Markt, der

08. November 2011 von Kai Biermann

Wenn Gegenstände zum Leben erwachen, ist Vorsicht geboten, können sie doch ungeahnte Kräfte entfalten. Das gilt nicht nur für Besen. Auch M.-e können, werden sie zum Leben erweckt, Übles tun. Beispielsweise von Regierungen etwas fordern, ja gar verlangen: Entscheidungen zum Beispiel, vor allem aber mehr Geld. Plötzlich ist dann so ein M. gar „von Stimmungen getrieben“, ist somit unberechenbar und launisch, wie ein pubertierender Jugendlicher.

Leben diese Dinger tatsächlich? Nein, das darf als unwahrscheinlich gelten. Was also soll das? „Wenn es ein Phänomen wie das absolute Böse überhaupt gibt, dann besteht es darin, einen Menschen wie ein Ding zu behandeln.“ Den Satz schrieb John Brunner einst in seinem Roman Schockwellenreiter. Menschen zu Dingen zu machen, ist eine beliebte Strategie, um Denken zu beeinflussen. Umgekehrt funktioniert es genauso prima. Denn wenn der M. einen eigenen Willen hat, wenn er gar etwas verlangt, kann die Politiker keine Schuld treffen, wenn sie ihm das Verlangte geben. Unterliegen sie dabei doch gar einem Gesetz des M.-es. Die armen, hilflosen Politiker können also gar nicht anders, als die mächtigen und reichen Banken mit bei Bürgern eingesammelten Milliarden zu beschenken.

Doch wer den Handel mit Geld und Aktien personifiziert, wer behauptet, bunt bedrucktes Papier hätte Pläne und Wünsche, der will nur die wahren Verantwortlichen und Forderer nicht benennen. Der will damit seine Unfähigkeit verstecken und seine Verantwortung wegschieben an eine abstrakte Entität, die niemand greifen oder gar belangen kann. Vielleicht aber will er auch nur verbergen, wie macht- und hilflos er eigentlich ist. Denn eine Bundeskanzlerin, die ständig ängstlich warnt, die M.-e dürften nicht beunruhigt werden, kann nicht einflussreich sein. Sonst wäre ihr die Unruhe irgendeines Aktienhändlers egal.

So wichtig ist dieses Verstecken, dass der M. nicht nur personifiziert, sondern sogar divinisiert wird. Der M. wird zu einem Gott. Jedes Handeln in seinem Sinne ist damit alternativlos. Wer es wagt, an dieser Allmacht zu zweifeln, gilt als Tor. Oder schlimmer noch als Ketzer. Denn schließlich sind die Banken doch bitterarm und notleidend, oder?

Mit herzlichem Dank an Matthias H. für die Anregung.

Eckpunkte

31. Oktober 2011 von Martin Haase

In den vergangenen Jahren ist das Vorlegen einer Liste von E.-n offensichtlich zu einer der wichtigsten Aufgaben der Politik geworden. Die E. treten dabei grundsätzlich im Plural auf (pluralis tantum). Möglicherweise, weil ein einzelner Punkt in einer Ecke albern aussähe. Wahrscheinlicher aber, weil die entsprechenden Dampfplauderer Politiker, wenn sie schon keinen detaillierten Plan zur Lösung eines Problems haben, wenigstens ein wenig Brimborium abliefern wollen. Denn nichts anderes sind die E.: Minimalforderungen, die Handeln simulieren, die eigene Position jedoch höchstens skizzieren. So wie die Holzpflöcke, die auf einem sonst unberührten Stück Land anzeigen, welchen Grundriss das geplante Haus einmal haben wird, sollte es je fertig werden. Mit einem politischen Konzept haben die so gern zitierten Stichpunkte so viel gemein, wie diese Holzpflöcke mit einem Bauplan. Denn die E. verzichten grundsätzlich auf die notwendigen Details und versuchen, schwierige Fragen so uneindeutig wie möglich zu beantworten. Sie sind damit Ausdruck des Prinzips „Form statt Inhalt“. Leider verstärken viele Medien dieses rudimentäre politische Handeln noch, indem sie ihrerseits nur rudimentär über die Ursachen der Probleme und die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge berichten. Wer also lediglich E. vorlegt, statt eines politischen Bauplans, hat gute Chancen, damit durchzukommen und auch noch gut auszusehen. Siehe auch Markenkern.

