Tötung, gezielte

Eigentlich staatlich sanktionierter Mord, daher Umbringen eines Menschen ohne gesetzliche Rechtfertigung und insofern ein Euphemismus. Schon die Wortwahl zeigt, wie klar sich die Beteiligten darüber sind, dass ihr Verhalten irgendwie nicht in Ordnung ist: gezielt soll nahe legen, dass der oder die Täter a) schon ganz bestimmt den Richtigen treffen werden, und dass er oder sie b) wissen, was sie tun. Tötung dann ist der Versuch, das Ganze so sachlich wie nur irgend möglich darzustellen und gleichzeitig Rechtsstaatlichkeit zu simulieren. Denn die gezielte T. ist eine Analogiebildung. Gibt es doch nur einen anderen Zusammenhang, in dem das ungewöhnliche Substantiv verwendet wird, im Strafgesetzbuch, bei der fahrlässigen Tötung. In jedem anderen Kontext spricht man nicht von Tötung, sondern von Töten.

Spätestens die Ausflucht der Töter (?) offenbart, wie absurd das Vorgehen ist. Wirkt es doch hilflos bis lächerlich, wenn mächtige Staaten wie Israel und die USA argumentieren, es sei ein Akt der Selbstverteidigung, Menschen zu erschießen, statt sie vor ein Gericht zu stellen – Notwehr also. Dabei ist Notwehr nur dann eine, wenn auf einen aktuellen Angriff reagiert wird und zwar adäquat – daher nur mit der Gewalt, die notwendig ist, um ihn zu stoppen. Wer mehr tut, macht sich strafbar. Wer zuschlägt, obwohl es gerade gar keinen Angriff gibt – egal, was in der Vergangenheit geschah –, wird selbst zum Angreifer. Auch die Gerechtigkeit, von der dann gern die Rede ist, macht es nicht besser. Denn mit dem Recht – dem über Jahrhunderte ausgehandelten Kodex des Zusammenlebens – hat sie nichts zu tun. Siehe auch: Rettungsschuss, finaler und Feindstrafrecht.

Halten wir es daher lieber mit dem Satiriker Wiglaf Droste: „Selbst wer schlicht ist, muss erkennen / Mörder soll man Mörder nennen.“

Abgelegt in: Innere Sicherheit, Militär

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Reaktionen

23 Reaktionen zu "Tötung, gezielte"

  1. André sagt:

    @Ralf:
    Die beiderseitige Kriegserklärung ist eine für mich gänzlich neue Information. Bisher dachte ich, dass
    1) Kriege nur von Nationen/Heeren o.ä. Strukturen erklärt werden können und Al Quaida mit seiner äußerst dezentralen und losen Struktur da nur sehr schlecht einzuordnen ist
    2) zwar die USA dem „Terror“ im Allgemeinen (oder – je nachdem wem man glaubt – Al Quaida im Speziellen) den Krieg erklärt hat, während der Gegner eher stumm geblieben ist (und die paar Idioten, die schon seit jeher vom „Krieg gegen die Christen/den Westen/wasauchimmer“ predigen, zählen für mich nicht zu Al Quaida, sondern einfach nur als typische, statistische Idioten – die gabs schon immer und wirds auch immer geben)
    3) seit der einseitigen Kriegserklärung gegen einen nicht näher definierten Feind diverse freie Staaten durch die USA überfallen wurden.

    Ich denke nicht, dass sich mit „Krieg“ hier irgendwas lösen lässt (wenn sich überhaupt irgendwas mit Krieg „lösen“ lässt). Schon gar nicht mit „Krieg gegen den Terrorismus“ (muss da immer an den Streisand-Effekt denken: Krieg gegen eine Idee führen … *kopfschüttel*). Wenn das Ziel meiner Gegner ist, meinen Staat, mein Rechtssystem, meine Werte usw. zu zermürben, muss doch mein Ziel sein, zu zeigen, dass gerade diese Mechanismen mindestens so stabil sind, dass wenigstens die Terroristen ihnen nichts anhaben können. (dass die Terroristen militärisch hoffnungslos unterlegen sind, dürfte auch ohne Militärparade in Afghanistan jedem klar sein) Statt meinen Gegnern noch die „Ehre“ zu geben, als Kriegsgegner behandelt zu werden und womöglich noch einen Märtyrer- / Helden-Tod zu sterben, sollte man „Terroristen“ einfach als Mörder oder sonstige Schwerverbrecher behandeln und sie der normalen, stabilen Staatsgewalt zuführen. Und ganz besonders diejenigen, die man als „Oberhaupt“ der Gegner ausgemacht hat. Alles andere ist in meinen Augen schädlich für jeden Staat, der sich Rechtsstaat nennen will. Und „es gab keine Alternative“ ist die billigste Ausrede aller Zeiten (das galt jetzt mehr den Vorpostern).

