Protestwähler

Abwertender Ausdruck für Menschen, die keine der „etablierten“ Parteien wählen, die ihr Kreuz also nicht bei CDU, FDP, Grüne oder SPD machen. Unterstellt, dass die P. sich eigentlich für eine der vier Parteien entscheiden wollten, es aber ausnahmsweise nicht taten, um diesen „mal eins auszuwischen”. Basiert offensichtlich auf der Haltung, dass es so etwas wie eine richtige Meinung gibt und dass jede andere Meinung, die von dieser abweicht, falsch und verwerflich ist. Beziehungsweise ignorieren die Verwender des Ausdrucks die Tatsache, dass es andere Meinungen geben kann als die eigene. Der Ausdruck diffamiert damit nicht nur eben jene Wähler, die letztlich nichts weiter tun, als ihr demokratisches Recht wahrzunehmen. Er offenbart auch ein gelinde gesagt interessantes Demokratieverständnis. Und belegt, was Politiker dieser „etablierten“ Parteien grundsätzlich von Wählern und von Wahlen halten. Nichts. Beide sind anscheinend nur solange wohlgelitten, wie das Ergebnis einer Wahl im Sinne dieser Politiker ist. Dabei ist letztlich jede Entscheidung eine Form des Protestes – gegenüber allen anderen Möglichkeiten.

Dieser Text erschien zuerst in unserem Buch „Sprachlügen: Unworte und Neusprech von ,Atomruine‘ bis ,zeitnah.‘“

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Abgelegt in: Politik, allgemein

Weitere sprachlichen Umdeutungen und Neuschöpfungen:

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Reaktionen

14 Reaktionen zu "Protestwähler"

  1. Antonym sagt:

    Konkurswähler!

  2. Robert Frunzke sagt:

    So wunderbar falsch, dass es schon satirisch wertvoll wäre. Wenn die Schreiber es denn auch der satirisch wertvoll angemessenen Einstufung hätten einstufen wollen. Was sie aber scheinbar nicht taten. Oder?

    Jedenfalls: „Abwertender Ausdruck für Menschen, die keine der „etablierten“ Parteien wählen, die ihr Kreuz also nicht bei CDU, FDP, Grüne oder SPD machen.“ — AHA! Also jeder Wähler, der weder CDU, FDP, Grüne, noch SPD wählte wird dieser Logik zur Folge als Protestwähler diffamiert.

    Soso. Also sind wohl all die, die nicht in die Schablone passen als Protestler zu werten.

    Wohin das führt, wurde im Beitrag angedeuted, und ich persönlich werde mich auch nicht zur Beurteilung des hier verbreiteten Gedankenguts herablassen.

    So, nur Eines ist mir wichtig: ist es wirklich das, was IHR wolltet?

  3. O. sagt:

    Klasse!
    Danke.

  4. struppi sagt:

    Naja, auch wenn diese Bedeutung sicher mitschwingt, ist ein weiterer wichtiger Aspekt, dass Protestwähler eine Partei wählen, die bis dato entweder unrelevant wenige Stimmen hatten oder besser noch gar nicht angetreten ist und meistens nach einer Legislaturperiode nicht mehr diese Menge an Stimmen bekommt.
    Eben, weil sie nur Proteswähler gewählt haben, die den etablierten Parteien eine auswischen wollten.

    Aber ich wundere mich, dass der Begriff Protest negativ sein soll. Ich denke er soll nur dafür stehen, dass die Wahl Impulsiv war und nicht einer jahrelang gewachsenen Überzeugung geschuldet ist.

  5. Pete sagt:

    Sehe ich anders. Protestwähler habe ich in meinem Bekanntenkreis. Sie wählen im Normalfall Partei X und wandern für eine Wahl zu Partei Y, nicht weil sie Partei Y für fähiger halten oder gar deren Programm sondern weil sie tatsächlich Partei X deutlich machen wollen das sie mit deren _aktueller_ Politik nicht einverstanden sind. Und dabei hat das mit den etablierten nur bedingt etwas zu tun. Siehe evtl. Piratenpartei. Weitere Wähler: Wanderwähler, Stammwähler.

  6. Tim sagt:

    Interessante Definition… aber was sind dann Wähler, die eine Partei nur aus Protest wählen? (und NICHT auf Grund ihrer politischen Standpunkte?) Gibt es für die eine neue Bezeichnung?

  7. Christian sagt:

    Wenn man CSU wählt, ist man demnach Protestwähler? Nicht übel, erklärt das mal den Bayern…

  8. ÖffentlicherProtestwähler sagt:

    Lieber Kai, ich habe nun einige Zeit damit verbracht, in Netz nach seriösen Artikeln zu suchen, in denen Protestwähler abwertend beurteilt werden und bin nicht fündig geworden. Ich selbst bin bekennender und darüber sprechender Protestwähler und mir wurde bisher in keiner Weise abwertend begegnet. Woher kommt also die Bewertung „abwertend“? Ab Zeile 4 deines Kommentars verstehe ich dann gar nicht mehr. Wie kommst du auf die Idee, dass der Ausdruck Protestwähler (das scheint dein Subjekt des Satzes zu sein) auf der von dir beschriebenen Haltung basiert? Ist das „dein“ Eindruck und der ist für dich offensichtlich? Wenn ich in den ersten 10 Google-Teffern aus deinem Kommentar etwas wirklich Abwertendes gefunden hätte, könnte ich das noch verstehen, aber „offensichtlich“ ist für mich was anderes. Nächster Punkt: Ich verwende diesen Ausdruck, aber ich ignoriere keine anderen Meinungen und ich kenne auch keine Artikel, durch die ich zu diesem Schluss kommen könnte. Der Rest deines Artikels sind „interssante“ Ableitungen aus deiner Behauptung, dass Protestwähler ein „abwertender Ausdruck“ ist. Ich könnte dich aber vielleicht besser verstehen, und dein Beitrag wäre deutlich konstruktiver“, wenn du ein paar Beispiele gäbest, die den Ausdruck „Protestwähler“ wirklich als abwertend gebrauchen. Allerdings zum Schluss noch ein Lob an dich (bei all meiner Kritik): Dein Beitrag ist doch auch konstruktiv, denn er hat dazu geführt, dass ich mich mit der mir bisher unbekannten Abwertung zumindest auseinandergesetzt habe ;-) Auch wenn ich zu einem anderen Schluss gekommen bin. Nichts für ungut. Der kleine Protestwähler

  9. Pingback von:

    Versteh ich nicht | Jan Dieckmann
  10. Veit sagt:

    Tja, Protestwahl hin oder her, da haben wir den Salat: http://mensch-im-internet.de/unsere-zukunft-beginnt-mit-der-cdu