Mit herzlichem Dank an Kay H. für die Idee.

Markenkern

25. Oktober 2011 von Martin Haase

Politische Parteien sollen die Ziele derjenigen verwirklichen, von denen sie gewählt wurden. Marken sollen denen Geld bringen, die sie sich ausgedacht haben. Wenn es daher heißt, der M. der FDP sei beschädigt, Innere Sicherheit mache den M. der CDU aus oder der Atom-Ausstieg gehöre nicht zum M. der SPD, dann stimmt irgendetwas nicht. Offenbar handelt es sich hier um eine Art Wirtschaftssprech. Politik als Produkt, gezielt entwickelt, um sich am Wählermarkt gut verkaufen zu lassen.

Es mag leider wahr sein, dass die einstigen Kampforganisationen nur noch solche zum Verkauf entworfenen Marken sind, gut ist es nicht. Weil sie dann nicht mehr vertreten, was ihre Wähler sich erwarten. Sondern nur noch das, von dem sie glauben, dass es möglichst viele Menschen kaufen wünschen. Politik wird auf diese Art beliebig, austauschbar. Sie hat keine Ziele mehr. Und eine politische Partei, die sich sogar an ihre Inhalte erinnern muss, hat eben jene offensichtlich längst vergessen und besitzt somit auch keinen M.. Die Aussage, er sei nun beschädigt, dürfte damit zumindest eine starke Untertreibung sein.

Nestbeschmutzer

20. Oktober 2011 von Kai Biermann

Komischer Vogel, der meistens seinen Arbeitsplatz und sein öffentliches Ansehen, manchmal aber auch seine Freiheit oder gar sein Leben riskiert, um auf ein drängendes Problem hinzuweisen. Und so mithilft, das Nest sauberer zu machen. Hierzulande muss er sich, dafür dass er der Gesellschaft einen Dienst erweist, als N. schelten lassen. Was eine Frechheit ist, hat doch nicht er das Nest beschmutzt, sondern oft genug die, die ihn so nennen.

Im Englischen übrigens heißen N. durchaus respektvoll Whistleblower und sind damit also jene, die in eine Trillerpfeife pusten, um Alarm zu schlagen. So wie die hier beispielsweise.

Mit herzlichem Dank an Stefan K. für den Vorschlag.

Quellen-Telekommunikationsüberwachung

18. Oktober 2011 von Martin Haase

Kommunikation heißt, dass ein Sender (Quelle) Informationen an einen Empfänger (Ziel) übermittelt. Wir haben uns leider längst daran gewöhnt, dass es zum Arsenal kriminalistischer Methoden gehört, Kommunikation zu überwachen, obwohl dabei oft auch Privates belauscht wird. Durch Computer vermittelte Kommunikation abzuhören, ist dabei sogar noch leichter. Es müssen gar keine Wanzen mehr eingebaut werden, die Computer selbst werden zur Wanze, siehe die Quellen-T., gern als Quellen-TKÜ abgekürzt. Sie nutzt die einzigartige Möglichkeit der Computertechnik, an der Quelle mitzulesen. Genau dann also, wenn die Telekommunikation noch gar nicht begonnen hat. Die Quellen-T. ist somit ein Oxymoron, denn wenn gelauscht wird, bevor die Daten den Empfänger erreichen, liegt noch gar keine Kommunikation vor. Gleichzeitig ist der Begriff ein Euphemismus für Überwachung, noch dazu für eine heimtückische Form. Bei zwischenmenschlicher Kommunikation ist die Quelle ein Mensch. Dieser Mensch wird hier von seinem Computer bespitzelt, von einem System, von dem das Bundesverfassungsgericht sagt, dass wir ihm vertrauen können müssen. Der terminus technicus täuscht somit darüber hinweg, dass der Staat die Technik in unseren Händen gegen uns wendet.

