimo ankor

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Wartesituation

Im Dezember 2015 verkündete der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, er werde die W. für Flüchtlinge am Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) verbessern. Inzwischen wurden mehr Mitarbeiter eingestellt, um auch die Wartezeit zu verkürzen. Damals aber meinte Müller lediglich die Umstände des Wartens. Also Zelte gegen die Kälte, damit die vielen Wartenden nicht nur im Freien stehen. Das Wort W. machte mitten im Winter jedenfalls keine Hoffnung darauf, dass weniger gewartet werden musste. Michael Müller ist allerdings nicht der Erfinder des Wortes. Er hat es vom in Berlin mitregierenden und Hauptverantwortlichen, dem politischen Gegner, der CDU übernommen. Denn bereits im Oktober 2015 schrieb der Spandauer CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegener über eine Verbesserung der W. beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Er verwendete sogar das Adjektiv komfortabler. Angesichts der kalten Temperaturen war das geradezu zynisch.

Abgelegt in: Soziales

Verfügbarkeitsmanagement, dynamisches

Das dynamische V. klingt nach viel Tempo und nach schlauen Leuten, die sich schlaue Gedanken darüber machen, wie irgendeine Ressource am besten eingesetzt werden kann. Im Prinzip ist das nicht falsch, nur mit der Verfügbarkeit hapert es. Denn die Manager – englisch für ‚Leiter‘ (etymologisch eher Haushalter) – in diesem Konstrukt müssen so viel und schnell nachdenken, weil es kaum etwas zu managen gibt. Der von der Bundeswehr erfundene Ausdruck verschleiert die Verwaltung eines Mangels. Bei der Bundeswehrreform 2011 wurde festgelegt, dass einzelne Einheiten nur noch 70 Prozent des Materials bekommen, das sie brauchen. Die Armee hat nicht genug Panzer/Schützenpanzer/Unterhosen, daher müssen die paar, die es gibt, von einer Einheit zur nächsten geschoben werden. Kompanie A muss ins Manöver? Dann bekommt sie die Panzer, mit denen bisher Kompanie B übte, Kompanie C marschiert derweil zu Fuß oder macht ganz Pause. Das Verteidigungsministerium hat 2015 versprochen, das zu ändern und das V. abzuschaffen. Allerdings ist nur ein Bruchteil des neuen Geräts, das dafür gebraucht wird, auch schon bestellt worden.

Eurofighter | BY-NC 2.0 by BRApps

Eurofighter | BY-NC 2.0 by BRApps

Das V. ist übrigens nicht die einzige Mangelumschreibung der Bundeswehr. Es gibt auch noch den gesteuerten Ausbau: Der beschreibt die Praxis, aus einem Kampfflugzeug Eurofighter beim Geschwader X Teile auszubauen, damit die Piloten beim Geschwaders Y ihre Eurofighter, bei denen diese Teile fehlen, mal wieder in die Luft bringen können. Die Eurofighter sind so teuer geworden, dass bei den Ersatzteilen gespart werden sollte. Es wurden einfach weniger bestellt. Nun werden die, die fehlen, hin und her gekarrt. Im Gegensatz zum gesteuerten Ausbau wurde das V. nicht als Notlösung, sondern als Lösung verstanden. Neusprech ist beides. Oder militärisch ausgedrückt: Sprachtarnung.

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Dateninseln

Die D.-n sind eine Erfindung derjenigen, die mehr Überwachung der Bürger fordern, sie sind eine Neuschöpfung mit politischem Hintergedanken. Am 15. April 2016 sagte der Bundesinnenminister als Begründung dafür, dass die Große Koalition neue Überwachungsbefugnisse für Geheimdienste und Polizei schaffen will:

„Der internationale Terrorismus kennt keine Grenzen. Wir müssen ihm daher geschlossen und in guter bilateraler und internationaler Zusammenarbeit konsequent entgegen treten. Wir sind uns einig: Dateninseln können wir uns nicht leisten!“

Inseln sind für manche Menschen Sehnsuchtsorte – weil sie so abgelegen und einsam sind. Aus der Sicht derjenigen, die Kommunikation und Austausch wünschen, sind sie hingegen Gefängnisse. Genau dieses Bild will der Innenminister in den Köpfen entstehen lassen: versprengte Orte, an denen die doch so nützlichen Daten der Menschen eingesperrt sind und nicht dabei helfen können, das Leben aller sicherer zu machen. Informationen zum Nutzen der Allgemeinheit zu befreien, war bislang eher eine Forderung der Open-Data-Bewegung. Der Innenminister deutet diese Idee hier um und missbraucht sie, um mehr Überwachung zu rechtfertigen.