    PS: Unschuldig Getötete sind auch in Kriegszeiten immer wieder ein großes Problem – und zwar nicht nur in den Medien, sondern auch vor den Gerichten …

  2. Ralf sagt:

    @Andre:
    George W. Bush sprach nach dem 11. September 2001 ganz offen davon das Amerika angegriffen wurde. Schnell wurde auch bekannt gegeben man befände sich jetzt im Krieg gegen den Terrorismus.
    Bin Laden rief zum Heiligen Krieg gegen die USA auf. Das tat er schon vor bzw. mit den Anschlägen vom 11. September. Dabei darf man nicht vergessen das die Al Qaida keine Gurkentruppe ist die mit Steinen wirft und ein paar Flugzeuge entführt. Die Al Qaida ist eine (teilweise) unter anderem von der CIA ausgebildete Partisanenarmee.
    Es dürfte auch längst nicht mehr zeitgemäß sein von Rot-Land gegen Blau-Land zu sprechen. Nach dem Zerfall von etlichen Staaten, z.B. im ehemaligen Ostblock, ist es schwer zu sagen wer gegen wen kämpft.
    Deiner Definition nach hätte es auf dem Balkan z.B. nie einen Krieg gegeben. Denn dort haben Serben gegen Bosnier gekämpft. Ursprünglich zwei Ethnien die jeweils einen eigenen Staat gründne wollten.

    Aber davon mal abgesehen ist der entscheidende Punkt ob ein Staat erklärt sie würden in den Krieg ziehen oder sie würden ein Problem mit polizeilichen Mitteln lösen.
    Als in den 80er Jahren die Amerikaner den Drogenbaronen aus Südamerika den Krieg erklärten, taten sie das nicht ohne Grund. Erst durch diese Kriegserklärung sahen die Amerikaner den Einsatz von Militär auf südamerikanischen Hoheitsgebiet als legitimiert an.
    Gleiches gilt für den Kampf gegen den Terrorismus. Erst durch die Kriegserklärung kann man Einsätze auch im Ausland legitimieren. Deutschland hat dem Terrorismus auch den Kampf angesagt. Der Unterschied hier ist allerdings, dass man den Terrorismus vornehmlich auf seinen eigenen Staatsgebiet bekämpft, wodurch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan natürlich nur schwer zu begründen und legitimieren ist.

    Aber die Kriegserklärung beinhaltet noch mehr. Bei einer Polizeiaktion geht es darum die Täter festzunehmen und zu bestrafen. Im Krieg geht es darum den Feind zu töten. Genau so haben es die Amerikaner immer wieder betont. Sie hatten nie Interesse daran Gefangene zu machen, sie wollten die Terroristen tot sehen. Bei einer (internationalen) Polizeiaktion wäre das eine sehr fragwürdige Zielsetzung gewesen.
    Spätestens seit der Rede von Georg W. Bush vor dem Kongress in der er sagte „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ hätte klar sein müssen das die Amerikaner keine Hemmungen mehr haben.

    Offenbar sind das alles Dinge die vielen bisher nicht bewusst waren. Wenn die Amerikaner vom „Krieg gegen den Terrorismus“ reden, dann meinen die nicht „Wir fangen die Terroristen und sperren die ein„. Vor diesen Hintergründen darüber zu lamentieren ob die Tötung Osama Bin Ladens rechtmäßig oder vermeidbar war, dürfte obsolet sein.

    Ob Kriege irgend etwas lösen oder nicht ist ja nicht die Frage. Die Frage ist eher, ob man es moralisch rechtfertigen kann für ein „höheres Ziel“ Menschenleben zu opfern. In einer Kriegssituation ist dies deutlich einfacher für die Politiker. Auslandseinsätze sind quasi legitimiert. Opfer, auch unschuldige, nimmt man billigend in Kauf. Finanzielle Mittel sind durch die Rüstungsetats quasi bereits vorhanden. Und zur Not kann man auch noch andere Nationen mit hinein ziehen indem man ihnen vorwirft nur den Nutzen zu ziehen, sie jedoch nicht bereit sind entsprechende Opfer zu bringen.

  3. Ralf sagt:

    Herr Biermann,

    weder Idealist noch Pazifist sind für mich Schimpfwörter. Aber ich werfe ihnen und denen die nun über den Tod Bin Ladens bzw. der Vorgehensweise der Amerikaner erschrocken sind, eine gehörige Portion Naivität vor. Es ist diese Naivität mit der man im Nachhinein bedauert was im Vorfeld schon abzusehen war.