Gleichzeitig sind Computer nicht nur Übermittler von Daten. Sie sind auch der Ort, an dem unsere Gedanken zu Information gerinnen, der Ort, an dem aus unseren Visionen Pläne werden. Da Computer inzwischen als Erweiterungen unseres Gehirns gelten können, gehört die Q. dann wohl in die Waffenkammer einer Gedankenpolizei.

Liberalismus, mitfühlender

16. Oktober 2011 von Martin Haase

Der L. ist eine Ideologie, die dem Individuum mehr Rechte geben will und dem Staat weniger. Was ja erst einmal gar nicht schlecht sein muss. Das Attribut mitfühlend gibt nun aber Aufschluss darüber, was diese Ideologie eigentlich bedeutet und dass ihre Anhänger sich dessen durchaus bewusst sind. Warum sonst sollten sie versuchen, ihn durch dieses Adjektiv sympathischer erscheinen zu lassen? Da es nun einen mitfühlenden L. gibt, war der normale L. wohl nicht sehr mitfühlend. Ähnlich dem Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Ebenfalls eine Attribuierung, die vor allem darauf hinwies, dass der Sozialismus eben nicht menschlich war und mit einem solchen Antlitz maskiert werden sollte. Es ist die Zuschreibung einer Eigenschaft, die das System eben nicht besitzt: Meint der L. doch, dass Staat eben nicht helfen soll, auch nicht den Strauchelnden. Helfen will der mitfühlende L. ihnen übrigens auch nicht. Er will ja nur mit seinen Opfern mitfühlen, also Mitleid haben. Was gut klingt, aber nichts kostet und niemandem etwas bringt.

Aufklärung, brutalstmögliche

27. September 2011 von Martin Haase

A. ist vor allem durch Vernunft zu erreichen – zumindest war das die Idee des gleichnamigen Zeitalters. Vernunft ist eine menschliche Begabung; brutal hingegen bedeutet ‚tierisch‘ und ‚unvernünftig‘, also das genaue Gegenteil von aufklärerisch. Brutale A. ist somit bereits ein Oxymoron, ein Widerspruch. Die übertreibende (hyperbolische) Steigerung zu brutalst und das überflüssige (pleonastische) -möglich machen den Ausdruck gänzlich unmöglich. Wer eine brutalstmögliche A. verspricht, könnte ebensogut eine hellstmögliche Verdunklung versuchen.

Das alles ist zwar schon eine Weile her, die Wortwahl aber verdient bis heute Beachtung. Wer sich solchen Nonsens einfallen lässt, drückt vor allem aus, dass er weder das eine noch das andere will. Dass die unvernünftige A. zum geflügelten Wort wurde, beweist, dass jeder die Botschaft verstanden hat. Nun ja, fast jeder.

Kostenloskultur

23. September 2011 von Kai Biermann

Die K., gerne auch Umsonst-Mentalität genannt, bedroht angeblich Kultur, Wissenschaft, Journalismus, ja die ganze Wirtschaftswelt. Ist das so? Bedroht das Netz tatsächlich die bestehende Ordnung der Vergütung von Inhalten? Aber hallo, und wie! Doch wo ist das Problem? Ist diese Ordnung etwa a) perfekt und/oder b) ein Naturgesetz? Nein. Sie war nur der Weg, der bisher irgendwie funktionierte. Nun gibt es andere technische Voraussetzungen. Es braucht also neue Wege. Die müssen gefunden und ausgehandelt werden. Das ist mühsam, klar. Aber es ist noch mühsamer, solange irgendein milliardenschwerer Großverleger von einer angeblichen K. faselt und das Bestehende so lange wie möglich konservieren will, statt sich über Neues Gedanken zu machen.

Wobei wir kurz anmerken müssen, dass das Gefasel von der K. natürlich eine Lüge ist. Kostenlos ist der Kram auf keinen Fall, auch der nicht, den Sie hier gerade lesen. Denn a) bezahlen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit, die wir dann beispielsweise in Preise umsetzen können, die direkt auch kein Geld bringen, aber Ruhm und Ehre und letztlich Buchverträge et cetera. Und b) haben andere sehr wohl Geld dafür bezahlt, in Form von Werbung (nicht hier, aber überall sonst). Die versprechen sich davon ebenfalls mehr von Ihrer Aufmerksamkeit, es muss also eine valide Währung sein.