Die Formulierung stammt dabei wohl vom Bundeskriminalamt, das von der Anti-Terror-Paket genannten Überwachungsausdehnung profitiert. Der Präsident des BKA griff das Stichwort des Innenministers dankbar auf und wiederholte die Wortneuschöpfung wenige Tage später:

„Dateninseln darf es nicht mehr geben.“

Verfügbare Informationen müssten „zu jeder Zeit allen Sicherheitsbehörden vollständig zur Verfügung stehen“. Natürlich nur „unter Beachtung der [neuen?] rechtlichen Voraussetzungen“

Imamon CC BY-SA 2.0

Imamon CC BY-SA 2.0

Damit machte er deutlich, worum es geht: Verfügbare Informationen – also alle, die sich irgendwo finden lassen –, sind gefälligst den Behörden auszuhändigen. Datenzurückhaltung, von Verteidigern des Konzeptes auch Datenschutz und Privatsphäre genannt, ist ein Vergehen. Denn: all your data are belong to us!

Neusprechfunk

Es wächst wieder zusammen: Neusprechfunk 8 als Crossover

In leicht abgewandelter Runde haben wir uns zu einem weiteren Crossover aus Staatsbürgerkunde und Neusprechfunk zusammengefunden. Der fabulöse Martin Fischer, der gerade für einen Grimme-Online-Award nominiert wurde, ist also unser Gast.

Es gibt viel zu besprechen, sowohl Aktuelles als auch Vergangenes: Wir reden über die vorletzte Ausgabe der Zeitschrift „Gerbergasse 18“:

gerbergasse

Denn es gibt darin einen Artikel zur Sprache der Stasi, der sich mit der sprachlichen Verschleierung, Schmähwörtern und der gezielten Benutzung bestimmter Wörter und Phrasen durch den ostdeutschen Geheimdienst auseinandersetzt:

bilde schreiber stasi-sprache

Der Ausschnitt ist aus dem Heft 77 „Sprache in der Diktatur“ ebenjener Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik Gerbergasse 18, wo anhand einiger Textbeispiele der Sprachstil der Stasi analysiert wird.

Wir haben außerdem typische Losungen des Arbeiter- und Bauernstaats besprochen, was zu einiger Heiterkeit führte. Diese Losungen waren Appelle an die Bevölkerung, oft in Befehlsform, entsprechend das Ausrufezeichen zumeist nicht optional. Wir wollen nicht alle Parolen vorwegnehmen, aber ein Beispiel wäre: Es lebe der feste und unzerstörbare Bruderbund zwischen der DDR und der Sowjetunion! Oder:

arbeite mit

Wer sich obiges Beispiel betrachtet, entdeckt vielleicht links oben eine Frau mit gewisser Ähnlichkeit zu einer ausgesprochen prominenten heutigen Politikerin, deren Losung „Wir schaffen das!“ Thema unzähliger Diskussionen war. Das Motiv findet sich bei der „Gerbergasse 18“ wieder:

rueckseite gerbergasse

Die Losung „Alles zum Wohle des Volkes – das schaffen wir!“ (Rückseite der „Gerbergasse 18“, Ausgabe 4/2015, Heft 77) konnten wir natürlich nicht unkommentiert lassen. Wer sich nicht sicher ist: Ob die abgebildete Person tatsächlich die junge Angela Merkel ist, lösen wir im Podcast auf.

Ein weiteres Thema des Neusprechfunk 8 (mp3) ist das Buch „Die Sprache der Stasi. Ein Beitrag zur Sprachkritik“:

sprache der stasi

Das Buch ist leider vergriffen, es gibt aber eine lesenswerte Rezension.

Vom Geheimdienst zur Einheitspartei ist der Weg nicht weit, die Verzahnung von SED und Stasi war und ist ja kein Geheimnis. Deswegen reden wir im Podcast auch über Politik und Medien in der DDR und darüber, wie die SED in der Endphase vor dem Mauerfall versuchte, die Werktätigen von ihrer Dialogwilligkeit zu überzeugen. Wer die von uns im Gespräch vorgetragene Definition aus der Berliner Zeitung nochmal durchlesen möchte, sei auf das folgende Foto verwiesen. Unter dem Titel „Wo wir Mängel selbst aufdecken, kann sich kein Gegner einnisten“ werden die lebensverbundenen Medien so beschrieben:

lebensverbundene medien

Der Artikel um eine Diskussion mit DDR-Politbüro-Funktionär Günter Schabowski schaffte es sogar auf die Titelseite der Berliner Zeitung (vom 17. Oktober 1989, Einzelpreis: fünfzehn DDR-Pfennig).

berliner zeitung 1989

Wir sprechen bei der Gelegenheit auch über den innerparteilich als Reformer geltenden Schabowski am Beispiel seiner Rede auf der Großdemo am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz, die vom Fernsehen der DDR live übertragen wurde. Die große Mehrheit der Teilnehmer der Demo sahen ihn eher als Apparatschik und buhten ihn nach Kräften und anhaltend aus.

Wir reden außerdem über:

Den Neusprechfunk 8 gibt es als mp3, alternativ bieten wir auch die ogg-Version von Neusprechfunk 8 an. :}

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