    Ich wehre mich jedoch immer wieder dagegen alle Soldaten generell als Mörder zu bezeichnen. Potentielle Totschläger würde ich eher gelten lassen. Denn nicht wenige Soldaten treten ihren Dienst an um zu helfen. Ob man sie mit falschen Versprechungen gelockt hat oder ob sie nur falsche Vorstellungen haben, sei mal dahin gestellt. Vielleicht hat man sie auch mit falschen Ideologien dazu gebracht zu töten. Aber als Mörder wird kein Mensch geboren.

    Wiglaf Drotse hätte ich gefragt ob auch der Soldat, der in Notwehr tötet, ebenfalls ein Mörder ist. Denn ich zweifel bei jeden Menschen daran das er sein Leben freiwillig gibt sofern er die Chance und die Möglichkeit hat es zu verteidigen.

  4. kRemit sagt:

    @ Ralf:
    „Ein Mord ist eine Tötung aus niederen Beweggründen (z.B. Habgier, Mordlust, usw.).“

    Eben. Auch Rache (und das ist einer der ausschlaggebenden Faktoren, neben der auch schön euphemistischen und – oftmals behaupteten – „Gefahrenabwehr“) ist ein niederer Beweggrund. Nichtmal eine Verurteilung zum Tode in Abwesenheit gab es – es wurde also nichtmal so viel Rechtsstaatlichkeit simuliert wie in einigen Diktaturen. Und Frau Merkel schmeißt ne Party… Mal sehen, was die Anzeige gegen sie zu Tage fördert.

  5. Bürger 08 15 sagt:

    Wie kommen sie darauf das die Beweggründe erst den Mord machen? Mord so weit ich weiss unabhängig von den Gründen durch die planvolle und beabsichtigte Tötung zu identifizieren. Und diese planvolle Handlung ohne direkte Gefahrensituation gegen einen Unbewaffneten ist immer per definition Mord. Notwehr und Selbstschutz liegt nur bei akuter und anhaltender Gefahr für Leib und Leben vor. all diese Dinge trafen leider im Fall Bin Laden nicht zu.

    Mir persönlich wäre es lieber gewesen er wäre mit Waffe im Anschlag gefunden worden, denn dann hätte niemand etwas gegen das Ableben von OBL sagen können, weil es dann „Gefahr im Verzuge und Notwehr gewesen wäre.“

  6. le D sagt:

    „Eine Grundlage für die Notwehr ist die Verhältnismäßigkeit der Mittel.“

    Sorry, wenn ich das mal knackig auf den Punkt bringe: das ist schlicht falsch. Es gibt im Notwehrrecht regelmäßig keine Verhältnismäßigkeitsprüfung.

  7. lux sagt:

    Ob Bin Laden wohl bewaffnet war?(Wenn die Inszenierung denn geglaubt werden will)

    Zu Dysphemismus kommt mir die Schutzwaffe in den Sinn.

    Bewaffnet im Sinne des Staates ist jemand schon mit Lederhose und nach neustem Urteil auch mit einem Mundschutz.

    Gewaltbereit: Wer bei einem Fußballspiel einen Mundschutz dabei hat, macht sich nach dem Versammlungsgesetz strafbar. Er führt nämlich eine “Schutzwaffe” bei sich. Das hat das Oberlandesgericht Frankfurt am Main entschieden. Lawblog zum Urteil vom 11.4.2011, Aktenzeichen 2 Ss 36/11.

  8. Kai Biermann sagt:

    Sehr geehrter Ralf,

    Naivität? Hmm. Ich habe das Gefühl, wir reden aneinander vorbei. Ich finde es falsch, Menschen zu töten und dann auch noch zu versuchen, das als gerechtfertigt und notwendig hinzustellen. Denn ich hoffe ernsthaft, dass Menschen irgendwann zusammenleben können, ohne sich massenhaft gegenseitig umzubringen.

    Der erste Schritt dahin, ist für mich, Dinge sauber zu bennenen. Warum jemand Soldat wurde, interessiert mich wenig, es war seine Entscheidung – inzwischen wird hier wie in den USA niemand mehr dazu gezwungen. Und der Soldatenberuf ist einer derjenigen, bei denen sich jeder vorher denken kann, was dazu gehören wird.

    Als Mörder werde kein Mensch geboren, schreiben Sie. Eben. Daher ist es wichtig, zu zeigen, was die Menschen dazu machte. Vernebelnde Sprache will das Gegenteil.

  9. Klaus sagt:

    something completely diff….:

    Muss es unbedingt die hellste aus der Farbpalette sein, die man hier als LINK-Farbe benutzt?
    Statt GELB gibt’s doch noch so viele Farben, die man leichter lesen kann.

  10. Martin Haase sagt:

    Es ist Orange (nicht Gelb) verwendet worden, das auf einem kalibrierten Bildschirm gut lesbar ist. Wenn das aber allgemein Schwierigkeiten macht, können wir das gern ändern.