Die ganze Aufregung ist nur scheinheiliges Gejammer. Immerhin erleben wir die größte deutsche K. seit fast dreißig Jahren in Form des allabendlichen Fernsehbildes. Oder haben Sie schon einmal irgendetwas an Sat.1 überwiesen?

Reserve, stille

19. September 2011 von Martin Haase

Mit der stillen R. bezeichnen Politiker und Arbeitsmartkforscher diejenigen, die keine Arbeit haben, sich aber auch nicht arbeitslos melden – weil sie sowieso keine Unterstützung vom Staat bekommen würden oder so frustriert sind von der ewigen Arbeitssuche, dass sie aufgegeben haben. Die Bezeichnung als R. ist dabei offensichtlich eine Übernahme aus der Militärsprache. Dort meint der Begriff jene, die gerade nicht im Kriegseinsatz sind, aber jederzeit zu ihm herangezogen werden könnten. Wie von der Sprache des Militärs nicht anders zu erwarten, ist das eine Verdinglichung, eine Betrachtung von Menschen als Material. Denn R. bedeutet so viel wie ‚Vorrat‘. Dass jene, die im Sozialsystem keinen Platz finden, weil sie Hausfrau waren oder Selbständig, als sofort verfügbarer Menschenvorrat für den Arbeitsprozess angesehen werden, ist brutal. Dass sie dabei auch noch als still und somit als schweigend bezeichnet werden, ist zynisch. Schweigen die schätzungsweise drei Millionen Betroffenen doch nur deswegen, weil sie niemand fragt, beziehungsweise weil sich niemand für ihr Schicksal interessiert.

Siehe auch Mehrheit, schweigende.

Mit Dank an Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia für die Anregung.

Sicherheitsforschung

13. September 2011 von Kai Biermann

Weckt die Erwartung, dass die Ergebnisse dieser Forschung der Sicherheit dienen. Nunja. Die S. wird vornehmlich im Bereich des Militärischen betrieben und hat vor allem Waffen zum Gegenstand, beziehungsweise das Bestreben, diese besser zu machen, also tödlicher. Aber Kriegs- oder Tötungsforschung klänge nun einmal nicht so beruhigend. Selbstverständlich existiert die Überzeugung, (seltsamerweise vorwiegend bei Militärs), dass Waffen die Welt sicherer machen. Und wahrscheinlich hat aufgrund dieser Logik ein Waffenverkäufer früherer Zeiten eines seiner Revolvermodelle „Peacemaker“ also Friedensstifter genannt. Allerdings sind an der zugrunde liegenden Theorie Zweifel angebracht. Gibt es doch nicht unerhebliche Hinweise darauf, dass mehr Waffen eher zu mehr Toten führen und daher irgendwie zu weniger Sicherheit. Denn woran soll man sie messen, wenn nicht an der Zahl derer, die nicht zu Schaden kommen?

Doch auch im zivilen Bereich ist die S. wohl eher ein Euphemismus. Ja, ab und zu geht es ihr darum, Menschen aus Notlagen zu retten oder dank besserer Fluchtwege vor Gefahren zu bewahren. Meistens aber sind dann doch Pläne gemeint, die treffender mit dem Begriff Überwachung beschrieben wären. Dass Überwachung die Welt sicherer macht, ist hingegen leider ebenso falsch wie die Annahme, Waffen täten das.

Nebenbei, was machen eigentlich diese Sicherheitspolitiker, von denen immer die Rede ist? Die Politik sicherer? (Idioten-)sichere Politik?

Nachtrag:
Wer noch eine Bestätigung brauchte für die oben erwähnte Überzeugung, hier ist sie. Die Firma Heckler & Koch – die bauen zum Beispiel die sehr tödliche sichere “Granatmaschinenwaffe GMW” – versteht sich als “Teil der Sicherheitsinfrastruktur der freiheitlich-demokratischen Welt“. Was nur ein anderes Wort ist für “Waffenfabrikant mit gutem Gewissen”.

Mit Dank an @metronaut für die Sicherheitsinfrastrukturmeldung.