Willkommenszentrum

Wortschöpfung von Innenminister Thomas de Maizère, der damit einen Vorschlag aufgriff, den Otto Schily in dieser Funktion bereits 2004 gemacht hatte. Gemeint ist ein vorgeschobenes Auffanglager, um Menschen, die nach Europa wollen, bereits auf afrikanischem Boden sammeln und sortieren zu können. Die Argumentation lautet, dass deren lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer verhindert werden könne, wenn bereits auf afrikanischem Territorium über Asylanträge entschieden würde. Suggeriert, dass diese Menschen in Europa willkommen geheißen, also freundlich und mit offenen Armen empfangen werden sollen. Es geht jedoch im Gegenteil darum, ihre Einreise zu verhindern und sie zu stoppen, noch bevor sie Europa erreichen. Das Problem soll, auch um Kosten zu sparen, in die Herkunftsländer verlagert werden und ist also eine andere Form der Pushback-Doktrin, die mit diesem Ausdruck kaschiert werden soll. Das Willkommen im Begriff W. erinnert daher leider mehr an William Shakespeares Drama „Macbeth“, in dem Lady Macbeth sagt:

„Laß deine Mienen aussehn, wie die Zeit es heischet, trage freundlichen Willkommen auf deinen Lippen, deiner Hand! Sieh aus, wie die unschuld’ge Blume, aber sei die Schlange unter ihr!“

Abgelegt in: Außenpolitik

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

10 Reaktionen zu "Willkommenszentrum"

  1. Artemis sagt:

    Da wurde wohl Macbeth versehentlich Schiller statt, korrekterweise, Shakespeare zugeordnet…

  2. Kai Biermann sagt:

    Argh. Korrigiert, danke!

  3. Sven sagt:

    Ganz abgesehen davon, dass das ein ganz furchtbarer Euphemismus ist – wohin ist denn in letzter Zeit eigentlich das Fugen-s verschwunden? Vor de Maizière nach Afrika geflüchtet?

  4. Kai Biermann sagt:

    Da ist es wieder.

  5. Martin Däniken sagt:

    Also der erste Gedanke ,der mir in den Sinn kam,war „Escape from N.Y.“ -a.k.a. „Die Klapperschlange“!
    Ist zwar kein Shakespeare,aber das Prinzip wrd deutlich.
    Der Glaube durch das Einschliessen von problematischen Menschen würde irgendein Problem verschwinden lassen..
    „Human-Kontigentierung“ wäre so ein z.B. Neusprech-Ausdruck mit dem „Massnahmen“ bezeichnen könnte-
    gruselig!

  6. Jan sagt:

    Man könnte ja auch den Begriff Selektionsrampe verwenden, das wäre doch passend.

  7. Kai Biermann sagt:

    Verzeihung, aber mit Nazivergleichen bin ich meistens sehr unglücklich, so auch in diesem Fall. Hier geht es nicht darum, Menschen umzubringen. Daher finde ich den Ausdruck „Selektionsrampe“ in diesem Zusammenhang unpassend bis schlimm.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

  8. Martin Däniken sagt:

    Letzhin war auf Arte ein Bericht über das Englisch von Nicht-Englisch-Muttersprachler bei der EU…Z.B Planification oder „sickness insurance“ mit dem Orginal-Engländer nix anfangen können..
    Es gibt also newsprech;-) in Spezialenglisch das Menschen aus G.Orwell Heimat nicht verstehen können!
    Was das mit „willkommenszentren“ zutun hat…
    Bestimmt haben EU-Bürokraten schon fertige Sprachregelungen parat,damit sich alles nicht dramatisch anhört.

  9. Mein Nameist-Hase sagt:

    Dem lieben Herrn de Maizere würde ich gerne ein Wollkommenszemtrum vor meiner Haustüre einrichten. Außerdem Finde ich, dass Politiker, die inflationär (also fast alle) mit Euphemismen, die gar grausige Tatsachen verschleiern wollen, auch mit einem Willkomenszentrum vor jedem Auslandstermin und auf dem Rückweg beschenkt werden sollten. Man könnte ihnen auch verschiedene andere gute Ideen ihrerseits angedeien lassen. Wie wäre es mit einem Probedurchlauf im Körperscanner.