zeitnah

Beliebte „Blähvokabel“ (Pleonasmus), klingt so schön eilig. Bedeutet jedoch eigentlich: irgendwann, vielleicht aber auch nie (und ist somit eine Antiphrase). Umgangssprachliche Entsprechung ist der Satz: „Jaja, gleich (und jetzt hau ab).“ Das sollte man dann auch schleunigst tun, wird man doch von solchen Zeitgenossen nie eine konkrete Antwort bekommen.

Mit Dank an Wolfgang B.

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Abgelegt in: Politik, allgemein

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Reaktionen

37 Reaktionen zu "zeitnah"

  1. Ludwig Trepl sagt:

    @peer

    Spricht man ASAP „asap“ oder A-S-A-P.? Ich will mich ja nicht blamieren, sollte ich mal ins Unternehmensumfeld geraten.

    Im Übrigen: „Zeitnah“ ist keineswegs nur dort üblich. Äußerst beliebt ist es in Behörden und vor allem unter Gremienprofis. – Natürlich heißt es nicht „gleich“ oder „nach dem Meeting“, sondern eben „bald“, ganz genau „bald“. Aber das ist den Sprechern wohl zu popelig, es taugt nicht, um sich aufzublähen. Daran sieht man auch, daß „Blähvokabel“ noch etwas anderes bedeuten kann und sollte als „Pleonasmus“, wie unsere Autoren schreiben: Da bläht sich nicht das Wort ins Doppelte, sondern mittels der Blähvokabel bläht sich der Sprecher ins Übergroße. Auch in diesem Sinne ist „zeitnah“ eine Blähvokabel.

  2. Ludwig Trepl sagt:

    Noch etwas zum „Unternehmensumfeld“. Das ist auch Neusprech. Hätte es das Wort früher schon gegeben, man hätte sicher gedacht: Da gehören all die dazu, die in Unternehmen arbeiten. Die Mehrheit von denen würde aber nie „zeitnah“ sagen und auch nicht „Unternehmensumfeld“.

    Heute scheinen zum Unternehmensumfeld nur die zu gehören, denen so etwas zuzutrauen ist, also die, die im Unternehmen weniger arbeiten als an der Arbeit derer, die da arbeiten, verdienen. Dafür zu sorgen, nennen sie „arbeiten“. Und natürlich gehören auch solche dazu, die wenig oder nichts davon abbekommen, z. B. Praktikanten, die aber in der Hoffnung in das Unternehmen gegangen sind, einst zu denen zu gehören, die viel verdienen, ohne es zu verdienen.

  3. Old Dad sagt:

    Es hängt bei der Verwendung auch davon ab, aus welcher Perspektive „zeitnah“ verwendet wird.

    Wenn ich eine Anforderung habe und ein Zeitziel, dann nenne ich das. „Zeitnah“ gäbe zuviel Raum für Interpretation.

    Demgenüber ist die Antwort, „Wir werden das zeitnah erledigen“ unscharf und ungenau. Ein konkreter Termin wird so vermieden.

  4. peer sagt:

    ASAP spricht man A-S-A-P, wenn man es denn spricht (wird zumindest in meinem Umfeld eher bei Emails etc. verwendet)

  5. Liaf sagt:

    Das ist ja mal ein blöder Beitrag, verkennt er doch gänzlich, dass der Begriff ganz klar auf einen nahestehenden Zeitpunkt verweist. Er ist zwar unbestimmt, aber dennoch entgegen der Auslegung hier nahestehend.

    Und der unterschwellige, enge Bezugsrahmen, der den Begriff in seiner politischen Verwendung analysiert, mindert die Beitragsqualität auch, wo es sich bei diesem Begriff doch ganz klar um einen allgemeinen Begriff handelt, und nicht etwa um einen einschlägigen Begriff aus dem Politiker-Jargon, der vorwiegend auch nur dort Verwendung hat.

  6. Martin Haase sagt:

    Ich glaube nicht, dass zeitnah in der normalen Umgangssprache verwendet wird. Dort sagt man doch eher: bald oder gleich: Ich möchte bald schlafen gehen. – Junge, komm bald wieder. – Ich bin gleich wieder da. Es ist ein Neusprech-Wort. Außerdem enthält nah schon die Bedeutung zeitlicher Nähe, vgl. Das Ende ist nah..

  7. Ludwig Trepl sagt:

    Zu „Liaf“
    Natürlich verweis das Wort auf einen „nahestehenden Zeitpunkt“, aber dafür gibt’s andere Wörter, vor allem „bald“. Die Frage ist, warum gerade dieses Wort erfunden wurde und in bestimmten Kreisen benutzt wird.

    Es stimmt, was Martin Haase antwortet: Es wird nicht in der normalen Umgangssprache verwendet. Versuchen Sie sich eine Marktfrau vorzustellen, die dem Kunden antwortet: Jetzt gibt’s keine Gurken, aber zeitnah haben wir wieder welche; diese Vorstellung ist ganz unmöglich. Es ist Politiker- und Bürokratenjargon. Natürlich, Gott sei’s geklagt, haben diesem Jargon entstammende Wörter eine starke Tendenz, sich in der Umgangssprache einzunisten; die Gründe sind nicht schwer zu finden.

    Aber ob es, wie Martin Haase meint, Neusprech ist? Wohl kaum im gleichen Sinn wie „doppeltplusgut“. Mit „zeitnah“ wird nicht Herrschaft ausgeübt, sondern damit versuchen sich nur Würstchen etwas größer zu machen. Denn man ist schon wer, wenn man statt „machen wir bald“ „machen wir zeitnah“ zu sagen in der Lage ist. Also: eher Deppendeutsch als Neusprech.

  8. nachgetragen sagt:

    Zwei Anmerkungen: Eine Vokabel hat keine Meinung, deshalb meint sie nichts, sondern bedeutet etwas. Ein Anglizismus, der auf diesem Blog nicht verwendet, sondern angeprangert werden sollte.

    In eine ähnliche Bläh- und Bla-Kategorie wie „zeitnah“ gehört m. E. übrigens auch „in Echtzeit“; ich hoffe, das wird auch mal aufgegriffen.

  9. Kai Biermann sagt:

    Na, das haben wir doch fast in Echtzeit umgesetzt, oder? Die Vokabel“meint“ nun nichts mehr. Danke dafür.

    lg
    k

  10. effka sagt:

    Dank für diese feinen Sprachbetrachtungen, die ich erst kürzlich entdeckte.

    Um die Echtzeit vertieft zeitnah zu betrachten, bedarf es eines Zeitfensters !

    Oh, da fällt mir noch ein: geißelt doch mal das kuhdumme raundebaut für ungefähr !